|
Veranstaltungen & Kritiken Konzerte |
|
|
|
|
Das Tor zur Moderne ist weit geöffnet
Von Stefan Schmöe Ist da noch ein Ton? Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker beenden Gustav Mahlers 9. Symphonie im allerzartesten Pianissimo, das nahe an der Wahrnehmungsgrenze liegt. Es ist ein langes Verklingen in schier unendlicher Ruhe. Wie das Orchester dem gerade eben noch spürbaren Klang im Verschwinden Substanz gibt, das gehört zu den ganz großen Momenten dieser Aufführung. In Petrenkos Interpretation liegt eine sanfte Heiterkeit über diesem Schluss, weniger ein Auslöschen als ein sich Entfernen: Eine Musik, die in diesen letzten Takten aus einer anderen Sphäre kommt. Hier wird keine Katastrophe gezeichnet, sondern eine entrückte Melancholie. Die Musik entschwindet ins Nichts, wie sie aus dem Nichts gekommen ist. Erratisch stellt Petrenko im ersten Satz Motivfetzen nebeneinander, schärft die Kontraste, ohne sie zu überspitzen - an grellem Effekt ist ihm nicht gelegen. Wie aus einem Nebel werden einzelne Elemente erkennbar, setzen sich nach und nach zusammen, ohne ihren fragmentarischen Charakter einzubüßen. Dabei ist Petrenko weniger Erzähler als Architekt. Bei ihm klingt die Partitur wie ein Werk der Moderne, in dem spätromantische Elemente den Charakter von Zitaten haben. Dabei ist jede noch so kleine Note genau durchgestaltet. Die markante fallende Sekunde, die motivisch den Satz beherrscht, bekommt große Plastizität, indem die zweite Note zurückgenommen und die musikalische Linie dort bereits an die nächste Instrumentengruppe weitergegeben wird. Petrenko gelingt es fabelhaft, solche Entwicklungen auf kleinstem Raum mit der in großen Phrasen gedachten Entwicklung des Satzes als Ganzem zu verbinden. "Im Tempo eines gemächlichen Ländlers. Etwas täppisch und sehr derb" hat Mahler den zweiten Satz überschrieben. In der über fünf Töne aufsteigenden Tonleiter bekommt hier jeder Ton Gewicht, wodurch sich eher der Eindruck eines Stampfens als des Herumtappens einstellt, verstärkt durch ein winziges Verzögern jedes Tons - ein Sekundenbruchteil, kaum messbar, aber den Charakter prägend. Mit einem energiegeladenen Staccato ist jede Note ein Statement für sich, und auch das setzen die Philharmoniker phänomenal um. Eine vermeintliche Volkstümlichkeit, die man einem "gemächlichen Ländler" unterstellen könnte (und wie Mahler ihn in den frühen Wunderhorn-Symphonien auch durchaus gepflegt hat), stellt sich dadurch nicht ein. Eher scheint Strawinsky nahe. Der Satz bleibt hochkonzentriert und lebt von einer beklemmenden Spannung. Das folgende Rondo weist in Petrenkos zupackendem, scharfen (aber nicht schrillen) Zugriff auf Schostakowitsch voraus. Das Finale ("Adagio. Sehr langsam."), das Petrenko in großer Ruhe, aber nicht übermäßig gebremst angeht, dirigiert er im jetzt opulenten Streicherklang als Reminiszenz an die Spätromantik. Eine Epoche, die sich immer weiter entfernt. Das Publikum in der Kölner Philharmonie ist nicht erst hier ungewöhnlich leise - kaum ein Rascheln oder Husten stört die Musik. Auch das ist ein Zeichen für eine großartige, in jedem Moment durchgestaltete Orchesterleistung und ein überaus stringentes Dirigat. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
AusführendeBerliner PhilharmonikerLeitung: Kirill Petrenko WerkeGustav Mahler:Symphonie Nr. 9 D-Dur
|
© 2025 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: konzerte@omm.de