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Re-Creations

Choreographien von Mauro Bigonzetti, Merce Cunningham und Francesco Nappa

Rossini Cards
Choreographie von Mauro Bigonzetti, Musik von Gioachino Rossini

Rune
Choreographie von Merce Cunningham, Musik von Christian Wolff

Insideout
Choreographie von Francesco Nappa, Musik von Gesaffelstein, Climnoizer, Tom Waits, Andrew Bird, Akira Kosemura und Peter Broderick

Aufführungsdauer: ca. 2 h 10' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus am 28. Oktober 2023
(rezensierte Aufführung: 03.11.2023)


Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Drei verschiedene Handschriften

Von Thomas Molke / Fotos: Andreas Etter

Seit Beginn der Spielzeit hat Francesco Nappa die Leitung des Tanztheaters übernommen, nachdem die Stelle nach dem Wechsel der Ballettdirektorin Marguerite Donlon zu Beginn der Spielzeit 2021/2022 an das Theater Osnabrück einige Zeit vakant gewesen war. Der gebürtige Neapolitaner, der 2008 seine Karriere als freiberuflicher Künstler, Regisseur und Choreograph mit ausführlichen Recherchen zu Stil und Wurzeln im zeitgenössischen Tanz begann, hatte sich bereits in der Spielzeit 2018/2019 mit seiner Kreation zu Georg Friedrich Händels Wassermusik im Rahmen des Doppelabends Dido and Aeneas / Wassermusik vorgestellt (siehe auch unsere Rezension) und gab in der vergangenen Spielzeit seinen Einstand als designierter Ballettdirektor. Während er sich dabei unter dem Titel Und immer tanzt... Giselle einem regelrechten Klassiker des Handlungsballetts widmete (siehe auch unsere Rezension), startet er in die neue Spielzeit mit drei recht abstrakten Choreographien, die er unter dem Titel Re-Creations zusammenfasst. Darin hat die kleine Hagener Ballett-Compagnie die Möglichkeit, sehr verschiedene Tanzstile des modernen Ausdruckstanzes in Neuadaptionen von drei Kreationen zu präsentieren, die sich in den Handschriften der Choreographen stark unterscheiden und damit ein weites Spektrum abbilden.

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Lebensfreude pur bei Rossini Cards (Ensemble)

Den Anfang macht Rossini Cards von Mauro Bigonzetti, der von 1997 bis 2007 als künstlerischer Leiter die Geschicke des "Aterballetto" lenkte und gestaltete und damit nicht unwesentlich zu dem Ruf beigetragen hat, den sich diese Compagnie auch international erworben hat. Rossini Cards wurde 2004 in Modena uraufgeführt und war seitdem auf zahlreichen Bühnen auf der ganzen Welt zu erleben, unter anderem bereits zweimal in Dortmund. 2008 stand das Stück dort unter dem Titel Stars and Steps zusammen mit einer Choreographie von George Balanchine auf dem Programm. Dann wurde es erneut 2013 im Rahmen des Bigonzetti-Doppelabends Bella vita präsentiert. In mehreren Szenen wird zur Musik von Gioachino Rossini hier die ganze Bandbreite von Tanzkomödie bis zu einer geheimnisvollen Todessehnsucht präsentiert, die sich in den recht unterschiedlichen Kompositionen des Schwans von Pesaro ausdrückt. Es beginnt mit dem "Trauerweidenlied" aus Otello, das Itxaso Etxeberria am Klavier aus dem halb hochgefahrenen Orchestergraben eindringlich interpretiert. Dazu treten 10 Tänzerinnen und Tänzer in schwarzen Anzügen an die Rampe und lauschen andächtig den Klängen der Musik. Plötzlich legt ein Tänzer seine Kleider ab und lässt sich in den leeren Orchestergraben fallen.

