Zum 37. Mal findet in dem pittoresken Kurort an der Enz das Belcanto Opera Festival Rossini in Wildbad
statt, dieses Mal ein bisschen später als gewöhnlich, damit es wohl für die
Fans der Fußball-WM keine Überschneidungen gibt. Immerhin hat sich das
Festival mittlerweile nämlich auch international einen
exzellenten Ruf erworben, der Belcanto-Fans aus nah und fern in den
Schwarzwald lockt. Dies ist zum einen der Akademie BelCanto zu
verdanken, die seit 2004 jedes Jahr hervorragende Talente entdeckt.
Erinnert sei an dieser Stelle beispielsweise an Olga Peretyatko, Michael
Spyres, Diana Haller, Sara Blanch, Marina Viotti, Patrick Kabongo und viele andere mehr. Zum
anderen ist aber auch die Pflege unbekannter Belcanto-Perlen reizvoll, die
Festspiel-Intendant Jochen Schönleber seit 1992 jedes Jahr ans Licht bringt
und die nicht nur im Radio übertragen, sondern auch vom Klassiklabel Naxos
auf CD eingespielt werden. Auch in diesem Jahr hat Schönleber wieder in
verdichteter Form ein Paket geschnürt, das sich in Kurzform folgendermaßen
liest: sechs Opern in vier Sprachen. Da es mit der Erstaufführung einer
Salonoper von Jean-Baptiste Weckerlin und der französischen Fassung von
Rossinis Semiramide einen französischen Schwerpunkt gibt, hat man den
Generalkonsul von Frankreich Gaël de Maisonneuve als Schirmherren des
diesjährigen Festivals gewinnen können. Neben der Rückkehr ins Kurhaus als
"neue" Spielstätte
soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass Schönleber und sein wohl "treuester
Mitarbeiter" Reto Müller seit mittlerweile 35 Jahren bei Rossini in
Wildbad aktiv sind. Dieses Jubiläum wird in diesem Jahr aber nicht gefeiert, da beide auf eine "rundere" Zahl spekulieren.
Als offiziellen Festivalauftakt gibt es am 23. Juli 2026 um 19.30 am
Grillplatz auf dem Sommerberg ein
Waldkonzert. Neben einer Messe des polnischen Belcanto-Komponisten
Francisek Mirecki, die der Chor aus Krakau mitbringt, werden unter anderem
mit Stücken, die Rossini eigens als Open-Air Nummern konzipiert hat, die
wunderbaren akustischen Möglichkeiten dieser herrlichen Lichtung auf dem
Sommerberg ausgenutzt, die von majestätischen hohen Bäumen umrahmt ist. So
erklingen auch die Alphörner der Schömberger Alphornbläser, die Blaskapelle
des Musikvereins Neuenbürg präsentiert unter der Leitung von Michael Pietsch-Rether Märsche von Rossini, und auch zwei Stücke Rossinis für Gesang
und Harfe dürften im Wald für eine besondere Atmosphäre sorgen. Dieses
Konzert ist für die ganze Familie geeignet. Erwachsene können beliebig viele
Kinder oder Enkel unter 18 Jahren mitbringen, für die der Eintritt
kostenfrei ist. Das Konzert beginnt um 19.30 Uhr und dauert etwa 80 Minuten
ohne Pause.

Das Königliche Kurtheater von innen
Noch einen Tag vor der offiziellen Eröffnung des Festivals
feiert am 22. Juli 2026 um 19.30 Uhr im Königlichen Kurtheater die Salonoper
Le mariage en poste des elsässischen Komponisten Jean-Baptiste Weckerlin
ihre moderne Erstaufführung. Weckerlin war in den 1850er Jahren auch bei
Rossini ein gern gesehener Gast und feierte mit seinen kleinen Opern in den
Salons große Erfolge. Die Geschichte um eine junge Frau, die sich weigert,
einen Unbekannten zu heiraten, auf der Durchreise aber genau auf diesen
Unbekannten trifft und sich in ihn verliebt, wird mit einer Szene von
Kompositionen Rossinis angereichert, die ebenfalls im Salon Rossinis
angesiedelt sind. Die Regie bei dieser Neuproduktion des Festivals führt
Festivalleiter Schönleber gemeinsam mit Eleonora Calabrò. Es singen
Stipendiatinnen und Stipendiaten der Akademie BelCanto. Die musikalische
Leitung liegt in den Händen von Mattia Torraglia. (Weitere Termine: 26. Juli
2026 und 01.08.2026 jeweils um 11.15 Uhr)

Das Königliche Kurtheater von außen
Am 24. Juli 2026 folgt um 19.30 Uhr im Königlichen
Kurtheater eine Neueinstudierung von Rossinis Farsa
L'occasione fa il ladro, die
zuletzt 2017 mit Lorenzo Regazzo als Don Parmenione auf dem Programm stand und auch auf DVD
erhältlich ist (siehe auch
unsere Rezension).
