|
Fatales Beziehungsdreieck
Von Thomas Molke
/
Fotos von Bettina Stoess
Georges Bizets Carmen zählt nicht nur zu
den weltweit am meisten aufgeführten Opern, deren populäre Melodien auch einem
opernfernen Publikum in der Regel bekannt sind. Die Geschichte um die wohl
verführerischste Femme fatale des ausgehenden 19. Jahrhunderts hat auch immer
wieder Choreographinnen und Choreographen zu einem abendfüllenden
Handlungsballett inspiriert. Schon Marius Petipa hat die Geschichte in Carmen
et son toréro umgesetzt, bevor Bizet sich mit dem Stoff auseinandergesetzt
hat. Ihm folgten nach der Entstehung der Oper unter anderem Größen wie Roland
Petit, John Cranko, Mats Ek oder Carlos Acosta. Auch Ben Van Cauwenbergh, der
zum Ende der letzten Spielzeit die Leitung der Ballettsparte an die neue
Doppelspitze Armen Hakobyan und Marek Tůma übergeben hat, hat der
verführerischen Spanierin in seiner dritten Spielzeit in Essen 2011 in dem
Ballettabend Carmen / Bolero, der auch in seiner
Abschiedsspielzeit noch einmal wiederaufgenommen wurde, ein
Denkmal gesetzt. 2011 tanzte noch Hakobyan den Escamillo, was vielleicht den Ausschlag gegeben haben mag, sich für
den ersten Ballettabend unter der neuen Leitung erneut diesem Stoff zu widmen.
Dafür hat man den schwedischen Starchoreographen Johan Inger eingeladen, seine
Version der Geschichte, die er für die Compañía Nacional de Danza
Madrid 2015 kreierte und die ein Jahr später mit dem prestigeträchtigen Prix
Benois de la Danse ausgezeichnet wurde, nach Stationen in Dresden, London,
Monte-Carlo, Basel und Australien nun auch mit der Compagnie des Aalto Ballett
zu erarbeiten.

Carmen (Yuki Kishimoto) verführt Don José (Wataru
Shimizu). Inger nähert sich dabei wieder
mehr der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée an. So tötet José bei Inger auch seinen Vorgesetzten
Leutnant Zuniga aus Eifersucht. Auf die Figur der Micaëla und die
Schmugglergeschichte wird verzichtet. Ins Zentrum rückt er stattdessen immer
wieder ein fatales Beziehungsdreieck (erst: José - Carmen - Zuniga, dann: José -
Carmen - Escamillo), das zu Gewalt und schließlich ins Verderben führt. Diese
Dreierstruktur überträgt er auch auf die Musikauswahl und auf das Bühnenbild.
Das Bühnenbild von Curt Allen Wilmer und Leticia Gañán Calvo
besteht aus neun (dreimal drei) dreiseitigen Prismen, die auf einer Seite
Spiegel zeigen, auf einer anderen eine Betonwand und auf der dritten Seite
Metalllamellen, durch die am Ende auch eine helle Lichtquelle strahlen kann.
Diese Elemente werden von den Tänzerinnen und Tänzern in immer wieder neuen
Konstellationen über die Bühne geschoben und lassen so unterschiedliche, relativ
abstrakt gehaltene Räume entstehen, die auf jegliches spanisches Lokalkolorit
verzichten. Die Geschichte könnte also überall spielen. Das relativ triste
Ambiente der Tabakfabrik im ersten Akt mit kalten Betonwänden verwandelt sich so
in ein verruchtes Etablissement mit Spiegeln und klagt am Ende mit grellem
weißem Licht durch die Metalllammellen José für seine vergangenen Verbrechen an.

Don José (Wataru Shimizu, rechts) tötet Leutnant
Zuniga (Davit Bassénz, links) (in der Mitte: Yuki Kishimoto als Carmen).
