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Carmen

Ballett in zwei Akten von Johan Inger
Musik von Georges Bizet, Rodion Schtschedrin, Marc Álvarez


Aufführungsdauer: ca. 2 h (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 13. Oktober 2024

Logo:  Theater Essen

Theater und Philharmonie Essen
(Homepage)

Fatales Beziehungsdreieck

Von Thomas Molke / Fotos von Bettina Stoess

Georges Bizets Carmen zählt nicht nur zu den weltweit am meisten aufgeführten Opern, deren populäre Melodien auch einem opernfernen Publikum in der Regel bekannt sind. Die Geschichte um die wohl verführerischste Femme fatale des ausgehenden 19. Jahrhunderts hat auch immer wieder Choreographinnen und Choreographen zu einem abendfüllenden Handlungsballett inspiriert. Schon Marius Petipa hat die Geschichte in Carmen et son toréro umgesetzt, bevor Bizet sich mit dem Stoff auseinandergesetzt hat. Ihm folgten nach der Entstehung der Oper unter anderem Größen wie Roland Petit, John Cranko, Mats Ek oder Carlos Acosta. Auch Ben Van Cauwenbergh, der zum Ende der letzten Spielzeit die Leitung der Ballettsparte an die neue Doppelspitze Armen Hakobyan und Marek Tůma übergeben hat, hat der verführerischen Spanierin in seiner dritten Spielzeit in Essen 2011 in dem Ballettabend Carmen / Bolero, der auch in seiner Abschiedsspielzeit noch einmal wiederaufgenommen wurde, ein Denkmal gesetzt. 2011 tanzte noch Hakobyan den Escamillo, was vielleicht den Ausschlag gegeben haben mag, sich für den ersten Ballettabend unter der neuen Leitung erneut diesem Stoff zu widmen. Dafür hat man den schwedischen Starchoreographen Johan Inger eingeladen, seine Version der Geschichte, die er für die Compañía Nacional de Danza Madrid 2015 kreierte und die ein Jahr später mit dem prestigeträchtigen Prix Benois de la Danse ausgezeichnet wurde, nach Stationen in Dresden, London, Monte-Carlo, Basel und Australien nun auch mit der Compagnie des Aalto Ballett zu erarbeiten.

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Carmen (Yuki Kishimoto) verführt Don José (Wataru Shimizu).

Inger nähert sich dabei wieder mehr der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée an. So tötet José bei Inger auch seinen Vorgesetzten Leutnant Zuniga aus Eifersucht. Auf die Figur der Micaëla und die Schmugglergeschichte wird verzichtet. Ins Zentrum rückt er stattdessen immer wieder ein fatales Beziehungsdreieck (erst: José - Carmen - Zuniga, dann: José - Carmen - Escamillo), das zu Gewalt und schließlich ins Verderben führt. Diese Dreierstruktur überträgt er auch auf die Musikauswahl und auf das Bühnenbild. Das Bühnenbild von Curt Allen Wilmer und Leticia Gañán Calvo besteht aus neun (dreimal drei) dreiseitigen Prismen, die auf einer Seite Spiegel zeigen, auf einer anderen eine Betonwand und auf der dritten Seite Metalllamellen, durch die am Ende auch eine helle Lichtquelle strahlen kann. Diese Elemente werden von den Tänzerinnen und Tänzern in immer wieder neuen Konstellationen über die Bühne geschoben und lassen so unterschiedliche, relativ abstrakt gehaltene Räume entstehen, die auf jegliches spanisches Lokalkolorit verzichten. Die Geschichte könnte also überall spielen. Das relativ triste Ambiente der Tabakfabrik im ersten Akt mit kalten Betonwänden verwandelt sich so in ein verruchtes Etablissement mit Spiegeln und klagt am Ende mit grellem weißem Licht durch die Metalllammellen José für seine vergangenen Verbrechen an.

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Don José (Wataru Shimizu, rechts) tötet Leutnant Zuniga (Davit Bassénz, links) (in der Mitte: Yuki Kishimoto als Carmen).

