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Die Glaubwürdigkeit von OperVon Christoph Wurzel
Acht Personen suchen - nein, keinen Autor, der steht schon fest -, sondern wohl eher so etwas wie ihre Identität. Sie betreten nach einander, die eine schüchtern, die andere ganz entschlossen, einen Fotoautomaten, der wohl auf einem Flughafen stehen muss. Vielleicht brauchen sie noch ein Passfoto für die bevorstehende Auslandsreise. Ihr Gepäck haben sie jedenfalls alle dabei. Es macht "klick" und als Foto erscheint für die Zuschauer gut zu erkennen ihr Portrait in einer der Rollen, die der Autor, eben Händel natürlich auch sein Librettist , ihnen zugedacht hat. Mit diesem Skript werden sie nun 3 1/2 Stunden leben und Einiges erleben müssen, ob es ihnen passt oder nicht. Mit Raymond Leppard hat man einen Altmeister der Barockmusik verpflichtet, damit aber keinen ausgewiesenen Apologeten der Originalklangszene, keinen Minkowski oder Jacobs, die zuletzt mit spannenden Giulio-Cesare-Versionen Beachtung fanden. Immerhin hat Stuttgart in punkto Barockoper einen Ruf zu verlieren, denkt man nur an den exzellenten Monteverdizyklus der vergangenen Jahre (siehe unsere Rezensionen zu Ulisse und Orfeo). Unberührt von den Diskussionen um den "Originalklang" (wie immer er auch verstanden werden will) hat Leppard dennoch eine durchaus nicht gestrige Händel-Auffassung mit dem Württembergischen Staatsorchester präsentiert. Ganz ohne missionarischen Eifer ist seine Aufführung geprägt von einer brillanten Spielkultur und allergrößter Klangschönheit, die er aus dem bravourös spielenden Stuttgarter Staatsorchester herausholt. Fein durchgearbeitet und warm empfunden ist jede Phrase, die obligaten Soloinstrumente präsentieren sich in hervorragender Spielkultur und souverän in Stimmung und Klang, seien es die Bläser (ein Genuss sind die Hörner in den Cesare-Arien) die Streicher oder die Harfe. Leppards bevorzugt zügige Tempi tragen die Sängerinnen und Sänger behutsam durch ihre Arien. Es ist ein moderater, aber doch auch tief empfindsamer Stil, den er anschlägt, weniger werden die dramatischen Eruptionen betont, mehr die lyrische Innerlichkeit. Dennoch wird etwa in den Arien des Achilla oder des Tolomeo der Ton von Wut oder der Rache nicht verfehlt. Insgesamt ist es zwar keine dem Mainstream verpflichtete Auffassung, aber eine von lichter Klarheit und zumeist leichter Schwingung. So kann Händel eben auch von einem konventionellen Orchester musiziert werden. Die Sängerinnen und Sänger, die nahezu alle aus dem eigenen Stuttgarter Ensemble stammen, erweisen sich als Meister des "bel canto". Als Cleopatra brilliert mit geläufiger Gurgel und zugleich zart lyrisch betont Catriona Smith und macht ihre Arien zu den ergreifenden Höhepunkten des Abends. Auch Helene Schneiderman als Cesare kann zahlreiche Glanzpunkte setzen und reiht die Koloraturen strahlend aneinander wie Perlen auf eine Kette, wenn sie auch an einigen Stellen in der Tiefe an ihre Grenzen kommt. Claudia Mahnke ist Sesto mit warm timbriertem Sopran und dem nötigen jugendlich stürmenden Elan. Die Stimme von Tichina Vaughn, zuletzt bewährt in Partien wie Azucena oder Waltraute, scheint für die Rolle der Cornelia doch etwas schwer und bisweilen unbeweglich zu sein, dennoch klangschön und ausdrucksstark singt auch sie. Helene Ranada ist mit ihrem starken Mezzo ein