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Römische Geschichte trifft auf Commedia dell'arteVon Thomas Molke, Fotos: © Clemens ManserFrancesco Cavalli zählt heute mit seinem Lehrer Claudio Monteverdi und Antonio Cesti zu den Begründern der Venezianischen Oper. Mit seinen insgesamt 27 erhaltenen Werken zählt der am 14. Februar 1602 im italienischen Crema nahe Mailand geborene Cavalli zu den am besten dokumentierten Opernkomponisten seiner Zeit. Obwohl sich seine Opern zu Lebzeiten großer Beliebtheit erfreuten, stehen sie heute eher selten auf den Spielplänen der Opernhäuser und sind meistens nur bei Barock-Festivals zu erleben. Seine erste Oper Le nozze di Teti e di Peleo ist in der Neuzeit beispielsweise noch gar nicht aufgeführt worden. Max Emanuel Cencic, der es sich bei dem von ihm 2020 gegründeten Festival Bayreuth Baroque zur Aufgabe gemacht hat, vergessene Schätze der Barockmusik wiederzuentdecken, hat nun gemeinsam mit Leonardo García-Alarcón, der als Cavalli-Spezialist bezeichnet werden kann, ein Dramma per musica Cavallis auf den Spielplan gestellt, das für beide absolutes Neuland ist und 1666 am Teatro San Salvatore zu einer überaus erfolgreichen Uraufführung gelangte: Pompeo Magno. Mitridate (Valerio Contaldo) sinnt auf Rache. Auch wenn es sich bei der Oper um den letzten Teil einer "republikanischen Trilogie" handelt, in der jeweils eine historisch bedeutende Figur der römischen vorchristlichen Republik im Zentrum des Geschehens steht, dient die historische Vorlage nur als Schablone für eine größtenteils frei erfundene Geschichte über Liebe und Intrigen. Der große Feldherr Pompeius (Pompeo) kehrt 63 v. Chr. siegreich aus dem Krieg gegen Mithridates (Mitridate) aus Pontus zurück. Unter den Kriegsgefangenen befinden sich Mitridates Ehefrau Hypsicratea (Issicratea) und sein Sohn Pharnakes (Farnace). Während Pompeo zu Farnace ein nahezu väterliches Verhältnis entwickelt, wird Issicratea von Pompeos Sohn Sesto und Cesares Sohn Claudio begehrt. Mitridate ist unerkannt nach Rom gekommen, um Rache an Pompeo zu nehmen und ihn zu ermorden. Ein Anschlag wird allerdings von seinem Sohn Farnace vereitelt. Als Mitridate Issicrateas Dienerin Arpalia tötet, weil sie Sesto in Issicrateas Schlafgemach führen will, wird Sesto des Mordes angeklagt und soll hingerichtet werden. Mitridate offenbart sich jedoch selbst als Täter, was ihm die Achtung des großmütigen Pompeo einbringt, so dass er mit seinem Sohn und seiner Gattin nach Pontus zurückkehren darf. In der realen Geschichte kam Mitridate nach der Niederlage gegen Rom zu Tode. Ein weiterer Handlungsstrang der Oper dreht sich um Cesares Tochter Giulia, die Pompeo heiraten soll, allerdings Servilio liebt. Servilio und Pompeo überbieten sich gegenseitig in ihrem Verzicht auf Giulia, bis Pompeo schließlich einlenkt und - wie es historisch belegt ist - Giulia zur Gattin nimmt. Dazwischen gibt es noch einige derbe Szenen zwischen einer verrückten Alten, Atrea, und dem Diener Delfo. Pompeo (Max Emanuel Cencic, links) liebt Farnace (Alois Mühlbacher, rechts) wie einen Sohn. Das Regie-Team um Max Emanuel Cencic hebt hervor, dass es sich bei Cavallis Oper nicht um eine historische Erzählung handelt, sondern dass das Werk zahlreiche Parallelen zur damaligen Situation in Venedig aufweist. Das in der Oper beschriebene Rom stand der politischen Lage in Venedig wesentlich näher