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Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

Oper in drei Akten
Text von Bertolt Brecht
Musik von Kurt Weill

in deutscher Sprache mit deutschen und englischen Untertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 15' (keine Pause)

Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 17. Juli 2025


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Deutsche Oper Berlin
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Auch ich bin in Mahagonny gewesen

Von Stefan Schmöe / Fotos: © Thomas Aurin

Mahagonny ist das vermeintliche Paradies in der Wüste. Hier stranden die Witwe Begbick (mit stimmlicher Autorität und Präsenz: Evelyn Herlitzius), der Dreieinigkeitsmoses und Fatty, der "Prokurist" (wunderbar schmierige Halunken: Robert Gleadow und Thomas Cilluffo). Sie gründen eine Stadt des käuflichen Glücks. Regisseur Benedikt von Peter lässt das Publikum unmittelbar daran teilhaben. Sein - oder besser: unser - Mahagonny ist zunächst eine große Party in den verschiedenen Foyers des Theaters, in denen man die erste Hälfte der Oper erlebt. Durch etliche Plastikplanen und Absperrbänder in den Räumen entsteht eine eigentümliche Baustellenatmosphäre (Bühnenbild: Katrin Wittig). Mahagonny ist eben noch im Aufbau begriffen, und die Zuschauenden sind Teil des Prozesses. Manchmal ist man den Protagonisten ganz nahe, meist verfolgt man das Geschehen per Videoprojektion der Live-Kameras auf Leinwänden. Das Orchester wird von der Hinterbühne zugespielt. Dass man nie so ganz genau weiß, ob der Gesang nun gerade "echt" ertönt oder vielleicht doch vorab aufgezeichnet wurde, hat ebenso System wie die Verunsicherung, wer hier zum Publikum oder doch zu den vielen Mitwirkenden gehört, selbst wenn diese teilweise in Fantasiekostümen wie Blumen in der Wüste auftreten. Mahagonny ist eben auch eine Welt des unechten Scheins.

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Gestrandete, die in der Wüste mit der Stadt Mahagonny ein Paradies auf Erden mit den Gesetzen des ungezügelten Konsums erschaffen wollen: Dreieinigkeitsmoses (links), Leokadja Begbick und Fatty, der "Prokurist"

Man erlebt, wie vier angebliche Holzfäller aus Alaska draußen an der Bismarckstraße im PKW vorfahren und hier das Glück finden wollen (aber alsbald alles verlieren werden). Die erste finanzielle Krise der Stadt führt zu einer drastischen Absenkung der realen Sektpreise (von 10 € über 7 € auf 3 € für ein Fläschchen "Mahagonny de luxe"). Dann kommt, so will es der Text von Brecht, ein Hurrican und bereitet dem bis dahin weitgehend fröhlichen Treiben ein jähes Ende. Das Publikum wird zum Schutz vor dem vermeintlichen Sturm auf die Bühne gedrängt, die flugs zum Notlager mit Matratzen (die dann als unbequeme Sitzgelegenheiten dienen) umgerüstet wird. Draußen, so geht die Geschichte weiter, ist alles verwüstet, drinnen alles erlaubt. Fressen, lieben, boxen (was im Uraufführungsjahr 1930 sicher schlüssiger für einen derben Volkssport stand als heute), saufen - das wird zum Katechismus von Mahagonny. Zwei der vier Holzfäller kostet es schnell das Leben: Jakob Schmidt frisst sich zu Tode, Alaskawolfjoe wird beim Boxen totgeprügelt. Als Zuschauer wird man schon der Nähe des Geschehens wegen zum Komplizen. Man ist ja, freiwillig oder nicht, Teil dieses Mahagonny.

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Mahagonny entsteht als bunte Party im Foyer mit Dreieinigkeitsmoses und Fatty als Stimmungsmachern

Ein wenig unbehaglich kann man sich in Benedikt von Peters immersivem Theater (das er schon in Basel und zuvor auch in Bremen erprobt hat) auch deshalb fühlen, weil am anderen Ende Europas vielleicht zur gleichen Zeit Menschen ähnlich dicht gedrängt in wirklichen Schutzräumen Sicherheit vor russischen Drohnen suchen und nicht nach dem Schlussapplaus zufrieden in schicke Apartments im Berliner Speckgürtel zurückkehren werden. Und einen Hauch von Kindergeburtstag verspürt man beim Mitmach-Theater, bei dem man per Liedzettel zum Mitsingen aufgefordert wird ("denn wie man sich bettet, so liegt man"). Andererseits reflektiert das Regiekonzept die Institution Oper: "Wie wollen wir Theater machen?", fragt Benedikt von Peter im Programmheft. Man könnte ergänzen: Als Ort des schönen, unterhaltsamen Scheins wie Mahagonny, wenn auch ohne dessen drastische (unschönen) Konsequenzen? Hier kann man sich der ungewohnten Bühnensituation wegen dem Geschehen nur schwer entziehen. Fesselnd ist die Aufführung in jedem Fall. Ob sie denn mehr Einsichten bringt als in einer konventionellen Guckkasten-Anordnung, das ist eine andere Frage.

