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Schönheit, aus Schmerz geborenvon Stefan Schmöe / Fotos © Christian Palm, Ruhrtriennale 2025
Die Oper des Barock war immer auch ein Spiel mit Verkleidungen und Rollentausch. Männerpartien wurden von Frauen gesungen und Frauenpartien von Männern, oft von Kastraten. Der venezolanische Sopranist Samuel Mariño setzt dieses Spiel in seinem Konzertprogramm mit Arien von Händel fort, nicht nur stimmlich, sondern auch optisch. Mit Hosenanzug und Stöckelschuhen, kein Hemd unter der Jacke, die einen Streifen Bauch freigibt, mit glitzerndem Ring und riesiger Brosche bewegt er sich irgendwo zwischen Frau und Mann. Oder soll man sagen: Er vereinigt im Outfit und Auftreten beides? Jedenfalls stellt er eine schillernde Figur jenseits geschlechtlicher Eindeutigkeit dar. In seiner Gestik bedient er, vor allem in den Schmerzensarien der Cleopatra, die ganz großen Gefühle, fällt auf die Knie und sinkt theatralisch zu Boden. Ein bisschen viel? Ja, sicher, aber auch das gehört zur Barockoper. Musikalisch dürften es allerdings durchaus ein paar Schluchzer, zu denen Verzierungen schnell werden, weniger sein.
Mariño, geboren 1993, ist hormonell bedingt nie in den Stimmbruch gekommen. Seine Sopranstimme leuchtet hell und warm und besitzt auch im Piano und Pianissimo Substanz und Tragfähigkeit. Im Forte bekommt die Stimme in der hohen Lage trompetenhafte Durchschlagskraft und metallischen Glanz, mitunter auch Schärfe. Der Übergang aus der zur samtenen Mittellage erfolgt nicht ohne Bruch . Mariño neigt dazu, diese Übergänge noch zu akzentuieren, was die Ungleichmäßigkeit im Ausdruck verstärkt und zu "knalligen" Spitzentönen führt. Schöner und eleganter vollzieht sich der Lagenwechsel bei den leisen Tönen, die auch in der Höhe die Intensität beibehalten. Die Stimme ist agil und beweglich, wobei es den schnellen Koloraturen wie in "Scherza in mar" aus Händels recht wenig bekannter Oper Lotario an Leichtigkeit fehlt. Überzeugender jedenfalls gelingen die Arien der trauernden Cleopatra aus Giulio Cesare in Egitto, in denen Mariño Farbreichtum und nuancierte Klangentfaltung seines Soprans besser ausspielen kann.
Unter der Leitung von Jan Tomasz Adamus begleitet die Capella Cracoviensis in Streicherbesetzung zurückhaltend mit sanfter Zurückhaltung und wie mit Weichzeichner geglättet. Der Klang dürfte ein wenig schärfer, auch rhythmisch pointierter sein. Während Mariño sich ausschließlich mit Händel auseinandersetzt (neben Giulio Cesare und Lotario sind noch Arien aus Semele und, als Zugabe, Alcina zu hören), präsentiert das Orchester Instrumentalwerke von Vivaldi, Telemann und ein charmantes Concerto für Flöte und Streichorchester von Giovanni Battista Pergolesi mit einer im Programmheft nicht namentlich genannten Solistin, die den Solo-Part mit großer Delikatesse spielt. Der weiche Klang der aus Holz gefertigten barocken Querflöte verschmilzt allzu sehr mit den Streichern - auch hier könnte die Musik klarere Konturen und mehr Prägnanz vertragen.
Den Abend beendet Mariño mit einer Zugabe, die ins untergehende Zauberreich der Alcina führt. Wobei sich das Programm aus musikalischen Zusammenhängen, nicht aus den Handlungen und Motiven der Opern ergibt - der inhaltliche Zusammenhang wird weder durch Moderation noch durch Hinweise im Programmblatt (das auch die Texte der Arien nicht abdruckt) verdeutlicht. In die hinreißend schöne Arie "Credete al mio dolore" mit konzertierendem Violoncello, inhaltlich eher banal eine Bitte um Vergebung nach einem Moment der (gedanklichen) Untreue, legt Mariño noch einmal allen Weltschmerz hinein. Es ist ein Abend der großen, manchmal eine Spur zu großen musikalischen Geste. Aber schön ist es allemal.
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AusführendeSamuel Mariño, SopranistaCapella Cracoviensis Jan Tomasz Adamus WerkeAntonio Vivaldi:Sinfonia III - Allegro moderato aus L'Olimpiade RV725 Georg Friedrich Händel: "Ritorna, oh caro e dolce mio tesoro" aus Rodelinda HWV 34 "V'adoro pupille" "Che sento, oh Dio!... Se pietà" aus Giulio Cesare in Egitto Georg Philipp Telemann: Sinfonia spirituosa in D-Dur TWV44:1 Georg Friedrich Händel "E pur cosi un giorno - Piangero la sorte mia" aus Giulio Cesare in Egitto Myself I shall adore" aus Semele HWV 58 Giovanni Battista Pergolesi: Concerto in G-Dur Georg Friedrich Händel: "Voi che mie fide ancelle - Da tempeste" aus Giulio Cesare in Egitto "Ah me! too late I now repent" aus Semele Antonio Vivaldi: Concerto in g-moll RV157 Georg Friedrich Händel: "Scherza in mar" aus Lotario HWV 26 Zugabe: Georg Friedrich Händel: "Credete al mio dolore" aus Alcina HWV 34 weitere Berichte von der Ruhrtriennale 2024 - 2026 Homepage der Ruhrtriennale Die Ruhrtriennale in unserem Archiv |
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