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Soirée Ravel

Konzert für die linke Hand

Ballett von Bridget Breiner
Musik von Maurice Ravel (Klavierkonzert für die linke Hand D-Dur)

La Valse

Ballett von Richard Siegal
Musik von Maurice Ravel (La Valse)

Daphnis et Chloé, Suiten

Ballett von Bridget Breiner
Musik von Maurice Ravel (Orchestersuiten Daphnis et Chloé)

Pavane pour une infante défunte

Ballett von Bridget Breiner
Musik von Maurice Ravel (Pavane pour une infante défunte für Klavier)

Boléro

Ballett von Richard Siegal
Musik von Maurice Ravel (Boléro)

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Uraufführung im Theater Duisburg am 7. Juni 2025
(rezenserte Aufführung: 11. Juli 2025)


Homepage

Ballett am Rhein / Rheinoper
(Homepage)
Edle Mythologie, packende Gegenwart

Von Stefan Schmöe / Fotos von Altin Kaftira

Happy Birthday - oder besser: Joyeux anniversaire, Maurice Ravel! Wir feiern in diesem Jahr den 150. Geburtstag des Komponisten. Die Chefchoreographin des Balletts am Rhein, Bridget Breiner, widmet ihm in Zusammenarbeit mit Richard Siegal einen kompletten Ballettabend mit vier, nein fünf Uraufführungen. Das Konzert für die linke Hand (mit dem für Paul Wittgenstein, der im Krieg den rechten Arm verloren hatte, komponiertem Klavierkonzert D-Dur) und Daphnis et Chloé, Suiten übernimmt Breiner selbst und ergänzt die beiden Werke um die Miniatur Pavane pour une infante défunte, die in der Pause im Foyer getanzt wird; Siegal setzt sich mit La Valse und dem Boléro auseinander. Jean-Marc Puissant hat für alle Werke die Ausstattung entworfen - nicht einheitlich, aber doch in einer Ästhetik, die wie eine Klammer wirkt.

Vergrößerung Konzert für die linke Hand: Ensemble vor historischer Pariser Stadtansicht

Ein junger Mann, eine Frau, ein weiterer Mann - eine klassische Dreieckskonstellation bildet den Ausgangspunkt für Konzert für die linke Hand. Kompliziert wird es dadurch, dass Bridget Breiner noch zwei mythologische Figuren hinzufügt: Den Kriegsgott Ares als treibende (und zerstörende?) Kraft und Mnemosyne, Göttin der Erinnerung. Was Breiner aus dieser beziehungs- wie bedeutungsreichen Anordnung entwickelt, bewegt sich irgendwo zwischen Handlungsballett und dem Neoklassizismus Georges Balanchines. In wechselnden Formationen wird edel getanzt, viel auf Spitze, sehr kunstvoll arrangiert. Wenn die Musik, die von den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Katharina Müllner farbenreich gespielt wird, sich ins Jazzige wendet, lockert sich auch die tänzerische Formensprache auf. Das ist alles schön anzusehen, nur eine konkrete Geschichte wird nicht erkennbar. Pianistin Alina Bercu sitzt auf der Bühne und spielt den Solo-Part energiegeladen und elegant, wobei sie in der für die linke Hand ungewohnte hohe Lage an Schärfe nachlässt. Auf einer Leinwand hinter ihr werden zunächst Fotografien aus dem Paris der Zwischenkriegszeit eingeblendet, passend zum Entstehungsjahr 1930 der Musik. Später verschieben sich die wenigen Bühnenelemente, und statt Fotografien erscheint ein abstraktes Bild. Das alles verstärkt die vornehmlich ästhetische Wirkung gegenüber der erzählerischen Ebene. Welchen Einfluss Ares und Mnemosyne nun ausüben, bleibt reichlich unklar. Wenn am Ende des Stücks abrupt das Licht verlöscht, fallen sich offenbar die beiden Männer in die Arme - ganz klar wird das nicht, dazu ist der Moment zu hektisch gestaltet und auch zu wenig vorbereitet.