Farbliche Akzente setzen nur die Kostüme von David Delfín, wobei auch hier auf Nüchternheit und Zeitlosigkeit gesetzt wird. Einzig Carmen sticht durch ein feuerrotes Kleid aus der Masse hervor. Die anderen Arbeiterinnen der Zigarettenfabrik tragen einfache Kleider im gleichen Schnitt mit blasseren Farben. Die vier jungen Männer, die in der Pause der Arbeiterinnen auf dem Platz herumlungern, tragen immerhin noch beigefarbene Hosen zu den teils gepunkteten Oberteilen. Ansonsten ist alles in Schwarz und Weiß gehalten. Neben den Figuren treten auch Schatten auf, die nicht nur völlig schwarz gewandet sind, sondern deren Gesichter auch noch durch schwarze Masken verdeckt sind. Als neue Figur führt Inger ein Kind (Sena Shirae) ein, das zu Beginn in einer kurzen weißen Hose und einem weißen Oberteil die Bühne mit einem Ball betritt und den Ball gegen die Betonwand wirft. Der Laut des Balles wird von einer Schattenperson als Schlagen an die Wand übernommen. Die Person nimmt dem Kind den Ball weg und zieht es als Betrachter in die Geschichte hinein. Dabei vollzieht das Kind eine Wandlung. Im zweiten Teil nach der Pause ist es in Schwarz gekleidet und hat gewissermaßen durch die Geschichte seine Unschuld verloren. Wer dieses Kind ist, überlässt Inger dem Publikum. Für manche mag es José als kleiner Junge sein, für andere vielleicht Carmen als Mädchen oder ein nie geborenes Kind der beiden. Vielleicht repräsentiert es aber auch das Publikum, das wie das Kind das Geschehen betrachtet.

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Carmen (Yuki Kishimoto) hat sich in Escamillo (William Emilio Castro Hechavarría) verliebt.

Für die Musik hat Inger neben zwei Stücken aus Georges Bizets Oper in einem Arrangement von Álvaro Domínguez Vázquez vor allem die Carmen-Suite von Rodion Schtschedrin - nicht zu verwechseln mit den beiden Orchester-Suiten, die Bizets Freund Ernest Guiraud nach Bizets Tod herausgegeben hat - verwendet und um eigens für den Ballettabend komponierte Stücke von Marc Álvarez ergänzt. Schtschedrin komponierte die Carmen-Suite 1967 für ein einaktiges Carmen-Ballett, das der Kubaner Alberto Alonso für das Bolschoi-Theater in Moskau choreographierte und in dem Schtschedrins Ehefrau, die Primaballerina Maya Plissezkaya, in der Titelpartie auftrat. Ursprünglich war der Kompositionsauftrag an Dmitri Schostakowitsch herangetragen worden, der aber dankend ablehnte und für den Auftrag seinen Schüler Schtschedrin empfahl. Das Ballett erlebte 1967 ein ähnliches Fiasko wie die Uraufführung von Bizets Oper 1875. Zu radikal schien dem Publikum der Bruch mit Bizets Klängen. So verzichtet Schtschedrin größtenteils auf die Holzbläser und setzt zahlreiche Schlaginstrumente wie Röhrenglocken, Pauken, Marimba, Xylophon, Glockenspiel und Vibraphon ein, die die düstere Atmosphäre und Steigerung der Gewalt betonen. Auch die beiden originalen Bizet-Passagen zur Eröffnung des Abends und am Ende des ersten Aktes werden durch Einsatz der Schlaginstrumente verfremdet. So klingt die Ouvertüre aus Bizets Oper mit den Röhrenglocken völlig ungewohnt. Während Schtschedrins Musik Bizet nur in Taktarten, Pausen und Weglassungen an einigen Stellen verändert, geht Álvarez für seine Neukomposition noch weiter. So versucht er in seinen Kompositionen, das Innere der Figuren durch eine abstrakte Klangsprache zu durchleuchten. So sieht man beispielsweise José zu Beginn des zweiten Aktes in einem gleißenden Lichtkegel zu "Curtain Up" nach dem Mord an Zuniga zu heftigem Schlagzeugeinsatz fliehen. Auch "Shadowland" kurz vor dem Mord an Carmen am Ende des Abends enthält in den dunklen, elektronisch verzerrten Klängen etwas Gewaltbereites, das das tragische Ende bereits vorwegnimmt.

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Das Kind (Sena Shirae, links) versucht, Don José (Wataru Shimizu) daran zu hindern, Carmen (Yuki Kishimoto) Gewalt anzutun.

