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Breaking the Waves

Oper in drei Akten
Libretto von Royce Vavrek nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier
Musik von Missy Mazzoli
Uraufführung der Mainzer Fassung mit neuer Coda (2026)


in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 10' (eine Pause)


Premiere im Großen Haus des Staatstheaters Mainz am 26. April 2026
(rezensierte Aufführung: 30. April 2026)

Logo: Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz
(Homepage)
Eine Passionsgeschichte

Von Stefan Schmöe / Fotos von Andreas Etter

Glockengeläut über offener See? Was für ein Unsinn. Wohl kein anderer als Lars von Trier hätte aus einer derart kruden Story wie in Breaking the Waves einen großen Film drehen können. In einer streng calvinistischen Gemeinde in Schottland heiratet die junge Bess einen Fremden, Jan, Arbeiter auf einer Ölbohrinsel vor der Küste. Sie will ja nur ein glückliches Familienleben, als sie in Zwiesprache mit Gott darum betet, er möge doch dauerhaft bei ihr bleiben - was sich auf tragische Weise umgehend erfüllt: Nach einem Unfall ist Jan gelähmt. Er bittet sie, mit anderen Männern zu schlafen, denn nur so könne er weiterleben - und sie gehorcht widerwillig, weil eine Frau ihrem Mann, so will es die Religion, zu gehorchen hat. Je drastischer und schmerzhafter ihre sexuellen Beziehungen sind, desto besser geht es Jan. Als sie von den übelsten Typen der Gegend vergewaltigt wird und an den Folgen stirbt, ist Jan geheilt. Über dem Meer läuten die Glocken, die es in der Gemeinde schon lange nicht mehr gibt. Glockengeläut ist den Calvinisten bereits zu viel an Sinnenfreude.

Vergrößerung in neuem Fenster Die Hochzeit von Bess und Jan in einem Kunstraum, der auf den "hortus conclusus" der mittelalterlichen Kunst anspielt

Über den 1996 in Cannes prämierten Film ist viel diskutiert worden. Wie auch immer man dazu steht, der Wucht der Bilder wie dem Sog der erzählerischen Struktur kann man sich schwer entziehen. Darin liegt das grundsätzliche Problem der 2016 entstandenen Opernfassung von Missy Mazzoli mit einem Libretto von Royce Vavrek, das sich eng an der Handlung des Films entlanghangelt. Wie soll sich diese Oper von der übermächtigen Vorlage emanzipieren? Mit den Filmsequenzen im Kopf bleibt die Geschichte auf der Theaterbühne eben doch nur ein eher schwacher Abklatsch des Originals wie zuletzt bei der Karlsruher Produktion. In Mainz findet das Team um Regisseur Krystian Lada nicht nur ganz andere, eigenständige Bilder, sondern bricht auch die lineare Erzählstruktur auf. Die Geschichte erscheint hier wie eine Traumsequenz oder eine Vision, die sich nicht von Bild zu Bild entwickelt, sondern sprunghaft und surreal Sequenzen nebeneinandersetzt. Dabei greift Lada keineswegs in das Libretto und die Komposition ein. Aber es geht ihm weniger um den Fortgang der Handlung als vielmehr um die großen Symbole, um das Spannungsfeld von Sexualität und Religion.

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Nach dem Unfall: Jan, gelähmt, als Schmerzensmann, Bess im Brautkleid. Dr. Richardson spricht sich gegen lebensverlängernde Maßnahmen aus.

