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Eine deutsche MittsommernachtspolitkomödieVon Stefan Schmöe / Fotos von Kerstin Schomburg
Der Kobold ist wieder da. Wer vor zehn Jahren in Detmold Kay Metzgers Inszenierung der Meistersinger von Nürnberg gesehen hat, der kennt den von Tänzer Gaëtan Chailly virtuos dargestellten Unruhestifter schon. Er ist der Puck aus Shakespeares A Midsummer Night's Dream, der die Menschen ins (Gefühl-)Chaos stürzt - oder doch nur aufdeckt, was unter der bürgerlichen Oberfläche brodelt? Womit die Oper in der Welt der Komödie angesiedelt ist, wie Richard Wagner das ursprünglich plante. Daraus wurde dann bekanntlich der übergroße Entwurf des von Künstlern regierten, dabei antisemitisch grundierten "Idealstaats", an dessen deutschem Wesen am besten gleich die ganze Welt genesen sollte. Das lesenswerte Ulmer Programmheft (Redaktion: Christian Katzschmann) ordnet das Werk entstehungs- wie rezeptionsgeschichtlich in diese gefährliche Gemengelage ein. Es wird jedoch auch klar: Die soundsovielste Verurteilung der Meistersinger soll hier nicht gezeigt werden. Zumal sich Kay Metzger mit dieser Inszenierung als Intendant vom Ulmer Publikum verabschiedet und in den Ruhestand wechselt. Da soll das Theater noch einmal alle Kräfte bündeln und darf sich auch ein wenig feiern.
Fluchtversuch: Eva und Stolzing möchten heimlich die Stadt verlassen, während Beckmesser (hinten) sein Ständchen vorbereitet.
So wechselt der Kobold Puck aus Shakespeares London in Wagners Nürnberg hinüber. Oder nach Ulm, denn die Bühne (Ausstattung: Petra Mollérus, langjährige Wegbegleiterin Metzgers) greift mit einer aufsteigenden senfgelben Treppe, Holzvertäfelung und Betondecken unverkennbar die Architektur des Ulmer Theaters auf, das man am Ende dieser tunnelartigen Anordnung auch in der Außenansicht sieht, beinahe ein Festspielhaus auf dem Hügel. Das unterstreicht den Aspekt des Künstlerdramas. Chor und Extrachor des Ulmer Theaters, verstärkt um den Motettenchor der Münsterkantorei, werden bei ihren Auftritten in Konzertkleidung und mit Noten auf dieser Treppe postiert, als handle es sich um eine konzertante Aufführung. Einbeziehung der Bürgergesellschaft, gerade ein großes Thema (wie zuletzt in Mainz in Breaking the Waves), kommt einem in den Sinn. Aber auch, dass sich so ja eine hohe Zahl an teuren Kostümen einsparen lässt, was den Etat entlastet und vielleicht erst eine Meistersinger-Produktion ermöglicht. Wie auch immer: Allzu sehr stört diese Lösung nicht, bringt aber auch keine erkennbaren Impulse ein. Gesungen wird mit vollem Klang (Chorleitung: Nikolaus Henseler und - für die Münsterkantorei - Friedemann Johannes Wieland). Die gefürchtete Prügelfuge gerät musikalisch derart durcheinander, dass man über geplantes Chaos spekulieren darf (die Übertitel zeigen dazu nur noch Sonderzeichen an) - eine, nennen wir sie mal: avantgardistische Lösung. Ansonsten spielt das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm unter dem flüssigen, dem erzählerischen Duktus der Regie genau folgendem Dirigat von Felix Bender zuverlässig und präzise.
Nürnberg-Ulm bei Nacht: Beckmesser singt ein Ständchen für Eva, am Fenster rechts hört aber Magdalene zu, was die Eifersucht Davids (am Fenster links) provoziert. Auf der Leiter sitzt der Kobold, der durch diesen Sommernachtstraum geistert.
