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Erzählen gegen das Vergessen
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Jochen Quast
"Ob sich die Menschen irgendwann an uns erinnern, unser Leben verstehen? Unsere Qualen, unsere Leiden?" Das fragt sich im dritten Bild dieser Oper die junge Polin Marta, die als Inhaftierte in Auschwitz mit dem täglichen Grauen konfrontiert ist und den drohenden Tod vor Augen hat. Die Erinnerung bleibt, so kann man antworten, solange jemand davon erzählt - Zofia Posmysz (1923 - 2022), eine Überlebende von Auschwitz, in ihrer Novelle Die Passagierin. Mieczysław Weinberg (1919 - 1986) hat diese zum Ausgangspunkt seiner 1968 komponierten (aber erst bei den Bregenzer Festspielen 2010 mit großer resonanz szenisch uraufgeführten) gleichnamigen Oper gemacht. Dabei ist - wie schon in der Novelle - eine Rahmenhandlung über die Ereignisse im Lager gelegt: Lisa, ehemalige KZ-Aufseherin aus Überzeugung, glaubt, auf einer Schiffspassage nach Südamerika in einer anderen Passagierin eben jene Marta zu erkennen, die sie seinerzeit in den Todestrakt geschickt hatte. Ihr Ehemann Walter (der bis dahin nichts von Lisas Vergangenheit wusste) ist fassungslos und fürchtet um seine Diplomatenkarriere im Dienst der geläuterten Bundesrepublik. Es kommt zu keiner direkten Konfrontation der beiden Frauen auf dem Schiff, und die rätselhafte Passagierin (von der nie ganz klar wird, ob es tatsächlich Marta ist, auch wenn alle Zeichen dafür sprechen) bleibt stumm. In Rückblenden wird Martas Geschichte im KZ erzählt, wobei es sich eher um Momentaufnahmen und nur ansatzweise um eine lineare Entwicklung handelt.
Auf der Reise nach Südamerika glaubt Diplomatengattin Lisa, in der unnahbaren Passagierin (oben) die Polin Marta zu erkennen, deren Tod sie im KZ einst angeordnet hatte.
Wie aber erzählt man Geschichten aus Auschwitz auf der Bühne? Zuletzt hatte Nadja Loschky in Mainz die Geschichte in einen irrealen Erinnerungsraum verlegt, Tobias Kratzer in München hatte auf eine Bebilderung der Erinnerung komplett verzichtet. In Lübeck wagt Bernd Reiner Krieger einen Gegenentwurf und erzählt in wechselnden Perspektiven ganz einfach das, was im Libretto steht. Dazu hat Bühnenbildner Hans Kudlich recht realistisch das Oberdeck des Dampfers nachgebaut, darunter die Kajüte von Lisa und Walter angedeutet, und wenn die Unterbühne hochgefahren wird, sieht man dort die Szenen aus dem Lager - meist das Innere der Frauenbaracke. Die Kostüme (Ingrid Leibezeder) verzichten auf jegliche SS-Abzeichen und Hakenkreuzbinden. Die genau ausgearbeitete Personenregie vermeidet jedes Pathos. Auch wenn in zwei Szenen die Gewalt sehr hart dargestellt wird, geht es nie um eine direkte Schilderung der Schrecken. Die Inszenierung behält genug Nüchternheit und Distanz zu den historischen Ereignissen, um nicht in Kitsch oder in eine theatralische Ästhetisierung abzugleiten, und sie macht doch betroffen.
Erinnerung an Auschwitz: Häftling Marta und Aufseherin Lisa
Neben der unmittelbaren Bedrohung von Leben und Existenz zeigt Krieger eine weitere Dimension, und das ist die Frage, wie die Häftlinge unter den Bedingungen des Lagers ihre Würde behalten können. Lisa zeigt zwar als Aufseherin vergleichsweise "menschliche" Züge und bewahrt sich einen Rest an Respekt gegenüber den Gefangenen, aber jedes Zeichen von Gunst unterstreicht auch die Machtverhältnisse. Insofern geht es auch um die Deutungshoheit ihrer Handlungen: Was aus der Perspektive der Aufseherin Wohltätigkeit sein mag, ist aus Sicht Martas und ihrer Schicksalagenossinnen elementares Menschenrecht. Am deutlichsten wird das im Handlungsstrang um Martas Verlobten Tadeusz, einen Geigenvirtuosen. Als Lisa erkennt, dass die beiden sich im Lager wiedergefunden haben, will sie ihnen ein Rendezvous ermöglichen - doch die beiden lehnen ab. Sie wollen nicht die Dankbarkeit (und damit Unterwürfigkeit) zeigen, die Lisa indirekt damit einfordert. Für Marta wird das beinahe zum Todesurteil (wie sie den Todesblock, in den Lisa sie überweist, letztendlich überlebt, das erfährt man nicht). Tadeusz' Ende ist besiegelt, als er dem Lagerkommandanten vorspielen soll, und zwar dessen Lieblingswalzer - aber stattdessen spielt er die Chaconne von Johann Sebastian Bach. Weinberg erlaubt sich eine bitterböse Pointe, wenn er auf diese Art die kulturellen Werte umdreht: Ausgerechnet das Herzstück des deutschen Geigenrepertoires wird zur Provokation der NS-Machthaber. Deutlicher kann man den Kulturverfall nicht zeigen.
