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Stell' Dir vor, es ist Krieg, und alle machen mitVon Stefan Schmöe / Fotos von Sandra Then
"Ich habe es nicht gewollt." Das ist die letzte Textzeile in Die letzten Tage der Menschheit, jenem monumentalen, durch die schiere Textmenge unspielbaren Drama von Karl Kraus mit einem Umfang von rund 800 Buchseiten und 100 Szenen. Es ist eine verzweifelt-ironische Abrechnung mit der Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Ein Werk ohne durchlaufende Handlung, das in Form einer gigantischen Collage die Schrecken zu fassen und die Mechanismen zu entschlüsseln versucht. Sind Kriege unvermeidbar? Vermutlich nicht. "Ich habe es nicht gewollt": Das letzte Wort spricht als letzte Instanz die Stimme Gottes.
Rauminstallation mit Aneglus Novus (in der Mitte: Anne Sophie von Otter). Links und rechts die Schauspieler:innen Patrycia Ziolkowska und Sebastian Blomberg
Der französische Komponist Philippe Manoury (* 1952) hat gemeinsam mit dem Musikdramaturgen Patrick Hahn (nicht zu verwechseln mit dem Wuppertaler Generalmusikdirektor gleichen Namens) und Regisseur Nicolas Stemann Kraus' Monumentalwerk als Grundlage eines zweiteiligen Musiktheaters verwendet. Für den ersten, fast zwei Stunden langen Teil sind Die letzten Tage der Menschheit auf eine straffe Szenenfolge komprimiert, die sich in einem Prolog und fünf Akten einigermaßen linear entlang der Geschichte des Ersten Weltkriegs bewegt. Das Attentat von Sarajevo, die Kriegserklärung an Serbien, die große Begeisterung über den Krieg, das Grauen an der Front und die Schrecken in der Heimat und schließlich die Katastrophe der Niederlage - das alles wird in kurzen, oft makabren Szenen angerissen. Hinter der leeren Bühne ist auf drei Podesten das Orchester platziert (weitere Orchestergruppen sitzen im Verlauf der Aufführung rechts und links des Publikums, sodass ein Raumklang entsteht). Manches handelt die Regie von Nicolas Stemann oratorisch ab, anderes in Spielszenen in mehr oder weniger historischen Kostümen (Tina Kloempken). Viele Passagen sind einem Schauspielerpaar übertragen (Patrycia Ziolkowska spielt mit frecher Schnoddrigkeit, Sebastian Blomberg kontert mit elegantem Charme). Eine Live-Kamera verfolgt die Darstellerinnen und Darsteller - oder filmt historische Wiener Ansichtskarten. Der Collagencharakter kommt dadurch gut zur Geltung.
Patrycia Ziolkowska und Sebastian Blomberg zeigen per Live-Cam historische Fotos aus Wien
Selten gibt sich die Regie naturalistisch. Vieles wird überzeichnet und verschiebt die Akzente in Richtung Komödie oder Satire. Dabei wird das Geschehen zunehmend düsterer, sodass einem das zaghafte Lachen bald im Halse stecken bleibt. Da ist die Frau eines Diplomaten, die bedauert, dass ihr Mann nicht an der Front sein darf, und hofft, dass wenigstens die Söhne den Heldentod sterben mögen - ohne Verletzung heimzukommen, das käme einer Blamage gleich. Die Kriegsreporterin Alice Schalek, die Kraus wegen ihrer Kriegsbegeisterung hasste, erscheint im modernen Kleid wie eine Glamour-Reporterin unserer Tage. Solche Momente führen die Inszenierung vorsichtig in die Gegenwart, wobei allein durch das Sujet ohnehin der Ukraine-Krieg in jeder Szene mitschwingt. Vieles besitzt eine unheimliche Allgemeingültigkeit, und hin und wieder sollte man sich bewusst machen, dass die Konzeption des Werkes bereits vor dem russischen Überfall begann, als ein Krieg in Europa undenkbar schien.
