Zur spanischen Oper mutierte Zarzuela
Von Thomas Molke / Foto:
© Karin Ferenbach
Das Belcanto Opera Festival Rossini in Wildbad geht in
diesem Jahr neue Wege. Neben dem von der Baden-Württemberg Stiftung finanziell
unterstützten Zyklus "Rossini et le Belcanto français" steht auch
die erste Zarzuela auf dem Progamm. Dabei wird aber nicht wirklich eine konzertante Zarzuela geboten, sondern die Umarbeitung eines in Spanien relativ berühmten
Werkes zu einer Ópera. Die Rede ist von Emilio Arrietas Marina. Arrieta
zählte im 19. Jahrhundert zu den berühmtesten Komponisten einer Gattung, die
sich schon seit der Barockzeit in Spanien etabliert hatte. Heute wird die Zarzuela
häufig außerhalb Spaniens als "spanische Form der Operette" betrachtet, was
eigentlich nicht zutreffend ist. Vielmehr behandelt sie sowohl klassische,
tragische als auch komische und moderne Themen. Das Hauptmerkmal ist, dass
gesprochene Dialoge um Musiknummern angereichert werden. Vielleicht hat die
Gattung sich auch deshalb außerhalb Spaniens bis jetzt nicht wirklich etablieren
können. Nun ist José Miguel Pérez-Sierra, der seit vielen Jahren dem Festival
Rossini in Wildbad eng verbunden ist, seit 2023 Musikdirektor des Teatro de
la Zarzuela in Madrid und hat sich dort gemeinsam mit dem Regisseur Christof Loy
dieser Gattung gewidmet, unter anderem eben auch Arrietas Marina. So entstand die Idee, eine Aufnahme
dieser Produktion
anzustreben, die mit teilweise gleicher Besetzung in Bad Wildbad konzertant
gespielt wird.
Die Geschichte um die Waise Marina, die den Schiffskapitän Jorge liebt, mit dem sie wie eine Schwester aufgewachsen ist
und erst nach vielen Irrungen und Wirrungen erkennt, dass Jorge auch für sie mehr als
geschwisterliche Gefühle empfindet, hat Arrieta auf einen Text von Francisco Campodrón am 21. September 1855 am Teatro del Circo in Madrid
als zweiaktige Zarzuela zur Uraufführung
gebracht. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten entwickelte sich das Werk zu einem
überwältigenden Erfolg beim Publikum, so dass der italienische Tenor Enrico Tamberlick den Vorschlag
unterbreitete, das Werk zu einer Oper umzuarbeiten, um es auch
auf großen Opernbühnen spielbar zu machen und dort als nationale spanische Oper zu
etablieren. Dafür erweiterte Miguel Ramos Carrión das ursprüngliche Textbuch um
einen weiteren Akt zu einer dreiaktigen Oper. Die gesprochenen
Dialoge wurden durch Rezitative ersetzt und weitere musikalische Nummern integriert. Arrieta nahm außerdem
Änderungen an der Orchestrierung vor. In dieser Form feierte das
nunmehr als Ópera bezeichnete Stück am 16. März 1871 am Teatro Real in Madrid
eine sehr erfolgreiche Premiere und legte den Grundstein für eine spanische
Opernkultur.

Schlussapplaus: von links: Pascual (Emmanuel
Franco), Teresa (Juliette Amirault), Jorge (Celso Albelo), Marina (Ruth Iniesta),
José Miguel Pérez-Sierra, Agnieszka Ignaszewska-Magiera, Roque (Pietro Spagnoli)
und Alberto (Giovanni Accardi)
Die Musik lässt erkennen, dass Arrieta auch eine intensive
Ausbildung in Italien genossen hat. Ein bedeutender Lehrer am Konservatorium in
Mailand war Nicola Vaccai. Der Einfluss des Belcanto ist in den wunderbaren
Melodienbögen nicht zu überhören. Dazwischen befinden sich aber auch zahlreiche
folkloristisch und traditionell anmutende Passagen, die sich in einzelnen
Musiknummern und Tanzszenen zeigen. Die Seguidilla im dritten Akt mag
beispielsweise als Vorbild für Georges Bizets spanisch anmutendes Flair in
seiner Oper Carmen gedient haben. Auch die Chöre und Trinklieder lassen
spanisches Lokalkolorit erkennen. In einer Szene kommt eine Gitarre auf der
Bühne zum Einsatz. Da sie aber nicht als Solo-Instrument verwendet wird, wird
sie leider in der Szene vom restlichen Orchester überdeckt. Das Orchester der Szymanowski-Philharmonie Krakau zeigt sich unter der kompetenten Leitung von
Pérez-Sierra für diesen Stil sehr aufgeschlossen und verbindet so eindrucksvoll
italienisch anmutenden Belcanto mit traditionellen spanischen Einflüssen. Auch der Chor unter der Leitung von Agnieszka Ignaszewska-Magiera begeistert als Fischer, Fischerinnen und Dorfbewohner mit
kraftvollem und teils sehr folkloristischem Klang.
Die Solistinnen und Solisten des Abends lassen ebenfalls keine Wünsche offen.