Farbliche Akzente setzen nur die Kostüme von David Delfín, wobei auch
hier auf Nüchternheit und Zeitlosigkeit gesetzt wird. Einzig Carmen sticht durch
ein feuerrotes Kleid aus der Masse hervor. Die anderen Arbeiterinnen der
Zigarettenfabrik tragen einfache Kleider im gleichen Schnitt mit blasseren
Farben. Die vier jungen Männer, die in der Pause der Arbeiterinnen auf dem Platz
herumlungern, tragen immerhin noch beigefarbene Hosen zu den teils gepunkteten
Oberteilen. Ansonsten ist alles in Schwarz und Weiß gehalten. Neben den Figuren
treten auch Schatten auf, die nicht nur völlig schwarz gewandet sind, sondern
deren Gesichter auch noch durch schwarze Masken verdeckt sind. Als neue Figur
führt Inger ein Kind (Sena Shirae) ein, das zu Beginn in einer kurzen weißen
Hose und einem weißen Oberteil die Bühne mit einem Ball betritt und den Ball
gegen die Betonwand wirft. Der Laut des Balles wird von einer Schattenperson als
Schlagen an die Wand übernommen. Die Person nimmt dem Kind den Ball weg und
zieht es als Betrachter in die Geschichte hinein. Dabei vollzieht das Kind eine
Wandlung. Im zweiten Teil nach der Pause ist es in Schwarz gekleidet und hat
gewissermaßen durch die Geschichte seine Unschuld verloren. Wer dieses Kind ist,
überlässt Inger dem Publikum. Für manche mag es José als kleiner Junge sein, für
andere vielleicht Carmen als Mädchen oder ein nie geborenes Kind der beiden.
Vielleicht repräsentiert es aber auch das Publikum, das wie das Kind das
Geschehen betrachtet.

Carmen (Yuki Kishimoto) hat sich in Escamillo
(William Emilio Castro Hechavarría) verliebt.
Für die Musik hat Inger neben zwei Stücken aus Georges Bizets Oper in einem
Arrangement von Álvaro Domínguez Vázquez vor allem die Carmen-Suite von
Rodion Schtschedrin - nicht zu verwechseln mit den beiden Orchester-Suiten, die
Bizets Freund Ernest Guiraud nach Bizets Tod herausgegeben hat - verwendet und
um eigens für den Ballettabend komponierte Stücke von Marc Álvarez ergänzt.
Schtschedrin komponierte die Carmen-Suite 1967 für ein einaktiges
Carmen-Ballett, das der Kubaner Alberto Alonso für das Bolschoi-Theater in
Moskau choreographierte und in dem Schtschedrins Ehefrau, die Primaballerina
Maya Plissezkaya, in der Titelpartie auftrat. Ursprünglich war der
Kompositionsauftrag an Dmitri Schostakowitsch herangetragen worden, der aber
dankend ablehnte und für den Auftrag seinen Schüler Schtschedrin empfahl. Das
Ballett erlebte 1967 ein ähnliches Fiasko wie die Uraufführung von Bizets Oper
1875. Zu radikal schien dem Publikum der Bruch mit Bizets Klängen. So verzichtet
Schtschedrin größtenteils auf die Holzbläser und setzt zahlreiche
Schlaginstrumente wie Röhrenglocken, Pauken, Marimba, Xylophon, Glockenspiel und
Vibraphon ein, die die düstere Atmosphäre und Steigerung der Gewalt betonen.
Auch die beiden originalen Bizet-Passagen zur Eröffnung des Abends und am Ende
des ersten Aktes werden durch Einsatz der Schlaginstrumente verfremdet. So
klingt die Ouvertüre aus Bizets Oper mit den Röhrenglocken völlig ungewohnt.
Während Schtschedrins Musik Bizet nur in Taktarten, Pausen und Weglassungen an
einigen Stellen verändert, geht Álvarez für seine Neukomposition noch weiter. So
versucht er in seinen Kompositionen, das Innere der Figuren durch eine abstrakte
Klangsprache zu durchleuchten. So sieht man beispielsweise José zu Beginn des
zweiten Aktes in einem gleißenden Lichtkegel zu "Curtain Up" nach dem Mord an
Zuniga zu heftigem Schlagzeugeinsatz fliehen. Auch "Shadowland" kurz vor dem
Mord an Carmen am Ende des Abends enthält in den dunklen, elektronisch
verzerrten Klängen etwas Gewaltbereites, das das tragische Ende bereits
vorwegnimmt.

Das Kind (Sena Shirae, links) versucht, Don José
(Wataru Shimizu) daran zu hindern, Carmen (Yuki Kishimoto) Gewalt anzutun.
