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Mehr Katzenbilder wären schönVon Stefan Schmöe, Fotos: © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
Eine kleine Überschlagsrechnung: Wenn bei 15 Stunden Musik im Ring des Nibelungen durchschnittlich alle zehn Sekunden von einer künstlichen Intelligenz ein neues Bild eingeblendet wird (vermutlich ist die Frequenz deutlich höher), dann sind das über 5000 Bilder, die man verarbeiten muss. Ganz grob die Hälfte davon zeigt erkennbar Projektionen historischer Bühnenentwürfe von vergangenen Ring-Produktionen (das sind die gelungeneren, im besten Fall inspirierenden Momente der Aufführung). 150 Bilder gehören zum "Zeitstrahl", der jedem der 150 Jahre Festspielgeschichte ein Motiv zuordnet (die Götterdämmerung entspricht der Zeit von etwa 1980 bis heute, man bekommt in der hier besprochenen Aufführung u. a. Helmut Kohl, Barack Obama und den Schriftzug "Putin's War" vorgesetzt). Aber die sieht man nicht viel länger als eine oder zwei Sekunden, weshalb sie wenig Wirkung haben. Also verbleiben, grob geschätzt, zwei- bis dreitausend KI-generierte Bilder. Damit müsste sich doch eine Welt spannend darstellen lassen. Aber es bleibt, und das gehört zu den paradoxen Facetten dieses Projekts, bei einem thematisch ausgesprochen engen Kreis: Verfallene Räume, Fantasy-Landschaften, Oberflächenstrukturen oder verdorrte Halme. Ausschnitte aus Ölgemälden oder Aquarellen, wobei man oft nichts Gegenständliches erkennt. Maschinenteile und herabhängende Ketten. Immer wieder ornamentale schmiedeeiserne Gitter. Nichts, was für den Ring von Belang wäre. Warum dann nicht 'mal auch Katzenbilder einspielen?
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Kurz: Man durchlebt auf der visuellen Ebene eine permanent überfordernde Reizüberflutung bei gleichzeitiger inhaltlicher Unterforderung. Was hat der als innovativ angekündigte, von künstlicher Intelligenz gesteuerte Ring also gebracht? KI als zeitgemäßes Hilfsmittel für die technische Umsetzung einer künstlerischen Idee - darüber muss man nicht weiter diskutieren. Dazu gehört hier, dass die KI den Personen auf der Bühne folgt und auf die Musik reagiert - und mit diesen Informationen hochpräzise die Beleuchtung steuert. Spannender ist die Frage nach den künstlerischen Entscheidungen, um die es ja bei diesem Bayreuther Ring gehen sollte. Wie autonom darf die KI eigentlich handeln? Hätte sie, durchaus naheliegend, zur inzestuösen Vereinigung von Sieglinde und Siegmund - "nun blühe denn, Wälsungenblut" - pornografisches Material einblenden dürfen? Wie müsste man auf eine dezidiert antisemitische Deutung, die sich auf Wagners Hetzschrift Über das Judenthum in der Musik beruft, reagieren? Wie auf eine unverhohlen rechtsextreme Bebilderung als Reflex auf Hitlernähe und NS-Vergangenheit des Wagner-Clans? Keine Frage: So etwas durfte bei diesem Jubiläums-Ring nicht passieren - und wäre wohl auch nicht passiert, denn als lernendes System "weiß" eine gut strukturierte KI um solche Probleme und Tabus.
Am Beginn des Produktionsprozesses in Bayreuth stand unter anderem die Entscheidung: Auf welches Material soll sich die KI stützen, und wie weit darf sie gehen? Natürlich das Bildmaterial von den historischen Bayreuther Inszenierungen. Ansonsten, so mein Eindruck nach vier ermüdenden Opernabenden, bitte nichts, was Ärger machen könnte. Dieser Ring suggeriert unterschwellig eine große Angst vor der Macht eines frei waltenden Algorithmus. (Was sich womöglich als Thema für die nächsten Bayreuther Nibelungen-Festspiele anbieten könnte: Der Kampf um ein neues Sprachmodell namens RING, das seinem Besitzer maßlose Macht verspricht.) Das Problem des aktuellen Projekts Ring 10010110 liegt nicht in der Verwendung von KI, sondern in der Unentschlossenheit und Konzeptionslosigkeit im Hinblick auf deren Einsatz. "Irgendwas mit Medien" ist "irgendwas mit KI" gewichen. Ob man sich im Silicon Valley gerade schlapp lacht über den verzagten Umgang des Bayreuther Kreativteams um Marcus Lobbes mit der neuen Technologie?
