|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Eine traurige Geschichte (unter anderem) über die Unfähigkeit zu lieben
Von Stefan Schmöe
/
Fotos von Barbara Aumüller Eine Skyline aus Hochhäusern im Hintergrund deutet an, dass es sich wohl doch nicht um eine mittelalterliche Geschichte handelt. Dabei basiert das Textbuch zu Written on Skin auf einer Erzählung aus dem 13. Jahrhundert. Die junge Frau eines Fürsten beginnt eine Affäre mit einem Buchmaler, der Fürst tötet den Rivalen und lässt seine untreue Frau dessen Herz servieren, worauf sie ich umbringt. Librettist Martin Crimp macht aus der schaurigen Dreiecksgeschichte ein vielschichtiges Drama über die Liebe (oder deren Unmöglichkeit), über Emanzipation und patriarchale Macht, über Kunst und deren mitunter zerstörende Wirkung. George Benjamin hat dazu eine ungemein zarte, delikate Musik komponiert, die wohldosiert zu großen Ausbrüchen fähig ist. Eine Musik, die berührt, aber vieles in der Schwebe hält. Nach der Uraufführung 2012 beim Festival d'Aix-en-Provence (unsere Rezension) ist das Werk schnell an großen und kleinen Häusern nachgespielt worden (u. a. in München, Bonn, Detmold und Köln).
Unglückliches Paar in abstrakter Landschaft vor Hochhäusern: Agnès und der Protector.
In Frankfurt inszeniert Tatjana Gürbaca das raffinierte Spiel auf einer abstrakt gehaltenen Bühne, die aus Dreiecken zusammengesetzt ist (Klaus Grünberg) - eine künstliche, unfertige, wüstenartige Welt, in der sich die Figuren zurechtfinden müssen, und die durch die (natürlich an Frankfurt erinnernden) angedeuteten Hochhäuser gleichsam geerdet wird. Agnès, die junge Frau, trägt zunächst historische Gewänder, was mehr wie ein Zitat als wie eine zeitliche Einordnung wirkt; ihr Gatte, der im Stück "The Protector" (also "der Beschützer") genannt wird, trägt einen zeitlosen dunklen Anzug (Kostüme: Silke Willrett). Man kann darin wohl die Verkörperung des Patriarchats sehen. Aber Elizabeth Reiter als Agnès und Bo Skovhus als The Protector liefern sich in den 90 Minuten Spieldauer (ohne Pause) ein derart fesselndes, von ungemein genauer Personenregie getragenes Psycho-Duell, dass solche symbolischen Setzungen zwar den Rahmen liefern, aber nicht in den Vordergrund geraten.
The Boy und Agnès
Skovhus imponiert mit der Autorität und Würde seines Baritons, besonders in den Zwischentönen, den feinen Abstufungen und den leisen Passagen. Die große Stimme braucht nicht auf Kraft zu setzen. Oft ist es das Unausgesprochene, das Nachhallende, was die Figur zu einem schillernden Charakter macht. Dieser Protector ist einer, der lieben will und nicht lieben kann. Es ist kaum die Eifersucht, die ihn zum Mord an dem Buchmaler, der nur "the Boy" heißt, treibt. Eher schon das Unverständnis für die Liebeserfahrung seiner Frau. Der verleiht Elizabeth Reiter einen hellen, in leisen Abschnitten fast zerbrechlichen Sopran, der sich aber in den dramatischen Ausbrüchen zu großer, bohrender, dabei nie scharf klingender Intensität aufschwingen kann. Die Stimme besitzt auch das richtige Maß an Jugendlichkeit, um gegenüber dem abgeklärten Protector eine musikalische Distanz zu schaffen, die letztendlich unüberbrückbar bleibt. So werden die beiden zu einem zutiefst unglücklichen, aber doch fest aufeinander bezogenen Paar, dass sich nur durch extreme Gewalt voneinander lösen kann.
Eines von vielen rätselhaften Bildern: Ein torkelndes Flugzeug nähert sich dem schlafenden Protector.
Drei Engel setzen das Spiel auf der Bühne in Gang, das eine artifizielle Distanz schon dadurch erhält, dass die Figuren oft in der dritten Person über sich selbst erzählen, was sie gerade tun. Einer der Engel schlüpft in die Rolle des Buchmalers, wird "the Boy". Iurii Iushkevich singt ihn mit leichtem, engelhaft weichem Countertenor und gibt der Musik einen faszinierend unwirklichen Charakter. Mit langem gelocktem Haar ein wenig an die Selbstbildnisse Albrecht Dürers erinnernd, gleichzeitig "weiblich" im Auftreten, bewegt sich die Figur im unbestimmten Raum zwischen den durch den Protector und Agnès klar abgesteckten Geschlechtern. Mezzosopranistin Cecilia Hall und Tenor Michael McCown vervollständigen in den Rollen der beiden anderen Engel das exquisite kleine Ensemble auf der Bühne.
Agnès weiß noch nicht, dass sie gerade das Herz ihres Liebhabers verspeist, serviert vom Protector (links) und dem dritten Engel
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester findet unter der Leitung von Erik Nielsen ganz hervorragend einen leichten, vom Geist der Renaissancemusik inspirierten, luziden Klang. Melodische Linien werden bruchlos von einem Instrument an das nächste übergeben und erzeugen einen changierenden Klangraum, der das durch viele Assoziationen geprägte Spiel auf der Bühne umgibt wie eine unsichtbare Aura. Die dramatischen Zuspitzungen, die Benjamin komponiert hat, klingen nie vordergründig. Musikalische und szenische Interpretation greifen klug ineinander und sind auch darin stark, nicht alles erklären zu wollen. Written on Skin behält so die rätselhafte Atmosphäre, die entscheidend zur Wirkung des Werkes auch in dieser Produktion beiträgt.
Ein Höhepunkt der laufenden Saison: Mit einer vor allem durch die präzise Personenregie szenisch fesselnden, musikalisch durch und durch großartigen Aufführung beweist Written on Skin einmal mehr Repertoiretauglichkeit. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie
Bühne und Licht
Kostüme
Dramaturgie
Solisten
The Protector
Agnès
First Angel / Boy
Second Angel / Marie
Third Angel / John
|
© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de