Nun setzt Festspiel-Intendant Jochen Schönleber das Werk mit einer neuen
Besetzung, größtenteils aus Mitgliedern der Akademie BelCanto, um.
Die Buffo-Partie des Don Parmenione, der heimlich den Koffer mit Alberto
tauscht und dessen Identität annimmt, um dessen bezaubernde Braut zu
ehelichen, wird von Filippo Morace übernommen, der im vergangenen Jahr als
Don Magnifico in Rossinis La Cenerentola begeisterte. Die Premiere der
Neueinstudierung findet bereits am 27. Juni 2026 in Krakau statt. Die
musikalische Leitung übernimmt ab der zweiten Aufführung in Bad Wildbad wie
bereits 2017 Antonino Fogliani. Die vorherigen Aufführungen werden von
Jacopo Brusa dirigiert. (Weitere
Termine: 28. Juli 2026 um 19.20 Uhr, 29. Juli 2026 um 19.30 Uhr und 31. Juli
2026 und 2. August 2026 jeweils um 11.15 Uhr)

Das auf einem Hügel gelegene Kurhaus
Die Rückkehr in die "neue" alte Spielstätte erfolgt dann am 25. Juli 2026 um
19.30 Uhr mit Rossinis Semiseria
La gazza ladra. Diese 1817 in Mailand uraufgeführte Oper war die
letzte szenische Opernproduktion, die 2009 in Bad Wildbad im Kurhaus zu
erleben war, bevor man ein Jahr später für die großen Produktionen in die
Trinkhalle wechselte. Nun wird das renovierte Theater im Kurhaus, das jetzt
sogar über eine Drehbühne verfügt, auch mit dieser Oper wieder eingeweiht.
Allerdings gibt es dieses Mal die moderne Erstaufführung der Fassung für
Neapel, die 1819/1820 entstand und bei der unter anderem die Partie des Pippo
durch eine neue Cavatine aufgewertet wird. Für diese Partie konnte die junge
Sängerin Francesca Di Sauro gewonnen werden, die in Bad Wildbad im
Pandemiejahr 2020 beim Mini-Festival auf der Wildline in Garcías Salonoper
L'isola disabitata zu erleben war und seitdem Engagements an den großen
Häusern Europas hat. Die Partie der Ninetta übernimmt Claudia Muschio, die ein
Publikumsliebling an der Stuttgarter Oper ist und sich bereits ein großes
Repertoire an Rossini-Partien erarbeitet hat. Mit Patrick Kabongo als
Gianetto, Nathanaël Tavernier als Podestà und Emmanuel Franco als Fernando kehren
weitere zahlreiche alte Bekannte nach Bad Wildbad zurück. Regie führt Jochen
Schönleber. Die musikalische Leitung des Orchesters der Filharmonia
Szymanowskiego aus Krakau liegt in den Händen von José Miguel Pérez-Sierra. (Weitere Termine:
30. Juli 2026 um 19.30 Uhr und 1. August 2026 um 17.00 Uhr)
Von der Gazza ladra
wird es auch eine deutsche Fassung für Kinder geben. Die Leitung übernimmt
wie in den Vorjahren Eleonora Calabrò. Vom 21. Juli 2026 bis zum 25. Juli
2026 finden vormittags mehrere Aufführungen statt, bei denen die "diebische
Elster" die jungen Menschen auf der Suche nach dem gestohlenen Besteck im
wahrsten Sinne des Wortes im Kreis herumführen wird. Wegen der Regenvariante
ist eine Anmeldung über
orgarossini@gmail.com erforderlich. Die Aufführung am 25. Juli 2026 um
15.00 Uhr in der Konzertmuschel im Kurpark ist auch für Erwachsene
zugänglich.

