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Menschen im Grand-Hotel
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Sandra Then
"Es könnte scheinen, als wäre hier mit Fleiß und Mühe das Bild einer vergangenen Zeit gemalt, doch dies ist nur Täuschung. Denn es ist mehr von der Vergangenheit in der Gegenwart, als man ahnt", schrieb Hugo von Hofmannsthal 1909 an Richard Strauss. Die Briefstelle ist prominent am Beginn des Programmhefts zu dieser Aufführung abgedruckt. Hofmannsthal und Strauss haben ein Rokoko erfunden, in dem nichts historisch korrekt und doch alles ganz wunderbar wahr ist. Man muss nur für die Dauer der Aufführung daran glauben wollen. An Zeremonien wie die Überreichung einer silbernen Rose als Zeichen der Brautwerbung, die zudem so zuckersüß komponiert ist, dass man den Tropfen persischen Rosenöls, der darein getan sein soll, wie es im Text heißt, förmlich riechen kann. Man mag das für Kitsch halten, aber genau davon lebt der Rosenkavalier mit seiner zarten Melancholie und dem Klammern an der aberwitzigen Hoffnung, es gebe so etwas wie Glück.
Regisseur Christian Stückl mag sich nicht recht auf solche Dinge, er wird sie wohl als Sentimentalitäten bezeichnen, einlassen. Jedenfalls lässt er den Hotelpagen, der Sophie und Octavian beim entrückten Duett "Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein" am Ende der Oper beobachtet, kräftig in ein Taschentuch schluchzen vor Rührung. Kitschgefahr erkannt, Kitschgefahr gebannt? Kann man so sehen, aber man macht das große Stück damit doch eher klein. Stückl, der wissen möchte, "was das [Stück] mit unserem heutigen Leben zu tun hat" (so sagt er im Programmheft), lässt das Rokoko Maria Theresias, in dem die Handlung angesiedelt ist, links liegen und verlegt das Geschehen in ein zeitlos elegantes Luxushotel. Dafür hat Stefan Hagemeier ein ästhetisch strenges, sehr schön anzusehendes Bühnenbild entworfen und die passenden Kostüme gleich dazu. Die Bediensteten tragen dasselbe dezent gestreifte Grün, mit dem die Wände tapeziert sind und das gelegentlich von einem leuchtenden Rot kontrastiert wird, das immer dann auftaucht, wenn es um Liebe oder besser: um Erotik geht. Dieser Raum bildet, leicht variiert, den Rahmen für alle drei Aufzüge, was durchaus funktioniert. Die Menschen wirken vor den riesigen neutralen Wänden ein wenig unbehaust, wie auf einer Reise, und die Figuren werden aus jedem historischen Rahmen herausgelöst.
Überreichung von (hier nicht silbernen) Rosen: Octavian und Sophie
Dafür wird auch die silberne Rose, das prägnanteste Symbol der Vorlage, geopfert und durch einen eindrucksvoll großen, aber vergleichsweise banalen Strauß Rosen ersetzt. Dessen Übergabe ist ziemlich komödiantisch und beinahe slapstickhaft inszeniert. Sophie ist kurz zuvor aus dem Swimming Pool geklettert und hat sich schnell den Bademantel übergeworfen. Boshafterweise dasselbe Modell, dass zuvor die Marschallin getragen hat. Da scheinen die Frauen für Octavian also recht einfach austauschbar zu sein. Es fehlt allerdings an Glaubwürdigkeit, denn ganz sicher würde in einem solchen Moment, in dem Text wie Musik vor Aufregung vibrieren, kein junges Mädchen die Ruhe weghaben, dem Brautwerber in Badekleidung entgegenzutreten. Octavian trägt einen prächtigen Schnurrbart, den er kurzerhand ablegt, wenn er sich als Kammerzofe Mariandl verkleidet. Auch wenn ja offensichtlich alles in dieser Oper nur Theater oder, wie es im Text heißt, eine wienerische Maskerad' ist, erscheinen solche Wendungen überflüssig. Gravierender aber ist, dass die Kunstfigur Octavian, die doch bei Hofmannsthal und Strauss so viel Leben eingehaucht bekommt, hier ziemlich hölzern bleibt. Man mag nicht glauben, dass Feingeister wie die Marschallin und die ziemlich selbstbewusste Sophie ausgerechnet an diesem kraftmeiernden Muskelprotz Gefallen finden.
