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Warum Salome den Kopf des Komponisten forderte
Von Stefan Schmöe / Fotos © Monika Rittershaus Was mag Pauline Strauss-de Ahna empfunden haben, als sie am 4. November 1924, also fast auf den Tag genau 100 Jahre vor diesem Premierenabend, an der Seite ihres Gatten Richard die Uraufführung von dessen neuestem Bühnenwerk Intermezzo erlebte - und (angeblich weitgehend nichtsahnend) auf der Bühne eine Episode aus ihrem nicht unproblematischen Eheleben vorgespielt bekam? Und sich selbst als Bühnenfigur erleben musste, kapriziös und launisch bis zur Hysterie? Im Stück reist der Hofkapellmeister Robert Storch nach tränen- wie vorwurfsreichem Abschied für zwei Monate nach Wien. Von dort erreicht die zurückgelassene Gattin Christine irrtümlich ein Telegramm einer gewissen Mieze Meier, die auf ein Treffen in einer Bar anspielt - aber wohl nicht so genau hingehört hat, welchem Dirigenten sie ihre Liebesdienste angetragen hatte und deshalb dem falschen die Nachricht zukommen ließ. Ganz ähnlich hatte es sich 20 Jahre zuvor tatsächlich zugetragen. Ein Stoff für die Regenbogenpresse, aus dem Richard Strauss selbst das Textbuch erstellte und vertonte. Die Reaktionen waren zwiegespalten. "Das Studium der Partitur beglückte mich, da die musikalische Faktur des Werkes eine Sorgfalt der Arbeit und eine Meisterschaft aufweist, die den Musiker fesseln müssen. Weniger wollte mir der Exhibitionismus des von Richard Strauss selbst verfaßten, auf eigenen Erlebnissen basierenden Librettos gefallen", äußerte später der Urauführungsdirigent Fritz Busch. Womit wir wieder bei der eingangs gestellten Frage sind: Wie hat wohl Pauline auf diese musiktheatralischen Enthüllungen reagiert?
Pauline de Ahna war vor ihrer Hochzeit mit Richard Strauss eine gefeierte Solistin - und so singt sie, verkörpert von Maria Bengstsson, noch vor der ersten Szene eines der Lieder, die Strauss für sie komponiert hat. Am Flügel begleitet Dirigent Patrick Hahn, und wichtige Frauengestalten aus den Opern von Straus schauen im Hintergrund zu.
Regisseur Axel Ranisch spielt genau diese Situation in seiner Neuinszenierung an der Semperoper durch und setzt das Ehepaar Strauss, sehr charmant verkörpert durch Katharina Pittelkow und Erik Brünner (mit frappierender Ähnlichkeit zu Lotte Lehmann und Josef Correck, den Protagonisten der Uraufführung) noch einmal in die Loge. Jedenfalls beinahe, denn man sieht das Paar in Teilen des ersten Aktes parallel zur Bühnenhandlung in einer Videosequenz (Falk Runge) auf ihren Logenplätzen, bis Pauline wutentbrannt aufspringt und ins Foyer hinausstürzt (leider ist die Leinwand mit dem Video dem Vernehmen nach von den oberen Rängen nur halb zu sehen). Gleichzeitig erzählt Ranisch die Geschichte im reduzierten, aber wirkungsvollen Bühnenbild (Saskia Wunsch) mit gezeichneten Raumelementen mit Jugendstildekor. Die Schwarzweiß-Optik (auch im Video) versetzt nostalgisch in die Entstehungszeit des Werkes zurück. Mit liebevoller Personenregie zeigt Ranisch ein Paar, hinter dessen poltrigen Streitigkeiten immer die wechselseitige Zuneigung spürbar ist. Maria Bengtsson mit quirlig-silbrigem, flexibel auf die Situation reagierendem und wandlungsfähigem Sopran und Christoph Pohl mit elegantem, nuanciert gestaltendem und nie vordergründig auftrumpfendem Bariton singen und spielen großartig und mit vielen Zwischentönen.
Familienleben im Hause Strauss, die in der Oper Storch heißt: Christine und Robert. Auf der Leinwand betrachten Pauline und Richard Strauss das Bühnengeschehen.