Ankunft der neuen Häftlinge im Lager
Zunehmend sichert sich Die Passagierin einen festen Platz im Repertoire. Das liegt nicht nur an der Thematik, sondern auch an der Kraft von Weinbergs polystilistischer Musik, die zwischen Schlagzeugattacken, lässigen Tanzrhythmen und kammermusikalisch feiner Melancholie pendelt. In Lübeck verzichtet Takahiro Nagasaki auf die ganz große Attacke, lässt die jazzigen Passagen mit lakonischer Distanz spielen und die vielen getragenen Passagen in der Baracke mit großer Zartheit, aber ohne falsche Sentimentalität. Das entspricht der narrativen Linie der Regie, und das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck setzt diese Interpretation außerordentlich gut und klangsensibel um. Auf der Bühne agiert ein ganz hervorragendes Ensemble, angefangen beim sehr genau intonierenden Chor (Einstudierung: Jan-Michael Krüger), der mit reduziertem Vibrato eine "unopernhafte" Schlichtheit zum Ausdruck bringt, die der Musik angemessen ist. Marlene Lichtenberg singt und spielt eine zerrissene Lisa, die glaubwürdig zwischen einer Abwehrhaltung ("Ich habe mir nichts vorzuwerfen") und zunehmenden Selbstzweifeln schwankt. Die jugendliche, leuchtende Stimme bekräftigt das. Konstantinos Klironomos stattet ihren Gatten Walter mit großformatigem, dabei elegantem Tenor aus und legt die Figur mit Zwischentönen an. Sicher erlebt man da auch den um seine berufliche Zukunft besorgten Karrieristen, aber er vermittelt darüber hinaus auch eine echte Erschütterung über die Vergangenheit seiner Frau.
Im letzten Bild überlagert die Regie beide Erzählebenen. Tadeusz spielt vor dem Kommandanten - aber nicht (wie befohlen) dessen Lieblingswalzer, sondern Bach. Diese Provokation bedeutet seinen Tod.
Im Zentrum aber steht Adrienn Miksch als Marta, die sie mit leuchtendem, mädchenhaft klarem lyrischem Sopran hinreißend gestaltet und der sie ebenso Stärke und Würde wie Zerbrechlichkeit verleiht. Durchweg ausgezeichnet sind die Mithäftlinge besetzt, allen voran Natalia Willot als russische Partisanin Katja, die mit bestechender Tonreinheit unbegleitet ein Volkslied (mit großen Intervallsprüngen) singt - eine der beklemmendsten Szenen des Abends. Jacob Scharfmann gestaltet mit kraftvollem, jugendlichem Bariton einen standhaften Tadeusz. Mehr noch als der große Jubel für alle Beteiligten am Ende dieser Premiere zeigte der recht lange Moment der Stille nach dem letzten Ton, wie stark die Wirkung dieses Werkes sein kann.
Ein großer, berührender Opernabend: Bernd Reiner Krieger erzählt die Geschichte ungebrochen, aber gerade in den Szenen, die in Auschwitz spielen, mit der erforderlichen Sensibilität. Musikalisch muss sich das Theater Lübeck mit dieser durchweg exzellenten Besetzung nicht vor den großen Häusern verstecken. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Kampfchoreographie
Choreographische Mitarbeit
Chor
Dramaturgie
Solisten
Lisa
Walter
Marta
Tadeusz
Katja
Krystina
Vlasta
Hannah
Yvette
Bronka
Alte Frau
1. SS-Mann
2. SS-Mann
3. SS-Mann
Älterer Passagier
Steward
Oberaufseherin
Kapo
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