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So schön dunkle Klangwolken hört man selten
Von Stefan Schmöe / Fotos © Sinfonieorchester Wuppertal / Yannick Dietrich
Wuppertals scheidender Generalmusikdirektor Patrick Hahn macht dem Publikum (und sich selbst) ein besonderes Abschiedsgeschenk: Wagners Ring des Nibelungen, konzertant an vier über die Spielzeit verteilten Abenden. So beliebt der Dirigent in der Stadt auch ist, unumstritten ist das Projekt nicht. Viermal Wagner im Sinfoniekonzert schränkt natürlich die Vielfalt der Programme deutlich ein (und es soll ja Menschen geben, die nicht unbedingt Wagner als Lieblingskomponisten haben). Es bindet darüber hinaus erhebliche Ressourcen. So hatte Opernintendantin Rebekah Rota das Kunststück zu vollbringen, parallel zur Walküre auch noch eine "richtige", also szenische Opernproduktion auf die Bühne zu bringen - was mit Vivaldis nahezu vergessener Griselda bemerkenswert gut gelang (unsere Rezension).
Ensemble im großen Saal der Wuppertaler Stadthalle mit Beleuchtungseffekt
Dagegen wird die Walküre nicht im Opernhaus, sondern in der "Historischen Stadthalle", einem wilhelminischen Prunkbau im Stil der Neorenaissance, aufgeführt. Ob es der Personenregie mit vielen Auftritten durch den Saal wirklich bedarf, ist eine Frage für sich - wie auch die nach dem Nutzen einer eher plakativen als erhellenden Lichtregie mit flackernder Deckenbeleuchtung im Sturm und wabernden Strahlern in Richtung der Deckengemälde. Mit jeweils guten Argumenten kann man das als beeindruckend, banal oder störend empfinden (Lichtdesign: Patrick Hahn, Fabio Rickenmann und Pascal Schüller). Für den Aufführungsort spricht, dass der große Saal Platz für ein Riesenorchester gemäß den Vorstellungen des Komponisten bietet, was im relativ kleinen Wuppertaler Opernhaus ohne Abstriche nicht möglich ist. Zudem ist die Akustik der Stadthalle mit relativ langer Nachhallzeit (auf Kosten der Transparenz) hochgelobt, wogegen das Opernhaus bei Sängerinnen und Sängern, weniger beim Publikum, gefürchtet ist.
Dirigent Patrick Hahn, Hunding (Kurt Rydl) und Sieglinde (Sarah Wegener)
Eine klanglich derart opulente Walküre wie hier hört man dann sicher auch so schnell nicht wieder. Gerade die tiefen Streicher bekommen einen körperhaften, raumfüllenden Klang, der seinesgleichen sucht - wodurch das lange Gewittervorspiel zum ersten Aufzug ungemein griffige Konturen bekommt, und die Cello-Soli (Anne Yumino Weber) im ersten Aufzug haben selten solche Intensität wie in dieser Akustik. Hahn dirigiert insofern eher symphonisch als opernhaft, als er die überpräsenten Leitmotive elegant in den melodischen Fluss einbaut und in großen Bögen denkt, weniger in den schnellen Wendungen des Textes. Sicher könnte man den Klang transparenter anlegen, die Klangfarben raffinierter ausgestalten. Aber Hahn gelingt mit dem bis zum Schluss hochkonzentrierten Wuppertaler Sinfonieorchester eine nicht auf den grellen Effekt ausgerichtete, fesselnde Interpretation. Der mitreißende Walkürenritt gerät nicht plakativ, der Feuerzauber ohne falsche Sentimentalität anrührend. Das Blech kann schneidend scharf oder auch samtweich spielen, die Holzbläser (stellvertretend sei das in diesem Raum betörend schön klingende Englischhorn genannt, gespielt von Susanne von Foerster) sind überaus zuverlässig. Patrick Hahn, der natürlich auf die Arbeit seine Amtsvorgänger Toshiyuki Kamioka und Julia Jones zurückgreifen kann, hat das Orchester auf ein beachtliches Niveau geführt.
Wotans Abschied: Michael Kupfer-Radecky und Dirigent Patrick Hahn
Das Wuppertaler Opernensemble ist in dieser Aufführung nicht vertreten, die Solisten sind ausnahmslos Gäste - und ziemlich namhafte. Der Bayreuth-erfahrene Michael Kupfer-Radecky singt einen durch und durch kultivierten, liedhaften Wotan, keinen donnernden Gott, sondern einen, der immer schön klingt und stimmliche Eloquenz bewahrt. Stéphanie Müther hat alle drei Ring-Brünnhilden bereits im benachbarten Dortmund interpretiert und imponiert mit durchsetzungsfähigem, metallisch glänzendem Sopran. Wärmer klingt der leuchtende Sopran von Sarah Wegener, mit dem sie eine nicht allzu dramatische, aber in den entscheidenden Tönen kraftvolle Sieglinde singt. Noch lyrischer legt Maximilian Schmitt den Siegmund an. Er ist kein schwerer Heldentenor, sondern verfügt über eine geschmeidige, höhensichere Tenorstimme ohne allzu große Strahlkraft, wobei ihm die sorgfältig vorbereiteten "Wälse"-Rufe recht ordentlich gelingen. Kurt Rydl gestaltet mit einer Erfahrung von mehr als 50 Jahren auf den großen Bühnen der Welt einen immer noch faszinierend dunkel-düstereren, gefährlichen Hunding. Fabelhaft ist die zupackend gestaltete Fricka von Jennifer Johnston. Ausgezeichnet singt auch das gut harmonierende Ensemble der acht Walküren. So wird es, wie schon beim Rheingold, ein großer Opernabend vor ausverkauftem Haus, vom Publikum mit Ovationen gefeiert. Sicher kann eine konzertante Aufführung immer nur einen Teil des Werks wiedergeben, denn Wagner hat den Ring des Nibelungen für die Bühne konzipiert (und bekanntlich sogar ein Festspielhaus dafür errichtet). Und kaum ein Werk fordert so viel szenische Interpretation ein, ist so kontrovers diskutiert und inszeniert worden wie der Ring. Das kann diese Produktion nicht leisten. Aus ihren Möglichkeiten macht sie aber viel. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Dramaturgie und Produktionsleitung
Lichtdesign
Solisten
Wotan
Brünnhilde
Siegmund
Sieglinde
Hunding
Fricka
Helmwige
Gerhilde
Ortlinde
Waltraute
Siegrune
Roßweiße
Schwertleite
Grimgerde
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