|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
Die Geschichte wiederholt sichVon Stefan Schmöe / Fotos von Claudia Heysel
"Hopp, hopp": Dem Kind von Marie und Wozzeck fehlt die Sprache, um sich zu artikulieren. Dabei erzählen die anderen Kinder gerade, dass man seine Mutter tot am Teich gefunden hat. Ermordet, das weiß das Publikum, von Wozzeck, der in dieser Inszenierung ebenfalls tot neben ihr liegt. Dem verwaisten Kind wird ein ähnliches Schicksal wie seinem Vater bevorstehen. Ein Messer hält der Knabe schon in den Händen. Er wird der Unterprivilegierte sein, auf dem die angeblich bessere Gesellschaft herumtrampelt. Und er wird sich nur auf seine Weise wehren können.
Wozzeck und der Hauptmann
Daran wird auch der orchestrale Aufschrei nichts ändern, in den Alban Berg nach Wozzecks Tod seine ganze Empörung über die Welt gelegt hat. Markus L. Frank am Pult der sehr konzentrierten Anhaltischen Philharmonie Dessau dirigiert einen expressiven, im Grundton romantischen Wozzeck. Er hebt die unterschiedlichen Klangfarben hervor, lässt die Musik mitunter im weichen Mischklang beinahe impressionistisch leuchten. Man kann die Oper härter und schärfer erklingen lassen und damit auch moderner; hier erklingt sie eher aus dem Geist der Spätromantik heraus interpretiert, wobei Frank aber weniger die große Emphase sucht als die Schönheit im Detail. Die formal strenge Struktur der Musik bleibt dabei erhalten. Im Ergebnis hört man eine empathische, in sich schlüssige und sehr farbige Interpretation dieser Wunderpartitur, die in einigen Monaten den 100. Jahrestag ihrer Uraufführung erleben wird.
Wozzeck und der Doktor
Wozzecks Widersacher sind kraftvolle und stimmgewaltige Erscheinungen: Arnold Bezuyen als Hauptmann, Michael Tews als Doktor und Torsten Kerl als Tambourmajor lassen szenisch wie vokal keinen Zweifel, wer hier in der Hierarchie oben steht. Kay Stiefermann versucht gar nicht erst, lautstärkemäßig dagegen anzusingen. Er ist ein geduckter, unterwürfiger Wozzeck mit fahler Stimme, die Wechsel zwischen gesprochenem und gesungenem Text mit feinen Abstufungen dazwischen genau auslotend. Das Gehetzte, das ihm gleich in der ersten Szene vom Doktor vorgeworfen wird, gehört auch zu seinem musikalischen Wesen. Auch in den wenigen langen Phrasen schwingt immer etwas von der permanenten Angst mit, von der die Figur umgeben ist, und auch das schafft eine Distanz zu den anderen. Damit gelingt Stiefermann eine bedrückend scharfe Charakterisierung der Figur.
Der Tambourmajor und Marie
Die Inszenierung von Christiane Iven verortet die Geschichte unbestimmt in der Jetztzeit, am ehesten erkennbar an den billigen T-Shirts, wie man sie auf alkoholseligen Partys trägt, für den mit großer Präsenz singenden Chor in den Kneipenszenen (Kostüme: Kristina Böcher). Das Militärische ist weitgehend getilgt; der Tambourmajor könnte auch ein Zirkusdirektor sein, der Doktor ist wohl hauptberuflich Tierarzt, und der Hauptmann hat vermutlich nie ein Schlachtfeld gesehen. Wozzeck trägt über der altmodisch langen Unterwäsche einen merkwürdigen, fast durchsichtigen, netzartigen Anzug (wie auch sein Kind). Er ist kein Spezifikum des 19. Jahrhunderts, als Georg Büchner sein Dramenfragment Woyzeck nach einem zeitgenössischen Kriminalfall schrieb, oder der Zeit nach dem ersten Weltkrieg, als die Oper entstand. Jede Gesellschaft hat ihre Underdogs, die gedemütigt werden, um die Machtverhältnisse aufrecht zu erhalten.
Wozzeck und Marie am Teich. Der Mond ist in dieser Aufführung nicht zu sehen.
Das gilt in der Oper auch für die Frauen, die nicht in Machtpositionen auftreten. Marie, von Ania Vegry mit lyrischer Emphase gesungen, gibt sich dem Tambourmajor weniger aus eigenen sexuellen Bedürfnissen hin als aus dem Bewusstsein, dass dies zu ihrer gesellschaftlichen Rolle gehört: Gegen Geschenke den Höherstehenden gefällig zu sein. Sie ist ein Beutestück für die toxische Männlichkeit des Tambourmajors, ohne dagegen aufzubegehren. Auch hier muss die Regie nicht besonders hervorheben, dass es sich nicht um ein Phänomen der Vergangenheit handelt. Das Bühnenbild (Guido Petzold) begrenzt die Innenräume durch zwei Wände, die in der Bauhausstadt Dessau mit Reliefs aus rechteckigen Blöcken versehen sind. Für die Verwandlungen, durchweg auf offener Bühne, fahren die Wände hoch; Schilfpflanzen und Baumstämme deuten die Natur an. Die Regie bewegt sich virtuos zwischen einer genauen Erzählweise eng am Libretto entlang und einer Abstraktion, die alles allzu Naturalistische ausblendet. Der Teich, an dem Marie erstochen wird, bleibt als kleines Wasserbecken dauerhaft präsent. Femizide wie dieser geschehen nicht heimlich in der Natur. Auch deshalb ist es bedrückend, dass die Geschichte mit der finalen Szene erneut in Gang gesetzt wird.
Christiane Iven gelingt eine unaufdringliche, gleichwohl beklemmende Inszenierung, die auch musikalisch bewegend umgesetzt wird. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Lichtdesign
Kostüme
Chor
Jugendchor
Kinderchor
Dramaturgie
Solisten
Wozzeck
Tambourmajor
Andres
Hauptmann
Doktor
1. Handwerksbursche
2. Handwerksbursche
der Narr
Marie
Margret
Maries Knabe
|
- Fine -