Im Kontrast zu den oratorisch-statisch angelegten Chorszenen erzählt Metzger die eigentliche Geschichte als genau durchgestaltetes Kammerspiel. Er verlegt die Handlung in die jüngere vordigitale Vergangenheit, die man wohl am ehesten in der Zeit kurz nach der Eröffnung des Theaterbaus 1969 verorten darf. Eine Zeit, in der Vicco von Bülow alias Loriot die Fernsehunterhaltungsbühne betrat. Die naiv-brave Magdalene mit dicken Brillengläsern (stimmlich sehr präsent: I-Chiao Shih) könnte seinen Sketchen entsprungen sein. Loriots lakonische Inhaltsangabe der Oper ist im Programmheft zitiert: "In nur viereinhalb Opernstunden verhilft ein älterer Schuster der modernen Gesangskunst zum Durchbruch und verzichtet auf eine sympathische Blondine. Dies tut er, wenn ich das Finale richtig verstanden habe, für Deutschland." In Loriots Stil sind auch die Figuren der Meistersinger gezeichnet: Ältere, würdevolle, ein wenig umständliche und dadurch komische Herren mit ledernen Aktentaschen und Hornbrillen. Martin Gäbler singt mit klarer Deklamation einen liebevoll-pedantischen Versammlungsleiter Kothner, Guido Jentjens einen geradlinig-würdevollen, machtbewussten Pogner. Vor allem aber ist es die szenisch wie stimmlich genaue Charakterzeichnung des Beckmesser von Joachim Goltz, die der Inszenierung ein Zentrum gibt. Der gar nicht unsympathische Regelwächter scheitert, sobald er volkstümliche Kreativität zeigen muss. Das ist nicht sein Metier und entsprechend gefährliches Terrain für ihn. Goltz hat neben einer kraftvollen Stimme viele Zwischentöne für die Figur und spielt die wachsende Verunsicherung beeindruckend aus. Die Regie zeigt ihn als Lernenden, der nach seinem kläglichen Gesangsvortrag die eigene kreative Ader entdeckt - in einer Gegenbewegung zum anfänglichen Revolutionär Stolzing, der sich im konservativen Establishment schnell wohlzufühlen beginnt.
Dritter Aufzug, Schusterstube: Eva und Sachs schauen zu, wie Stolzing ein preiswürdiges Lied dichtet
Den gibt Markus Francke, ausstaffiert als eine optisch verunglückte Mischung aus Albrecht Dürer und Wolfgang Petry, mit unausgeglichenem, wackligem Tenor. Die Preislieder bewältigt er ganz akzeptabel, wenn auch ohne großen Glanz, kann aber mit der Souveränität der gestandenen Meistersinger nicht mithalten. Als anfänglicher Haudrauf lässt er sich schnell domestizieren. Dae-Hee Shin hat für den Sachs eine schlanke, nicht übermäßig große, aber sehr genau fokussierte Stimme, mit der er die Partie differenziert und jederzeit klangschön gestaltet, dazu Eleganz und sanfte Autorität ausstrahlt. Ein alter Mann ist er aus heutiger Sicht nicht, zeigt auch keinerlei altväterliche Züge und scheint für Eva (mit leuchtendem, mitunter etwas angestrengtem Sopran: Maryna Zubko) eine attraktive Heiratsalternative. Vielleicht ist es ja tatsächlich, die Regie deutet das vorsichtig an, eine letztendlich der (heutigen) gesellschaftlichen Norm entsprechende Wahl, dass sie den jungen Stolzing ehelicht und nicht den eine Generation älteren Witwer Sachs, den sie womöglich begehrenswerter findet.
Das Quintett im dritten Akt: (von links) David, Magdalene, Sachs, Stolzing und Eva. Vorn sitzt der Kobold.
