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Im Wald gibt es keine Engel
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Karl und Monika Forster
Hänsel und Gretel verlaufen sich, wie man seit Kindheitstagen weiß, im Wald. Aber wofür steht dieser Wald? Er ist Symbol für das Unbewusste und das Irrationale; hier manifestieren sich Urängste; und nicht zuletzt ist der unkultivierte Wald der Gegenpol zur Zivilisation. Er ist aber auch ein komplexes Ökosystem und damit ein Naturraum mit seinen ganz eigenen Gesetzen. Leoš Janaček hat in seiner Oper Das schlaue Füchslein mit dem Wald als Kosmos den ewigen Kreislauf der Natur dargestellt. Das konnte man am Musiktheater im Revier (MiR) zuletzt vor zwei Jahren erleben, inszeniert von Intendant Michael Schulz im Bühnenbild von Heike Scheele mit Kostümen von Martina Feldmann. Wenn dieses Team jetzt bei der Neuinszenierung von Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel auf viele Ausstattungselemente aus dem schlauen Füchslein zurückgreift, dann folgt das nicht nur dem Prinzip der ressourcenschonenden Nachhaltigkeit, sondern hat unmittelbar künstlerische Konsequenzen. Nicht nur sieht man auf einem Vorhang das beinahe fotorealistische Waldpanorama wieder, das wie in einer Doppel- oder Mehrfachbelichtung die Konturen verschwimmen lässt und einen gebrochenen Blick auf den Wald zeigt; auch viele der fantasievoll ausgestalteten Tiere haben einen erneuten Auftritt.
Schwer erziehbare Kinder? Hänsel und Gretel
Janačeks Wald zeigte ein pantheistisches Weltbild, und damit überschreibt Schulz hier den christlich-religiösen Hintergrund des Librettos von Adelheit Wette, der Schwester des Komponisten. Statt der berühmten vierzehn Engel, die beim "Abendsegen" der Kinder im nächtlichen Wald angerufen werden (und typischerweise auch erscheinen), sind es die Tiere des Waldes, die um das schlafende Paar herumstehen. Wobei Schulz die Idee gleich ein wenig zurücknimmt und ein betont puppenhaftes Sandmännchen (und beim Erwachen ein entsprechendes Taumännchen) dazugesellt, und dazu gibt's - wohl im Traum, denn am Morgen ist diese verschwunden - auch noch wärmende Bettwäsche. Vielleicht sind das Zugeständnisse an ein sehr junges Publikum, das man sich für diese märchenhafte, liebevoll ausgestaltete Produktion erhofft. Später darf dann die Hexe überleben. Wobei es manchem Kind im Zuschauerraum vielleicht noch schwerer fällt mitanzusehen, wie zwischenzeitlich Kuscheltiere ins Ofenfeuer geworfen werden.
Statt von vierzehn Engeln werden Hänsel und Gretel im Wald von den Tieren, die schon Das schlaue Füchslein bevölkert haben, umsorgt
Hänsel und Gretel wachsen in Armut auf, das erkennt man an dem kargen Interieur des Hauses, das aus einer nicht ganz genau fixierbaren Vergangenheit stammt. Die Moderne hält vorsichtig und unaufdringlich Einzug, wenn Vater Peter seine Einkäufe aus dem Supermarkt mitbringt. Über solche Brüche lässt sich aber leicht hinwegsehen, wenn man die romantische Märchenwelt erleben möchte. Das klassische Hexenhaus mit Pfefferkuchen sucht man allerdings vergebens. Ein paar Süßigkeiten hängen von der großen Vitrine herab, in der die Hexe posiert, die - politisch korrekt - nicht eindeutig weiblich oder männlich ist: Ein Traum in Rosa mit Kleid und Bart. Martin Homrich legt mit kraftvollem Tenor einen szenisch wie musikalisch furiosen Auftritt hin, der diese Figur ohnehin in eine andere Sphäre rückt. Das eigentliche Reich dieser Hexe befindet sich in der Unterbühne, und in den dort rotierenden Zahnrädern kann man eine Anspielung auf Charlie Chaplins Film Modern Times erahnen. Die Industrialisierung deutet sich in diesem Maschinenraum an, im Idyll des Waldes erst einmal unsichtbar, aber eben doch vorhanden.
Die Hexe bewohnt eine stattliche Vitrine mit Maschinenraum in der Unterbühne
Heejin Kim mit mädchenhaft klarem, in den Aufschwüngen jubilierendem Sopran und Lina Hoffmann mit ganz leicht eingedunkeltem, den Rosenkavalier-Octavian vorwegnehmendem Hänsel geben ein sehr charmantes Geschwisterpaar mit dem richtigen Maß an Märchen-Naivität ab. Mit Almuth Herbst und Benedict Nelson sind auch die Eltern gut besetzt. Elia Cohen Weissert singt Sand- und Taumännchen mit quirligem, vibrierendem Sopran. Die Regie fügt noch eine weitere (stumme) Rolle hinzu, einen geheimnisvollen Mann im schwarzen Kapuzenmantel, den der Besetzungszettel als den "Namenlosen" vorstellt (Sebastian Schiller spielt ihn mit spukhafter Agilität). Das schafft ein weiteres Spannungsmoment, wobei es ohnehin viel zu sehen gibt in dieser Inszenierung, die sicher auch zeigen möchte, was im Theater alles möglich ist. Erst am Ende löst sich dieses Rätsel auf, was hier aber nicht verraten werden soll. Nur so viel: Das Stück bräuchte das nicht, die Idee schadet aber auch nicht weiter und fügt sich halbwegs plausibel ein. Immerhin: Wer denkt, er kennt das Märchen, erlebt hier eine neue zusätzliche Wendung.
Glückliches Ende
Mit betörend schönem Klang singen der Kinderchor des Theaters und die Kinder der Akademie für Gesang NRW (Einstudierung: Željo Davutovic und Veronika Haller). Im Orchestergraben lassen es Kapellmeister Giuliano Betta und die sehr aufmerksame Neue Philharmonie Westfalen nach Kräften wagnern - käme im nächsten Moment ein Meistersinger um die Ecke oder Siegfried und Mime im Dauerstreit aus dem Wald, es würde musikalisch nicht groß wundern. Aber es gelingt Betta, die großen romantischen Aufwallungen organisch mit dem oft liedhaften Ton Humperdincks zu verbinden. Große Überwältigungsmomente und Kinderlieder greifen gut ineinander, und das Publikum, ob jung oder alt, bekommt nicht nur viel zu sehen, sondern auch großes Hörtheater geboten.
Michael Schulz, der am Ende dieser Saison nach 17 Jahren das Musiktheater im Revier verlassen und die Leitung des Saarländischen Staatstheaters Saarbrücken übernehmen wird, zeigt in seiner letzten Inszenierung für das MiR tolles Theater für die ganze Familie auf sehr gutem musikalischem Niveau. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Kinderchor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der Premiere
Peter
Gertrud
Hänsel
Gretel
Die Knusperhexe
Sandmännchen, Taumännchen
Der Namenlose
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