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Veranstaltungen & Kritiken Musikfestspiele |
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Wie eigentümlich doch die Zeit vergehtVon Stefan Schmöe, Fotos: © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
Zum Beginn der Walküre befinden wir uns im Jahr 1901. Jedenfalls nach der Zeitstrahllogik, die diesem von einer künstlichen Intelligenz (KI) generierten Ring unterlegt ist. Dahinter verbirgt sich die Frage: Worüber mag das Publikum im Verlauf der 150 Jahre Bayreuther Festspielgeschichte in den Pausen wohl gesprochen haben, von der Qualität der Aufführungen einmal abgesehen? Dieses darzustellen wurde der KI zur Aufgabe gemacht, und zwar mit einer eher schlichten mathematischen Vorgabe: 150 Jahre Festspielgeschichte mögen bitte linear, also gleichmäßig, auf die rund 15 Stunden Musik aufgeteilt werden. Macht zehn Jahre pro Stunde oder sechs Minuten Musik pro Jahr. Die Aufführung des Rheingolds hat ziemlich genau zweieinhalb Stunden gedauert, das ergibt nach Adam Riese 25 Jahre, beginnend mit den ersten Festspielen 1876.
Walküren. Da jede Vorstellung anders aussieht, zeigen die Bilder nicht das, was unser Rezensent gesehen hat.
Zwölf Minuten nach Beginn der Walküre, so erzählt Sven Friedrich, Direktor des Richard-Wagner-Museums, in seinem online verfügbaren Einführungsvortrag, also umgerechnet im Jahr 1903, könnte ein Foto von Thomas Mann auftauchen. So sei es zumindest in der Generalprobe gewesen. 1903 diskutierte man, so die KI-These, über die Buddenbrooks, wohlgemerkt über die Neuausgabe in einem Band, denn erschienen ist der epochale Roman zunächst in zwei Bänden bereits 1901. Gesehen habe ich Thomas Mann in den computergenerierten Bilderfluten der hier besprochenen zweiten Aufführung aber nicht. Was nichts heißen will. Schließlich soll jede Aufführung anders gestaltet sein (nach welchem Prinzip, das ist mir allerdings unklar). Man kann auch leicht etwas übersehen, denn länger als ein paar Sekunden bleibt ein Motiv selten präsent. Dann folgt schnell die Überblendung zum nächsten. Nach dem, was ich erkannt habe, muss in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts auf Bayreuths Grünem Hügel eifrig über den Kolonialismus debattiert worden sein. Wotans Abschied von Brünnhilde fällt mit den Olympischen Spielen 1936 in Berlin zusammen.
Die Linearität dieser oft kaum wahrnehmbaren Zeitachse muss man als Setzung des Kuratorenteams um Marcus Lobbes hinnehmen, sie ist keine Erfindung der KI. Die liefert lediglich die zur Jahreszahl passenden Fotografien, die oft wohl nur von kundigen Historikern eingeordnet werden können, zumal sie mitunter verfremdet sind. Der aktuellen Aufführung werden dadurch 150 Jahre Ring-Rezeption im zeitgeschichtlichen Zusammenhang als Subtext unterlegt. Vielleicht wäre es spannender (wenn auch durch den didaktischen Effekt musealer) gewesen, zeithistorische Aufnahmen an die eingeblendeten Szenenbilder der 15 bisherigen Inszenierungen zu koppeln. Jedenfalls gewinnt diese Walküre jenseits der Musik immer dann an Profil, wenn Szenen aus vergangenen Inszenierungen auf die beiden Vorhänge projiziert werden, zwischen denen die Sängerinnen und Sänger quasi konzertant agieren. Die historischen Bühnenbilder haben, so mein Eindruck, gegenüber dem Rheingold vom Vortag an Gewicht gewonnen, sehr zum Vorteil der Aufführung. Mitunter bleibt ein Motiv, wenn auch variiert, in einer längeren Sequenz auf den Projektionsflächen sichtbar, was ein wohltuendes Maß an visueller Ruhe mit sich bringt. Zu Wotans Abschied von Brünnhilde sieht man viel aus dem Feuerzauber, wie ihn Alfred Kirchner und Bühnenbildnerin Rosalie 1992 gestaltet haben - wobei er als Projektion sehr viel eindrucksvoller wirkt, als ich die Szene in Erinnerung habe (der ich 1998 "den Charme einer ordnungsgemäß abgesicherten Baustelle" attestierte). Und hat die KI womöglich etwas von der Leitmotiv-Technik Wagners begriffen und aufgegriffen? Denn immer wieder taucht das schräg gestellte Rechteck aus Kirchners und Rosalies Inszenierung auf, das seinerzeit im zweiten Akt schräg über der Bühne hing, und das hier als Zitat wie als abstrakte Form regelmäßig auftaucht.
Brünnhilde? Sieglinde? Feuer?
