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Ein fulminanter Abschied, ein großer Abend Von Christoph Wurzel / Foto: © Matthias Creutziger Als Wagnerdirigent feiert Christian Thielemann regelmäßig Triumphe, ebenso mit den Opern von Richard Strauss. Für die Interpretation dieser Werke gilt er als nahezu unerreicht. Am Hauptweg seines Repertoires im Konzertbereich liegen vor allem Bruckner, Brahms, Beethoven, auch gelegentlich Schumann und wenige Moderne wie Gubaidulina. Das (spät-) romantische Repertoire ist seine Domäne. Da wundert es, dass er mit den Symphonien von Gustav Mahler bisher wenig hervorgetreten ist. Als absoluter Perfektionist hat er sich mit dieser diffizilen Materie offenbar Zeit lassen wollen. Aber wie überzeugend durchdacht, ja geradezu aufregend auch seine Mahler-Deutung sein kann, stellte nun sein Dirigat von Mahlers Achter mit der Sächsischen Staatskapelle in der Dresdner Semperoper unter Beweis. Nach zwölf Jahren als Chedirigent verlässt Thielemann dieses Traditionshaus, um an ein eben solches, die Berliner Lindenoper, zu wechseln. Zum Abschied wählte er kein geringeres als Mahlers Kolossalwerk. Mit der Staatskapelle, etwa einem Dutzend Musikerinnen und Musikern aus dem Gustav Mahler Jugendorchester, dem Dresdner Staatsopernchor, dessen Kinderchor sowie dem Chor des Bayerischen Rundfunks und acht durchweg exzellenten Sängerinnen und Sängern waren hier zwar keine tausend (wie angeblich bei der Uraufführung 1911), aber schätzungsweise mehr als 300 Mitwirkende aufgeboten, die sich auf der nach hinten vertieften Bühne und auf den Rängen (Kinderchor und Fernmusik) sichtlich drängten. Dies erforderte eine geschickte Klangregie durch den Dirigenten. Thielemann verstand es mustergültig, den teilweise überbordenden Klang dieser Musik transparent zu strukturieren. Dies kam vor allem dem ersten Teil (Mahler spricht nicht von "Sätzen") zugute, der in seiner Komplexität leicht zu verschwimmen und vor allem in den fast durchgängigen forte- oder fortissimo-Passagen zu schwer erträglichem Getöse zu degenerieren droht. Nicht so bei Thielemann. Auch dass diesem Satz die Architektur eines klassischen Symphoniesatzes zugrunde liegt, wurde eindrucksvoll deutlich. Thielemann setze die symphonischen Bauteile von einander ab, hob die Themen markant heraus, strukturierte die Doppelfuge klar und stufte die Dynamik sinnvoll ab. Nie gingen die Solisten gegenüber Chören oder Orchester unter, verbanden sich schließlich im Gloria zur Einheit des triumphalen Finale des ersten Teils. Die mitwirkenden Solistinnen und Solisten, Orchester und Chöre bei der Aufführung von Mahlers 8. Symphonie in der Dresdner Semperoper Ein frühmittelalterlicher Pfingsthymnus und der idealistisch verklärende Schluss aus Goethes Faust II bilden die textlichen Grundlagen der beiden monumentalen Teile dieser Symphonie. Weit geht Mahler damit über seine frühen Symphonien hinaus, in denen er das Wort zur Unterstützung der Aussage nur partiell eingesetzt hatte. In diesem Werk dominiert das gesungene Wort. Eine rein orchestrale Passage leitet lediglich als tönendes Landschaftsbild den zweiten Teil ein. Die Singstimme sei, so Mahler, in dieser Symphonie zugleich Instrument, das umso deutlicher Träger seiner Idee zu werden vermag - der Idee der Wirkmacht einer allumfassenden Liebe. Von der Anrufung des schöpferischen Geistes im lateinischen Hymnus ("Veni creator spiritus"), der die menschliche Schwachheit stärken und sein Licht in den Sinnen entzünden soll, bis zur Aufnahme der - wie Goethe es verstand - unsterblichen Seelen Gretchens und Fausts in die "höhern Sphären" im zweiten Teil spannt sich der Bogen der Werkidee des Komponisten: in ungeheurer Expressivität der glühende Wunsch nach Erlösung. Ist der erste Teil symphonisch-oratorischen Charakters, so trägt der zweite Teil episch-dramatische Züge und nimmt gleichsam die Stelle von Mahlers nie geschriebener Oper ein. Thielemann erwies sich dafür als der berufene Interpret. Eine farbenreiche Klangszenerie ließ er in der Orchestereinleitung entstehen. Bis die Chöre mit der lautmalerischen Schilderung der Bergschluchten ("Waldung, sie schwankt heran") einsetzten. Doch nicht wie Mahler vorschreibt, scharf ausgesprochen, streng rhythmisiert und staccato sangen die Chöre diese Worte, welche die ungebändigte Natur beschreiben, sondern eher gebunden und fließend. Dies nahm dem Text seine Prägnanz und vor allem die Kontrastwirkung zur folgenden Idylle der zahmen Löwen, von denen es heißt, sie "schleichen stumm / freundlich um uns herum". Ein zweiter Einwand: statt des von Mahler vorgeschriebenen Knabenchors war in dieser Aufführung ein (im übrigen tadellos intonierender) gemischter Kinderchor eingesetzt. Mahlers Klangintentionen für die "Seligen Knaben" dürfte diese Lösung trotzdem nicht voll entsprechen, zumal in Dresden mit dem Kreuzchor ein hervorragender Knabenchor zur Verfügung steht.
Ansonsten aber prägte den zweiten Teil eine
subtil ausformulierte Klangsprache. Deutlich hob Thielemann auch hier wieder
die sinnstiftenden Motive heraus, welche die gedanklichen Klammern zum ersten Teil
bilden. Daneben auch trugen die Solistinnen und Solisten mit Ausdrucksstärke
und vokalem Glanz die musikalischen Aussagen dieser Symphonie. Michael Volle
als leidenschaftlich sinnlicher Pater ecstaticus ("glühendes
Liebeband") und hochdramatisch Georg Zeppenfeld als Pater profundus
("Erleuchte mein bedürftig Herz") eröffneten als mythische Einsiedler
dieses goethische Erlösungsfinale. Immer wieder von Gesängen der Engel
unterbrochen (flexibel, klangschön, mitunter leicht und scherzohaft die Chöre)
schildert Mahlers Tongemälde die Ebenen der Rettung Fausts aus den Fängen des "alten Satansmeisters" Mephisto
zu den höhern Sphären. Als Doktor Marianus pries David Butt Philip mit
strahlendem Tenor die Ankunft der Himmelskönigin. Das Terzett der seligen
Büßerinnen (Camilla Nylund, Štěpánka
Pučálková und Christa Mayer) bat mit vokaler Wärme um Gnade und
"caritas", bis Gretchen selbst (mit silberhellem Timbre: Ricarda
Merbeth als Una poenitentium) die Mater gloriosa ansprach, die als Höhepunkt
des Satzes die Erlösung verkündete. Empathisch, warm und feierlich sang diese
zwei zentralen Verse Regula Mühlemann mit hellem, jugendlichem Sopran von einer
der oberen Logen. In kluger, makellos schöner Phrasierung formulierte David
Butt Philip Fausts Dankgesang an die Himmelskönigin, bevor Thielemann ohne
Pathos, aber in breitem Ton, starker Steigerung und großer Emphase den Chorus mysticus
einleitete und mit überwältigendem Klangvolumen zur Schluss-Apotheose führte. |
AusführendeChristian Thielemann, Dirigent Chor des Bayerischen Rundfunks Sächsischer Staatsopernchor Kinderchor der Semperoper Dresden Gustav Mahler Jugendorchester Sächsische Staatskapelle Dresden Solistinnen und Solisten Sopran I, Magna peccatrix Sopran II, Una poenitentium Sopran III, Mater gloriosa Alt I, Mulier Samaritana Alt II, Maria Aegyptica Tenor, Doctor Marianus Bariton, Pater ecstaticus Bass, Pater profundus ProgrammGustav
Mahler
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