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Musiktheater
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Salome

Musikdrama in einem Aufzug
Text vom Komponisten nach Oscar Wildes gleichnamiger Dichtung
in der deutschen Übersetzung von Hedwig Lachmann
Musik von Richard Strauss


in deutscher Sprache mit Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 50' (keine Pause)

Premiere am 15. September 2024 im Opernhaus Wuppertal
(rezensierte Aufführung: 7. Februar 2025)



Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Wenn Du sie doch nur richtig angesehen hättest, Jochanaan

Von Stefan Schmöe / Fotos von Bettina Stöß

Warum fordert Salome als Lohn für ihren Tanz den Kopf des Propheten Jochanaan? "Weil sie es kann", sagt Regisseurin Andrea Schwalbach im Videointerview, das man sich im digitalen Programmheft dieser Produktion anschauen kann (abrufbar über die Homepage des Theaters oder per in den Foyers ausgehängtem QR-Code). Der Wunsch ist eine Machtdemonstration. Salome, begrapschtes Objekt der sexuellen Fantasien ihres Stiefvaters Herodes, trifft ihn an seinem wundesten Punkt. Die Angst, einen echten Propheten, einen gottgesandten Mann eingekerkert zu haben und ihn nun töten zu müssen, führt ihm seine plötzliche Unterlegenheit vor Augen. "Man töte dieses Weib": Sein Befehl - gleichzeitig die letzten Worte der Oper - bleibt diesmal unerhört. Stattdessen geht Salome mit dem Schwert auf ihn los.

Szenenfoto

Auf Wunsch von Salome (hinten in weiß) wird Jochanaan für einen Moment aus seinem Verließ geholt. Neben Salome schauen Narraboth, der Page und ein Soldat zu.

Salome ist die rationalste, ja: normalste Figur in einem schrillen, an die Bildwelten Francis Bacons angelehnten Kosmos (Ausstattung: Britta Leonhardt). Der in schwarz gehaltene Raum deutet einen Innenhof an, eine kreisrunde Scheibe mit leuchtendem Rand den (im Text erwähnten) Mond oder vielleicht doch eher eine verfinsterte Sonne, die im Verlauf des Abends auf- und absteigt. Herodes tritt in diesem monochromen Ambiente im violetten Mantel auf, dessen Farbe an Bacons Bild des schreienden Papstes Innozenz X. erinnert - der dort mit Bändern wie an seinen Stuhl gefesselt ist, deren goldene Farbe im plüschigen, ausladenden Kleid der Herodias aufgegriffen wird. Der Prophet erscheint wie ein bleiches Gespenst aus einem Loch im Boden. Stark aufgewertet ist die kleine Partie des Pagen der Herodias, der hier als weitgehend stumme Rolle fast allgegenwärtig ist und die Rolle des Henkers übernimmt. Äußerlich erinnert er an Oscar Wilde, auf dessen Drama Salome (erschienen 1893) die Oper zurückgeht. Nebenbei: Sowohl Bacon wie auch Wilde wurden in Dublin geboren, was wohl auch zum raffinierten Netz von Assoziationen gehört, das die Regie auswirft.

Szenenfoto

Herodes wird gegenüber Salome übergriffig. Die an sich überaus debattierfreudigen Juden und Nazarener bleiben schweigend Zeugen der Szene.

Helena Juntunen stellt eine mädchenhaft zierliche, fast ein wenig zerbrechliche Salome dar. Sie besitzt keine hochdramatische Heroinenstimme, sondern einen schönen, lyrisch gefärbten Sopran, der durchaus über Kraft und Energie verfügt. Damit dürfte sie dem Ideal des Komponisten durchaus nahekommen - und hat doch hier und da Mühe, sich gegen das Orchester zu behaupten. Ihr Verhältnis zu Jochanaan bleibt uneindeutig. Er umarmt sie, wie ein Vater seine Tochter umarmt, und gleichzeitig entsteht eine erotische Spannung. Für einen Moment scheint vieles möglich. Die Rgie zeichnet diese Salome vielschichtig, sicher mit einem Hauch von Lolita, aber eben auch eine junge Frau auf der Suche nach Selbstbestimmung. Dann weist Jochanaan das Mädchen unter wilden Beschimpfungen von sich. Eine auch für ihn denkbar schlechte Lösung, wie man weiß. "Hättest du mich angesehn, du hättest mich geliebt", wird sie später sagen. Vielleicht kann man das umformulieren: Hätte er sie als Person ernstgenommen, hätte er mit ihr geredet, wäre die Geschichte anders verlaufen. Michael Kupfer-Radecky singt diesen Jochanaan mit klar akzentuiertem, sorgfältig phrasierendem Bariton, dem es vokal ein wenig an Wucht fehlt. Einen furchteinflößend donnernden Propheten hört man hier nicht. So wird nicht er, sondern der von Matthias Wohlbrecht mit enormer Präsenz und durchdringendem Tenor gesungene Herodes zum Hauptakteur und Gegenspieler von Salome.