Dabei sind drei der vier Hauptpartien mit "Muttersprachlern" besetzt,
was der Diktion sicher zugutekommt. Ruth Iniesta, die dem Bad Wildbader Publikum noch als Armida in der konzertanten
Aufführung von Rossinis gleichnamiger Oper in bester Erinnerung sein
dürfte, begeistert als Marina mit leuchtendem Sopran und sauber angesetzten
Spitzentönen. Da sieht man auch über die eigentlich sehr dünne Geschichte, dass
sie sich Jorge, den sie liebt, nicht offenbart und stattdessen fast so weit
geht, den grobschlächtigen Pascual zu heiraten, gerne hinweg. Schon ihre große
Auftrittsarie zu Beginn der Oper, in der sie ihre Sehnsucht zu Jorge zum
Ausdruck bringt und auf dessen baldige Rückkehr hofft, wird von Iniesta
großartig umgesetzt. Im Anschluss begeistert sie auch mit einem recht
folkloristischen Stück, in dem sie die Augen des Geliebten besingt. Das klingt
dann schon genuin Spanisch. Ein weiterer musikalischer Höhepunkt ist ihr
Schlussrondo, wenn Jorge und Marina sich endlich gegenseitig ihre Liebe
gestanden haben und einer Heirat nichts mehr im Wege steht. Hier tritt Iniesta
in einen betörenden Dialog mit der Flöte und liefert sich ein regelrechtes Duell
um die schönsten Koloraturen, wobei ihr Gesang das Instrument in der Strahlkraft
noch übertrifft. Den Abend beschließt sie dann mit fulminant angesetzten
Spitzentönen.
Celso Albelo wird ihr als Jorge mit großartigem Tenor mehr als
gerecht. Die hohen Töne schleudert er mit scheinbarer Leichtigkeit heraus, ist am
Anfang vielleicht für die Ausmaße des Kurhauses ein wenig zu laut, findet dann
aber im weiteren Verlauf des Abends zu einem betörenden Klang. Mit klaren Höhen
und kräftigem Tenor gestaltet er seine Arie im ersten Akt, wenn er glücklich vom
Meer zurückgekommen ist und er sich auf ein Wiedersehen mit Marina freut, die er
insgeheim liebt. Doch seine positive Stimmung bekommt sehr schnell einen
Dämpfer, als Pascual ihn um die Hand Marinas bittet. Da fühlt er sich um seine
Gefühle betrogen und ergibt sich mit tenoralem Schmelz seinem Leiden. Im Finale
des zweiten Aktes blitzt dann seine Enttäuschung auf, wenn er nicht versteht,
wieso Marina ihn verlassen und Pascual heiraten will. Da hilft dann im dritten
Akt nur noch Alkohol, um sein Leid zu ertränken. Doch am Ende wendet sich alles zum Guten, und er findet in einem betörenden Duett stimmlich
wunderbar mit Iniesta zusammen.
Emmanuel Franco kommt die undankbare Partie des Pascual zu, der
alles andere als ein Sympathieträger ist. Mit virilem Bariton legt er den
grobschlächtigen Fischer so an, dass man gut nachvollziehen kann, wieso Marina
zu diesem Mann keine Zuneigung empfindet. Sein wahres Gesicht zeigt er in den
Szenen, in denen er eifersüchtig ist und glaubt, dass Marina ihn betrogen hat.
Da sieht er in dem Brief ihres verstorbenen Vaters, den Marina von dem Handelskapitän
Alberto erbeten hat, einen Nachweis für Marinas Untreue und verstößt sie,
was schlussendlich dazu führt, dass Jorge und Marina doch
zusammenfinden. Pietro Spagnoli gibt die undurchsichtige Partie des Roque mit
dunklem Bariton. Ein Großteil seiner Nummern besteht nur daraus, gegen die Frauen
Stimmung zu machen, wobei seine Worte zunächst bei Jorge und Pascual auf
fruchtbaren Boden fallen. Doch er hat auch zwei besonders schöne musikalische Nummern, die
sehr traditionell anmuten und wunderbar melodisch klingen. Die zweite Nummer
wird nicht vom Orchester sondern nur von den im Takt klatschenden Sängern
begleitet.
In den kleineren Partien sind zwei Stipendiaten der Akademie
BelCanto zu erleben. Giovanni Accardi übernimmt dabei gleich mehrere Partien.
Zunächst ist er der Handelskapitän Alberto, der Marina verspricht, ihr den
ersehnten Brief zukommen zu lassen. Dann ist er ein Matrose, der den Brief an
Pascual übergibt. In beiden Partien überzeugt er mit frischem Bariton. Gaja
Vittoria Pellizzari musste als Marinas Freundin Teresa aus gesundheitlichen
Gründen kurzfristig die Vorstellung absagen. Juliette Amirault konnte
glücklicherweise einspringen. Das Publikum zeigt sich begeistert und
belohnt alle Beteiligten mit großem Applaus. Schade ist nur, dass die einmalige
Aufführung bei weitem nicht ausverkauft war und viele Plätze frei blieben. Das
dürfte nicht nur an dem starken Gewitter gelegen haben, das den pünktlichen
Beginn des Konzertes verzögerte, da die Zuschauerinnen und Zuschauer kaum
wussten, wie sie durch den Regen zum Kurhaus kommen sollten.
FAZIT Emilio Arrieta als Komponisten beim
Festival zu entdecken, ist sicherlich interessant. Ob es aber lohnenswert ist,
in den Folgejahren weiterhin auf Zarzuelas zu setzen, ist mit Blick auf die
Platzauslastung fraglich.
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Wildbad 2026
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
José Miguel Pérez-SierraChorleitung
Agnieszka Ignaszewska-Magiera
Chor und Orchester der
Szymanowski-Philharmonie Krakau
(Leitung: Michał Klauza)
Solistinnen und Solisten
Marina, eine junge Frau aus dem Volk
Ruth Iniesta
Jorge, Schiffskapitän
Celso Albelo
Roque, Fischer
Pietro Spagnoli
Pascual, Seemann
Emmanuel Franco
Alberto, Handelskapitän
Giovanni Accardi
Teresa, Freundin Marinas
Juliette Amirault
Ein Matrose / Eine Stimme
Giovanni Accardi
Fischer, Fischerinnen,
Bewohner von Lloret de Mar
Gemischter Chor
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