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Buddha meets ABBAvon Stefan Schmöe "Don't go wasting your emotion, lay all your love on me", schmetterte Agnetha Fältskog 1980 im Electropop-Sound von ABBA durch die Clubs und Diskotheken der Welt. Man käme nicht sofort auf die Idee, das kleine Eifersuchtsdramolett mit den spirituellen Lehren von Siddhartha Gautama, des historischen Buddha, in Verbindung zu bringen. Genau das aber tut die belgische Künstlerin Lisaboa Houbrechts in ihrem Musiktheater Siddhartha nach dem gleichnamigen, 1922 erschienenen Roman von Hermann Hesse. Wobei man die Rezeption der Erzählung seit den 1960er-Jahren durchaus auch der Pop-Kultur zuordnen könnte: Selbstfindung durch asiatische Spiritualität, wobei es auf die buddhistischen Wahrheiten im Detail nicht so genau ankommt. Hesse vermischte fernöstliche Weisheiten mit der europäischen Psychoanalyse C. G. Jungs und schickte den jungen Siddhartha Gautama auf Sinn- und Selbstsuche - spiegelbildlich für die eigene Krisensituation des Schriftstellers nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall seiner Familie. Siddhartha sagt sich von seinem Vater los, lebt in Armut, kommt durch die Lehren weiser Männer nicht weiter, lebt ohne rechtes Glücksgefühl mit der schönen Kurtisane Kamala zusammen und gelangt letztendlich mit Hilfe des Fährmanns Vasudeva in den Zustand der Erkenntnis.
Lisaboa Houbrechts kehrt in ihrer Version die Geschlechterrollen um: Siddharta ist eine zunächst weiblich gelesene Person, die sich ihrem vorbestimmten Lebensauftrag, die Gemeinschaft anzuführen, widersetzt. Dabei geht es der Figur darum, die eigene Geschlechtsidentität zu finden, denn als Mädchen sieht sich Siddhartha nicht. Daher kommt der Begegnung mit Kamala (die auch in Houbrechts Version weiblich bleibt) eine Schlüsselfunktion zu. Kamala kommt ohne große Umschweife auf Sex zu sprechen, doch die gängigen Mechanismen von heterosexueller Verführbarkeit funktionieren nicht. Houbrechts spielt mit Erwartungshaltungen und damit auch mit sozialen Geschlechtsrollenzuschreibungen. Am Ende findet Siddhartha das Glück auf dem Fluss, auf der Fähre "zwischen den Ufern" - im übertragenen Sinn zwischen den festen Geschlechtszuschreibungen. Im wallenden, bläulich ausgeleuchteten Bühnennebel auf einem kreisförmigen verrosteten Objekt, das auf die Industriekultur und damit den Aufführungsort anspielt, mehr schwebend als sitzend, hat Siddhartha einen durchaus poetischen Zustand erreicht.
Das Problem des an sich ja nicht unspannenden Konzeptes dieser Produktion liegt darin, dass man es schnell durchschaut. Allzu schematisch und überraschungsarm läuft das Stationendrama ab, dessen Geheimnisse bereits im Einführungsvortrag von Dramaturgin Anna Chernomordik enthüllt werden. Wofür diese wenig kann, denn das Stück kämpft sich in einer Stunde und 40 Minuten (ohne Pause) ziemlich zäh von Phrase zu Phrase, nicht immer frei von unfreiwilliger Komik. Die raumfüllende Bühne (Sammy Van den Heuvel) besteht aus einer Art Halfpipe, rechts in eine wellenartige Rampe übergehend, links von einer steilen Treppe begrenzt, die an ein Amphitheater erinnert. Wenn die Sängerinnen und Sänger in archaisch anmutenden Kutten (Kostüme: Oumar Dicko) dort zu Beginn locker drapiert werden, sieht das doch sehr nach der "Judäischen Volksfront" - oder doch der "Volksfront von Judäa"? - aus der absurden Filmkomödie The Life of Brian der englischen Komikertruppe Monty Python aus, die neben anderem ebenso das Sandalenfilmgenre wie Sektierertum jeglicher Couleur parodierten. Dabei wirkt die Aufführung nicht so, als wolle sie ironische Brechungen einbringen. Mit Ausnahme vielleicht des erwähnten ABBA-Songs, den der Chor in der Begegnung von Siddhartha und Kamala summt, was aber angesichts der fast naiv anmutenden Ernsthaftigkeit der meisten anderen Szenen ein Fremdkörper bleibt.
Die Musik dieses als "Musiktheater" angekündigten Werkes stammt - zumindest teilweise - aus der Feder der amerikanischen Komponistin Caroline Shaw (* 1982), die sicher die beste im Harmonielehre-Kurs war und deren Akkordfolgen in der Partita für acht Stimmen immer ein wenig so wirken, als würde ein am Klavier herumklimperndes Kind sich über einen unerwartet gefundenen schönen Klang freuen. Der Lettische Rundfunkchor singt intonationssicher mit vollem, weichem Klang mit dezentem, nicht zu starkem Vibrato und legt damit eine Art akustischen Weichzeichner über die Szenerie. Casper Clausen hat "Soundscapes" beigesteuert, kleinteilige Klanglandschaften, und Ustadma Zila Khan weitere Kompositionen. Wer da im Einzelnen was komponiert hat, bleibt unklar, und es gibt auch keine Besetzungsliste mit konkreten Rollen. Siddhartha erscheint als Kunstwerk eines Kollektivs und grenzt sich dadurch, wenn auch ein wenig bemüht, vom konventionellen, in der Regel hierarchisch strukturierten Musiktheater ab.
Dabei gibt es natürlich klare Zuordnungen. Die Figur Siddharthas wird nicht ohne Charisma von der belgischen Songwriterin Meskerem Mees mit androgynem Auftreten verkörpert, immer eine Spur distanziert und beobachtend. Bei Tänzerin Shantala Shivalingappa (die einige Zeit als Gast bei Pina Bauschs Wuppertaler Tanztheater zu erleben war) ist jede Bewegung von bestechender Eleganz. Milēna Miškēviča zeigt als Kamala viel Bein und trägt einen hautfarbenen Body, bei dem über den Brüsten so etwas wie ein weißer Balken angebracht ist - diese Lösung entbehrt nicht einer gewissen Komik. Recht blass bleibt Sufi-Sängerin Ustadma Zila Khan in der Rolle des Buddha, den Siddhartha aufsucht, der - bzw. die - außer "hmmm" und "hmmmmmm" (gerne als Glissando gesungen) und "hmm-hmmm-hmmm" nichts Entscheidendes beitragen darf. Hin und wieder leuchtet die betörend schöne Stimme von Sopranist Samuel Mariño auf (der im Vorjahr noch mit High on Händel ein eigenes Programm bestreiten durfte). Auch Sopranistin Claron MacFadden wirkt mit warm timbriertem Ton und vokaler Beweglichkeit als Mutter unterbeschäftigt.
"Lay all your love on me", aber bitte ohne Geschlechtszuweisung: Lisaboa Houbrechts verschenkt viele Möglichkeiten, die das gute Ensemble eigentlich bietet, an einen herzensgut gemeinten, aber allzu simpel gestrickten Plot, bei dem die Musik eher eine Nebenrolle spielt.
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Produktionsteam*Besetzung der Premiere
Konzept, Libretto, Regie
Musikalische Leitung
Chor
Bühnenbild
Kostümbild
Lichtdesign
Soundscape
Komposition, Vocals und Harmonium
Musikdramaturgie, Dramaturgie Lettischer Rundfunkchor
Mitwirkende |
- Fine -