Mit den komödiantischen Untiefen des Werkes tut sich Stückl schwer. Die von Octavian inszenierten Spukerscheinungen im dritten Aufzug, die den kein Liebesabenteuer auslassenden Baron Ochs verunsichern sollen, ersetzt er durch Dienstbotinnen, die unerwartet durch den Raum laufen und dem notorischen Dauergrapscher den Mittelfinger zeigen. Na ja. Wobei dieser dritte Aufzug durch manche Striche so stark gekürzt ist, dass es ein wenig holpert. Es bedarf dann doch mehr der billigen Vorstadttristesse, um das emphatische Finale danach im rechten Glanz erstrahlen zu lassen. Und das von Hofmannsthal fein austarierte soziale Gefüge des kaiserlichen Wiens (oder was man dafür hält) lässt sich nicht so einfach auf das Hotelambiente übertragen, wo eine Frau Fürstin Feldmarschall als ein Gast unter vielen eben nicht über die besondere Autorität verfügt, die ihr Textdichter und Komponist noch ein letztes Mal zuschreiben.
Hier wird es nicht zur Liebesnacht kommen, denn es ist nichts als eine Farce: Octavian gibt sich als Dienstmädchen Mariandl aus, Ochs fällt darauf herein
An vielen Stellen überzeugt die genau psychologisierende Personenregie, die mit kleinen, aber bedeutungsvollen Gesten und immer wieder mit Blicken arbeitet. Dabei könnte der (erfreulich verständlich gesungene) Text noch präziser ausgedeutet werden, wenn Dirigent Stefan Zilias sich und dem Ensemble ein wenig mehr Zeit und Ruhe lassen würde. Dem recht straffen Dirigat fehlt oft der Sekundenbruchteil der Ruhe und des Innehaltens. In der klanglichen Differenzierung wie in der Ausgestaltung im Detail bleibt die musikalische Interpretation allzu pauschal, als traue auch sie dem Zauber der Partitur nicht recht. Und leider wird allzu oft einfach zu laut gesungen. Das macht den schönen, nicht allzu großen Sopran von Kiandra Howarth als Marschallin im Klang eindimensional (dabei kann sie durchaus mit einem eindrucksvollen Piano punkten, setzt das aber zu selten ein), und auch der glutvolle, ein wenig flackernde Mezzosopran von Anna Marie Stanley bleibt zu oft im Einheitsforte. Martin Summer als stimmlich großformatiger Ochs mit Wiener Dialekt, aber ohne wienerische Gemütlichkeit, und Frank Schneiders als kraftvoller Faninal donnern ordentlich um die Wette. Da freut man sich, dass Meredith Wolgemuth als Sophie sich auf ihren höhensicheren Sopran verlassen kann und zu leiseren Tönen neigt. Marco Lee gibt einen ordentlichen italienischen Sänger, Monika Walerowicz und Philipp Kapeller ein stimmlich sehr präsentes Intrigantenpaar Annina und Valzacchi, und Franziska Giesemann steuert eine einfühlsame Leitmetzerin bei.
Ein mittelprächtiger Rosenkavalier, der mit einem klaren ästhetischen Konzept beeindruckt, aber in seinem angestrengten Bemühen um Sachlichkeit dem Werk manchen Reiz nimmt. Gleichwohl hat man schon schlechtere Interpretationen gesehen als diese psychologisch durchaus überzeugende Variante. Musikalisch akzeptabel, ohne den ganz großen Zauber zu verbreiten.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Licht
Chor
Kinderchor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der Premiere
Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg
Der Baron Ochs auf Lerchenau
Octavian
Herr von Faninal
Sophie
Jungfer Marianne Leitmetzerin
Valzacchi
Annina
Ein Polizeikommissar
Der Haushofmeister bei der Feldmarschallin
Der Haushofmeister bei Faninal
Ein Sänger
Ein Notar
Ein Wirt
Erste adelige Waise
Zweite adelige Waise
Dritte adelige Waise
Eine Modistin
Ein Tierhändler
Erster Lakai der Marschallin
Zweiter Lakai der Marschallin
Dritter Lakai der Marschallin
Vierter Lakai der Marschallin
Sechs Lerchenausche
Erster Kellner
Zweiter Kellner
Dritter Kellner
Vierter Kellner
Hausknecht
Acht kleine Kinder
Leopold
Hippolyte
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