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Griselda

Dramma per musica in drei Akten
Libretto von Carlo Goldoni nach dem Libretto von Apostolo Zeno nach einer Episode aus Il Decamarone von Giovanni Boccaccio
Musik von Antonio Vivaldi

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 16. Januar 2026


Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Toxische Beziehungskämpfe

Von Thomas Molke / Fotos: © Bettina Stöß

Antonio Vivaldi galt mit seinen ca. 97 komponierten Opern zu seiner Zeit als einer der produktivsten und erfolgreichsten Komponisten. Dennoch ist er heute fast nur noch für seine Instrumentalwerke bekannt, die fester Bestandteil des barocken Konzertrepertoires sind, während sein Ruhm als Opernkomponist nach seinem Tod 1741 relativ schnell verblasste. Am bekanntesten dürfte noch sein Dramma per musica Orlando furioso sein, in dem sich der Wahnsinn der Titelfigur nicht nur in den für die damalige Zeit typischen Affekt-Arien entlädt, sondern auch in den Rezitativen abgebildet wird. In den vergangenen Jahren wurde vor allem bei Barockfestspielen wie dem Winter in Schwetzingen oder den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik versucht, seinem Opernschaffen wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Doch auch die Opernhäuser stellen im regulären Betrieb von Zeit zu Zeit einzelne Werke auf den Spielplan, um sie dem Vergessen zu entreißen. In Wuppertal, wo man als letzte Vivaldi-Oper vor 30 Jahren Orlando furioso im Programm hatte, widmet man sich nun einem Spätwerk Vivaldis, mit dem für ihn eine Jahre andauernde Ächtung durch die venezianischen Theater endete und mit dem er einen großen Erfolg verbuchen konnte: Griselda.

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Gualtiero (Michael Gibson, Mitte) will sich von Griselda (Sonja Runje, links) trennen (in der Mitte: Corrado (Marianna Ortugno), rechts: Statist).

Die Geschichte um die Schäferin Griselda, die nach ihrer Hochzeit mit dem König Gualtiero zahlreichen grausamen Prüfungen unterzogen wird, um ihre Loyalität und Treue zu beweisen, erfreute sich in der Literatur von Boccaccio bis zu Gerhart Hauptmann großer Beliebtheit und hat seitdem zahlreiche Bearbeitungen erfahren. In der letzten Novelle von Boccaccios Decamerone ist der König Gualtiero noch ein Markgraf, der mit den extremen Gehorsamtests seine Macht demonstrieren will. In Zenos Libretto zur Oper, das er für Antonio Pollarolo um 1701 schuf, wird der König vom Volk wegen Griseldas niederer Herkunft dazu gezwungen, sie immer neuen Prüfungen zu unterziehen. Vivaldi ließ Zenos Libretto, das auch weiteren Komponisten wie Alessandro Scarlatti zur Vertonung diente, von Carlo Goldoni 1735 grundlegend überarbeiten und formte die Titelfigur zu einer kämpferischen Frau, die sich nicht ihrem passiven Leiden ergibt, sondern mit ihrer Bedrohung durch den Höfling Ottone, der sie begehrt und den sie immer wieder abweist, zu einer aktiven Gegenspielerin entwickelt. Dennoch ist die Geschichte im Zeitalter der Gleichberechtigung nicht mehr zeitgemäß und wegen ihres völlig überholten Frauenbildes (zu Recht) in Vergessenheit geraten.

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Griselda (Sonja Runje, links) und Costanza (Rinnat Moriah, rechts) empfinden Sympathie füreinander.

Das Regie-Team um Mathilda du Tillieul McNicol muss sich also überlegen, wie es sich einem derartigen Stoff in der heutigen Zeit nähern will, ohne ein Publikum mit einer Zurschaustellung von überholten Moralvorstellungen vor den Kopf zu stoßen. Dafür verlegt McNicol die Geschichte in die Gegenwart und macht aus Griselda eine Frau aus der Arbeiterklasse, die den Tech-Unternehmer Gualtiero in einem Nachtclub kennengelernt und ihn geheiratet hat. Während in der eigentlichen Oper der Tod der gemeinsamen Tochter vor Beginn der Handlung vom Vater nur fingiert worden ist und die vermeintlich tote Tochter Costanza später als potentielle neue Gattin des Königs auftaucht, stirbt das Kind bei McNicol wirklich und wirft somit einen Schatten auf die Beziehung zwischen Griselda und Gualtiero. Gualtiero will daher in der Inszenierung die Scheidung und seine ehrgeizige Praktikantin Costanza heiraten. Der Höfling Ottone, der Griselda begehrt, ist hier ein leitender Angestellter, dem Griselda zunächst Hoffnungen macht, indem sie die Nacht mit ihm verbringt. Den gemeinsamen Sohn von Griselda und Gualtiero entführt er nicht wirklich. Costanzas Geliebter Roberto, der in der Oper eigentlich ein Prinz aus Athen ist, ist ein Angestellter Gualtieros, der sich vom Hausmeisterposten nach oben arbeitet,  während Corrado, im Original Robertos Bruder, als Managerin versucht, mit Mediation den Streit zwischen den einzelnen Parteien zu schlichten. Die Umsetzung passt zwar nicht immer zum gesungenen Text, macht die Geschichte allerdings aus heutiger Sicht nachvollziehbarer.

