|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Die fragile Schönheit des Verschwindens
Von Stefan Schmöe
"Leben ist wie Fahrradfahren - fahren oder fallen." Es ist Nazareth Panadero, die in den Stücken Pina Bauschs für die handfesten, manchmal etwas zweifelhaften Lebensweisheiten zuständig war. Und für viele skurril-komische Momente. Von 1979 bis 2021 war die 1955 geborene Tänzerin festes Mitglied im Ensemble, jetzt ist sie als Gast auf die Bühne des Opernhauses zurückgekehrt - mit ihrer rauen, dunklen Stimme, mit der sie in einigen Szenen spielt, etwa das Mikrophon annähert und entfernt. Und mit blonder Perücke und zu großer Schulmädchenbrille parodiert sie die Diva, der ironische Kommentar dazu, wie Pina Bausch die Schönheit der Tänzerinnen immer wieder bewusst inszeniert, auch in diesem Stück.
Nayoung Kim. Sweet Mambo - Ein Stück von Pina Bausch © Karl-Heinz Krauskopf
Sweet Mambo ist 2008 als vorletztes Stück der Choreographin entstanden, im gleichen Bühnenbild (Peter Pabst) wie ein Jahr zuvor Bamboo Blues. Im Grunde ist dieses Bild ganz schlicht: Wehende Vorhänge grenzen die Bühne nach hinten ab. Tänzerinnen und Tänzer können wie aus dem Nichts auftauchen und verschwinden. Bamboo Blues war nach einem Aufenthalt der Compagnie in Indien entstanden, und Sweet Mambo war das Experiment, im gleichen Raum mit anderen Persönlichkeiten etwas ganz anderes entstehen zu lassen. Die beiden sich ergänzenden Stücke in Kombination konnte man zuletzt 2013 erleben (unsere Rezension). Jetzt hat man nur Sweet Mambo auf den Spielplan gesetzt, wobei die künstlerische Leitung Alan Lucien Øyen übertragen wurde (der 2018 den Versuch unternahm, am Tanztheater Wuppertal ein neues Stück zu choreographieren). Mit Andrey Berezin, Daphnis Kokkinos, Nazareth Panadero, Julie Shanahan, Julie Anne Stanzak und Aida Vainieri stehen noch sechs Darstellende auf der Bühne, die bei der Uraufführung mitgewirkt haben. Veteranen, möchte man fast sagen, denn sie haben das Ensemble wie die Werke über Jahre ganz entscheidend geprägt. Aber die "Neuen" fügen sich hier ganz ausgezeichnet ein.
Ensemble. Sweet Mambo - Ein Stück von Pina Bausch © Laszlo Szito
Naomi Brito hat mit enormer Bühnenpräsenz den Part von Regina Advento übernommen und versteht es, in jeden Schritt eine bestechende Eleganz zu legen. Sie eröffnet den Abend, indem sie sich mit Namen vorstellt: "Ich heiße Naomi Brito". Die korrekte Aussprache wird auch gleich erklärt. Die Individualität wird zum Thema, eines der Merkmale in Pina Bauschs Tanztheater. Auch Julie Anne Stanzak, seit 1986 beim Wuppertaler Tanztheater, stellt sich namentlich vor. Sie hat für den Fall, dass auf einer Party alle Blicke auf einen gerichtet sind, das passende Rezept. "Say 'brush' ". Man lächelt im ersten Moment, aber wie diese großartige Tänzerin das immer wieder vormacht, wie sie die Geste, das mit dem Wort verbundene Lippenschürzen und -öffnen, als grandiose Selbstinszenierung zeigt, erzählt dann doch viel aus über unseren Selbstbehauptungswillen in der Gesellschaft.
Julie Anne Stanzak, Andrey Berezin. Sweet Mambo - Ein Stück von Pina Bausch © Karl-Heinz Krauskopf
Julie Shanahan, seit 1988 in Wuppertal und oft im Zentrum der Stücke Pina Bauschs, rennt diagonal über die Bühne, verzweifelnd schreiend. Aber sie erreicht ihr Ziel nie, dann Andrey Berezin (seit 1995 am Haus) und Reginald Lefebvre (der großartig die Partie von Michael Strecker übernimmt) halten sie auf, haken sich unter ihren Armen ein und tragen sie zurück. Den Männern kommen an diesem Abend eher undankbare Rollen zu: Sie zeigen latente Gewalt und werden mit Blicken und auch mit Berührungen übergriffig. Manchmal streifen die Frauen einen Träger ihres Kleides von der Schulter und lassen sich am Rücken von den Männern liebkosen. Während die Frauen viele Soli tanzen, bleiben den Männer meist nur Nebenrollen. Reginald Lefebvre hat nach der Pause eine große, eindrucksvoll getanzte Soloszene und unterlegt seine Auftritte mit einer Prise schnoddrigen Humors. Andrey Berezin gibt mit viel Charisma den unterkühlten Typen, der mit seiner bloßen Erscheinung Autorität ausstrahlt - das hat er auch ein paar Tage zuvor bereits in Nelken gezeigt. Die Damen tragen hinreißend schöne Kleider, die Herren schwarzen Anzug (Kostüme: Marion Cito). Nayoung Kim lässt sich von einem Herrn in der ersten Reihe den Reißverschluss ihres Kleides öffnen. Es schwingt viel zarte Erotik mit. Oft wird das Publikum direkt angesprochen, was - wie manches andere auch - wie eine Reminiszenz an die Stücke Bauschs aus den 1980er-Jahren wirkt. Die meist ruhige, etwas wehmütige Musik läuft mit wenigen Unterbrechungen durch. Harte Brüche gibt es kaum. Es wird viel getanzt, fast immer allein. Man fühlt sich an eines der bekanntesten Zitate Pina Bauschs erinnert: "Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren". Immer wieder scheint es, als habe Pina Bausch die Schönheit einfangen wollen. Eine in diesem Bühnenbild mit den wehenden Vorhängen sehr flüchtige Schönheit, fragil und von betörender Leichtigkeit. Sich darin zu verlieren, hat viel von seinem Schrecken verloren. Wie war das noch - fahren oder fallen? Vielleicht irrt Nazareth Panadero, die das Stück mit ihrer handfesten Art erdet. Schweben, das könnte eine Alternative sein.
Die alte Garde kann es noch, die Jüngeren fügen sich hervorragend ein: Sweet Mambo präsentiert sich als ein leichtes, flüchtiges, manchmal schmerzhaftes, immer wieder faszinierend schönes Stück.
|
Produktionsteam
Inszenierung und Choreographie
Bühne
Kostüme
Probenleitung und Mitarbeit
Probenleitung Wiederaufnahme
Musikalische Mitarbeit
Künstlerische Leitung der Wiederaufnahme
Probenleitung Tänzerinnen und TänzerAndrey BerezinNaomi Brito Maria Giovanna Delle Donne Nayoung Kim Daphnis Kokkinos Reginald Lefebvre Nazareth Panadero a. G. Julie Shanahan Julie Anne Stanzak Aida Vainieri
|
© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de