Die Compagnie des Aalto Ballett Essen setzt die Choreographie eindrucksvoll um und zeigt, dass man auch weiterhin nach Van Cauwenberghs Weggang großes Tanztheater in Essen erleben kann. Yuki Kishimoto glänzt als verführerische Femme fatale in der Titelpartie und spielt mit den Männern. Mit einer gewissen Überheblichkeit nimmt sie sich das Recht auf freie Liebe heraus und zeigt sich zu keinem Kompromiss bereit. Dabei begeistert sie mit ausdrucksstarkem Bewegungsvokabular. Dass sie die Partie nicht auf Spitze tanzt, passt zum Konzept, weil der Spitzentanz der Figur eine Schwäche und Zerbrechlichkeit gegeben hätte, die dieser Carmen völlig fremd ist. Wataru Shimizu legt den José als von Eifersucht getriebenen jungen Mann an, der sich selbst nicht unter Kontrolle hat. Mit der Blume, die Carmen ihm zu Beginn des Abends zugeworfen hat, ist es um ihn geschehen. Von nun an ist er ihr verfallen und nicht bereit, sie mit einem anderen zu teilen. Großartig setzen Shimizu und Kishimoto die Szene im ersten Akt um, in der José Carmen ins Gefängnis bringen soll, sie ihn jedoch verführt und entfliehen kann. Bewegend kommt es zu einer zärtlichen Annäherung der beiden zur Melodie von Bizets berühmter Tenor-Arie "La fleur que tu m'avais jetée" in einer Instrumentalfassung, die aber von Zuniga unterbrochen wird, was zum Mord am Leutnant führt. Auch kurz vor dem tragischen Ende kommt es im zweiten Intermezzo aus  Schtschedrins Carmen-Suite noch einmal zu einer traumhaften Annäherung der beiden, in der das Kind eine besondere Rolle spielt. Hier wird die Illusion einer glücklichen Familie erzeugt, die im Anschluss sofort wieder zusammenbricht.

Mit herrlicher Naivität und Unschuld zeichnet Sena Shirae das Kind, das in die Geschichte voller Gewalt hineingezogen wird und am Ende nach dem Mord an Carmen eine Puppe in ihre Einzelteile zerlegt. Vor dem Geschehen auf der Bühne hängen einzelne weiße Fäden herab, die auf der Seite des Kindes, wenn es die Puppe zerstört, herabfallen, während sie vor José wie die Stäbe einer Gefängniszelle hängen bleiben. Davit Bassénz gestaltet den Leutnant Zuniga mit großem Macho-Gehabe und kraftvollen Sprüngen. William Emilio Castro Hechavarría legt den Escamillo in seinem schwarz glitzernden Sakko wie einen selbstverliebten Popstar an, für den Carmen nur eine weitere Trophäe in seinem Fan-Kreis darstellt. Deswegen wird er nach Carmens Tod auch einfach unverrichteter Dinge weiterziehen. Überzeugend gestaltet er seine Selbstverliebtheit in einem kleinen Spiegelraum, in dem er sich von allen Seiten betrachtet. Auch die restliche Compagnie punktet als Arbeiterinnen, Soldaten und Schatten mit großer Homogenität und Ausdruckskraft. Thomas Herzog, der Ingers Ballettabend schon an anderen Bühnen musikalisch geleitet hat, führt auch die Essener Philharmoniker mit sicherer Hand durch die Partitur und lässt den Abend auch musikalisch zu einem Klangerlebnis werden, auch wenn Bizets Musik in den Bearbeitungen zunächst ein wenig ungewohnt klingt.

FAZIT

Johan Ingers Choreographie des Mythos Carmen begeistert auch in Essen das Publikum und dürfte zu ausverkauften Vorstellungen führen.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
*Thomas Herzog /
Tommaso Turchetta

Choreographie
Johan Inger

Bühne
Curt Allen Wilmer /
Leticia Gañán Calvo

Kostüme
David Delfín

Licht
Tom Visser

Dramaturgie
Gregor Acuña-Pohl /
Laura Bruckner

Einstudierung
Toby Mallitt /
Javier Rodríguez Cobos

 

Essener Philharmoniker

Compagnie des Aalto Ballett Essen


Solistinnen und Solisten

Carmen
Yuki Kishimoto

José
Wataru Shimizu

Zuniga
Davit Bassénz

Kind
Sena Shirae

Escamillo
William Emilio Castro Hechavarría

Manuela
Julia Schalitz

Arbeiterinnen
Isabell Broom
Kotono Choda
Samantha Kate Grammer
Maria Horianski
Anna Maria Papaiacovou
Julia Schalitz
Marie Van Cauwenbergh

Junge Männer
Kieren Bofinger
Matheus Barboza de Jesus
Joel Dichter
Paul Faure

Wachen
Benjamin Balazs
Dale Rhodes

Schatten
Compagnie des Aalto Ballett Essen





Weitere Informationen
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