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Zwischen Schein und SeinVon Thomas Molke / Fotos: © Felix GrünschloßDie Geschichte um den Tataren-Khan und Begründer des zweiten Mongolenreiches Timur Lenk (Tamerlano), der in einer großen Schlacht bei Ankara im Jahr 1402 den osmanischen Sultan Bayezid I. besiegte und ihn kurz nach seiner Inhaftierung wahrscheinlich in den Selbstmord trieb, erfreute sich in der Kunst und Literatur seit dem 16. Jahrhundert lange Zeit großer Beliebtheit. Auf Christopher Marlowes Tragödie aus dem Jahr 1587 folgten im 17. Jahrhundert einige französische Bearbeitungen, von denen das Schauspiel Tamerlan ou La mort de Bajazet von Jacques Pradon aus dem Jahr 1675 auch als Vorlage für zahlreiche Vertonungen diente. Am bedeutendsten dürfte ein Opernlibretto von Agostino Piovene sein, das Francesco Gasparini 1711 vertonte. 1719 überarbeitete er den Stoff und rückte unter dem Titel Il Bajazet den Freitod von Tamerlanos Gegenspieler noch mehr ins Zentrum der Handlung. Ausschlaggebend dafür war der Darsteller der Titelpartie, Francesco Borosini, der nicht nur ein großartiger Tenor sondern auch ein begnadeter Schauspieler war. Als Händel eine eigene Vertonung des Stoffes für die Spielzeit 1724 plante, stand seinem Librettisten Nicola Francesco Haym zunächst nur die Urfassung von Piovene zur Verfügung. Aber der Zufall wollte es, dass Borosini nach London engagiert wurde und die zweite Fassung im Gepäck hatte, die Händel sehr beeindruckte und in seine Vertonung einfließen ließ. Kurz vor der Uraufführung am 31. Oktober 1724 nahm er wegen der ausufernden Länge des Stückes einige Striche vor und setzte trotz de Selbstmords Bajazets kurz vor Schluss wieder mehr auf ein Lieto fine. Alte-Musik-Spezialist René Jacobs hat nun aus dem vorliegenden Material eine neue Fassung erstellt, die das tragische Ende wieder mehr hervorhebt und die nun bei den Internationalen Händelfestspielen in Karlsruhe zu erleben ist. Tamerlano (Christophe Dumaux, 2. von links) will Asteria (Mari Eriksmoen, Mitte) als Gattin auf dem Thron, sehr zum Missfallen von Andronico (Alexander Chance, links), Bajazet (Thomas Walker, rechts) und Irene (Kristina Hammarström, rechts). Sieht man von Tamerlanos Sieg über Bajazet und dessen anschließendem Selbstmord ab, hat die Oper mit den historischen Begebenheiten nicht allzu viel gemein. Im Zentrum steht vielmehr Bajazets Tochter Asteria, die von Tamerlano und seinem Verbündeten Andronico, einem griechischen Prinzen, geliebt wird und die Andronicos Liebe erwidert. Tamerlano, der eigentlich Irene, der Prinzessin von Trapezunt, die Ehe versprochen hat, will diese an Andronico abtreten und dafür Asteria heiraten. Andronico fühlt sich von Asteria verraten. Asteria wiederum hält Andronico für untreu, weil sie glaubt, dass er in Tamerlanos Handel eingewilligt hat. Irene fordert als verkleidete Botin ihr Recht auf Tamerlano ein. So kommt es zu zahlreichen Verwicklungen. Als Tamerlano erfährt, dass Asteria und Bajazet planen, ihn zu ermorden, will er beide besrafen. Doch nun stellt sich Andronico schützend vor die Geliebte. Zur Demütigung soll Asteria als Sklavin an Tamerlanos Tisch dienen. Als sie versucht, mit dem Gift, das sie von ihrem Vater erhalten hat, Tamerlano zu töten, wird sie von Irene beobachtet, so dass diese einschreitet. Bevor Tamerlano sie zur Rechenschaft ziehen kann, nimmt Bajazet Gift und stirbt, nachdem er Tamerlano verflucht hat. Durch den Selbstmord Bajazets kommt Tamerlano zur Besinnung, willigt in die Ehe mit Irene ein und ist bereit, Asteria und den griechischen Thron Andronico zu überlassen. In Jacobs' Fassung stimmen in den Jubel darüber aber nur Tamerlano, Irene, Andronico und sein Vertrauter Leone ein, während Asteria nach