als dem starren Kirchenstaat. So hat Helmut Stürmer einen Bühnenraum geschaffen, der an einen venezianischen Palast erinnert. Drei große Tore gewähren einen Blick in das Innere dieses Palastes und ermöglichen mit weißen Vorhängen in den Toren schnelle Szenenwechsel. Zwei Gestelle lassen sich durch die Bögen schieben, um die Szene in einen Marktplatz zu verwandeln. Ein Podest ermöglicht die schnelle Verwandlung in einen Thronsaal oder ein Schlafzimmer, und aus dem Schnürboden können Gitterstäbe herabgelassen werden, die den Gefängnisraum zeigen, in dem Sesto sein Schicksal beklagt oder Mitridate sich am Ende mit seiner Gattin und seinem Sohn vergiften will. Das alles ist genauso wunderbar anzuschauen wie die Kostüme Von Corina Grămoşteanu, die sehr opulent gehalten sind. Dabei treten die meisten Figuren mit Masken wie beim Karneval auf, was eine Zuordnung der Rollen zu Beginn ein wenig erschwert, zumal sie größtenteils als Charaktere der Commedia dell'arte verkleidet sind. So dauert es zum Beispiel eine Weile, bis man bei Cesare und Crasso, die beide als alte Männer gezeichnet werden, weiß, wer wer von beiden ist. Derbe Komik: Atrea (Marcel Beekman, rechts) und Delfo (Dominique Visse, links) Außerdem hat Cencic noch vier Schauspielerinnen und Schauspieler eingeführt, die als stumme Rollen in herrlichen Kostümen das Treiben im Venedig der damaligen Zeit untermalen. Dabei kommen sie vor allem in den derben Szenen mit der verrückten Alten Atrea zum Einsatz und begeistern durch intensives Spiel und große Komik. Bei den "ernsten" Figuren agieren sie vor allem als Dienerinnen und Diener. Wieso Cencic sie allerdings beim Tanz von acht Verrückten vor der ersten Pause "Bayreuth, Bayreuth" singen lässt, erschließt sich nicht. Unklar bleibt auch, wieso Pompeo, Sesto und Issicratea vom Bezug zur Commedia dell'arte ausgenommen werden, da sie keine Masken tragen und ihre Kostüme nicht überzeichnet oder grotesk wirken. Issicratea tritt als hehre Königin auf, die kaum etwas mit einer Gefangenen gemein hat, die sie ja eigentlich in Rom ist. Pompeo ist ein alter Mann, der im ersten Akt bei seinem Triumphzug mit einer Gondel einfährt und im zweiten Akt sogar im opulenten Ornat eines Dogen einherschreitet. Den Schluss betrachtet er von einer Seitenloge auf der Bühne, so dass er am Ende selbst wie ein Zuschauer wirkt. Mitridate trägt seine Maske als eine Verkleidung, da er ja in Rom zunächst inkognito bleiben möchte. Wenn er sich als König von Pontus zu erkennen gibt, legt er die Maske ab und wird damit eine genauso "reale" Figur wie Pompeo, Sesto und Issicratea. Die anderen Charaktere bleiben in ihrer schablonenhaften Zeichnung verhaftet. Sesto (Nicolò Balducci) leidet unter der Zurückweisung durch Issicratea (Mariana Flores, Mitte). Das alles bietet trotz kleinerer Unklarheiten szenisch beste Unterhaltung und wird vom Ensemble mit großer Spielfreude umgesetzt. Auch musikalisch lässt der Abend keine Wünsche offen. Leonardo García-Alarcón stellt am Pult der 2005 von ihm gegründeten Cappella Mediterranea unter Beweis, dass er ein absoluter Cavalli-Kenner ist, und lotet die vielschichtige Musik, die sehr am Text orientiert ist, mit dem Orchester detailliert aus. So klingen die derben Szenen nahezu roh, während er die melancholischen und sentimentalen Momente mit intensiver Innigkeit ausmalt. Besonders glänzen kann die Cappella Mediterranea bei