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Skurrile Tisch-Manieren bei Rossini Cards (Ensemble)

Nach einem kurzen Schockmoment geht es dann komödiantisch weiter. Der Vorhang hebt sich und zeigt die Tänzerinnen und Tänzer in hautengen Kostümen an einer langen Tafel sitzen. Zu dem berühmten Sextett aus Rossinis Cenerentola, "Questo è un nodo avvillupato" karikieren sie in recht abgehackten Bewegungen aristokratischen Dünkel und punkten dabei durch große Homogenität und eine gehörige Prise Komik. Selbst nach dem Verklingen der Musik werden diese Bewegungen mechanisch weiter ausgeführt, während sich ein schwarzer Vorhang allmählich senkt. Eine Tänzerin und ein Tänzer schlüpfen unter dem herabfallenden Vorhang hervor und präsentieren ein bewegendes Pas de deux zu einem Stück aus Rossinis Péchés de vieillesse, das erneut live am Klavier von Etxeberria begleitet wird. Während dieses Pas de deux mit akrobatischen Bewegungen größtenteils im Liegen gestaltet wird und eine recht depressive Stimmung transportiert, enthält das folgende Pas de trois dann wieder mehr komische Momente. Diese überwiegen auch bei der abschließenden Ouvertüre aus Rossinis La gazza ladra. In kraftvollen Sprüngen präsentiert sich das Ensemble zum leicht militärisch anmutenden Anfang, während die berühmte Oboen-Melodie, die man auch vielfach aus der Werbung kennt, von Hannah Law und Salvatore Piramide mit viel Humor gesanglich untermalt wird. Piramide begleitet zunächst die getragenen Passagen mit tiefer Stimme, während Law die schnellen Töne mitschnattert. Anschließend tauschen die beiden dabei noch die Rollen. Zum Ende der Ouvertüre tragen alle Tänzerinnen und Tänzer wieder die Kostüme vom Anfang. Jetzt stehen sie allerdings nicht mehr an der Rampe, sondern rennen quer über die Bühne, bis sie sich am Schluss in den Orchestergraben fallen lassen. Nur der Tänzer vom Anfang hält an der Rampe inne und bleibt allein auf der Bühne zurück.

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Abstrakter Tanz bei Rune (von links: Hannah Law und Carolina Verra)

Im Anschluss geht es mit einem regelrechten Klassiker des modernen Tanzes weiter. Der Titel ist so geheimnisvoll wie die Aussage des Stückes: Rune. Merce Cunningham schuf diese Choreographie 1959 für die Merce-Cunningham-Dance-Company. Einstudiert wird das Stück von Daniel Squire, der selbst lange Zeit in dieser Company tanzte. Rune ist ein knapp halbstündiges Stück für zwei Tänzer und vier Tänzerinnen. Die Musik stammt nicht von Cunninghams Lebens- und Arbeitspartner John Cage, sondern von Christian Wolff und wird in Hagen von Itxaso Etxeberria und Alberto Carnevale Ricci an zwei Klavieren begleitet. Das Stück besteht aus insgesamt fünf Teilen, in denen die Tänzerinnen und Tänzer in jeweils unterschiedlichen Konstellationen auftreten. Im Hintergrund sieht man eine Wand, die an eine Tapete mit zahlreichen verschnörkelten Blumenornamenten erinnert. Während der einzelnen Teile wird diese Rückwand in unterschiedlichen Farben angestrahlt, so dass auch lichttechnisch verschiedene Atmosphären entstehen. Die Musik von Christian Wolff wirkt sehr verstörend und gewährt eigentlich keinen direkten Zugang zu dem Geschehen auf der Bühne. Die Bewegungen sind sehr abstrakt und führen die Tänzerinnen und Tänzer bis an die Grenzen ihres Ausdrucks.

