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Absicht statt GelegenheitVon Thomas Molke / Fotos: © Patrick Pfeiffer Nach dem überwältigenden Erfolg von L'inganno felice am Teatro San Moisè in Venedig hatte der dortige Impresario Antonio Cera den jungen Rossini sofort für drei weitere Farse in den Folge-Saisons unter Vertrag genommen, weil er das kompositorische Potenzial des Schwans von Pesaro erkannt hatte. Allerdings war er damit nicht allein, und so erhielt Rossini in dieser Zeit wesentlich lukrativere Angebote aus Ferrara und Mailand, denen er ebenfalls nachkommen wollte, da sie ihm im Vergleich zu den Farse wesentlich mehr einbringen konnten. Als er wegen der Uraufführung von La pietra del paragone in Mailand 1812 erst mit großer Verspätung in Venedig eintraf, wollte Cera ihn wegen Vertragsbruch verklagen und die geplante Farsa absetzen. Doch mittlerweile verfügte Rossini zu guten Verbindungen in politische Kreise, so dass er die Klage abwenden konnte und der Komposition noch nachkommen wollte. Allerdings blieb ihm und seinem Librettisten Luigi Prividali nicht mehr viel Zeit bis zum Ende der Saison, und so soll L'occasione fa il ladro in einer Rekordzeit von 11 Tagen entstanden sein, was selbst für Rossini außergewöhnlich war. Trotz einiger dramaturgischer Mängel im Libretto wurde das Stück ein großer Erfolg und kam bis 1833 auf mindestens 18 Produktionen in Italien und Europa. Auch seit der Rossini-Renaissance erfreut sich das Werk besonders bei kleineren Opernhäusern und Festivals großer Beliebtheit, da man mit einem kleinen Ensemble und ohne Chor auskommt. In Bad Wildbad stand die Farsa zuletzt 2017 in einer Inszenierung des Festivalleiters Jochen Schönleber im Königlichen Kurtheater auf dem Programm. Damals sang Lorenzo Regazzo die Buffo-Partie des Don Parmenione, und Patrick Kabongo stand als Don Eusebio noch ganz am Anfang seiner Karriere. Nun hat Schönleber das Stück für Passionart in Krakau neu einstudiert und bringt die Produktion mit Stipendiatinnen und Stipendiaten der Akademie BelCanto und Filippo Morace, der seit einigen Jahren eine der Meisterklassen der Akademie BelCanto in Bad Wildbad leitet, erneut ins Königliche Kurtheater. Wer ist der wirkliche Conte Alberto? (von links: Berenice (Ilaria Monteverdi), Alberto (Davide Zaccherini), Don Eusebio (Timóteo Bene Júnior), Don Parmenione (Filippo Morace) und Ernestina (Gaja Vittoria Pellizzari)) Ausgangspunkt der Handlung sind zwei Koffer, die bei einem Aufenthalt in einem Landgasthaus nach einer Gewitternacht versehentlich vertauscht werden. Da Don Parmenione allerdings in dem Koffer des anderen Gastes, Conte Alberto, dessen Pass und ein Portrait einer wunderschönen Frau findet, die Don Parmenione für Albertos zukünftige Braut hält, die wiederum, wie Alberto erzählt hat, den Ehemann in spe noch nie gesehen hat, beschließt Parmenione kurzerhand, sich selbst als Alberto auszugeben und die junge Dame zu heiraten. Um die Verwirrung komplett zu machen, hat diese junge Dame, Berenice, allerdings beschlossen, mit ihrer engen Vertrauten und Dienerin Ernestina die Rollen zu tauschen, damit sie als scheinbares Dienstmädchen den zukünftigen Gemahl zunächst einmal in Augenschein nehmen kann. So verliebt sich Don Parmenione in die Falsche und muss sich gleichzeitig noch mit Alberto herumstreiten, der natürlich auch im Haus der Braut erscheint, sich aber verrückter