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Atalanta

Dramma per musica in drei Akten, HWV 35
Libretto nach La caccia in Etolia von Belisario Valeriani, Verfasser unbekannt
Musik von Georg Friedrich Händel


in italienischer Sprache 

Aufführungsdauer: ca. 2 h 20' (eine Pause)

Premiere in der Christuskirche am Mühlburger Tor am 28. Februar 2026

 

 
Badisches Staatstheater Karlsruhe
(Homepage)

Verworrenes Schäferspiel 

Von Thomas Molke / Fotos: © Felix Grünschloß

Händels Dramma per musica Atalanta gehört zu den eher unbekannten Werken des Hallenser Komponisten. Anlass für die Komposition war die königliche Hochzeit des Thronfolgers Friedrich Ludwig von Hannover mit Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg im April 1736. Dabei war es wohl vor allem dem Wunsch der Prinzessin Augusta und Friedrichs Schwester Anna zu verdanken, dass Händel diesen Kompositionsauftrag erhielt. Friedrich selbst stand nämlich Händels Konkurrenzunternehmen, der Opera of the Nobility unter der Leitung von Nicola Porpora, näher. Aufgrund verzögerter Arbeiten am prunkvollen Bühnenbild wurde das Werk nicht rechtzeitig fertig und konnte erst am 12. Mai 1736 zur Uraufführung gelangen. Im Gegensatz zu Porporas Serenade Festa d'Imeneo, die zu den Hochzeitsfeierlichkeiten gespielt wurde, erfreute sich Händels Oper allerdings größerer Beliebtheit und wurde nicht nur achtmal in Folge gespielt sondern auch auf Wunsch des Thronfolgerpaars in der folgenden Spielzeit wiederaufgenommen. Neben der großartigen Musik begeisterten vor allem die großartige Sopranistin Anna Maria Strada del  Pò in der Titelpartie und der 18-jährige Starkastrat Gioacchino Conti, genannt "Ghizziello". In Karlsruhe ist dieses Werk nun erstmals zu erleben. Als Aufführungsort ist die Wahl auf die Christuskirche am Mühlburger Tor gefallen.

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Ensemble von links: Irene (Noa Beinart), Aminta (Moritz Kallenberg), Mercurio (Oğulcan Yılmaz), Meleagro (Dennis Orellana) und Atalanta (Caterina Sala), dahinter: der Kammerchor der Christuskirche, davor: die Deutschen Händel-Solisten mit Lars Ulrik Mortensen

Im Gegensatz zur großartigen Musik ist die Handlung eher banal und geht zurück auf eine mythologische Erzählung von der Jagd auf den kalydonischen Eber, von der Ovid in seinen Metamorphosen berichtet. Händel hat für seine Vertonung wahrscheinlich auf das Libretto La caccia in Etolia von Belisario Valeriani zurückgegriffen, das Fortunato Chelleri für Ferrara vertonte. Händel ergänzte das Stück um die Figuren des Nicandro, des Gottes Mercurio und fügte mehrere Chorpassagen ein. Erzählt wird die Geschichte der Prinzessin Atalanta, die als begnadete Jägerin unter dem Namen Amarilli durch die Wälder von Ätolien streift und heimlich in den Hirten Tirsi verliebt ist. Dieser ist aber gar kein Hirte sondern der König von Ätolien Meleagro, der sich nur seinen Herrschaftspflichten entzogen hat. Während Meleagro allerdings weiß, dass es sich bei Amarilli um eine Prinzessin aus Arkadien handelt, weiß Atalanta nichts von Tirsis Adelstand und leidet darunter, dass eine Verbindung aus Standesgründen nicht möglich ist. Hinzu kommt mit Irene und Aminta ein weiteres Hirtenpaar, das sich eigentlich liebt, aber auch nicht zusammenkommt, weil Irene der Meinung ist, ihren Geliebten erst zahlreicher grausamer Prüfungen unterziehen zu müssen. So kommt es zu mehreren Verwicklungen, wenn Tirsi Irene ein Band mit der Bitte überreicht, es an Atalanta weiterzugeben, und Irene im Gegenzug Aminta gegenüber behauptet, dass Tirsi ihr das Band aus Liebe geschenkt habe. Atalanta bittet wiederum Aminta, den Speer, mit dem der Eber getötet worden ist, als Liebespfand an Tirsi weiterzugeben, was Irenes Eifersucht weckt, da Aminta nun behauptet, Amarilli zu lieben. Schließlich erkennt Atalanta an dem Band, das sie von Tirsi erhalten hat, dass es sich bei ihm um den König Meleagro handelt, und einer glücklichen Vereinigung der beiden Paare steht nichts mehr im Weg.

Da es sich um eine konzertante Aufführung handelt, kann auch die Lobpreisung des herrschaftlichen Paares am Ende ohne Probleme beibehalten werden, so dass der Jubelchor in vollem Klang ertönen kann. Als Chor ist der Kammerchor der Christuskirche unter der Einstudierung von Peter Gortner beteiligt, was ein weiterer Grund für die Auswahl der Spielstätte gewesen sein mag. In der hervorragenden Akustik der Kirche kommen aber nicht nur der Chor und die wunderbar aufspielenden Händel-Solisten unter der musikalischen Leitung von Lars Ulrik Mortensen, der hier zuletzt die Produktion Hercules 2022 und 2023 begleitet hat, sondern auch die Solistinnen und Solisten wunderbar zur Geltung. An erster Stelle ist hier sicherlich der Sopranist Dennis Orellana als Meleagro zu nennen, der im letzten Jahr beim Farinelli-Wettbewerb in Karlsruhe mit dem ersten Preis ausgezeichnet worden ist, zu Recht, wie man bei seiner Interpretation der Partie nur anmerken kann. Schon im ersten kurzen Arioso, in dem er die geliebten Wälder besingt, begeistert er durch bruchlose Höhen, die absolut klar und luzide klingen und von einem weiblichen Sopran nicht einmal im Ansatz zu unterscheiden sind. Dabei füllt er mit seinen leuchtenden Höhen den ganzen Raum, so dass das Publikum bei der ersten Nummer wahrscheinlich zu gebannt von diesem Klang ist, als dass es diese kurze Nummer bereits mit Applaus belohnt.

