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Ein bereichernder Beitrag zur Reihe MYTHOLOGIE KOMPAKT Von Gerhard Menzel / Fotos von Eduard Straub Alessandro Scarlattis Oper Telemaco war die zweite große Premiere, die die Deutsche Oper am Rhein an einem Wochenende herausbrachte. Alleine zwei Premieren auf ein Wochenende zu terminieren ist schon recht arbeitsintensiv. Wenn eine davon auch noch das gewaltige Werk der Trojaner von Hector Berlioz ist, könnte man schon geneigt sein, an der Zurechnungsfähigkeit des Leitungsteams eines Hauses zu zweifeln. Aber hier hatte natürlich alles einen Sinn und ist konzeptionell eingebunden in eine Reihe namens MYTHOLOGIE KOMPAKT. In dieser kamen in kürzester Zeit nicht nur die Trojaner und der Telemaco zur Aufführung, sondern auch Offenbachs Die schöne Helena. Obwohl diese normalerweise das Zeug dazu hat, ein Publikumsrenner zu sein und für volle Häuser und damit für gute Einnahmen zu sorgen, kam sie nur.in einer Bonsai-Produktion für jeweils ca. 150 Zuschauer auf die Bühne des Duisburger Hauses - übrigens im Anschluß an den ersten Teil und im Bühnenbild der Trojaner (unsere Rezension der Trojaner und der schönen Helena). Natürlich waren an den beiden Produktionen zwei völlig verschiedene künstlerische Ensembles beteiligt, aber für alle Arbeiten "hinter der Bühne" bedeutete es ein riesiges Maß an Koordination und Konzentration, auch wenn der Telemaco eine Koproduktion mit den Schwetzinger Festspielen ist.
Corby Welch (Telemaco)
Klangbeispiel:
Corby Welch (Telemaco)
(MP3-Datei)
Die Oper Telemaco von Alessandro Scarlatti (1660-1725) wurde während der Karnevalsaison 1718 im römischen Teatro Capranica uraufgeführt und war eine der erfolgreichsten Opern seiner Zeit. Alessandro Scarlatti, der sich Zeit seines Lebens eines ausgezeichneten Rufes erfreute, gilt zwar bis heute als dominierende Persönlichkeit des italienischen Hochbarock, doch die Aufführung seiner Werke sind heute immer noch Raritäten. Dabei schrieb Scarlatti eine große Anzahl von Kompositionen der verschiedensten Gattungen, darunter alleine 114 Opern. Telemaco ist die drittletzte seiner Opern und wird - neben Griselda - als das gelungenste Werk seiner späten Opernschaffensphase angesehen. Außer dem "erhabenem Pathos von antiker Größe" werden vor allem sein Melodienreichtum, die Vielfalt der Charaktere in den da capo-Arien und die Farbenpracht des außerordentlich kunstvoll konzipierten, dichten und kontrapunktisch durchstrukturierten Orchestersatzes gerühmt. Der Librettist Carlo Sigismondo Capece, zählt zu den bedeutendsten Literaten, die an der Wende zum 18. Jahrhundert in Rom wirkten. Telemaco ist Capeces letztes Werk für das Musiktheater. Der Odyssee Homers entnommen, der die Abenteuer des Odysseus und seines Sohnes Telemaco ausgiebig beschrieb, formte er in Anlehnung an Fénelons Bildungsroman Telemachs Abenteuer ein Intrigenspiel mit einer Vielzahl von Verwicklungen und Verwirrungen.
Die Geschichte beginnt mit einem schrecklichen Sturm: Neptun, Beherrscher der Meere und Erbauer Trojas, fordert wutentbrannt das Leben Telemachs, stellvertretend für das seines Vaters Odysseus, der Troja in Schutt und Asche gelegt hat.
Ekatarina Morozova (Calypso) und Alexandra von der Weth (Erifile) 287 Jahre nach seiner Entstehung erlebte Telemaco im Sommer 2005 - als Auftakt der Schwetzinger Festspiele - seine deutsche Erstaufführung und wurde sogar als "Wiederentdeckung des Jahres 2005" gefeiert. Thomas Hengelbrock hatte das Werk in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien entdeckt und neu redigiert. Unter seiner musikalischen Leitung sorgte er in Schwetzingen mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble für eine prachtvoll leuchtende Wiederentdeckung für das Musiktheater.