den zahlreichen Instrumental-Einlagen, die mit großer Frische präsentiert und von buntem Treiben auf der Bühne untermalt werden. Cencic, der neben der Regie auch die Titelpartie übernimmt, punktet mit dunkel-gefärbtem und reifem Countertenor, der der Partie eine gewisse Abgeklärtheit gibt. Recht pompös gelingt nicht nur sein Auftritt im Dogenmantel, sondern auch die Szene, in der Amore und ein Genius zu ihm treten und ihn in seiner Entscheidung zu beeinflussen versuchen. Alois Mühlbacher tritt als Amore mit riesigen weißen Engelsflügeln spärlich bekleidet auf. Das ist dann vielleicht doch ein bisschen zu viel des Guten. Mariana Flores begeistert als Issicratea mit rundem Sopran und strahlenden Höhen. Valerio Contaldo stattet den Mitridate mit kraftvollem Tenor aus, der ihn zu einem ernstzunehmenden Gegenspieler für Pompeo macht, auch wenn die Szene im dritten Akt, wenn er sich mit seiner Gattin und seinem Sohn darum streitet, wer denn jetzt als erster das Gift zu sich nehmen darf, nicht einer gewissen Komik entbehrt. Alois Mühlbacher verfügt als Farnace über einen jugendlich frischen Countertenor, der hervorragend zu der Partie passt. Das gleiche gilt für Nicolò Balducci als Sesto, der in der musikalischen Gestaltung noch mehr leiden darf als Farnace und dies stimmlich und darstellerisch in vollen Zügen auskostet. Dass Giulia und Servilio als Charaktere nicht wirklich bewegen können, ist weniger Sophie Junker und Valer Sabadus anzulasten, die beide Partien mit strahlendem Sopran bzw. weichem Countertenor zeichnen, als vielmehr der Vorlage, die die Figuren relativ blass bleiben lässt. Auch bei der Partie des Claudio kommen Fragen auf. Ist er als Figur gemäß Libretto so lächerlich gezeichnet oder handelt es sich bei dieser Sichtweise um Cencics Personenregie? Im Stück scheint er jedenfalls eher eine Karikatur des späteren Kaisers Claudius zu sein, was natürlich historisch völlig falsch wäre. Nicholas Scott setzt die Partie dennoch mit großem Spielwitz und beweglichem Tenor um. Eine humorvolle Bühnenpräsenz besitzt auch Marcel Beekman als verrückte Alte Atrea. Mit leicht schneidendem Tenor setzt er pointiert auf bewusst derbe Komik, auch wenn für ein heutiges Publikum diese Art Szenen in der Oper reichlich befremdlich wirken, was vielleicht auch ein Grund sein mag, wieso Cavalli auf den Opernbühnen heute nur noch relativ selten vertreten ist. Die weiteren Partien sind ebenfalls überzeugend besetzt, so dass es am Ende begeisterten Beifall für alle Beteiligten gibt.
Das Regie-Team um Max Emanuel Cencic findet einen sehr unterhaltsamen Zugang zu Cavallis vergessenem Werk. Ob es sich allerdings inhaltlich um einen Schatz handelt, der Repertoiretauglichkeit besitzt, darf bezweifelt werden.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung und Cembalo
Regie und Dramaturgie
Bühne
Kostüme
Licht
Dramaturgie
Regieassistenz
Bewegungscoach
Solistinnen und Solisten
Pompeo Magno, Konsul von Rom
Issicratea, Königin von Pontus
Mitridate, König von Pontus
Farnace, ihr Sohn / Amore
Sesto, Sohn des Pompeo
Giulia, Tochter des Cesare
Cesare, Konsul von Rom
Claudio, sein Sohn
Servilio, Geliebter der Giulia
Crasso, Konsul von Rom
Delfo, Diener
Arpalia, Dienerin der Issicratea
Atrea, verrückte Alte
Primo Prencipe / Genius
Secondo Prencipe
Terzo Prencipe
Quarto Prencipe
Schauspieler
Chor
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