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Wie sich die Bilder gleichenVon Stefan Schmöe, Fotos: © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
Erkennen Sie das Szenenbild? Mitunter erscheinen die Aufführungen dieses Ring des Nibelungen wie ein lustiges Ratespiel für Bayreuth-Veteranen. Aus welcher historischen Bayreuther Inszenierung stammt das Bühnenbild, das gerade, von künstlicher Intelligenz (KI) ausgewählt und gegebenenfalls verfremdet, eingeblendet wird? Die wie am Mount Rushmore in den Fels gehauenen Köpfe von Marx, Mao, Lenin und Stalin - Frank Castorfs und Aleksandar Denićs ironische Absage an kommunistische und sozialistische Ideologien - haben sich denjenigen, die sie seinerzeit gesehen haben, sicher nachhaltig eingeprägt. Die den Raum durchschneidenden Laserstrahlen im Rheingold und der Walküre vermaßen auf unvergessliche Weise die Götterwelt bei Harry Kupfer und Hans Schavernoch. (Aber welche Bilder waren prägend für Tankred Dorst und Frank Philipp Schlößmann, die den Mythos im banalen Alltag suchten?) Das Spiel mit Bühnenlösungen vergangener Bayreuther Ring-Produktionen gehört zu den besseren Ideen in einem Projekt, in dem (wie in unserer Rezension zum Rheingold genauer beschrieben) eine KI die Visualisierung erstellt.
Sind das rechts im Bild die Dampfmaschinen, die den Jahrhundert-Ring von Patrice Chereau im Bühnenbild von Richard Peduzzi antrieben?
In diesem Siegfried hat die KI zunehmend Gefallen daran gefunden, Figuren in die Bühnenbilder der Vergangenheit hineinzusetzen, und das ist keine gute Idee. Zum einen stellt die KI oft Proportionen und Details nicht korrekt dar, was zu eigenwilligen Effekten führt; zum anderen hatten die "leeren" Bühnenbilder den Charme, dass die Sängerinnen und Sänger der Aufführung, skulptural zwischen den beiden Projektionsvorhängen platziert, scheinbar (aber mit einem Verfremdungseffekt) im historischen Ambiente standen. Von diesem Effekt geht einiges verloren, wenn bereits die Akteure abgebildet sind. Und ohnehin verliert die KI im Verlauf dieses Abends mehr und mehr das Interesse an Rückblenden in die Bayreuther Inszenierungsgeschichte, von denen die Walküre noch leidlich gerettet wurde.
Was aber kommt stattdessen? Gelegentlich erblickt man für eine Sekunde mehr oder weniger eindeutige historische Fotografien aus dem gesellschaftlichen oder politischen Geschehen. Diese markieren den Zeitstrahl, der 150 Jahre Ring-Rezeption mit 150 Jahren Deutscher Geschichte unterlegt, linear auf die rund 15 Stunden Musik verteilt (mehr dazu in der Rezension der Walküre). Dem Siegfried sind gemäß dieser Logik etwa die Jahre vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis in die späten 1970er zugeordnet. Die Momentaufnahmen, die man dadurch zu sehen bekommt - besonders markant an diesem Abend: die Gleise von Auschwitz-Birkenau, das Wunder von Bern, die Entführung Hanns Martin Schleyers - werden aber nur so kurz auf die beiden Vorhänge projiziert, dass diese Konzeptionsebene kaum Gewicht erhält.
Und sonst? Die KI hat ein besonderes Faible für lost places und verfallene Gebäude - weil Jürgen Flimm und Erich Wonder ihre Produktion in einer leerstehenden Villa ansiedelten? Wieder und wieder sieht man herabhängende Eisenketten oder ornamentale schmiedeeiserne Gitter - weil mit Mime ein überforderter Schmied eine wichtige Rolle spielt? Dann kommen häufig Oberflächen in Großaufnahme - Holzstücke, Eisenträger, aber immer wieder auch geschliffene oder ungeschliffene Steine, manchmal auch rissige Lehmböden. Mehr Unverbindlichkeit geht kaum. Ob die KI sich vorgenommen hat: Nur nichts falschmachen? Tut sie dann nach meinem Geschmack doch. Sie kreiert nämlich immer wieder Fantasy-Landschaften, bevorzugt Höhlen, mit Wasserfällen, Eiszapfen, Tropfsteinen oder Lavaströmen, und fast immer gibt es mittig oben eine Öffnung, durch die gleißendes Licht hereinfällt. Kurz: Kitsch.