einer Klage über den Tod ihres Vaters stumm bleibt. Bajazet (Thomas Walker,rechts) und Andronico (Alexander Chance, links) überlegen, wie sie Tamerlano stoppen können. Regisseur Kobie van Rensburg, der in seinen Inszenierungen vor allem für den Einsatz von beeindruckenden Videoprojektionen bekannt ist, nutzt auch in Karlsruhe die Chroma Key-Technik, bei der die Darstellerinnen und Darsteller vor einer Blue Screen agieren und mittels einer Kamera in andere Bilder projiziert werden. So ist die Bühne zweigeteilt. Im unteren Bereich sind drei Kameras aufgebaut, die die Sängerinnen und Sänger aufnehmen. Im oberen Bereich sieht man dann das Endprodukt als "Film" in einer großartigen Kulisse, die man so als Bühnenbild mit den zahlreichen Szenenwechseln niemals hätte auf eine Bühne bringen können. Da man im unteren Bereich die Darstellerinnen und Darsteller vor der Blue Screen agieren sieht, bewegt man sich ständig zwischen Schein und Sein, wird aber im oberen Bereich durch eine faszinierende Bilderflut in die Geschichte hineingezogen. Das wirkt optisch wie ein gestochen scharfer Schwarz-Weiß-Film. Bei den in der Projektion erzeugten Räumen schöpft von Rensburg aus dem Vollen und lässt großartige Kulissen entstehen, die der Geschichte ein orientalisches Flair verleihen. Dabei wird auch auf komische Momente nicht verzichtet, wenn Irene beispielsweise auf einem fliegenden Teppich in die Szene schwebt und anschließend um die Turmspitzen des Palastes fliegt. Auch kleine Spielereien werden in Perfektion umgesetzt. So landet beispielsweise ein digitaler Schmetterling auf Irenes Hand, oder Tamerlano und Andronico rösten einen Fleischspieß auf einer digitalen Feuerstelle. Bereit zum Kampf um die Geliebte: Andronico (Alexander Chance) Statistinnen in blauen Anzügen stellen dazu jeweils einzelne Requisiten bereit, um perfekte Bilder in der Projektion zu erzeugen, die nahezu real wirken. Dabei werden die Darstellerinnen und Darsteller nicht nur vor die Kulissen sondern auch hineinprojiziert. So sieht man Bajazet beispielsweise in einer Szene in einem Käfig, dessen Gitter auch teilweise vor seinem Gesicht sind, oder Andronico steht auf einem Schiff, das seinen unteren Teil bedeckt. Auch die Gleichnisarien werden teilweise bildhaft umgesetzt. Die Tiger, mit denen Andronico in einer Arie seine Angebetete Asteria vergleicht, laufen zunächst hinter ihm durch das Bild, bevor sie ihn sogar fauchend angreifen. Teilweise werden auch über mehrere Kameras Personen in die gleiche Kulisse projiziert, was aber nicht immer ganz perfekt aufgeht. Beim tragischen Ende verzichtet van Rensburg dann auf die Scheinwelt und kehrt in die Bühnen-Realität zurück. Ein schwarzer Vorhang wird vor der Leinwand herabgelassen, so dass man hier nur noch die Übertitel verfolgen kann, während sich die restliche Szene nun ganz auf die realen Figuren konzentriert. Nachdem zuvor Bajazets Selbstmord, anders als bei Händel vorgesehen, in einer bewegenden Projektion in Großaufnahme gezeigt worden ist, zieht sich Asteria nun auf die linke Bühnenseite zurück, während sich die anderen Figuren sich auf der Bühne verteilen und isolieren. Der Jubelgesang in Moll klingt eher wie eine Klage und lässt das Stück sehr leise enden. Asteria (Mari Eriksmoen, rechts) will sehr zum Missfallen von Andronico (Alexander Chance, rechts) und Bajazet (Thomas Walker, 2. von rechts) ihrem Leben ein Ende setzen (auf der linken Seite in der Mitte von links: Irene (Kristina Hammarström) und Tamerlano (Christophe Dumaux) mit Statisterie). Neben der großartigen Inszenierung, die in den Projektionen den Figuren sehr nahe kommen lässt, so dass man die Mimik der Darstellerinnen und Darsteller viel intensiver verfolgen kann, als das normalerweise bei einer