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Vier "Holzfäller aus Alaska" (von links: Sparbüchsenbill, Jakob Schmidt, Jim Mahoney und Alaskawolfjoe) sind zur Mahagonny-Party vorgefahren

Der Holzfäller Jim bemerkt als erster die Leere der Heilsversprechungen, bei denen Liebe mit Prostitution verwechselt wird. Er formuliert die Maxime "alles ist erlaubt" als zynisches Realexperiment an der Gesellschaft. Nikolai Schukoff singt ihn mit durchsetzungsfähigem Tenor und spielt ihn mit der Nonchalance eines Durchschnittsbürgers in der Midlife-Crisis ganz wunderbar: Ein Rebell aus Verzweiflung über die eigene Existenz. Die von ihm verehrte Jenny wird von Annette Dasch verkörpert, zuletzt in Köln eine fulminante Frau von Format und hier nicht minder präsent: Eine Frau, die ihren Körper bewusst als Kaufobjekt einsetzt und kein Mitleid einfordert. Sie hat die Gesetze des Kapitalismus verstanden und akzeptiert. Als Jim wegen des schwersten Verbrechens überhaupt, nämlich kein Geld zu haben, zum Tode verurteilt wird, bleibt sie herzlos wie alle anderen.

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Kein Liebesglück: Jim und Jenny

Der permanent im Raum verteilte, dabei überaus sicher singende Chor der Deutschen Oper wird verstärkt durch einen "Chor der Werktätigen" aus Mitarbeiter*innen des Theaters und aus einem "Generationenchor". Von Peter lässt die Mitwirkenden am Ende nach und nach die Kleidung ablegen und in Unterwäsche, die Schuhe in der Hand, langsam abgehen, wobei sie einen rückwärts laufenden Zähler bedienen, bis der auf Null steht - ein starkes Bild für ein langsames Verlöschen der Zivilisation. So wird nach dem alkoholfreudigen Aufstieg der Stadt Mahagonny im ersten Teil deren Fall zu einem Requiem, bei dem die Regie ein Stück weit die sarkastischen Züge ablegt und um die untergehende Welt trauert. Das ausgezeichnete Orchester der Deutschen Oper trifft unter der Leitung von Stefan Klingele die wechselnden Tonfälle der Musik Kurt Weills ganz ausgezeichnet.

Am Ende betreten Kinder die Bühne. Sie tragen noch leere Schilder herein und nötigen Besucherinnen und Besucher, diese zu beschriften. Das gelingt, vorsichtig gesagt, mittelprächtig. Der Appell, Stellung zu beziehen, endet nicht einmal in Phrasendrescherei, sondern in Überforderung. Da stößt das Theater des Benedikt von Peter dann doch an seine Grenzen.


FAZIT

Nicht alles funktioniert in dieser Inszenierung, die das Publikum gnadenlos einbeziehen will. Ein spannender Theaterabend mit ausgezeichneten Darstellerinnen und Darstellern ist es trotzdem.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefan Klingele

Inszenierung
Benedikt von Peter

Mitarbeit Regie
Caterina Cianfarini

Bühne
Katrin Wittig

Mitarbeit Bühne
Romy Rexheuser

Kostüme
Geraldine Arnold

Licht
Ulrich Niepel

Video
Bert Zander

Klangdesign
Sylvia Roth
Carolin Müller-Dohle

Chöre
Jeremy Bines

Leitung Werktätigenchor
Philip Lawton
Senta Aue

Live-Kamera
Kathrin Krottenthaler
Bert Zander

Live-Kameraschnitt
Hannah Dörr



Statisterie der Deutschen Oper Berlin

Chor der Deutschen Oper Berlin

Werktätigenchor:
Generationenchor der Deutschen Oper Berlin
Mitarbeiter*innen der Deutschen Oper Berlin

Orchester der Deutschen Oper Berlin


Solisten

Leokadja Begbick
Evelyn Herlitzius

Fatty, der "Prokurist"
Thomas Cilluffo

Dreieinigkeitsmoses
Robert Gleadow

Jenny Hill
Annette Dasch

Jim Mahoney
Nikolai Schukoff

Jakob Schmidt
Kieran Carrel

Bill, genannt Sparbüchsenbill
Artur Garbas

Joe, genannt Alaskawolfjoe
Padraic Rowan






Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Deutschen Oper Berlin
(Homepage)



Da capo al Fine

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