Das Kurhaus von der anderen Seite
Ein weiterer
musikalischer Glanzpunkt dürfte die konzertante Aufführung von Rossinis
Sémiramis am 26. Juli 2026 um
16.00 Uhr im Kurhaus sein. Das Engagement der beiden Marchisio-Schwestern 1860
in Paris bot die Gelegenheit, Rossinis 1823 in Venedig uraufgeführte Oper
Semiramide für die Opéra in Paris einzurichten. Die Bearbeitung übernahm
weitestgehend Rossinis Freund Michele Carafa. Er passte die Prosodie der
französischen Sprache an und richtete die Oper ganz auf die
Dreiecksbeziehung Sémiramis-Arsace-Assur aus. Natürlich durfte auch eine eigens dafür komponierte Ballettmusik nicht fehlen. Diese
konzertante moderne Erstaufführung bildet den Anfang einer neuen Reihe
"Rossini et le Belcanto en français", die in den folgenden
Jahren weiterverfolgt werden soll und von der Baden-Württemberger Stiftung
großzügig finanziell unterstützt wird. Die Titelpartie ist mit Diana Haller
besetzt, die nicht nur zu Beginn ihrer Karriere hier mit dem Belcanto-Preis
ausgezeichnet worden ist, sondern auch 2021 den ersten Inge-Borkh-Gedächtnispreis erhielt und im vergangenen Jahr als umjubelte
Desdemona in Rossinis Otello ihren Wechsel ins Sopranfach vollzogen
hat. Auch die Sängerin der Hosenrolle Arsace, Marina Viotti, hat ihre
Karriere in Bad Wildbad begonnen und feiert seitdem auf den Bühnen der
ganzen Welt große Erfolge. Als Assur ist Mark Kurmanbayev zu erleben. Nathanaël Tavernier
und Patrick Kabongo ergänzen neben Stipendiatinnen und Stipendiaten der
Akademie BelCanto die hochkarätige Besetzungsriege als Oroes und Idrène. Die musikalische Leitung der konzertanten Aufführung übernimmt
José Miguel Pérez-Sierra. Die Aufführung wird auf CD aufgezeichnet.
Erstmals wird es beim diesjährigen
Festival auch eine Zarzuela geben. Dabei handelt es sich um eine spanische
Variante der Oper oder Operette mit tänzerischen Rhythmen, die sich seit
einigen Jahren auch außerhalb Spaniens wachsender Beliebtheit erfreut.
Am 31. Juli 2026 gibt es um 19.30 Uhr im
Kurhaus
Marina von Emilio Arrieta. José Miguel Pérez-Sierra gab im
vergangenen Jahr mit diesem Werk seinen Einstand als musikalischer Leiter
des nationalen Teatro de la Zarzuela in Madrid und bringt einen Teil der
fantastischen Besetzung aus Madrid, Pietro Spagnoli und Celso Albelo, mit
nach Bad Wildbad. Die Titelpartie übernimmt Ruth Iniesta. Emmanuel Franco
rundet das hochkarätige Ensemble ab. Gespielt wird die dreiaktige Fassung,
die Arrieta 1871 einrichtete. Die Aufführung wird auch durch Perfect Noise
für CD aufgezeichnet.
Zur Einstimmung auf diesen Abend findet am 30. Juli 2026 um 15.00 Uhr im
Königlichen Kurtheater unter dem Titel ¡Rossini Olé! ein weiterer spanischer Abend
statt, für den Reto Müller ein spannendes Programm
mit Werken von Rossini zusammengestellt hat. Immerhin hatte Rossini durch seine Frau Isabella Colbran und seinen Tenor und Kollegen Manuel García einen engen Bezug zu
Spanien. Müller führt auch durch das Programm.
Zu allen Opernproduktionen gibt es jeweils eine Stunde vor
Vorstellungsbeginn einen Einführungsvortrag. Natürlich dürfen auch die alljährlichen
Konzerte unter dem Titel
Rossini & Co. I und
Rossini & Co. II nicht fehlen, die in diesem Jahr am 25.
Juli 2026 um 11.15 Uhr und am 2.
August 2026 um 16.00 Uhr im Königlichen Kurtheater stattfinden und in denen die Teilnehmer der Masterclass,
in diesem Jahr wieder unter der Leitung von Filippo Morace und
Raúl Giménez,
Arien und Ensembles präsentieren. Am Ende des zweiten Konzertes werden
neben dem alljährlichen Internationalen BelCanto-Preis die
Lotte-Bräuer-Stipendien 2026 vergeben. Leider kann das
Inge-Borkh-Stipendium mangels Sponsor in diesem Jahr nicht mehr verliehen
werden.