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Von innen nach außen: Yu-Hsuan (Mia) Hsu (Mitte) mit dem Ensemble in Insideout

Für den dritten Teil nach der Pause zeichnet dann Nappa höchstpersönlich verantwortlich. Die Choreographie Insideout entstand 2018 für das Pfalztheater Kaiserslautern. Zu größtenteils elektronischer Musik, die Nappa zusammengestellt hat, kreist das Stück um die Frage nach der eigenen Identität und der damit einhergehenden Unsicherheit. Nappa hat dafür einen nahezu utopischen Raum geschaffen. Die Rückwand ist mit langen silbrig glänzenden Streifen gestaltet, die ein wenig an Alufolie erinnern. Am Anfang treten eine Tänzerin und ein Tänzer an zwei Mikrophone, die aus dem Schnürboden herabgelassen sind. Durch Masken vor ihrem Gesicht wirken die beiden Figuren absolut entfremdet. Sie begeben sich auf die Suche nach sich selbst und durchlaufen dabei zahlreiche Stationen. In kraftvollen Bewegungen bilden die neun Tänzerinnen und Tänzer mal zur elektronischen Musik eine homogene Masse und zerfallen dann wieder in einzelne Individuen, die ihren Weg verloren haben. Am Ende erscheint eine Tänzerin, die ein silbernes Kleid trägt, das im Stoff an die Rückwand erinnert. Sie verschmilzt gewissermaßen mit dem Raum. Das Innere kommt damit nach außen. Während das zweite Stück das Publikum ein wenig irritiert zurücklässt, findet man im letzten Teil wieder einen verständlicheren Zugang zu dem Geschehen auf der Bühne.

Die Tänzerinnen und Tänzer leisten Gewaltiges auf der Bühne und überzeugen in allen drei Choreographien durch präzise Umsetzungen, so dass sie vom Publikum mit großem Jubel und teilweise stehenden Ovationen gefeiert werden.

FAZIT

Die Begeisterung des Publikums unterstreicht die Bedeutung, die die Tanzsparte in Hagen hat. Die Tänzerinnen und Tänzer zeigen eine große Bandbreite des modernen Ausdruckstanzes.



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Produktionsteam

Rossini Cards

Choreographie, Bühne und Kostüme
Mauro Bigonzetti

Einstudierung
Vincenzo Capezzuto

Licht
Carlo Cerri

 

Klavier
*Itxaso Etxeberria /
Alberto Carnevale Ricci

Tänzerinnen und Tänzer

*rezensierte Aufführung

Duett
Hannah Law /
*Carolina Verra
Matteo Castelletta /
*Stefano Milione

Trio
*Yu-Hsuan (Mia) Hsu /
Hannah Law /
*Evan Inguanez /
Matteo Castelletta
Salvatore Piramide /
Antoine Luc Koutchouk Charbonneau /
*Raul Vazquez Fernandez

Gesang
Hannah Law
Salvatore Piramide

Ensemble
Matteo Castelletta
Julie Endo
Yu-Hsuan (Mia) Hsu
Evan Inguanez
Antoine Luc Koutchouk Charbonneau
Hannah Law
Stefano Milione
Salvatore Piramide
Maria Sayrach-Baró
Raul Vazquez Fernandez
Carolina Verra

 

Rune

Choreographie
Merce Cunningham

Einstudierung
Daniel Squire

Bühne und Licht
Mark Lancaster

Kostüme
Suzanne Gallo
nach Robert Rauschenberg

 

Klavier
Itxaso Etxeberria
Alberto Carnevale Ricci

Tänzerinnen und Tänzer

*rezensierte Aufführung

Matteo Castelletta
*Yu-Hsuan (Mia) Hsu
*Evan Inguanez
*Hannah Law
*Stefano Milione
Salvatore Piramide
*Maria Sayrach-Baró
Raul Vazquez Fernandez
*Carolina Verra
Julie Endo
Yu-Hung (Phoebe) Huang
Antoine Luc Koutchouk Charbonneau

 

Insideout

Choreographie, Bühne, Kostüme und Licht
Francesco Nappa

Einstudierung und künstlerische Mitarbeit
Giulia Insinna

 

Tänzerinnen und Tänzer

*rezensierte Aufführung

Matteo Castelletta
*Yu-Hsuan (Mia) Hsu
*Evan Inguanez
*Hannah Law
*Stefano Milione
*Salvatore Piramide
*Maria Sayrach-Baró
*Raul Vazquez Fernandez
*Carolina Verra
Julie Endo
*Antoine Luc Koutchouk Charbonneau
 


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Theater Hagen
(Homepage)




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