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Das Existenzparadoxon von GlückVon Stefan Schmöe / Fotos von Sandra Then
"Finde eine glückliche Person auf der Welt und schneide einen Knopf von ihrem Ärmel". So lautet die Aufgabe für die namenlos bleibende Frau, die damit ihr verstorbenes Kind ins Leben zurückholen könnte. Man ahnt, dass die Sache komplizierter ist, als es zunächst den Anschein hat. Einen glücklichen Menschen zu finden, das erweist sich als quasi unmöglich. Was sich nach einem Lehrstück anhört, haben Komponist George Benjamin und Librettist Martin Crimp zu einer knapp über eine Stunde kurzen, zwischen Poesie und Witz genau ausbalancierten Oper ausgestaltet. Uraufgeführt wurde Picture a day like this 2023 beim Festival d'Aix-en-Provence (unsere Rezension) als Koproduktion mit den Opernhäusern in London, Strasbourg, Paris, Luxembourg, Neapel und Köln, wo die Inszenierung von Daniel Janneteau und Marie-Christine Soma nun angekommen ist und ihre deutsche Erstaufführung erlebt.
Auf der Suche nach einem Knopf vom Hemd eines glücklichen Menschen: Die Frau
Adriana Bastidas-Gamboa singt die schmerzerfüllte Frau mit dezent eingedunkeltem Mezzosopran, der in manchen Passagen etwas flach klingt, aber die Gefühlswelt der Figur gut auslotet. Die Sängerin gestaltet die Partie bei aller Expressivität kontrolliert, wie es dem rätselhaften Kosmos der Inszenierung ansteht. In einem abstrakten, leeren Raum mit verspiegelten Wänden trifft sie zuerst auf ein Liebespaar, das, spärlich bekleidet, in einem Bett hereingerollt wird. Da müsste sich doch leicht das Glück finden lassen, denkt man, aber bei dieser Gelegenheit stellt sich heraus, dass der junge Mann (mit ätherisch entrücktem Countertenor: Cameron Shahbazi) polyamorös veranlagt ist und bei seinen sexuellen Beziehungen auch vor Freunden und Freundinnen des Mädchens (mit jugendlicher Ausstrahlung und präsentem, leuchtendem Sopran: Elizabeth Reiter) nicht halt macht. Schneller als gedacht endet die Liebe. Somit wird nichts aus dem erhofften Knopf. Reiter und Shahbazi kehren zwei Bilder später in anderen Rollen zurück, als erfolgreiche Komponistin und deren Assistent. Doch auch das Leben für die Musik ist weit weniger erfüllend als gedacht, und glücklich, nein, glücklich ist sie nicht. Auch hier ist kein Knopf zu holen.
Wer ist glücklich, wenn nicht ein Liebespaar? So sollte man meinen, aber das vermeintliche Glück wird nur noch ein paar Takte anhalten.
Zuvor hatte ein Knopfmacher, ein virtuoser Kunsthandwerker (bei dem an Knöpfen wahrlich kein Mangel herrscht) sich als zutiefst verletzte Seele gezeigt, seit er in seinem Beruf wegrationalisiert wurde. In einem gläsernen Kasten hereingerollt, gibt er mit seinem mit etlichen Knöpfen besetzten Fantasiekostüm (Marie La Rocca) ein eindrucksvolles Bild ab (Bariton John Brancy überzeugt nicht nur in seiner eigentlichen Lage mit schönem Ton, sondern wechselt virtuos in die hohe Kopfstimme, was der Figur einen ganz eigenen, unwirklichen Charakter gibt). Glückliche Menschen lassen sich offenbar nicht finden. Aber könnte man einen Menschen nicht glücklich machen? So argumentiert "the collector", ein Sammler schöner Dinge, der die Frau gern in seine Sammlung aufnehmen würde, um dadurch zum glücklichen Mann zu werden (John Brancy singt auch diese Figur). Die Frau aber begehrt Einlass in seinen Garten, ein wahres Paradies, in dem ihr Zabelle begegnet, eine, man glaubt es kaum, glückliche Frau mit Kindern. Auch hier vermeidet die Regie jeden Realismus und projiziert auf einen hauchdünnen Vorhang Bilder einer unwirklichen Unterwasserwelt (Video: Hicham Berrada). Und hier erhält die Frau endlich den Knopf. Nur einen Haken hat die Sache: Sie sei glücklich, sagt Zabelle (mit schönem lyrischem Sopran: Emily Hindrichs), weil sie nicht existiere. Nichtexistenz als Voraussetzung der Existenz: Mit diesem Paradoxon entlassen Benjamin und Crimp das Publikum.
Knöpfe hat der Knopfmacher genug, aber glücklich ist er spätestens seit seiner Entlassung nicht mehr.
Wenn die Frau und Zabelle sich, symmetrisch arrangiert, gegenüberstehen, dann lässt die Regie sie trotz unterschiedlicher Kleider wie Spiegelbilder voneinander erscheinen. So wird das Stationendrama eine Reise nach innen in die eigene Seele. Vielleicht ist Glück eine mit der Realität unvereinbare Idee des Vorstellungsvermögens. Ob der Knopf, den die Frau erhält, ein reales Objekt ist oder nur in ihren Gedanken existiert, das bleibt hier letztendlich offen. Die Regie mit ihrer ästhetischen Strenge und Reduktion auf die allernotwendigsten Dinge führt diesen Gedanken faszinierend vor. In der Uneindeutigkeit des Endes liegt eine große Stärke der Oper, die ungeheuer konzentriert wirkt und trotz ihrer Kürze große Fragen verhandelt.
Ist es ihr eigenes Ich, dem die Frau (jetzt ohne schützenden Mantel rechts im Bild) im Paradiesgarten gegenübersteht? Glücklich sei sie, so sagt Zabelle, aber nur, weil sie nicht existiere.
George Benjamins Partitur für ein kleines Orchester von rund 20 Musikerinnen und Musikern besticht durch ihren sinnlichen, filigranen Charakter, wobei es an den dramatischen Höhepunkten durchaus auch laut werden kann - aber auch dann ist der Klang gläsern und transparent. Die Musik hat etwas Fragiles, das mit bestechender Schönheit von der Zerbrechlichkeit von Glück - wenn es dieses überhaupt gibt - erzählt. Unter der Leitung von Christian Karlsen spielt das Gürzenich-Orchester farbenreich und nuanciert. Nach seiner inzwischen gut im Repertoire verankerten Oper Written on Skin (zuletzt in Frankfurt zu erleben) ist dem 1960 in London geborenen Komponisten mit Picture a day like this ein neues Werk gelungen, dem man weitere Inszenierungen wünscht.
Ein Höhepunkt der Saison: Picture a day like this ist in der nun nach Köln gereisten Uraufführungsproduktion ein verrätselt schönes Werk, das musikalisch wie szenisch große Faszination ausübt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung, Bühne, Dramaturgie, Lichtdesign
Szenische Einstudierung
Übertragung Lichtkonzept
Kostüme
Video
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Woman
Zabelle
Lover 1 / Composer
Lover 2 / Composer's Assistent
Artisan / Collector
Performer:innen
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