Vergrößerung

Daphnis et Chloé, Suiten: Gaia (hier: Svetlana Bednenko) und Uranus (hier: Dunkin Seo) im pas de deux

Ähnliche Probleme treten auch bei Daphnis et Chloé, Suiten auf. Breiner verwendet nicht die Ballettmusik, sondern die von Ravel daraus zusammengestellten Orchestersuiten als Grundlage, die Eric Domenech neu arrangiert und Lorenzu Bianchi Hoesch elektronisch verfremdet hat (Chorpassagen werden vom Band zugespielt), was hier wie später auch beim Boléro zu überraschenden und darin überzeugenden Effekten führt. In dem antiken Hirtenroman aus dem 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr., auf dem die Geschichte basiert, sind Daphnis und Chloé Findelkinder, er hütet Ziegen, sie Schafe, und zwischen beiden entspinnt sich eine erst kindliche, dann mehr und mehr erotische Liebe. Hier fährt Bridget Breiner gleich neun Gottheiten auf, die beim Suchen und Finden der Liebe mehr oder weniger hilfreich sind: Gaia, Uranos, Anteros, Ares, Echo, Pan, Eros, Aphrodite und Dionysos. Da kann man, vorsichtig gesagt, schnell den Überblick verlieren. Die Götter seien, so schreibt sie im Programmheft, "verschiedene Aspekte dessen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein". Dafür ist das genaue Programm der sieben Szenen aber eher hinderlich, denn man muss schon sehr genau in Erinnerung behalten, dass etwa unter den recht ähnlich aussehenden Tänzerinnen und Tänzern im Interlude, der zweiten Szene, Anteros, der Gott der unerwiderten Liebe die junge Chloé begleitet. So bleibt wie schon im Konzert für die linke Hand die Geschichte, wie sie auf der Bühne zu erleben ist, ziemlich schwammig. Besser hält man sich an die ästhetische Wirkung der eleganten, fließenden Choreographie, in der sich das junge Mädchen gern und viel von den Männern heben und tragen lässt. Was Emanzipation betrifft, ist diese Chloé noch ein wenig rückständig. Nami Ito und Skyler Maxey-Wert vrleihen den beiden Hauptfiguren spielerische Eleganz und das richtige Maß an jugendlicher Unbekümmertheit.

Vergrößerung La Valse: Hier wird (anders als in der besprochenen Aufführung) João Miranda am grünen Tisch drangsaliert

Zwischen diesen beiden Choreographien steht Richard Siegals Version von La Valse. Auf der weitgehend leeren Bühne sitzt ein in Rot gekleideter Herr unter Leuchtern an einer festlich gedeckten Tafel. Eine einsam im Raum stehende Drehtür markiert so etwas wie den Saal eines Hotels. Unter dem Tisch kriechen bald Gestalten hervor, durch die Tür kommen Gäste, man tanzt - wobei der Herr in Rot die alles beherrschende Figur ist. Vielleicht passiert das alles in seiner Imagination? Sein Gegenspieler ist ein fast schüchterner Junge in Weiß. Dieser scheint auf der Flucht zu sein, und bald wird er zum Opfer der Menge. Das ist mit großen, ausladenden Bewegungen choreographiert und bedarf keiner inhaltlichen Erläuterungen im Programmheft. Siegal erzählt ungleich pointierter als Breiner, witziger bis hin zur Groteske. Wenn ein grüner Tisch hereinfährt, um den sich die Akteure stellen und auf dem der Junge in Weiß getötet werden soll - es wirkt wie beinahe wie eine absurde, aus dem Ruder laufende Opferzeremonie -, ist das eine überdeutliche Anspielung auf Kurt Jooss' legendäres Antikriegs-Ballett Der grüne Tisch, auf das sich manche Bewegungsformen auch beziehen lassen. Siegal schafft mit böser Ironie eine manchmal beinahe slapstickhafte Choreographie, die Ravels zersplitternde, wie ein Echo aus einer vergangenen Welt klingende Musik mit ihrer absurd anmutenden Erählung genial aufgreift. Das Ensemble (die einzelnen Rollen nennt der Besetzungszettel nicht) tanzt großartig und gibt den Figuren scharf umrissenes Profil.

In der Pause vor dem dritten Teil des Abends tanzt João Miranda im Foyer die Pavane pour une infante défunte, am Klavier zurückhaltend begleitet von Alina Bercu. In der Choreographie von Bridget Breiner sitzt er zunächst auf einem Stuhl, eine antike Maske vor dem Gesicht, die er bald ablegt wie auch seinen Pullover. Er ertastet die Grenzen der mit Tanzboden ausgelegten Spielfläche, windet sich (teilweise recht akrobatisch). An die Intention dieser frühen Komposition, eine Pavane, "wie sie eine kleine Prinzessin in alter Zeit am spanischen Hof getanzt haben könnte", erinnert nichts. Vielmehr scheint es um mühevolle Selbstfindung zu gehen.