An der Front: Miljenko Turk
Bei so viel tollem Spektakel wirkt die Musik von Philippe Manoury oft illustrativ Das Orchester raunt düster, das Blech wirft schrille Akkorde ein, hier ein Choral und da ein Walzer - die Komposition passt sich dem schnellen Szenenwechsel an, erlangt aber recht wenig Autonomie. Manoury baut eine Reihe von Zitaten aus der Musikgeschichte ein, oft eher unterschwellig, die andeuten, welche Kultur sich da gerade zugrunde richtet. Im Gestus knüpft sie oft an die späten Werke Gustav Mahlers an, auch die Düsternis von Wagners Parsifal klingt mit, dann wieder lässt sie an Zimmermanns Soldaten denken, ohne aber besondere Stringenz zu entwickeln - so jedenfalls der Eindruck beim einmaligen Hören. Hinzugefügt ist die Figur des "Angelus Novus", eigentlich eine Zeichnung von Paul Klee, die Walter Benjamin als den "Engel der Geschichte" interpretierte. Dieser Engel wird vom Englischhorn begleitet (wie Wagners sterbenskranker Tristan) - die inzwischen 70jährige Anne Sophie von Otter verleiht ihm mit immer noch sanft leuchtendem Sopran große Würde.
Kriegsberichterstatterin ohne Skrupel: Emily Hindrichs
Dieser erste Teil entlässt einen mit ambivalenten Gefühlen in die Pause: Erlebt hat man bis dahin viel Spektakel, einige Betroffenheit, eine skurrile Mischung aus tiefschwarzem Humor und furchtbarem Ernst. Problematischer ist der rund einstündige zweite Teil, auch wenn die Musik durch den verstärkten Einsatz von elektronischen Klängen jetzt eigenständiger klingt und sich besser gegen die Szene behaupten kann. Im ersten von fünf Tableaus erscheinen nacheinander zwölf Allegorien, wozu man unbedingt vorab im Programmheft deren Bedeutung gelesen (und den Inhalt behalten) haben sollte - da gibt es Raben (Kriegsprofiteure) und Hyänen (die Medien), Frauen und Mütter treten archetypisch auf, ein Gasmaskentrio und Flammen stehen für die Schrecken des Krieges. Im nächsten Tableaux diskutiert das Schauspielerpaar über die Frage, ob Pazifismus legitim ist oder gar den Krieg erst ermöglicht - ein Diskurs von hoher Aktualität, der gleichzeitig die grundsätzlichen Probleme des Werkes offenlegt: Was fängt man nun mit so viel Entsetzen über den Krieg an? Der Engel tritt noch einmal auf, über die Menschheit wird Gericht gehalten, und die ungeborenen Kinder bitten darum, nicht in diese Welt entsendet zu werden. Hier zerfasert das "Thinkspiel", wie das Werk mehrdeutig bezeichnet ist, zusehends und das Konzept wirkt arg konstruiert.
Walter Benjamin hat den Angelus Novus (Anne Sofie von Otter), eine Zeichnung von Paul Klee, den "Engel der Geschichte" genannt
Das Kölner Ensemble, der Chor eingeschlossen, stürzt sich mit bewundernswertem Engagement in dieses Abenteuer, und sängerisch bleiben keine Wünsche offen. Solistinnen und Solisten übernehmen im schnellen Wechsel diverse Rollen. Durchweg wird mit hoher Intensität gesungen und gespielt. Das Gürzenich-Orchester spielt mit zupackender Schärfe. Dirigent Peter Rundel hält das musikalische Geschehen umsichtig zusammen.
Die Kölner Oper präsentiert mit hohem Einsatz ein spektakuläres Antikriegs-Welttheater, das in manchen Szenen betroffen macht, an anderen Stellen aber recht bemüht wirkt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Mediale Inszenierung
Lichtdesign
Klangregie & Live-Elektronik
IRCAM Softwareentwicklung
IRCAM Sounddesign
IRCAM Klangregie
IRCAM Klangmischung
Chor
Dramaturgie
Solisten
Angelus Novus
Sopran A
Sopran B
Sopran C
Sopran D
Mezzosopran A
Mezzosopran B
Mezzosopran C
Tenor A
Tenor B
Tenor C
Bariton A
Bariton B / Bass
Schauspieler
Schauspielerin
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