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Verschmähte Liebhaber: Ottone (Lidor Ram Mesika, links) und Roberto (Gerben van der Werf, rechts mit Robin Haarer als Everardo in der Mitte)

Nur das lieto fine kann bei dieser Lesart natürlich nicht plausibel erklärt werden. So verschwinden zwar Griselda und Gualtiero am Ende im gemeinsamen Schlafzimmer - wenn man dem Programmheft glauben darf, um "kurz zueinander" zu finden und "erneut in ihren zerstörerischen Kreislauf zurückzufallen". Das sieht man allerdings nicht auf der Bühne. Stattdessen bleiben Costanza, Roberto, Ottone und Corrado mehr oder weniger erstarrt auf der Bühne zurück, während sie im freudigen Chor den glücklichen Ausgang der Prüfungen besingen. Wahrscheinlich baut die Regie darauf, dass man mit der bisherigen Personenzeichnung im Stück antizipiert, dass dieses neue Glück nicht von Dauer sein kann.

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Gualtiero (Michael Gibson, Mitte) und Griselda (Sonja Runje, Mitte) sind wieder "glücklich" vereint (auf der linken Seite: Costanza (Rinnat Moriah) und Ottone (Lidor Ram Mesika), auf der rechten Seite: Corrado (Marianna Ortugno) und Roberto (Gerben van der Werf)).

Noemi Daboczi hat ein beeindruckendes Bühnenbild entworfen, das mit zwei separaten Drehbühnen immer wieder neue Räume parallel auf der Bühne entstehen lässt. Das linke Bühnenelement wechselt zwischen einer modern eingerichteten Wohnküche, von der aus Türen in Griseldas und Gualtieros Schlafräume führen, dem Nachtlokal mit dunkelroten Vorhängen, in das Griselda im zweiten Akt zurückkehrt, einer Künstlerinnen-Garderobe, in der sich Griseldas ehemalige Arbeitskolleginnen wie Revue-Girls ausstaffieren, und Griseldas Schlafzimmer, in dem sie zu Beginn eine Nacht mit Ottone verbringt. Das rechte Bühnenelement zeigt Everardos Kinderzimmer, in dem er mit Kopfhörern und Tablet versucht, die Streitereien seiner Eltern auszublenden, einem modernen Büro, in dem Corrado immer wieder um Mediation bemüht ist, um die Wogen zwischen den zerstrittenen Parteien zu glätten, und einem kleinen Durchgangsraum. Durch immer neue Zusammensetzungen zwischen diesen beiden Bühnenelementen entstehen immer wieder neue Räume, und den Sängerinnen und Sängern, die in entsprechend modernen Kostümen auftreten, für die ebenfalls Daboczi verantwortlich zeichnet, wird viel Spielraum für die Umsetzung einer ausgeklügelten Personenregie gegeben, die die toxischen Beziehungskämpfe auf jeder Ebene durchdekliniert.