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Wo, wenn nicht in Bayreuth, besteht die Möglichkeit, dieses monumentale Bühnenfestspiel innerhalb einer Woche (und nicht über mehrere Spielzeiten verteilt) als zusammenhängende Geschichte zu erzählen und die Kontinuität der Handlung hervorzuheben? Das hat in der Vergangenheit das Besondere an diesen Festspielen ausgemacht, auch dann, wenn man mit der Inszenierung nicht einverstanden war. Mit dem Verzicht auf jegliche narrative Struktur in der Visualisierung hat man dieses Alleinstellungsmerkmal verschenkt. Das gehört zum hohen Preis dieses Projekts. Und auch, dass die theatralische Ebene fehlt und damit das Gesamtkunstwerk ein Stück weit unvollständig bleibt. Man muss RING 10010110 als Werk eigenen Genres auffassen, irgendwo zwischen Theater und Klanginstallation angesiedelt. Gemessen etwa am radikalen Aufbrechen von Sinnzusammenhängen in den Europeras von John Cage (entstanden im vorigen Jahrtausend zwischen 1987 und 1991) wirkt dieses Konzept auch jenseits des KI-Einsatzes allzu mutlos. Nicht zuletzt, weil Wagners Musik als sakrosankt gilt und nicht angetastet wird. Vielleicht hätte RING 10010110 in ganz anderer, mutigerer, offenerer Form eine Chance gehabt. Als Bebilderungsprojekt für einen - allerdings großartigen - Christian-Thielemann-Ring ist es ein Desaster geworden.
Womit wir bei den positiven Aspekten dieser Götterdämmerung wären. Thielemann dirigiert die ersten beiden Akte im satten, luxuriös schillernden symphonischen Sound, wobei es ein wenig an Schärfe und Pointierung im Detail fehlt. Im dritten Akt findet er wieder stärker zum erzählerischen Fluss zurück, der das Rheingold und die Walküre prägte, und auch die Sängerinnen und Sänger sind genauer eingebunden und schwimmen nicht nur auf dem orchestralen Klang mit. Die bestens austarierte Steigerung hin auf das Weltuntergangsfinale mit Erlösungsmotiv, das Thielemann in ganz unterschiedlichen Farben aufleuchten lassen kann, liefert einen zumindest musikalisch versöhnlichen Schluss. Camilla Nylund als Brünnhilde fokussiert ihren vergleichsweise lyrischen, nicht hochdramatischen Sopran genauer als im Siegfried und kann das Vibrato besser kontrollieren. Die Stimme klingt immer schön, und gerade ihr eher verhalten und introvertiert gestalteter Schlussgesang berührt. Für die Dramatik wie in der Speereid-Szene im zweiten Akt fehlen ihr die Reserven zur großen vokalen Attacke.
Wagner aus Licht, gestaltet von Wieland Wagner - oder doch kristalline Beliebigkeit?
Gegen die Orchestergewalten der Götterdämmerung wirkt der eher flache Tenor von Klaus Florian Vogt recht einfarbig, und bei den Spitzentönen muss er mitunter kräftig mogeln. Einnehmend ist die Geschmeidigkeit der Stimme, und die Erzählungen im dritten Akt einschließlich der Sterbeszene mit der Reminiszenz an Brünnhildes Erweckung im Siegfried haben etwas Anrührendes. Mika Kares singt einen nicht allzu düsteren, aber durchaus unheimlichen und bedrohlichen Hagen. Michael Kupfer-Radecky als Gunther und Magdalena Hinterdobler als Gutrune überzeugen als solides Gibichungenpaar, Jochen Schmeckenbecher trifft punktgenau und mit hoher Präsenz die Gefährlichkeit des lauernden Alberichs. Vollendet klangschön singen das Nornen- wie das Rheintöchterterzett. Einen großen Auftritt hat die klangprächtige Christa Mayer als Waltraute, in deren großer Erzählung von den auf das Ende wartenden Göttern sie mit vielen Nuancen Schmerz und Trauer hörbar macht. Aber auch viel schöne Musik half nichts: Noch in den Schlussakkord hinein entlud sich der geballte Unmut des Publikums.
Musikalisch ist zum Jubiläum ein überzeugender, in Teilen sogar großer Ring gelungen. Der Ansatz, auf eine traditionelle Inszenierung zu verzichten und mit künstlicher Intelligenz am Puls der Zeit etwas ganz Neues zu schaffen, scheitert auf allen Ebenen.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Kurator
Künstlerisch-technische Konzeption
Dramaturgie
Digital- und KI-Storytelling
Creative Code / Visual Art
Bühne
Kostüme
Chor Solisten
Siegfried
Gunther
Alberich
Hagen
Brünnhilde
Gutrune
Waltraute
1. Norn
2. Norn
3. Norn
Woglinde
Wellgunde
Floßhilde
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