überragender Tolomeo. Markus Marquardt prägt mit intensivem Ausdruck und großer technischer Souveränität die Rolle des hinterhältigen Achilla. Die beiden Nebenrollen des Nireno und des Curio sind mit Maria Theresia Ullrich und Helmut Berger-Tuna ebenfalls in erster Güte besetzt. In seiner Einfachheit geradezu genial ist der Bühnenbildentwurf von Olaf Altmann. Im ersten Teil beherrscht ein schwarzer quadratischer Kubus die Szene. Dieser Raum lässt manche Spekulation offen über das, was sich darinnen befindet. Nur mittels Türen lässt sich stückweise Einblick gewinnen. In einer Szene rieselt Sand heraus, wenn Cesare die Seele des Pompeius betrauert ("So schwindet endlich des Menschen Herrlichkeit...") und es zeigt sich die Kraft des Regisseurs zu starken symbolischen Bildern. In der Arie Cesares, in der er sich seiner Verfolgung bewusst wird ("Still und verborgen schleicht der Jäger..."), ermöglicht das Kreisen des Kubus auf der Drehbühne starke Effekte, indem durch das Hineinschleichen der Jäger oder das Herausstürzen des Gejagden durch die verschiedenen Türen eine fast slapstickhafte Komik entsteht. Niemals in der ganzen Aufführung herrscht Statik, an jeder Stelle, vor allem in den Arien, belebt Kusej das Geschehen mit sinnfälliger Gestik und Aktion, immer im Gleichgewicht zwischen tiefer Betroffenheit und witziger Ironisierung. Zu der Verführungsszene Cleopatras alias Lydia ("Hat dich die Liebe entflammt, so erwartet sie dich in ihren Gemächern") öffnet sich das Geheimnis der Black Box. Die Wände werden heraufgezogen und darunter kommt eine Pyramide zum Vorschein, deren Treppen nun die Spielfläche bilden.
In diesen abstrakten Räumen hat der Regisseur das Spiel entwickelt, das die Protagonisten in die extremsten Gefühlsaufwallungen treibt, die sich in einer Oper denken lassen. Hayms Libretto wirft sie in heftigste Konflikte: Cäsar hat gerade seinen Widersacher Pompeius besiegt und Ägypten erobert. Dort herrscht Ptolemäus/Tolomeo und überreicht ihm das abgeschlagene Haupt des Pompeius als Geste der Unterwerfung. Voller Abscheu wendet sich Cäsar ab und in erotischer Verzückung der Schwester des Ägypterkönigs Cleopatra zu, die sich ihm gegenüber als Sklavin Lydia ausgibt. Damit treffen sich Handlung und Musik: Was an Affekten reich charakterisiert musikalisch zur Sprache kommt, hat Martin Kusej virtuos in die Ausdruckssprache der Körper umgesetzt. Da ist eben die Audienz Cäsars bei Ptolemäus kein unbefangener Staatsbesuch, sondern eine Pflichtübung, bei der gegenseitiger Argwohn offensichtlich ist. Und ob ihrer erotischen Reize fühlt sich Cäsar zu Cleopatra buchstäblich hingezogen. Bis in jedes Detail hat Kusej die Handlung durchchoreografiert und auch ohne Übersetzung des Textes würden die ausgestellten Affekte deutlich werden. Wirklich bildmächtiges Theater findet da statt. Heide Kastler hat dazu präzis charakterisierende Kostüme entworfen, die den Rollenwechsel hervorragend verdeutlichen und jeder Figur mit wenigen Accessoires unverwechselbares Gepräge geben. FAZIT Die Oper wird zu einer spannenden dreieinhalbstündigen Reise in ferne Zeiten und Räume und zu den Gefühlen in uns selbst. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Dramaturgie
SolistenGiulio CesareHelene Schneiderman
Curio
Cornelia
Sesto
Cleopatra
Tolomeo
Achilla
Nireno
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- Fine -