Weise mehr zu dem Dienstmädchen als zu der vermeintlichen Braut hingezogen fühlt. Nach zahlreichen Verwicklungen stellt sich heraus, dass Ernestina die Schwester eines Freundes von Don Parmenione ist, die mit einem Verführer durchgebrannt ist und nun von Don Parmenione zurückgeholt werden soll. Berenice ist froh, dass der wahre Alberto sie auch als Dienstmädchen geliebt hätte, und so gibt es am Ende zwei glückliche Paare. Das Portrait im Koffer stellt, wie sich am Ende aufklärt, keine der beiden Frauen sondern Albertos Schwester dar. Don Parmenione (Filippo Morace, rechts) und Martino (Giovanni Accardi, links) füllen Alberto (Davide Zaccherini, Mitte) ab, um ihn zu berauben. Jochen Schönleber bezweifelt in seiner Inszenierung, dass die beiden Koffer ohne Absicht vertauscht werden, und stellt Don Parmenione und seinen Diener Martino als Gaunerpaar dar, das sich darauf spezialisiert hat, in dem Landgasthaus andere Reisende zu bestehlen. Dafür halten die beiden einen ganzen Wagen voller unterschiedlicher Koffer bereit, um die entsprechenden Modelle den Gästen unbemerkt unterzuschieben. Martino zeigt sich dabei als Spezialist für das Öffnen der fremden Gepäckstücke. Dass der Koffer, mit dem Alberto im Gasthof vor dem Gewitter Unterschlupf sucht, mit einem Gepäckstück vertauscht wird, dass keineswegs identisch mit dem anderen Koffer ist, versucht die Inszenierung damit zu retten, dass Don Parmenione und Martino Alberto zunächst mit Wein abfüllen, so dass dieser die Schenke relativ angeheitert verlässt und dabei nicht merkt, dass er einen falschen Koffer mitnimmt. Selbstverständlich hat ihn Martino vorher auch noch um seine Börse und eine wertvolle Armbanduhr erleichtert. Wieso das Porträt der Braut einen Mann mit langen Haaren und Bart im Stil von Conchita Wurst zeigt, wird nicht nachvollziehbar. Schließlich zeigt sich Don Parmenione im Haus von Don Eusebio mehr als angetan von Ernestinas weiblichen Reizen, so dass es unglaubwürdig wirkt, dass dieses Bild Don Parmeniones Wunsch wecken soll, sich als Alberto auszugeben. Don Parmenione (Filippo Morace) ist von der als Berenice verkleideten Ernestina (Gaja Vittoria Pellizzari) fasziniert. Unklar bleiben auch vereinzelte Regieeinfälle während der Ouvertüre. Zunächst öffnet sich die Rückwand, und man sieht Berenice schlafend auf einer Couch. Hinter ihr steht Don Parmenione und betrachtet sie. Soll das eine Traumerscheinung Berenices sein, die sie schließlich auf die Idee bringt, mit dem Dienstmädchen zunächst die Rollen zu tauschen, um ihren unbekannten Bräutigam in spe erst einmal auf die Probe zu stellen? Gegen diese Deutung spricht allerdings die nächste Szene, in der man Berenice gemeinsam mit Alberto sieht. Die beiden sind in ein Gespräch verwickelt und stehen am Ende in einer vergleichbaren Pose im Halbdunkel, die sie später auch in ihrem Liebesduett einnehmen. Demnach wäre ja die ganze Verwechslung hinfällig, weil sich Berenice und Alberto ja schon gekannt hätten und Berenice von Anfang an gewusst hätte, wer der richtige Alberto ist. Auch der Einsatz diverser Perücken bei den Herren, der vielleicht die einzelnen Identitäten verschleiern soll, mag zwar recht unterhaltsam sein, macht inhaltlich allerdings keinen Sinn. Außerdem verweigert Schönleber in der Regie dem zweiten Paar, Don Parmenione und Ernestina, das Liebesglück. Don Parmenione wird als derart selbstverliebter