Die Regie ist ganz auf sie fokussiert. Die Männer des Dorfes erscheinen mit unwirklich glänzenden schwarzen Mänteln zunächst wie Gespenster, später mit entblößten Oberkörpern und Masken wie Henker (Kostüme: Adrian Bärwinkel). Sie agieren meist auf einer Tribüne, mit der die Spielfläche nach hinten abgegrenzt ist. Im ersten Akt sieht man eine Wiese mit weißen Lilien, Symbol der Reinheit, die Jan als Brautgabe pflückt. Hier greift die Regie das mittelalterliche Bildmotiv des "hortus conclusus", auf, des "geschlossenen Gartens", in dem die Jungfrau Maria dargestellt ist. Nach seinem Unfall wird Jan mit blutiger Stirn und nur mit einer Art Lendenschurz bekleidet aufgebahrt, kein Krankenbett und kein medizinisches Personal weit und breit. Er ist der Schmerzensmann, von der Live-Kamera gefilmt und großformatig auf die Bühne projiziert. Die biblisch-religiöse Thematik rückt in archaisch anmutender Form in den Vordergrund. Und so explizit und drastisch Lada den von Bess eingeforderten ersten Sex mit Jan zeigt (im Film findet die Szene auf der Toilette statt, hier auf einem Tisch inmitten des Paradiesgartens), so zurückhaltend gibt er sich bei den Vergewaltigungen, die auf eine symbolische Ebene verlagert werden. Bess steht hinter einem durchscheinenden Plastikvorhang und wird mit Fäkalien beworfen. Beim Wunder des Glockengeläuts und Jans unerwarteter Heilung fällt effektvoll reinigender Regen vom Bühnenhimmel.

Vergrößerung in neuem Fenster Julietta Aleksanyan als Bess

Große, eindrucksvolle Bilder also, ganz andere als im Film - das Regieteam findet eindrucksvolle Lösungen, um die Geschichte bühnentauglich zu machen. Getragen wird das Konzept von einer phänomenale Hauptdarstellerin, die für ihre Leistung alle Opernpreise der Saison verdient hätte. Julietta Aleksanyan zeichnet mit mädchenhaft zartem, fast zerbrechlichem Sopran, der sich großformatig entfalten kann und dann mit dramatischer Kraft (ohne an Schönheit im Klang und an lyrischer Färbung zu verlieren) alles Leid dieser Frauenwelt anklagt, ein überaus vielschichtiges Portrait dieser rätselhaften, irren, wahnsinnigen, von ihrer Liebe zu Jan besessenen Frau. Der behandelnde Arzt Dr. Richardson wird am Ende (in der Oper wie im Film) lapidar diagnostizieren: Sie war gut. Julietta Aleksanyan beglaubigt das mit einer sängerisch wie darstellerisch fesselnden Intensität, sie verbiegt ihren zart gebauten Körper, sie spricht die ihr erscheinenden Worte Gottes mit geisterhaft dunklem Timbre. Sie ist das absolute Zentrum der Oper, permanent auf der Bühne. Und sie geht ganz und gar auf in der Figur, die sie darstellt.

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Die Regie deutet die am Ende tödliche Vergewaltigung nur symbolisch an: Hinter dem Vorhang wird Bess mit Fäkalien beworfen.

Brett Carter, mit durchtrainiertem Körper eine attraktive Erscheinung auf der Bühne, singt den Jan mit beeindruckend strahlendem Bariton und setzt damit perfekt um, was die Regie von der Rolle fordert: Eine Lichtgestalt, die wie ein Fremdkörper oder eine Vision in der düsteren Realität erscheint wie einst Lohengrin für Elsa (die man in der kommenden Spielzeit in Mainz erleben kann). Die anderen Figuren haben es in diesem Spannungsfeld schwer, sich zu behaupten. Karina Repova gestaltet mit hoher Expressivität Bess' mitfühlende Schwägerin Dodo, ebenfalls eine Fremde; Nancy Weißbach gibt der Mutter würdevolle Strenge. Durch recht großes Vibrato in der Stimme bleibt Yoonki Baek ein vokal etwas unscharfer Dr. Richardson. Die Herren des Chores singen mit Wucht und Präzision (Choreinstudierung: Sebastian Hernandez-Laverny).