Szenenfoto

Salome tanzt, assistiert vom Pagen an ihrer Seite - und zieht dafür das gleiche Kleid an, das auch ihre Mutter Herodias (hinten) trägt.

In ihrem Tanz (Choreographie: Kati Farkas) lässt sich Salome zunächst vom Pagen so einkleiden, wie ihre Mutter gekleidet ist. Gleiches Kleid, gleiche Frisur, den Gang mit Krückstock absurd karikierend - Helena Juntunen, auch eine gute Tänzerin, vollbringt hier ein Kabinettstück sondergleichen. Sie übernimmt im Tanz die Rolle ihrer Mutter, um sie postwendend wieder abzulegen, bis sie für einen kurzen Moment bis auf den Slip entkleidet ist. So fasst die Szene das Frauenbild des Herodes und wohl auch die sehr begrenzten Möglichkeiten Salomes an dessen Hof komprimiert zusammen. Gundula Hintz singt eine klangprächtige, keineswegs (wie so oft zu hören) keifende Herodias, Sangmin Jeon einen schwärmerischen Hauptmann Narraboth. Edith Grossmann zeigt trotz angekündigter Indisposition (von der man nichts hört) als Page stimmliche wie szenische Präsenz.

Szenenfoto

Der bittere Lohn für den Tanz: Salome hat wunschgemäß den Kopf des Jochanaan erhalten, in dieser Inszenierung allerdings ohne Silberschüssel.

Wuppertals erst 29jähriger Generalmusikdirektor Patrick Hahn, der zuletzt an der Dresdner Semperoper mit einem beachtlichen Intermezzo als Strauss-Dirigent hervorgetreten (unsere Rezension), dirigiert eine im Detail funkelnde, transparente Salome. Mit dem aufmerksamen Sinfonieorchester Wuppertal, bei dem die allzu dominanten tiefen Bläser aus dem Gesamtklang herausfallen (so jedenfalls der Höreindruck im hinteren Parkett), sind die Verästelungen der Partitur sorgfältig ausmusiziert. Im Dreieck aus melodischem Fluss, dissonanter Schärfe und Dramatik bewegt sich Hahn etwa in der Mitte, was mitunter ein bisschen zu sehr nach Kompromiss klingt, der stimmlichen Disposition seiner Hauptdarstellerin allerdings entgegenkommt. Gleichwohl ist die Aufführung nicht nur szenisch, sondern auch musikalisch durchweg von großer Spannung. In der flirrenden Schlussszene mit Salomes langem Monolog findet Hahn dann zu faszinierenden, gleichsam unirdischen Klangfarben, denen man noch viel länger hätte zuhören mögen.


FAZIT

Andrea Schwalbach inszeniert eine genau ausgearbeitete, fesselnde Salome ohne interpretatorischen Überbau. Szenisch wie musikalisch mitreißend.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
* Patrick Hahn /
Johannes Witt

Inszenierung
Andrea Schwalbach

Bühne und Kostüme
Britta Leonhardt

Choreographie
Kati Farkas

Dramaturgie
Laura Knoll



Sinfonieorchester Wuppertal


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Herodes
Matthias Wohlbrecht

Herodias
Gundula Hintz

Salome
Helena Juntunen

Jochanaan
Michael Kupfer-Radecky

Narraboth
Sangmin Jeon

Ein Page der Herodias
Edith Grossmann

Erster Jude
Merlin Wagner

Zweiter. Jude
Sehyuk Im

Dritter Jude
Jaroslaw Nowaczek

Vierter Jude
Sergio Augusto

Fünfter Jude
Oliver Weidinger

Erster Nazarener
* Erik Rousi /
Philip Kranjc

Zweiter Nazarener
Yancheng Chen

Erster Soldat
Andreas Heichlinger

Zweiter Soldat
Oliver Weidinger

Ein Cappadocier
* Eric Rousi /
Hagen-Boar Bornmann



Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



Da capo al Fine

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