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Musiktheater
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Telemaco
Melodramma in tre atti
von Carlo Sigismondo Capece
Musik von Alessandro Scarlatti


In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 45' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Düsseldorf am 30. Oktober 2005

Koproduktion der Schwetzinger Festspiele GmbH
mit der Deutschen Oper am Rhein, Theatergemeinschaft Düsseldorf-Duisburg GmbH.
Deutsche Erstaufführung am 1. Mai 2005, 19.30 Uhr, Rokokotheater Schwetzingen


Homepage

Deutsche Oper am Rhein
(Homepage)
Ein bereichernder Beitrag zur Reihe
MYTHOLOGIE KOMPAKT


Von Gerhard Menzel / Fotos von Eduard Straub

Alessandro Scarlattis Oper Telemaco war die zweite große Premiere, die die Deutsche Oper am Rhein an einem Wochenende herausbrachte. Alleine zwei Premieren auf ein Wochenende zu terminieren ist schon recht arbeitsintensiv. Wenn eine davon auch noch das gewaltige Werk der Trojaner von Hector Berlioz ist, könnte man schon geneigt sein, an der Zurechnungsfähigkeit des Leitungsteams eines Hauses zu zweifeln. Aber hier hatte natürlich alles einen Sinn und ist konzeptionell eingebunden in eine Reihe namens MYTHOLOGIE KOMPAKT. In dieser kamen in kürzester Zeit nicht nur die Trojaner und der Telemaco zur Aufführung, sondern auch Offenbachs Die schöne Helena. Obwohl diese normalerweise das Zeug dazu hat, ein Publikumsrenner zu sein und für volle Häuser und damit für gute Einnahmen zu sorgen, kam sie nur.in einer Bonsai-Produktion für jeweils ca. 150 Zuschauer auf die Bühne des Duisburger Hauses - übrigens im Anschluß an den ersten Teil und im Bühnenbild der Trojaner (unsere Rezension der Trojaner und der schönen Helena).

Natürlich waren an den beiden Produktionen zwei völlig verschiedene künstlerische Ensembles beteiligt, aber für alle Arbeiten "hinter der Bühne" bedeutete es ein riesiges Maß an Koordination und Konzentration, auch wenn der Telemaco eine Koproduktion mit den Schwetzinger Festspielen ist.

Vergrößerung

Corby Welch (Telemaco)
und Kresimir Spicer (Mentore)

Klangbeispiel Klangbeispiel: Corby Welch (Telemaco)
(MP3-Datei)


Die Oper Telemaco von Alessandro Scarlatti (1660-1725) wurde während der Karnevalsaison 1718 im römischen Teatro Capranica uraufgeführt und war eine der erfolgreichsten Opern seiner Zeit. Alessandro Scarlatti, der sich Zeit seines Lebens eines ausgezeichneten Rufes erfreute, gilt zwar bis heute als dominierende Persönlichkeit des italienischen Hochbarock, doch die Aufführung seiner Werke sind heute immer noch Raritäten. Dabei schrieb Scarlatti eine große Anzahl von Kompositionen der verschiedensten Gattungen, darunter alleine 114 Opern. Telemaco ist die drittletzte seiner Opern und wird - neben Griselda - als das gelungenste Werk seiner späten Opernschaffensphase angesehen. Außer dem "erhabenem Pathos von antiker Größe" werden vor allem sein Melodienreichtum, die Vielfalt der Charaktere in den da capo-Arien und die Farbenpracht des außerordentlich kunstvoll konzipierten, dichten und kontrapunktisch durchstrukturierten Orchestersatzes gerühmt.

Der Librettist Carlo Sigismondo Capece, zählt zu den bedeutendsten Literaten, die an der Wende zum 18. Jahrhundert in Rom wirkten. Telemaco ist Capeces letztes Werk für das Musiktheater. Der Odyssee Homers entnommen, der die Abenteuer des Odysseus und seines Sohnes Telemaco ausgiebig beschrieb, formte er in Anlehnung an Fénelons Bildungsroman Telemachs Abenteuer ein Intrigenspiel mit einer Vielzahl von Verwicklungen und Verwirrungen.