Im Orchestergraben leitet der Bonner GMD Dirk Kaftan das sehr präzise und nuanciert spielende Philharmonische Staatsorchester, das in kleiner, überwiegend solistischer Besetzung spielt. Trotzdem entwickelt sich ein großer, üppiger Klang, der aber immer kammermusikalische Schärfe und Präzision besitzt. Kaftan und den Musikerinnen und Musikern gelingt es ganz ausgezeichnet, in der fragmentierten Musik die melodischen Linien herauszuarbeiten, ohne den rauen, durch die Verteilung von Motivpartikeln auf verschiedene Instrumente oft fragmentierten Gestus der Musik zu glätten. Nie klingt es nach Filmmusik und oder nach emotional untermalender Begleitung. Kaftan setzt gegensätzliche Klangelemente scharf gegeneinander, lässt barock anmutende Umspielungen in den hohen Holzbläsern und Streichern mit unwirschen Gesten des tiefen Blechs oder Schlagwerk kontrastieren, das aber sehr genau abgestuft, sodass ein raffiniertes Gefüge hörbar wird. Meinen früheren Eindruck, der Musik gehe es vor allem darum, die Geschichte atmosphärisch zu verdichten, muss ich nach dieser überaus klangsensiblen, im Detail geschärften Interpretation revidieren: Sicher will die Musik (auch) emotional zugänglich wirken, fügt aber in ihrer raffinierten Struktur eine weitere Ebene hinzu.

Vergrößerung in neuem Fenster Reinigender Regen als Wunder: Über dem Leichnam von Bess, den Jan heimlich im Meer versenkt, hört man die Glocken, die es hier lange schon nicht mehr gibt.

Eine entscheidende Änderung gegenüber der originalen Version gibt es aber doch. Die Regie hat sich von Missy Mazzoli einen neuen Schluss hinzufügen lassen (den Text hat Librettist Royce Vavrek mit Rückgriffen auf eine vorangegangene Arie der Bess verfasst). Dieser kurze Epilog für einstimmigen Frauenchor wird gespielt und gesungen von einem Ensemble Mainzer Frauen. Krystian Lada möchte der patriarchalischen Männerwelt der Oper damit ein Zeichen aktiven Protests entgegenstellen. Er lässt das Frauenensemble bereits in einem Vorspiel ohne Musik auf die Bühne treten. Jede der Frauen sagt ein paar Worte zu den inhaltlichen Leitmotiven der Oper, zur Rolle als Frau, zu Liebe und Sexualität, zu Ehe und Familie oder auch zur Religion. Und jede wird unwirsch von den Herren der Bühne weggeschickt, beinahe gewalttätig. In einer späteren Szene tragen diese Frauen Bess auf den Händen. Und ihnen ist diese neu komponierte Coda überlassen. "Mein Körper ist eine Landkarte, deren Wege ich selbst zeichne", heißt es da selbstbestimmt. Die Frauen sind keine ausgebildeten Sängerinnen, hier sollen Laiendarstellerinnen agieren und die Oper zur Mainzer Gegenwart hin öffnen. Das gelingt überzeugend, und es trägt ebenfalls dazu bei, Breaking the Waves aus dem langen Schatten Lars von Triers herauszulösen.


FAZIT

Kein leichter, sondern ein großartig verstörender Opernabend: Mit dem Mut zur Distanz zum filmischen Original zeigen das Regieteam um Krystian Lada und das Ensemble um Dirigent Dirk Kaftan, dass diese Opernversion von Breaking the Waves großes, bewegendes Musiktheater sein kann. Hauptdarstellerin Julietta Aleksanyan ist eine Sensation.





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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Dirk Kaftan

Inszenierung
Krystian Lada

Bühne
Annette Murschetz

Kostüme
Adrian Bärwinkel

Licht
Aleksandr Prowalinski
Frederik Wollek

Chor
Sebastian Hernandez-Laverny

Dramaturgie
Elena Garcia Fernandez


Herrenchor des Staatstheaters Mainz

Ensemble Mainzer Frauen

Philharmonisches Staatsorchester Mainz


Solisten

Bess McNeal
Julietta Aleksanyan

Jan Nymann
Brett Carter

Dodo McNeal
Karina Repova

Councilman
Daniel Semsichko

Dr. Richardson
Yoonki Baek

Mother
Nancy Weißbach

Terry
Tim-Lukas Reuter

Sadistic Sailor
Doğuş Güney

Young Sailor
Frederik Bak


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Staatstheater Mainz
(Homepage)




Da capo al Fine

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