Theateraufführung der Fall ist, lässt auch die musikalische Umsetzung keine Wünsche offen. René Jacobs beweist am Pult des Freiburger Barockorchesters, wie tief er in diese Partitur eingedrungen ist, und präsentiert eine Fassung, die Händel vielleicht vorgeschwebt haben könnte, die jedoch aufgrund der damaligen Konventionen zur damaligen Zeit so nicht umsetzbar gewesen wäre. Mit luzidem Klang lässt Jacobs mit dem Freiburger Barockorchester den Sängerinnen und Sängern Raum, die Gefühle der Figuren differenziert auszuleben und intensiv zu präsentieren. Dazu steht ihm eine erstklassige Riege an Solistinnen und Solisten zur Verfügung. Christophe Dumaux begeistert mit kraftvollem und virilem Countertenor in der Titelpartie und unterstreicht darstellerisch die Unberechenbarkeit des Tataren-Fürsten. In den schnellen Koloraturen zeigt er sich absolut beweglich. Thomas Walker ist stimmlich und darstellerisch als Bajazet ein ebenbürtiger Gegenspieler. Mit höhensicherem Tenor macht er deutlich, dass er sich von Tamerlano nicht unterkriegen lässt, und punktet dabei mit sauber angesetzten Läufen und großer Beweglichkeit in der Stimmführung. Bewegend präsentiert er die große Sterbeszene am Ende der Oper, bei der es die Projektion ermöglicht, selbst den weißen Schaum vor seinem Mund zu sehen, nachdem er das Gift zu sich genommen hat. Als weiterer Glanzpunkt des Abends darf Alexander Chance als Andronico bezeichnet werden. Mit jugendlich frischem Countertenor macht er einerseits seine Gefühle für Asteria mit sehr weicher Stimmführung deutlich, die seine Verzweiflung zeigt, weil er sich von ihre betrogen glaubt. Andererseits glänzt er mit kämpferischen Koloraturen, wenn er sich seinem Rivalen Tamerlano schließlich im Kampf um die Geliebte entgegenstellt. Matthias Winckhler legt die Partie des Leone mit kraftvollem Bariton an und punktet in seinen beiden Arien durch große Beweglichkeit in den Läufen. In der Personenregie wird er aufgewertet, indem er heftig mit Irene agiert. Auch wenn die Flirtversuche hier größtenteils von Irene ausgehen, zeigt er sich darstellerisch ihrem offenen Werben gegenüber nicht abgeneigt. Kristina Hammarström stattet die Partie der Irene mit dunkel gefärbtem Mezzosopran aus, der in den Läufen eine enorme Beweglichkeit besitzt. Szenisch unterstreicht sie stellenweise durch enorme Komik, dass Jacobs ihre Partie fast als eine Buffa-Rolle betrachtet. Mari Eriksmoen glänzt als Asteria mit lieblichem Sopran, der die Leidensfähigkeit der Figur unterstreicht. Neben dem großartigen Duett mit Chance, in dem sich die beiden ihre Liebe gestehen, begeistert sie vor allem mit der selten zu hörenden Arie im dritten Akt, in der sie ihrer Trauer über den Tod ihres Vaters freien Lauf lässt und ein wahres Lieto fine unmöglich macht. Eriksmoens intensive Interpretation geht dabei unter die Haut, so dass es auch optisch eine logische Konsequenz ist, an dieser Stelle aus der opulenten Videoprojektion auszusteigen und szenisch alles zurückzunehmen. Das Publikum belohnt den Einsatz nach knappen viereinhalb Stunden mit frenetischem Applaus für alle Beteiligten.
René Jacobs hat eine großartige musikalische Fassung erarbeitet, die unter die Haut geht. Kobie van Rensburg setzt dies mit fantastischen Projektionen bewegend um. Weitere Rezensionen zu den Internationalen Händel-Festspielen 2026 Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie, Bühne, Kostüme und Video Licht
Dramaturgie
Freiburger Barockorchester Statisterie des Badischen Staatstheaters Solistinnen und SolistenTamerlano Bajazet
Asteria Andronico Irene Leone
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http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de
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