Geck gezeichnet, dass es zwar seinem Ego schmeicheln dürfte, Ernestinas Herz zu erobern. Für eine längerfristige Beziehung reicht das allerdings nicht aus. Stattdessen verkuppelt er am Ende Ernestina mit seinem Diener Martino, während er selbst mit einigen gestohlenen Utensilien heimlich das Weite sucht. Berenice (Ilaria Monteverdi) versucht, Don Parmenione (Filippo Morace) als Hochstapler zu enttarnen. Sieht man von diesen kleinen Unstimmigkeiten ab, bietet der Abend gute Unterhaltung auf hohem musikalischem Niveau. José Miguel Pérez-Sierra führt das Orchester der Szymanowski-Philharmonie Krakau mit flotter Hand durch die Partitur, so dass es vielleicht aufgrund der Premierennervosität zu Beginn noch leichte Abstimmungsschwierigkeiten bei den Tempi zwischen Orchester und den Sängern gibt. Man hat an einigen extrem schnellen Stellen das Gefühl, dass die Sänger leichte Probleme mit der Geschwindigkeit haben. Aber Filippo Morace ist als Don Parmenione Profi genug, dies immer wieder schnell auszugleichen, und so gestaltet er die Buffo-Partie des Don Parmenione mit großem Spielwitz und kräftigem Bassbariton. Dabei tänzelt er teilweise im Takt mit großer Komik und treibt die Selbstverliebtheit des Hochstaplers auf die Spitze. Mit Giovanni Accardi hat er als Diener Martino ebenfalls einen komödiantischen Darsteller zur Seite, der mit viel schauspielerischem Talent einen findigen Gauner mimt. Stimmlich überzeugt er mit klarem Bariton, wenn er Don Eusebio und Ernestina über die Identität seines Herren aufklären soll und dabei nur um den heißen Brei herumredet. Gaja Vittoria Pellizzari legt die Zofe Ernestina herrlich exaltiert an und scheint an dem Rollentausch mit Berenice großen Spaß zu haben. Ob man sie derart mannstoll auftreten lassen muss, dass sie zu Beginn auch Don Eusebio verführt, ist Ansichtssache. Stimmlich begeistert Pellizzari mit vollem, dunklem Mezzosopran.
Ilaria Monteverdi stattet die Partie der Berenice mit glasklaren Koloraturen und
flexiblen Höhen aus und findet auch für die innigen Passagen eine sehr weiche,
liebliche Stimmfarbe. Daneben zeigt sie großes komisches Talent, wenn sie
im Duett mit Morace versucht, ihn als Hochstapler zu enttarnen.
Im Zusammenspiel mit Davide Zaccherini als Alberto findet sie zu einer
betörenden Innigkeit, die musikalisch sofort deutlich macht, dass die beiden als
Paar zusammengehören. Zaccherini verleiht dem Conte Alberto darstellerisch
großen Charme, auch wenn er zu Beginn bei der Begegnung mit Don Parmenione sehr
naiv wirkt und sich leicht betrunken machen lässt. Stimmlich punktet er mit
weichem Tenor. Timóteo Bene Júnior rundet das spielfreudige Ensemble als Don Eusebio überzeugend ab, so dass es für alle Beteiligten am Ende großen Applaus
gibt.
FAZIT
Rossinis vierte Farsa ist musikalisch ein großer Spaß, auch wenn in Schönlebers
Inszenierung nicht alles nachvollziehbar ist.
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Wildbad 2026 |
ProduktionsteamMusikalische LeitungAntonino Fogliani / *José Miguel Pérez-Sierra
Regie und Bühne Kostüme nach Claudia Möbius Licht
Orchester der
Musikalische Assistenz und Tafelklavier
Solistinnen und SolistenDon Eusebio, Onkel von Berenice
Berenice, Braut von Conte Alberto
Conte Alberto
Don Parmenione
Ernestina
Martino, Diener von Don Parmenione
Zwei Diener von Don Eusebio
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- Fine -