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GenZ Don't Cry

Immersives 3D-Soundtheater mit und über die Generation Z
Konzept von Mehdi Moradpour und Sounddramaturgien-Kollektiv (Dominik Breinlinger, Julian Kämper, Felix Kruis)
Musik von Gîn Bali

Aufführungsdauer: ca. 1h 10'

Uraufführung am 18. September 2025 in der Turbinenhalle an der Jahrhunderthalle Bochum
im Rahmen der Reihe "Junge Triennale"
(rezensierte Aufführung: 21. September 2025)

Logo: Ruhrtriennale 2024 - 2026

Kassandra hört kein Echo

von Stefan Schmöe / Fotos © Björn Hickmann

"Wir sind zu jung, um mitzubestimmen, aber alt genug, um dafür zu bezahlen." Die Generation Z, das sind die zwischen 1995 und 2010 Geborenen. Es ist die erste Generation, die mit Internet und Smartphone aufgewachsen ist und Entscheidungsprozesse vornehmlich über digitale soziale Medien vollzieht. Es ist auch die Generation, die konkret die eigene Zukunft durch die Folgen des Klimawandels bedroht sieht und die, zumindest in Westeuropa, nach einer längeren Phase der weltpolitischen Entspannung in der Phase des Heranwachsens eine konkrete militärische Bedrohung erfährt. Nicht zuletzt wächst sie in eine Welt hinein, die in großem Umfang von globaler Migration geprägt ist - und vielfach selbst Migration als Teil des Erwachsenwerdens erfahren hat. Auf jeden Fall eine Generation, die sich an der Schwelle zum Berufsleben in einer vielfältigen Krisensituation wiederfindet.

Vergrößerung in neuem Fenster Schlo Meurer

GenZ Don't Cry ist im Kontext der Ruhrtriennale das Gegenstück zu We Are the Lucky Ones, einem Stück über die Lebenserfahrungen der in den 1940er-Jahren geborenen Menschen, die jetzt am Ende ihres Lebens stehen. Für die Generation Z bestimmt die schnelllebige Gegenwart den Erfahrungsraum, nicht das Bewusstsein der eigenen Vergangenheit. Ulrike Czermak und Britta Schünemann aus dem Dramaturgie-Team der Ruhrtriennale haben eine Vielzahl von Interviews mit jungen Menschen geführt, das "Sounddramaturgen-Kollektiv" (Dominik Breinlinger, Julian Kämper, Felix Kruis) aus Fragmenten daraus in Verbindung mit Geräuschen und Klängen und Musik von Gîn Bali eine rund einstündige Klangcollage erstellt, die sehr unterschiedliche Aussagen gegeneinander schneidet. Es entsteht ein kleinteiliges, sprunghaftes, widersprüchliches, aber in dieser Vielfalt durchaus bezeichnendes Bild - nicht von der Generation Z, sondern von deren Wahrnehmung der Gegenwart und den Erwartungen an die Zukunft. Dass dieses Bild nicht annähernd vollständig und auch nicht durchweg konsistent sein kann, versteht sich von selbst; allein die Einteilung in "Generationen" ist mit seinen Unschärfen ein höchst anfechtbares Konstrukt.

Vergrößerung in neuem Fenster Mira Fajfer, die Kassandra

Die Bühne in der Gebläsehalle hinter der Bochumer Jahrhunderthalle ist eine Art Müllhalde der vorangegangenen Generation, mit Schnee bedeckt. Das Szenario (Autor: Mehdi Moradpour) zeigt eine Figur namens Kassandra, die man als ungehörte Seherin aus Troja kennt. Sie beklagt, kein Echo zu bekommen. Aus dem Off zieht sich ein kryptischer Text durch das Stück, der im Stile populärwissenschaftlicher Astrophysik von "Singularitäten" spricht, denen man sich im Minutentakt nähert und die irgendwie das Ende der Zeit bedeuten sollen - das alles lässt sich getrost als pseudowissenschaftlicher Kitsch abtun, erzeugt aber andererseits eine düstere, gleichzeitig wissenschaftsorientierte Atmosphäre, die dem Sujet angemessen ist. Oder soll man besser sagen: Das ist cool? Rätselhafte Gestalten mit rätselhaften Hauben laufen herum. Eindrucksvoll sind die leider kurzen Auftritte der deutsch-kurdischen Sängerin, Gitarristin und Soundkünstlerin Gîn Bali, die auch die Musik komponiert hat. Bühnennebel und hartes Licht aus Scheinwerfern mit scharf abgegrenzten Strahlen führen zu durchaus eindrucksvollen Effekten. Interessanter ist aber das Öffnen der Außentür, was Tageslicht (die hier besprochene Aufführung fand am Vormittag statt) auf die halb verfallenen, notdürftig konservierten Wände der Gebläsehalle fallen lässt. Das Gebäude selbst gehört einer untergegangenen Industriekultur an.