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Atalanta (Caterina Sala) und Meleagro (Dennis Orellana), auf der linken Seite: Moritz Kallenberg als Aminta

Überhaupt ist das Publikum mit Zwischenapplaus an diesem Abend eher zurückhaltend, was vielleicht der Kirchenatmosphäre geschuldet ist. Grund zum Zwischenapplaus gibt es eigentlich nach fast jeder Arie. Denn auch das weitere Ensemble ist großartig besetzt. In der Titelpartie glänzt Caterina Sala mit vollem, leuchtendem Sopran, der ebenfalls mit großartigem Klang den ganzen Saal erfüllt. Dieser Prinzessin nimmt man die begnadete Jägerin, die den kalydonischen Eber erlegt, mit jeder Note ab. In den Koloraturen entwickelt Sala eine atemberaubende Kraft. Ein weiterer musikalischer Glanzpunkt sind die beiden Duette mit Orellana. Im zweiten Akt weiß Atalanta noch nicht, dass mit Tirsi der König vor ihr steht, was Meleagro in unklaren Andeutungen ihr noch nicht offenbaren will. Da bleiben die beiden im Ausdruck ihrer Gefühle noch sehr verschlossen und leiden, weil sie glauben, dass sich ihre Liebe nicht erfüllen kann. Anders verhält es sich im dritten Akt, wenn sie ihre Identitäten endlich preisgegeben haben und nun offen zu ihrer Liebe stehen können. Da setzen Sala und Orellana zu strahlenden Höhen an und machen verständlich, wieso die Oper damals ein derart großer Erfolg gewesen ist. Salas und Orellanas Sopran, die sich in der Färbung kaum unterscheiden, finden wunderbar zusammen, so dass man nicht unterscheiden kann, wer der Mann und wer die Frau ist, so wie Atalantas kämpferische Natur ja ebenfalls mit ihrem Geschlecht spielt.

Auch das zweite Paar bewegt sich stimmlich auf hervorragendem Niveau. Moritz Kallenberg stattet die Partie des unglücklich liebenden Schäfers Aminta mit kraftvollem Tenor aus. Auch wenn dramaturgisch nicht klar wird, was er eigentlich an Irene findet, macht er mit tenoralem Glanz sein Liebesleiden mehr als deutlich. Noa Beinart verfügt als Irene über einen satten Mezzospran, der stimmlich betörend und verführerisch klingen kann, auch wenn die Motivation der Figur für ihr Handeln nicht im Geringsten nachvollziehbar ist. Da bleibt die Figur einfach nur unsympathisch, ohne dabei als böser Charakter gezeichnet zu sein. Irgendwie finden Irene und Aminta gemäß Libretto ja schließlich doch noch zueinander. Oğulcan Yılmaz übernimmt sowohl die Partie von Irenes Vater, der der Schäferin zwar ins Gewissen redet, aber dessen erzieherische Maßnahmen bei seiner Tochter dennoch nicht fruchten, und des Gottes Mercurio, der am Ende die Vereinigung der beiden glücklichen Paare verkündet. Dafür wechselt er auch den Anzug. Während er als Nicandro in dezentem Schwarz auftritt, erscheint er als Gott in strahlendem Weiß. Beide Partien stattet er mit profundem Bariton aus. Der Chor tritt einmal zu Beginn des zweiten Aktes auf und feiert Atalantas Sieg über den Eber. Ein weiteres Mal leitet er dann den Schluss mit der Lobpreisung auf das Herrscherpaar ein. Beide Male überzeugt er mit wunderbarem Klang und macht deutlich, wieso sich eine konzertante Aufführung dieses Schäferspiels in einer Kirche anbietet. Das hat schon fast Anklänge an ein Oratorium. Lars Ulrik Mortensen führt die Deutschen Händel-Solisten mit sicherer Hand durch die Partitur, die musikalisch einige Perlen zu bieten hat, was für die etwas dünne Handlung entschädigt und mit großem Jubel vom Publikum belohnt wird.

FAZIT

Szenisch lässt sich gut nachvollziehen, wieso Händels Atalanta zu den unbekannteren Werken gehört. Musikalisch hat es einige Glanznummern, vor allem, wenn man über eine so hervorragende Besetzung wie in Karlsruhe verfügt.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Lars Ulrik Mortensen

Einstudierung Chor
Peter Gortner

 

Deutsche Händel-Solisten

Kammerchor der Christuskirche

Solistinnen und Solisten

Atalanta
Caterina Sala

Meleagro
Dennis Orellana

Irene
Noa Beinart

Aminta
Moritz Kallenberg

Nicandro / Mercurio
Oğulcan Yılmaz

 


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Badischen Staatstheater Karlsruhe
(Homepage)



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