Die Geschichte beginnt mit einem schrecklichen Sturm: Neptun, Beherrscher der Meere und Erbauer Trojas, fordert wutentbrannt das Leben Telemachs, stellvertretend für das seines Vaters Odysseus, der Troja in Schutt und Asche gelegt hat.
Telemach erleidet Schiffbruch und strandet auf der Insel der Zauberin Calypso, der langjährigen Geliebten von Odysseus. Calypso verliebt sich in ihn, obwohl sie von ihrem Vater dem Fürsten von Korinth, Adrasto, versprochen wurde.
Telemach, von Minerva dazu bestimmt, Antiope, die Tochter Idomeneus zu heiraten, verliebt sich seinerseits in Calypsos Sklavin Erifile, die wiederum von Calypsos Bruder Sicoreo begehrt wird, der sie einst zur Sklavin gemacht hatte.
Was Telemach zunächst nicht weiß, ist, dass Erifile in Wirklichkeit Antiope ist.
Nach zahlreichen, stark emotional geprägten Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Protagonisten - zu denen sich noch ein an den Geschehnissen ansonsten unbeteiligtes (Diener-) Paar gesellt - kommt es dann doch noch zu dem von den Göttern geplanten lieto fine / Happy-End.

Vergrößerung Ekatarina Morozova (Calypso) und
Alexandra von der Weth (Erifile)

287 Jahre nach seiner Entstehung erlebte Telemaco im Sommer 2005 - als Auftakt der Schwetzinger Festspiele - seine deutsche Erstaufführung und wurde sogar als "Wiederentdeckung des Jahres 2005" gefeiert. Thomas Hengelbrock hatte das Werk in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien entdeckt und neu redigiert. Unter seiner musikalischen Leitung sorgte er in Schwetzingen mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble für eine prachtvoll leuchtende Wiederentdeckung für das Musiktheater.

Vergrößerung

Mariselle Martinez (Adrasto) und
Ekatarina Morozova (Calypso)

Für die Düsseldorfer Premiere dieser Koproduktion mit den Schwetzinger Festspielen standen zwar noch vier Solisten zur Verfügung, die auch bei der deutschen Erstaufführung in Schwetzingen mitgewirkt hatten (darunter auch der Sänger der Titelpartie), für die übrigen Partien, das Orchester und vor allem für den musikalischen Leiter der Produktion mussten dagegen neue, entsprechend kompetente Interpreten gefunden werden.

Durch seine hervorragenden Arbeiten innerhalb des Monteverdi-Zyklus' der Deutschen Oper am Rhein, hatte sich Andreas Stoehr dafür geradezu empfohlen (Il ritorno d'Ulisse in Patria, L'incoronazione di Poppea). Zusammen mit Mitgliedern der Düsseldorfer Symphoniker erarbeitet er Scarlattis Partitur in möglichst historisierender Spieltechnik, was für viele Symphoniker die Beschäftigung mit einer völlig neuen Art des Musizierens bedeutete (der Monteverdi-Zyklus wurde nämlich seinerzeit mit einem Spezialisten-Ensemble für Alte Musik zur Aufführung gebracht). Erste technische Maßnahmen dafür waren die Besaitung der Streichinstrumente mit Darmsaiten und die Anschaffung adäquater Bögen. Für die kanglich üppige Continuogruppe mit Lauten, Mandoline, Viola da gamba, Harfe, Cembalo und Orgel waren dagegen Spezialisten der der Alten Musik engagiert worden.

Das Klangergebnis, das Andreas Stoehr schon bei dieser ersten "hauseigenen" orchestralen Auseinandersetzung mit der barocken Aufführungspraxis erreichte, war schon sehr erstaunlich. Offensichtlich fielen seine Bemühungen um ein neuartiges Klangbild bei den Düsseldorfer Symphonikern auf äußerst fruchtbaren Boden. Die Musik Scarlattis erklang ‚drahtig', obertonreich, vital und für die Größe des Hauses dennoch sehr resonant. Wenn es auch noch an Einzelheiten und Details zu feilen und auszubessern gilt, gelang Andreas Stoehr mit seinen Instrumentalisten eine sehr hörenswerte, differenzierte und lebendig gestaltete Interpretation.

Vergrößerung Torsten Hofmann (Tersite) und
Romana Noack (Silvina)

Scarlattis Telemaco erklang allerdings nicht nur in den Rezitativen kräftig zusammengestrichen, sondern auch 16 Arien und ein Duett fielen dem Rotstift zum Opfer, um auf eine Aufführungsdauer von etwa dreieinhalb Stunden zu kommen (eine Pause folgt nach der 7. Szene des 2. Aktes). Die zeitlichen Ausmaße dieses Werkes sind mit denen von Berlioz' Trojanern also durchaus vergleichbar. Da dieser Telemaco an der Deutschen Oper am Rhein aber ausschließlich im Repertoire gegeben wird und nicht als Bestandteil eines exklusiven Festivals aufgeführt wird, ist diese zurechtgestutzte Version durchaus vertretbar und gibt dadurch dem "normalen" Opernpublikum die Möglichkeit, den Horizont von Werken aus dem Barock wieder etwas zu erweitern.