Mariselle Martinez (Adrasto) und Für die Düsseldorfer Premiere dieser Koproduktion mit den Schwetzinger Festspielen standen zwar noch vier Solisten zur Verfügung, die auch bei der deutschen Erstaufführung in Schwetzingen mitgewirkt hatten (darunter auch der Sänger der Titelpartie), für die übrigen Partien, das Orchester und vor allem für den musikalischen Leiter der Produktion mussten dagegen neue, entsprechend kompetente Interpreten gefunden werden. Durch seine hervorragenden Arbeiten innerhalb des Monteverdi-Zyklus' der Deutschen Oper am Rhein, hatte sich Andreas Stoehr dafür geradezu empfohlen (Il ritorno d'Ulisse in Patria, L'incoronazione di Poppea). Zusammen mit Mitgliedern der Düsseldorfer Symphoniker erarbeitet er Scarlattis Partitur in möglichst historisierender Spieltechnik, was für viele Symphoniker die Beschäftigung mit einer völlig neuen Art des Musizierens bedeutete (der Monteverdi-Zyklus wurde nämlich seinerzeit mit einem Spezialisten-Ensemble für Alte Musik zur Aufführung gebracht). Erste technische Maßnahmen dafür waren die Besaitung der Streichinstrumente mit Darmsaiten und die Anschaffung adäquater Bögen. Für die kanglich üppige Continuogruppe mit Lauten, Mandoline, Viola da gamba, Harfe, Cembalo und Orgel waren dagegen Spezialisten der der Alten Musik engagiert worden. Das Klangergebnis, das Andreas Stoehr schon bei dieser ersten "hauseigenen" orchestralen Auseinandersetzung mit der barocken Aufführungspraxis erreichte, war schon sehr erstaunlich. Offensichtlich fielen seine Bemühungen um ein neuartiges Klangbild bei den Düsseldorfer Symphonikern auf äußerst fruchtbaren Boden. Die Musik Scarlattis erklang drahtig', obertonreich, vital und für die Größe des Hauses dennoch sehr resonant. Wenn es auch noch an Einzelheiten und Details zu feilen und auszubessern gilt, gelang Andreas Stoehr mit seinen Instrumentalisten eine sehr hörenswerte, differenzierte und lebendig gestaltete Interpretation.
Torsten Hofmann (Tersite) und Romana Noack (Silvina)
Scarlattis Telemaco erklang allerdings nicht nur in den Rezitativen kräftig zusammengestrichen, sondern auch 16 Arien und ein Duett fielen dem Rotstift zum Opfer, um auf eine Aufführungsdauer von etwa dreieinhalb Stunden zu kommen (eine Pause folgt nach der 7. Szene des 2. Aktes). Die zeitlichen Ausmaße dieses Werkes sind mit denen von Berlioz' Trojanern also durchaus vergleichbar. Da dieser Telemaco an der Deutschen Oper am Rhein aber ausschließlich im Repertoire gegeben wird und nicht als Bestandteil eines exklusiven Festivals aufgeführt wird, ist diese zurechtgestutzte Version durchaus vertretbar und gibt dadurch dem "normalen" Opernpublikum die Möglichkeit, den Horizont von Werken aus dem Barock wieder etwas zu erweitern.
Zu den vier Solisten, die auch schon bei der deutschen Erstaufführung in Schwetzingen mit dabei waren, gehörten Corby Welch in der Titelpartie des Telemaco, dessen Tenor am Besten in den lyrischen Passagen zur Geltung kam, und Kresimir Spicer in den drei Partien des Mentore, Nettuno und Ombra, der seinen kräftigen Tenor allerdings mitunter etwas zu wild wuchernd einsetzte. Alle anderen in Düsseldorf neu besetzten Partien wurden von Ensemblemitgliedern der Deutschen Oper am Rhein übernommen. Ekatarina Morozova als eifersüchtige und rachelüsterne Zauberin Calypso musste all ihre stimmlichen und darstellerischen Mittel einbringen, um die besonders szenisch ungeheuer präsente und vor allem in den lyrischen Passagen glänzende Alexandra von der Weth als Erifile bzw. Antiope in die Schranken weisen zu können. Zu dem sängerisch und spielerisch gut aufgelegten und harmonierenden Buffo-Paar Torsten Hofmann (Tersite) und Romana Noack (Silvina), gesellte sich noch Theresa Plut in der kleinen Partie der (fliegenden) Minerva.
Ekatarina Morozova (Calypso) und Lukas Hemleb inszenierte das heftige Liebes- und Ränkespiel im Wesentlichen am Text entlang, um das zum Teil wirre Geschehen so deutlich wie möglich zu machen. Er bediente sich dabei oft einer zugespitzten Personenführung, die die Protagonisten in den meisten Fällen überzeugend umsetzten. Die an sich karge Bühne von Jane Joyet wurde sowohl durch optisch reizvolle Spiegel- und Lichteffekte (Xavier Baron), als auch durch verschiedene Leinwände mit Meerespanoramen, antikisierende Architekturfragmente, Küsten- und Waldlandschaften geprägt. Trotz der oft modern anmutenden Bilder huldigte Jane Joyets damit dem barocken Maschinentheater und vermochte durch sie auch ästhetische Akzente zu setzen. Von den die Figuren gut charakterisierenden Kostümen von Julie Scobeltzine war vor allem das aufwändige Pfauenoutfit der Zauberin Calypso eine Augenweide.
Mit dieser Produktion des Telemaco ist die Deutsche Oper am Rhein auf einem guten Weg, sich nach Zürich, München oder Halle - und seit einigen Jahren auch Gelsenkirchen und Essen - in die Reihe der Opernhäuser einzureihen, deren "Hausorchester" sich mit der historischen Spieltechnik des barocken Repertoire ernsthaft und erfolgreich auseinandersetzen. Weiter so ! Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Dramaturgie
Laute
Mandoline
Viola da gamba
Harfe
Orgel
Cembalo SolistenCalypsoEkatarina Morozova
Erifile
Telemaco
Adrasto
Sicoreo
Mentore / Nettuno / Ombra
Tersite
Silvina
Minerva
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