Das Figurentableau wird von der Regie vorsichtig hinterfragt, ohne die sorgfältig und mit vielen unterhaltsamen Details erzählte Geschichte zu sprengen. Und die nationalistische Seite des Werkes? Während Davids Vortrag über die Grundregeln des Meistergesangs (mit jugendlich-hellem Charaktertenor pointiert gestaltend: Joshua Spink) schmuggelt sich am Overhead-Projektor zwischen die Folien mit den wichtigsten zu erlernenden Lied-Motiven eine Hitler-Karikatur; in Video-Einblendungen sieht man kurz Nazi-Aufmärsche und danach das kriegszerstörte Ulm; zu Sachs' Wahn-Monolog sieht man Bildsequenzen zu gewalttätigen Aktionen rechter wie linker Extremisten und eine prügelnde Polizei. Und in einer surrealen Szene am Ende des zweiten Aufzugs schießt der wie ein amerikanischer Attentäter auftretende Nachtwächter mit einer Flinte auf den an einen Stuhl gefesselten Beckmesser - und aus dem Lauf kommt eine Deutschlandfahne heraus. Der Chor schließlich hält Schilder mit Buchstaben in die Luft, wobei aus "schland über alles" schnell "Kunst über alles" wird. Eva und Stolzing beziehen am Ende ein skandinavisch anmutendes Holzhäuschen und hissen die schwarz-rot-goldene Flagge.
Hans Sachs hält seine berüchtigte, mit nationalistischen Tönen unterlegte Schlussansprache, weil Stolzing (vorn rechts) kein Meistersinger werden möchte. Eva (neben ihm) weiß nicht so genau, wen von beiden sie heiraten möchte. Ist das alles wirklich die Schuld des Kobolds (links im Bild)?
Ist das nun gelebter Patriotismus des bestens integrierten Neubürgers Stolzing, oder bereits ein Abdriften des verbürgerlichten Kurzzeitrevoluzzers in engstirnigen Nationalismus? Das kann man sich aussuchen. Überhaupt scheint Metzgers ziemlich unverbindlicher Rundumschlag gegen Extremismus recht beliebig. Das ist ja die Crux mit den Meistersingern, dass man sie in alle Richtungen, eben auch ausgesprochen unsympathische, interpretieren kann. Das lässt auch, vermutlich ungewollt, diese Inszenierung zu. Metzger möchte, das hat er in Interviews mitgeteilt, das Verschwinden einer gesellschaftlichen Mitte thematisieren. Wirklich überzeugende Bilder dafür hat er nicht gefunden. Aber vielleicht muss man das Unbehagen über diese Leerstelle als Teil der Inszenierung nehmen. Wagners deutscher Sommernachtstraum bleibt ein Problemfall.
Kay Metzger erzählt die Meistersinger als flotte Gesellschaftskomödie mit Anklängen an Shakespeare wie an die Sketche Loriots, musikalisch mit einer beeindruckenden Ensembleleistung überzeugend umgesetzt. Die gefährlichen Untertöne werden allzu pauschal angerissen und lassen in dieser Unverbindlichkeit, das ist die Schattenseite der Regie, Interpretationen in alle, auch unliebsame Richtungen zu. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Ausstattung
Kostüme
Licht
Chor
Dramaturgie
Solisten
Hans Sachs, Schuster
Veit Pogner, Goldschmied
Kunz Vogelgesang, Kürschner
Konrad Nachtigall, Spengler
Sixtus Beckmesser, Stadtschreiber
Fritz Kothner, Bäcker
Balthasar Zorn, Zinngießer
Ulrich Eisslinger, Würzkrämer
Augustin Moser, Schneider
Hermann Ortel, Seifensieder
Hans Schwarz, Strumpfwirker
Hans Foltz, Kupferschmied
Walther von Stolzing
David, Sachsens Lehrbube
Eva, Pogners Tochter
Magdalene, Evas Amme
Ein Nachtwächter
Lehrbuben
Ein Kobold
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