Dazu kommen James Lay mit draufgängerisch schwärmerischem Tenor als jugendlicher Baron Lummer, der am Körper und wohl noch mehr am Geld der Kapellmeistergattin interessiert ist (in der Oper ohne Erfolg) und Uta Selbig als hinreißend stoische, klangschöne Bedienstete Anna, und auch die kleinen Partien sind durchweg ausgezeichnet besetzt. Im Graben lässt die durchweg famos spielende Staatskapelle unter der Leitung von Patrick Hahn, Generalmusikdirektor in Wuppertal, den spritzigen Konversationston dieser meist kleinteiligen Musik mit der nötigen Transparenz erklingen und folgt flexibel den vielen plötzlichen Stimmungswechseln. Immer wieder zitiert Strauss sich selbst, weniger mit konkreten Motiven, sondern mehr mit dem spezifischen Charakter einzelner Passagen: Dieser Takt könnte im Rosenkavalier, der nächste in der Elektra, dann wieder einer in der Frau ohne Schatten stehen. Hahn trifft sehr schön einen Tonfall, der diese meist lyrischen Elemente ohne falsche Süße organisch in den musikalischen Zusammenhang einbindet.
Christine sieht sich den Nachstellungen des jungen Baron Lummer ausgesetzt.
An dieser Inszenierung dürfte Pauline jedenfalls gefallen, dass sie als eigenständige Künstlerin gefeiert wird: Noch vor dem ersten Ton der Oper singt ihr Opern-alter-ego Christine auf der Bühne, am Flügel begleitet von Patrick Hahn, das Lied Cäcilie op. 27/2, das Strauss seiner Ehefrau zur Hochzeit schenkte. Aber Pauline wird auch zur Muse, zur siebenfachen gar, die den Komponisten zu seinen großen Frauengestalten inspiriert. Sieben Tänzerinnen mit der gleichen Frisur wie Christine, aber in den Kostümen von Freihild (aus der Oper Guntram - Pauline de Ahna, bis zur Hochzeit mit Strauss höchst erfolgreiche Sängerin, sang die Partie bei der Uraufführung 1894), Salome, Elektra, Rosenkavalier-Marschallin, Danae, Arabella und der ägyptischen Helena bevölkern die Bühne. Eingeführt werden sie nach und nach in Videosequenzen als bewegte Scherenschnitte mit rollentypischen Accessoires. So schwingt Elektra die Axt zu Christines Eifersuchtsanfall, und Salome trägt einen abgeschlagenen Kopf mit sich (aber nicht den des Propheten Jochanaan, sondern den von Richard Strauss). Das schafft eine Reihe von oft witzigen und klugen Querbezügen, wird allerdings von der Regie überstrapaziert. Wenn das Ehepaar Strauss dann auch noch leibhaftig auf der Bühne erscheint anstatt im Film (und - ein Unding - in die Orchesterzwischenspiele hineinspricht, als seien diese nicht wichtig), neigt die Inszenierung zu einem anstrengenden Aktionismus, der gar nicht nötig wäre.
Skandal! Aufgrund eines (falsch adressierten) Briefes teilt Christine dem Notar (vorn) ihren Entschluss mit, sich scheiden zu lassen.
Letztendlich aber geht das Konzept trotz dieser kleinen Abstriche gut auf und weitet den Blickwinkel von der etwas peinlich-kleinkarierten Ehegeschichte auf die Beziehung von Richard Straus und Pauline de Ahna im Gesamten. In der Videosequenz, in der die Guntram-Freihild vorgestellt wird, fordert Pauline den Komponisten auf: "Komponier' endlich was, das nicht nach Wagner klingt". Daran hat Strauss sich bekanntlich gehalten und stieg zum wichtigsten deutschen Opernkomponisten am Beginn des 20. Jahrhunderts auf. Ohne eine starke Frau an seiner Seite, so erzählt es die Inszenierung (und diese Einsicht dürfte Pauline gefallen), wäre das womöglich nicht so gekommen.
Das Regieteam um Axel Ranisch erzählt Intermezzo in der geschickt angedeuteten Ästhetik der 1920er-Jahre kurzweilig und unterhaltsam und gewinnt der merkwürdigen Handlung um das Privatleben des Komponisten noch ein paar kluge Einsichten ab. Musikalisch großartig. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Video
Choreographie
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der Premiere
Christine
Hofkapellmeister Robert Storch
Anna
Baron Lummer
Der Notar
Die Frau des Notars
Ein Kapellmeister
Ein Kommerzienrat
Ein Justizrat
Ein Kammersänger
Resi
Pauline
Richard
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