Die Compagnie des Aalto Ballett Essen setzt die Choreographie eindrucksvoll um
und zeigt, dass man auch weiterhin nach Van Cauwenberghs Weggang großes
Tanztheater in Essen erleben kann. Yuki Kishimoto glänzt als verführerische
Femme fatale in der Titelpartie und spielt mit den Männern. Mit einer gewissen
Überheblichkeit nimmt sie sich das Recht auf freie Liebe heraus und zeigt sich
zu keinem Kompromiss bereit. Dabei begeistert sie mit ausdrucksstarkem
Bewegungsvokabular. Dass sie die Partie nicht auf Spitze tanzt, passt zum
Konzept, weil der Spitzentanz der Figur eine Schwäche und Zerbrechlichkeit
gegeben hätte, die dieser Carmen völlig fremd ist. Wataru Shimizu legt den José
als von Eifersucht getriebenen jungen Mann an, der sich selbst nicht unter
Kontrolle hat. Mit der Blume, die Carmen ihm zu Beginn des Abends zugeworfen
hat, ist es um ihn geschehen. Von nun an ist er ihr verfallen und nicht bereit,
sie mit einem anderen zu teilen. Großartig setzen Shimizu und Kishimoto die
Szene im ersten Akt um, in der José Carmen ins Gefängnis bringen soll, sie ihn
jedoch verführt und entfliehen kann. Bewegend kommt es zu einer zärtlichen
Annäherung der beiden zur Melodie von Bizets berühmter Tenor-Arie "La fleur que
tu m'avais jetée" in einer Instrumentalfassung, die aber von Zuniga unterbrochen
wird, was zum Mord am Leutnant führt. Auch kurz vor dem tragischen Ende kommt es
im zweiten Intermezzo aus Schtschedrins Carmen-Suite noch einmal zu
einer traumhaften Annäherung der beiden, in der das Kind eine besondere Rolle
spielt. Hier wird die Illusion einer glücklichen Familie erzeugt, die im
Anschluss sofort wieder zusammenbricht.
Mit herrlicher Naivität und Unschuld zeichnet Sena Shirae das Kind, das in die
Geschichte voller Gewalt hineingezogen wird und am Ende nach dem Mord an Carmen
eine Puppe in ihre Einzelteile zerlegt. Vor dem Geschehen auf der Bühne hängen
einzelne weiße Fäden herab, die auf der Seite des Kindes, wenn es die Puppe
zerstört, herabfallen, während sie vor José wie die Stäbe einer Gefängniszelle
hängen bleiben. Davit Bassénz gestaltet den Leutnant Zuniga mit großem
Macho-Gehabe und kraftvollen Sprüngen. William Emilio Castro Hechavarría legt
den Escamillo in seinem schwarz glitzernden Sakko wie einen selbstverliebten
Popstar an, für den Carmen nur eine weitere Trophäe in seinem Fan-Kreis
darstellt. Deswegen wird er nach Carmens Tod auch einfach unverrichteter Dinge
weiterziehen. Überzeugend gestaltet er seine Selbstverliebtheit in einem kleinen
Spiegelraum, in dem er sich von allen Seiten betrachtet. Auch die restliche
Compagnie punktet als Arbeiterinnen, Soldaten und Schatten mit großer
Homogenität und Ausdruckskraft. Thomas Herzog, der Ingers Ballettabend schon an
anderen Bühnen musikalisch geleitet hat, führt auch die Essener Philharmoniker
mit sicherer Hand durch die Partitur und lässt den Abend auch musikalisch zu
einem Klangerlebnis werden, auch wenn Bizets Musik in den Bearbeitungen zunächst
ein wenig ungewohnt klingt.FAZIT
Johan Ingers Choreographie des Mythos Carmen begeistert auch in Essen das
Publikum und dürfte zu ausverkauften Vorstellungen führen.
Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)
|
Produktionsteam
Musikalische Leitung
*Thomas Herzog /
Tommaso Turchetta
Choreographie
Johan Inger
Bühne
Curt Allen Wilmer /
Leticia Gañán Calvo
Kostüme
David Delfín
Licht Tom Visser
Dramaturgie
Gregor Acuña-Pohl /
Laura Bruckner
Einstudierung
Toby Mallitt /
Javier Rodríguez Cobos Essener Philharmoniker
Compagnie des Aalto Ballett Essen
Solistinnen und Solisten
Carmen
Yuki Kishimoto
José
Wataru Shimizu
Zuniga
Davit Bassénz Kind
Sena Shirae
Escamillo
William Emilio Castro Hechavarría
Manuela
Julia Schalitz
Arbeiterinnen
Isabell Broom
Kotono Choda
Samantha Kate Grammer
Maria Horianski
Anna Maria Papaiacovou
Julia Schalitz
Marie Van Cauwenbergh
Junge Männer
Kieren Bofinger
Matheus Barboza de Jesus
Joel Dichter
Paul Faure
Wachen
Benjamin Balazs
Dale Rhodes
Schatten
Compagnie des Aalto Ballett Essen
Weitere Informationen
erhalten Sie
Aalto Musiktheater (Homepage)
|