Vergrößerung

Boléro: Ensemble auf dem Laufband

Immer derselbe markante Rhythmus, dazu eine weit ausschwingende Melodie, die in unterschiedlicher, sich immer klangvollerer Instrumentation mehrfach wiederholt wird und nach einer Modulation in sich zusammenfällt - den Boléro darf man wohl als Ravels populärste Komposition bezeichnen. In der Bearbeitung von Katharina Müllner und der Soundinstallation von Lorenzo Bianchi Hoesch beginnt das Werk stark verfremdet mit verschwommenen elektronischen Klängen, aus denen nach einiger Zeit sehr leise die kleine Trommel mit dem berühmten Boléro-Rhythmus hörbar wird. Ganz allmählich verdichtet sich die Musik und die melodischen Komponenten werden zuerst erahnbar, verfestigen sich dann und werden nach und nach vom Orchester im Graben übernommen. Damit löst sich die Komposition aus dem Wunschkonzert-Rahmen und gibt der Choreographie neue Freiheiten. Siegal hat ein Laufband parallel zur Rampe auf die Bühne gesetzt. Menschen in stilisierter, uniformer Alltagskleidung bewegen sich gegen die Laufrichtung des Bandes. Sie marschieren mehr als das sie spazieren, und durch unterschiedliche Geschwindigkeiten überholen einige die anderen. Siegal setzt das virtuos in Szene, gibt der streng schematisch ablaufenden Musik ein starkes tänzerisches Gegengewicht. Mit der orchestralen Steigerung wechseln die Bewegungsformen; es wird getanzt, auch paarweise als Gesellschaftstanz; Frauen werden in Hebefiguren auf das Band gesetzt (was wie ein ironischer Kommentar zu Bridget Breiners neoklassischen Figuren wirkt). Die Mischung aus dem durch das Laufband vorgegebenen Zwang und der choreographischen Freiheit macht diesen Boléro zu einem doch sehr spannenden Stück Tanz, knapp und mit lakonischem Witz inszeniert.


FAZIT

Bridget Breiners schön anzusehende Choreographien finden keine rechte Position zwischen Abstraktion und allzu kompliziertem Handlungsballett. Den stärkeren Eindruck in diesem interessanten Ballettabend hinterlassen die beiden punktgenau und mit viel (teilweise bösem) Humor choreographierten Stücke Richard Siegals.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Katharina Müllner

Dramaturgische Betreuung
Julia Schinke

Duisburger Philharmoniker

Konzert für die linke Hand

Choreographie
Bridget Breiner

Klavier
Alina Bercu

Musikalische Einrichtung
Katharina Müllner

Bühne und Kostüme
Jean-Marc Puissant

Klavier
Alina Bercu

Licht
Matthias Singer


Tänzerinnen und Tänzer

Junger Mann
João Miranda

Frau
Sophie Martin

Mann
Eric White

Mnemosyne
Simone Messmer

Ares
Lucas Erni

Ensemble
Dukin Seo
Vinícius Vieira
Olgert Collaku
Joan Ivars Ribes
Damián Torío


La Valse

Choreographie
Richard Siegal

Bühne und Kostüme
Jean-Marc Puissant

Licht
Matthias Singer

Tänzerinnen und Tänzer

Alejandro Azorín
Orazio Di Bella
Niklas Jendrics
Yoav Bosidan
Rafael Vedra
Emilia Peredo Aguirre
Chiara Scarrone
Balkiya Zhanburchinova
Elisabeth Vincenti
Long Zou


Daphnis et Chloé, Suiten

Choreographie
Bridget Breiner

Arrangement
Eric Domenech

Bühne und Kostüme
Jean-Marc Puissant

Soundinstallation
Lorenzo Bianchi Hoesch

Licht
Matthias Singer

Chor
Patrick Francis Chestnut


Tänzerinnen und Tänzer

Junge Frau
Nami Ito

Junger Mann
Skyler Maxey-Wert

Gaia
Clara Nougué-Cazenave

Uranos
Dukin Seo

Anteros
Joan Ivars Ribes

Ares
Lucas Erni

Echo
Sara Giovanelli

Pan
Niklas Jendrics

Eros
Alejandro Azorín

Aphrodite
Balkiya Zhanburchinova

Dionysos
Damián Torío


Pavane pour une infante défunte

Choreographie
Bridget Breiner

Klavier
Alina Bercu

Bühne und Kostüme
Jean-Marc Puissant


Tänzer

João Miranda


Boléro

Choreographie
Richard Siegal

Musikalische Einrichtung
Katharina Müllner

Bühne
Richard Siegal

Kostüme
Jean-Marc Puissant

Soundinstallation
Lorenzo Bianchi Hoesch

Licht
Matthias Singer

Chor
Patrick Francis Chestnut

Tänzerinnen und Tänzer

Doris Becker
Yoav Bosidan
Orazio Di Bella
Niklas Jendrics
Nelson López Garlo
João Miranda
Neshama Nashman
Clara Nougué-Cazenave
Ako Sago
Kauan Soares
Rafael Vedra
Elisabeth Vincenti




Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Ballett am Rhein
(Homepage)



Da capo al Fine

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