Zu den vier Solisten, die auch schon bei der deutschen Erstaufführung in Schwetzingen mit dabei waren, gehörten Corby Welch in der Titelpartie des Telemaco, dessen Tenor am Besten in den lyrischen Passagen zur Geltung kam, und Kresimir Spicer in den drei Partien des Mentore, Nettuno und Ombra, der seinen kräftigen Tenor allerdings mitunter etwas zu wild wuchernd einsetzte.
Gunther Schmid als Sicoreo überzeugte mit seiner zwar nicht großen, aber gut geführten, klar und hell timbrierten Altstimme ebenso sehr, wie die temperamentvolle und stimmgewaltige Mariselle Martinez mit ihrem üppig fließenden Mezzo als Adrasto.

Alle anderen in Düsseldorf neu besetzten Partien wurden von Ensemblemitgliedern der Deutschen Oper am Rhein übernommen. Ekatarina Morozova als eifersüchtige und rachelüsterne Zauberin Calypso musste all ihre stimmlichen und darstellerischen Mittel einbringen, um die besonders szenisch ungeheuer präsente und vor allem in den lyrischen Passagen glänzende Alexandra von der Weth als Erifile bzw. Antiope in die Schranken weisen zu können.

Zu dem sängerisch und spielerisch gut aufgelegten und harmonierenden Buffo-Paar Torsten Hofmann (Tersite) und Romana Noack (Silvina), gesellte sich noch Theresa Plut in der kleinen Partie der (fliegenden) Minerva.

Vergrößerung

Ekatarina Morozova (Calypso) und
Alexandra von der Weth (Erifile)

Lukas Hemleb inszenierte das heftige Liebes- und Ränkespiel im Wesentlichen am Text entlang, um das zum Teil wirre Geschehen so deutlich wie möglich zu machen. Er bediente sich dabei oft einer zugespitzten Personenführung, die die Protagonisten in den meisten Fällen überzeugend umsetzten. Die an sich karge Bühne von Jane Joyet wurde sowohl durch optisch reizvolle Spiegel- und Lichteffekte (Xavier Baron), als auch durch verschiedene Leinwände mit Meerespanoramen, antikisierende Architekturfragmente, Küsten- und Waldlandschaften geprägt. Trotz der oft modern anmutenden Bilder huldigte Jane Joyets damit dem barocken Maschinentheater und vermochte durch sie auch ästhetische Akzente zu setzen. Von den die Figuren gut charakterisierenden Kostümen von Julie Scobeltzine war vor allem das aufwändige Pfauenoutfit der Zauberin Calypso eine Augenweide.


FAZIT

Mit dieser Produktion des Telemaco ist die Deutsche Oper am Rhein auf einem guten Weg, sich nach Zürich, München oder Halle - und seit einigen Jahren auch Gelsenkirchen und Essen - in die Reihe der Opernhäuser einzureihen, deren "Hausorchester" sich mit der historischen Spieltechnik des barocken Repertoire ernsthaft und erfolgreich auseinandersetzen. Weiter so !


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Andreas Stoehr

Inszenierung
Lukas Hemleb

Bühne
Jane Joyet

Kostüme
Julie Scobeltzine

Licht
Xavier Baron

Dramaturgie
Klaus-Peter Kehr



Düsseldorfer Symphoniker

Laute
Joachim Held
Mike Fentross

Mandoline
Steffen Trekel
Katsia Prakopschyk

Viola da gamba
Imke David

Harfe
Joy Smith

Orgel
Stefan Horz

Cembalo
Motonori Kobayashi


Solisten

Calypso
Ekatarina Morozova

Erifile
Alexandra von der Weth

Telemaco
Corby Welch

Adrasto
Mariselle Martinez

Sicoreo
Gunther Schmid

Mentore / Nettuno / Ombra
Kresimir Spicer

Tersite
Torsten Hofmann

Silvina
Romana Noack

Minerva
Theresa Plut








Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Deutsche Oper am Rhein
(Homepage)



Da capo al Fine

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