Vergrößerung in neuem Fenster Komponistin Schlo Meurer

Das Publikum trägt während der Aufführung Kopfhörer, was nicht nur zu einer guten Klangqualität führt, sondern auch zu einer eigentümlichen Vermischung von Isolation auf der einen und einer kollektiven Erfahrung (man weiß ja, dass alle im Publikum dasselbe hören) auf der anderen Seite führt. Man kann das als Bild für die Kommunikation im digitalen Zeitalter sehen, in der die Einzelperson am Endgerät allein und doch Teil einer großen Gemeinschaft ist. Auch bleibt unklar, welche Töne innerhalb der vorab erstellten Collage live eingespielt werden. Realität und virtueller Raum fließen ineinander. Und doch ist das Leben oft immer noch an denselben Banalitäten ausgerichtet wie in den Jahrtausenden zuvor: Glück, so sagt eine Stimme, ist eben auch das Essen, das gute Essen wie das gemeinsame Essen. Und in einer Szene wird, ausführlich verbal kommentiert, ganz simpel ein Tisch abgewischt. In einer Szene erzählen Schnellnachrichten in hoher Schlagzahl von trivialen wie von surrealen Ereignissen. Ganz kurz wird der Raum zur Techno-Disco. Eines ist klar: Das Leben der GenZ ist kein langer ruhiger Fluss.

Vergrößerung in neuem Fenster (von links) Jwanzeen Al-Sello, Luca Sommer, Nicolas Lochthowe

Nun gehört der Verfasser dieser Zeilen der Generation X an, der Generation mit Geburtsjahren zwischen 1965 und 1980. Das sind die Eltern der Generation Z, die das Ende des Kalten Krieges und (in Deutschland) die Euphorie der Wende erlebt haben und die Verantwortung allmählich an die Jüngeren abgeben. Ich habe GenZ Don't Cry gemeinsam mit einer Person besucht, die der Generation Z angehört - und sich durchaus wiederfand in der Aufführung, ästhetisch wie inhaltlich. Ob das repräsentativ ist, sei dahingestellt; das Konzept ist ohnehin so offen wie die Angehörigen einer angeblichen Generation verschieden sind. Wie auch immer: Man hört manches Bedenkenswerte in diesen 60 Minuten. Eine Aussage hallt nach: "Ich glaube, in Anbetracht der nächsten 100 Jahre war es noch nie so schön, sterblich zu sein".


FAZIT

Auch wenn GenZ Don't Cry für den Geschmack eines Generation-X-Rezensenten ein wenig (zu) reißerisch und effekthascherisch auftritt, liefert die vielstimmige Soundcollage viel Bedenkenswertes.




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Produktionsteam

3D Soundkonzept und Regie
Sounddramaturgien-Kollektiv:
Dominik Breinlinger
Julian Kämper
Felix Kruis

Autor und dramaturgische Beratung
Mehdi Moradpour

Co-Regie, Bühne und Lichtdesign
Wolfgang Menardi

Komposition, Musik
Gîn Bali

Kostüm
Julia Nussbaumer

Schauspiel
Mira Fajfer


Chor:

Jwanzeen Al-Sello
Efrahim Bakir
Ikram El Kasmi El Meftah
Nicolas Lochthowe
Schlo Meurer
Flynn Ohland
Eva Seli
Luca Sommer
Julian Sonntag


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