Der Gründungsmythos von Neu-Bayreuth im Zeitstrahl: Wieland (links) und Wolfgang Wagner diskutieren 1951 über die Zukunft der Festspiele
Nicht nur versackt diese Bebilderung, die in sich kreisend permanent aus dem begrenzten Vorrat an Motiven schöpft, in demonstrativer Bedeutungslosigkeit, sie lenkt auch von der Musik ab. Die Sängerinnen und Sänger in ihren vogelartigen Einheitskostümen bemühen sich nach Kräften, pantomimisch so etwas wie theatrale Dramatik aufzubauen. Dirigent Christian Thielemann gelingt es nicht ganz so gut wie an den Abenden zuvor, den erzählerischen Fluss in Gang zu halten, und auch die klangliche Differenzierung des zuverlässigen Festspielorchesters bewegt sich nicht auf dem gleichen hohen Niveau wie im Rheingold und der Walküre. Manche Passagen klingen überwältigend schön, andere wirken vergleichsweise pauschal. Auch die an der Sprache orientierte Ausgestaltung hat ein wenig an Genauigkeit verloren.
Gerhard Siegel wechselt in der Partie des Mime im ersten Akt mit seinem beweglichen, kraftvollen Tenor zu schnell in ein sattes Forte (im zweiten Akt legt er mehr Gewicht auf die Zwischentöne). Michael Volle singt erneut einen immer eloquenten und klangschönen Wotan-Wanderer und bewältigt auch die gefürchteten hohen Töne souverän. Abgeklärt und gelassen entsagt er der Macht - sein Aufbäumen in der Begegnung mit Siegfried ist kurz. Um dessen Darsteller Klaus Florian Vogt muss man sich nach ebendieser Szene kurz sorgen, ob das Mammutprogramm mit Loge, Siegmund und Siegfried nicht doch etwas viel ist, aber nach kurzem Schwächeln fängt Vogt sich wieder und gestaltet die Erweckung Brünnhildes mit neuer Energie. Mir gefällt er als jugendlicher, kindlich naiver, am Ende überraschend viriler Siegfried besser als in der Rolle des todessüchtigen Siegmund in der Walküre. Mit den Spitzentönen muss er haushalten, unbegrenzt sind die tenoralen Ressourcen nicht - aber er teilt sich die Partie gut ein.
Camilla Nylund verfügt über einen traumhaft schönen, warm leuchtenden Sopran für die Brünnhilde - wäre da nicht das ausladende, recht langsam schwingende Vibrato. Thielemann, der Brünnhildes Aufwachen und die Begrüßung der Sonne im satten symphonischen Sound feiert, täte vielleicht gut daran, hier zu dem feineren, transparenteren Klang, der Rheingold und Walküre geprägt hatte, zurückzufinden - auch um Nylund die Chance zu geben, ihre lyrischen Qualitäten (die sie im weiteren Verlauf der Szene zeigen kann) auszuspielen. Christa Mayers apart dunkel timbrierte Erda ist mit fatalistischer Klarheit gesungen, Peter Rose gestaltet einen beinahe melancholischen Fafner, Jochen Schmeckenbecher einen energiegeladenen Alberich. Dem singenden Waldvogel hat man keinen Gefallen damit getan, ihn unsichtbar auf die Hinter- oder Nebenbühne zu verfrachten - so muss Victoria Randem ihren samtenen Sopran unnötig forcieren.
Mit kleinen Abstrichen kann die Musik über die Ödnis der in ihrer Art immergleichen banalen Bilder hinwegtrösten - denkt man, aber das dicke Ende kommt noch. Für die letzten Takte hat sich die KI einen violetten Wolkenhimmel ausgedacht, in dem Brünnhilde mit großen verliebten Augen zu ihrem Siegfried hochschaut. Fehlt nur noch, dass Fliederduft im Saal versprüht wird.
Musikalisch bewegt sich dieser Siegfried auf immer noch gutem, aber nicht mehr so herausragendem Niveau wie an den ersten beiden Tagen des Zyklus'. Alles andere ist zum Haareraufen, denn leider verfolgt die KI die wenigen einigermaßen funktionierenden Dinge nicht weiter.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Kurator
Künstlerisch-technische Konzeption
Dramaturgie
Digital- und KI-Storytelling
Creative Code / Visual Art
Bühne
Kostüme
Chor Solisten
Siegfried
Mime
Der Wanderer
Alberich
Fafner
Erda
Brünnhilde
Waldvogel
Der Ring 2026: Das Rheingold Die Walküre Siegfried Götterdämmerung Weitere Rezensionen von den Bayreuther Festspielen 2026 |
- Fine -