Musikalisch lässt der Abend keine Wünsche offen. Yorgos Ziavras webt mit dem Sinfonieorchester Wuppertal, das durch eine Continuo-Gruppe mit Orgel, Theorbe und Cembalo ergänzt wird, einen barocken Klangteppich, der Vivaldis musikalisches Genie mit feinem Gespür für Details herausarbeitet. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass die Musik eben nicht nur lieblich klingt, sondern mit gewissen Schärfen die angespannte Situation im Stück deutlich hervorhebt. Das Ensemble besteht größtenteils aus Gästen, die ebenfalls auf ganzer Linie überzeugen. Da ist zunächst Sonja Runje in der Titelpartie zu nennen. Mit dunkel gefärbtem Mezzosopran macht sie deutlich, dass diese Griselda keine schwache Frau ist, die die grausamen Prüfungen über sich ergehen lässt. Schon während der einleitenden Sinfonia zeigt sie durch selbstbewusstes Spiel, dass sie ihrem Gatten durchaus ebenbürtig ist und sich nicht von ihm einschüchtern lässt. Wenn er sie aus dem Haus wirft und die Scheidungspapiere überreicht, zieht sie sich erst einmal zu einem Schäferstündchen mit Ottone in ihr Schlafzimmer zurück und lässt direkt in ihrer ersten Arie ihren Mezzosopran warm fließen. Was die Arien betrifft, gehen ihre musikalischen Nummern meistens über bloße Gleichnisarien, die den anderen Figuren häufig zuteil werden, hinaus und zeigen, dass Vivaldi bei der Komposition eine ganz besondere Beziehung zu der Figur gehabt haben muss. Schließlich hatte er diese wie einen Großteil seiner anderen großen Frauenpartien für seine Muse Anna Girņ komponiert.

Auch Rinnat Moriah lässt als Griseldas Gegenspielerin Costanza mit zartem Sopran aufhorchen. Was Vivaldi ihr an Koloraturen in die Kehle komponiert hat, ist sehr herausfordernd und wird von Moriah großartig umgesetzt. Vor allem ihre große Arie "Agitate da due venti" im zweiten Akt löst beim Publikum Begeisterungsstürme aus. Moriah wechselt hier teilweise bruchlos von Kopf- in die Bruststimme und hat ausreichend Luft für die scheinbar nicht enden wollenden Koloratur-Kapriolen. Als Entdeckung dürfen auch die beiden Countertenöre Gerben van der Werf und Lidor Ram Mesika bezeichnet werden. Van der Werf gestaltet Costanzas verschmähten Geliebten Roberto mit vollem Countertenor und leuchtenden Höhen. Dabei begeistert er durch eine warme Stimmfärbung, die Robertos Leiden unterstreicht. Mesika zeigt als Ottone, dass er nicht nur als Countertenor über strahlende Höhen in der Kopfstimme verfügt, sondern gleichzeitig auch noch einen kraftvollen Bariton besitzt. So wechselt er in einer halsbrecherischen Arie scheinbar problemlos von Kopf- in die Bruststimme und schwingt sich in volle baritonale Tiefen hinab. Marianna Ortugno aus dem Opernstudio NRW stattet die Partie der Managerin Corrado mit hell leuchtendem Sopran aus. Dass Michael Gibson als Gualtiero daneben ein wenig blass bleibt, ist weniger seinem Tenor geschuldet als vielmehr der Tatsache, dass Vivaldi für ihn nicht so virtuos wie für die anderen Figuren komponiert hat. Vielleicht hat Vivaldi selbst eine gewisse Abneigung gegen diese unsympathische Figur gehegt, die sich dann auch in der Musik äußert. Die schnellen Läufe in den Gleichnisarien präsentiert Gibson jedenfalls absolut flexibel.

Eine bedeutende Rolle kommt auch den beiden Statistinnen zu, die im Haushalt Gualtieros als Dienstmädchen engagiert sind und vor allem als Damen im Nachtclub großes schauspielerisches Talent beweisen. So gibt es nach rund drei Stunden frenetischen und begeisterten Beifall für alle Beteiligten.

FAZIT

Selbst wenn man kein Fan von Modernisierungen barocker Opern ist, sollte man sich diese Produktion nicht entgehen lassen. Zum einen wird auf sehr hohem Niveau musiziert, zum anderen handelt es sich um eine Rarität, die selten auf der Bühne zu erleben ist. Auch in Wuppertal steht sie nur noch dreimal (07.02.2026, 14.02.2026 und 08.03.2026) auf dem Programm.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Yorgos Ziavras

Inszenierung
Mathilda du Tillieul McNicol

Bühne und Kostüme
Noemi Daboczi

Bewegungs-, Kampf- und
Intimitätskoordination
Sarah Walton

Beleuchtungsmeister
Henning Priemer

Videodesign
Kevin Staples

Dramaturgische Beratung
Laura Knoll

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Statisterie der Wuppertaler Bühnen


Solistinnen und Solisten

*Premierenbesetzung

Gualtiero
Michael Gibson

Griselda
Sonja Runje

Costanza
Rinnat Moriah

Roberto
Gerben van der Werf

Ottone
Lidor Ram Mesika

Corrado
Marianna Ortugno

Everardo
Johann Auhage /
*Robin Haarer

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



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