Manchmal werden Bühnenbilder verschiedener Inszenierungen gegeneinander gestellt - und gelegentlich erscheinen zwei sogar gleichzeitig. Der schwebende rote Würfel aus Harry Kupfers Inszenierung von 1988 (Bühne: Hans Schavernoch) leuchtet von der hinteren Projektionsfläche in den Feuerkreis von Kirchner und Rosalie hinein. Solche Momente haben etwas Berührendes, auch weil sie die Vergänglichkeit der historischen Aufführungen verdeutlichen. Dafür hätte es keiner KI bedurft, sondern eines geeigneten künstlerischen Teams mit Gespür für das richtige Timing - was der Grundidee dieses Projekts entgegenläuft. Die ruhigste Szene an diesem Abend stammt, eine Pointe am Rande, ausgerechnet aus dem Ring, der gar kein Ring war, nämlich aus der durch eine "Malaktion" von Hermann Nitsch kontrastierten konzertanten Walküre von 2021 (wegen der Corona-Pandemie musste die Premiere der geplanten Ring-Inszenierung von Valentin Schwarz auf das Jahr 2022 verschoben werden). Insgesamt hinterlassen die Projektionen einen etwas stringenteren Eindruck als im Rheingold.
Trotzdem wünschte man sich eine sehr viel stärkere Fokussierung auf die erneut herausragend dargebotene Musik. Christian Thielemann dirigiert mit dem bestens disponierten, sehr differenziert spielenden Festspielorchester eine transparente, immer am Text ausgerichtete Walküre, ohne je die musikalische Linie abreißen zu lassen. Das führt erneut zu außerordentlich guter Verständlichkeit. Text oder Musik greifen präzise ineinander. Was die Szene nicht hergibt, erzählt im Zweifelsfall das Orchester. Wenn Sieglinde von ihrer Schwangerschaft erfährt, dann machen die Streicher den Schock hörbar, den sie durchlebt. Schwer zu sagen, was hier den Unterschied zwischen Thielemanns Interpretation und anderen ausmacht, schließlich lassen alle Dirigentinnen und Dirigenten die aufsteigenden Streicher erschrocken akzentuiert spielen. Vielleicht ist es hier der plötzliche Wechsel der Klangfarbe, der die Situation von einem Sekundenbruchteil zum anderen grundlegend verändert. Es gibt viele solcher orchestralen Wunder zu bestaunen an diesem Abend.
Dazu gehört die düstere Wotan-Erzählung im zweiten Akt, in der die Orchestereinwürfe nicht nach grummelnden Leitmotiven klingen, sondern beinahe wie ein Kontrapunkt zur Gesangslinie: Selten wird auch im Gegeneinander von Gesang und Orchester so plastisch (und mitreißend) hörbar, wie ein Gott mit sich hadert. Michael Volle gestaltet einen überaus eloquenten, überragend phrasierenden Wotan, im Charakter eher eleganter Kavaliers- als wilder Heldenbariton, der aber an den dramatischen Stellen seine Stimme gut fokussiert und damit auch die erforderliche Statur für das Weltendrama gewinnt. Camilla Nylund singt eine eher jugendlich-dramatische als hochdramatische Brünnhilde mit warm leuchtendem Klang. Die Stimme verliert auch an den exponierten Stellen nicht an Farbe, allerdings schwingt dort das Vibrato recht langsam. Berührend gelingt ihre Auseinandersetzung mit Wotan im Schlussakt - ein Ringen um Deutungshoheit, auch in der Vater-Tochter-Beziehung. Beide deuten den Wortlaut mit feinen Schattierungen aus, ohne die gesanglichen Linien und die große Melodie dabei zu vernachlässigen. Thielemann und das Orchester betten Brünnhilde auf dem allerschönsten Feuerzauberklangteppich sanft zur Ruhe.
Das (inzwischen nicht mehr ganz so helle) Timbre von Klaus Florian Vogt in der Rolle des Siegmund bleibt Geschmackssache. Sein höhensicherer, geschmeidiger, aber eher flacher Tenor lässt den Siegmund eher nach dem braven Streber mit Einser-Abitur als nach dem verwahrlosten Wolfskind klingen. Die Textverständlichkeit ist allerdings auch bei ihm hervorragend. Elza van den Heever ist eine jugendliche Sieglinde; in der Mittellage bleiben manche Töne blass, die Höhe glänzt. Wenn sie im dritten Akt das Erlösungsmotiv singt (die einzige Stelle vor dem Weltenbrand in der Götterdämmerung, an der Wagner diese Melodie erklingen lässt), dann bekommt die Stimme eine Intensität, die die Bedeutung des Augenblicks hörbar macht. Mika Kares ist ein nicht allzu finsterer, kultivierter Hunding, Anna Kissjudit eine großformatige und apart eingedunkelte, im Ausdruck eher konventionelle Fricka. Sehr homogen singen Brünnhildes acht Walkürenschwestern.
Die KI-generierten Bilder wirken eine Spur stringenter als noch im Rheingold, zumindest dann, wenn sie Szenen aus früheren Inszenierungen zeigen. Musikalisch setzt sich das exzellente Niveau des Rheingolds mit einem überragenden Michael Volle als Wotan ungebrochen fort.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Kurator
Künstlerisch-technische Konzeption
Dramaturgie
Digital- und KI-Storytelling
Creative Code / Visual Art
Bühne
Kostüme Solisten
Siegmund
Hunding
Wotan
Sieglinde
Brünnhilde
Fricka
Gerhilde
Ortlinde
Waltraute
Schwertleite
Helmwige
Siegrune
Grimgerde
Rossweisse
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