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Warum ich Tänzerin geworden bin? Aus Zufall.
Von Stefan Schmöe
"Den Pass bitte": Da tummeln sich die Herren des Tanztheaters Wuppertal in lose geknöpften Frauenkleidern im legendären Nelkenfeld, das diesem Stück von Pina Bausch aus dem Jahr 1982 den Titel gibt. Sie krabbeln und hüpfen wie Käfer auf allen Vieren herum, und dann bittet der Herr im Anzug mit würdevoller Strenge um das Ausweisdokument. Kindliche Lust am Spiel prallt auf (in diesem Fall bürokratische) Realität - das kann man als ein Thema aus Nelken herauslesen. Aber hinter der naiven Fröhlichkeit spürt man oft die Gewalt, die sich in diesem Stück auch durch mehrere Auftritte von vier Stuntmen manifestiert - parodistisch inszenierte Kampfszenen, anlasslos, die selbst wie ein Spiel wirken.
Ensemble. Nelken - Ein Stück von Pina Bausch. Foto Laszlo Szito
Traurigkeit schwingt ja fast immer in den Stücken Pina Bauschs mit, auch wenn die Wehmut hier karikiert wird: Die Herren tauchen ihre Gesichter in frisch geschnittene Zwiebelwürfel. Tränen auf Kommando also. Drei Herren fassen sich an den Händen, bilden einen Kreis und erzählen, wie sie sich bei einem Streit verhalten: "Dann mache ich auf sensibel". Eine Tänzerin markiert ein schreiendes und weinendes Kind. Ein Mann betet, während ihn eine Tänzerin an den Fußsohlen kitzelt. Es bleibt vieles gefühlsmäßig in der Schwebe. "Schön ist die Welt, wenn das Glück dir ein Märchen erzählt", hört man Richard Tauber singen (aus der gleichnamigen Operette von Franz Lehár), gleich am Beginn des Abends. "The Man I Love" von George Gershwin wird in Gebärdensprache übersetzt. Mit der Wahrnehmung des Glücks, auch der Liebe, ist es eben eine Sache für sich. Aber die Fragen, die hier aufgeworfen werden, sind immer noch aktuell.
Simon Le Borgne. Nelken - Ein Stück von Pina Bausch. Foto Evangelos Rodoulis
Die betörende Schönheit des Nelkenfeldes in mild-warmer Beleuchtung lässt einen durchaus für den Moment an das Glück glauben. Peter Pabst, seit dem Tod von Rolf Borzik im Jahr 1980 künstlerischer Partner der Choreographin, hat hier sein vielleicht eindrucksvollstes, sicher sein berühmtestes Bühnenbild kreiert. 8000 der künstlichen, sehr echt aussehenden Blumen sollen es sein, die im Bühnenboden stecken. Aber das Idyll ist gefährdet; die Pflanzen werden im Verlauf des Abends niedergetrampelt. Sanft und leise fängt das Stück an, um dann auf eine der größten, dichtesten, dramatischsten Szenen Bauschs im Zentrum des Abends (der ohne Pause gespielt wird) zuzulaufen: Den Variationssatz aus Franz Schuberts Streichquartett Der Tod und das Mädchen, der eben dieses Lied nach dem Gedicht von Matthias Claudius aufgreift. Immer wieder tragen die Ensemblemitglieder hysterisch die etwas altmodischen Stühle, beinahe schon Sessel, von der Hinterbühne nach vorne und wieder zurück, um darauf eine fast maschinenartige Choreographie abzuspulen. Auf dem Höhepunkt springen die Stuntmen von zwei Gerüsten in zuvor aufgebaute Kartonstapel. Die Trümmer bleiben an den seitlichen Rändern liegen. Glück ist eben eine überaus fragile Angelegenheit.
Ensemble. Nelken - Ein Stück von Pina Bausch. Foto Claudia Kempf
Danach entspannt sich das Stück wieder, wenn auch mit Widerhaken. Es gibt ein wenig Publikumsbeschimpfung. Man hat keine Lust mehr auf der Bühne, das gehöre zwar zum Stück, sei aber tatsächlich so. "Jetzt macht Aida Vainieri weiter", wird in den Saal gebrüllt, und die hat zwar erst einmal auch keine Lust, schält dann aber mit Inbrunst Kartoffeln. Es ging 1982 in Wuppertal eben auch um die Publikumserwartungen wie um die Absage an das (neo)klassische Ballett, das als Zitat dann doch präsent ist: Einzelne Figuren werden vorgeführt, im Nelkenfeld geradezu surreal anmutend. Und Pina Bausch hat, in dieser Zeit ein oft von ihr verwendetes Verfahren, ihrem Ensemble Fragen gestellt und die Antworten auf der Bühne gezeigt. "Warum bist Du Tänzer/Tänzerin geworden?" Aus therapeutischen Gründen. Um nicht zum Militär zu müssen. Weil ich mich in eine Tänzerin verliebt habe. Oder ganz banal: Aus Zufall. Im Schlussbild posiert die Compagnie, als parodiere sie Balanchine & Co. Sicher haben diese Szenen nichts mehr von der provokativen Brisanz, mit der sie in den 1980er-Jahren aufgeladen waren (als das Publikum in Scharen die Aufführungen verließ), aber sie lassen über die Bedeutung von Tanz nachdenken.
Ensemble. Nelken - Ein Stück von Pina Bausch. Foto Oliver Look
Das Ensemble tanzt und spielt überzeugend. Dabei sind die Rahmenbedingungen nicht optimal. Nachdem Boris Charmatz, dessen Engagement doch eher ein Missverständnis war, das Haus verlassen hat, gibt es keine Intendanz, und man wartet auf das versprochene Pina-Bausch-Zentrum im ehemaligen Schauspielhaus, bis man sich künstlerisch neu aufstellen möchte. Das wird einige Jahre dauern. Bis dahin wird das Erbe der 2009 verstorbenen Choreographin in Neueinstudierungen verwaltet. Nun bedarf es starker Persönlichkeiten auf der Bühne, um die Werke adäquat umzusetzen - viele Szenen waren den Darstellerinnen und Darstellern der Uraufführung auf den Leib zugeschnitten. Hier funktionieren die Neubesetzungen recht gut. Andrey Berezin überzeugt mit stoischer Würde bei der Passkontrolle wie beim Zwiebelschneiden, Taylor Drury wächst in die Rolle der Diva hinein, und Simon Le Borgne, der als Gast mitwirkt, würde man gerne fest im Ensemble sehen. Die rollenden Augen von Julian Stierle sind ohnehin ein Phänomen für sich. Aber neben den vielen kleinen Szenen bestechen die Ensembles, vor allem die berühmte "Nelken-Line", in der mit Gebärden der Wechsel der Jahreszeiten gezeigt wird. Eleganz und Präzision, die es hier braucht, sind da, und eben auch die Persönlichkeiten, die dahinterstehen. Etwas mehr Prägnanz könnten die gesprochenen Passagen vertragen.
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