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Musiktheater
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Otello

Oper in drei Akten
Libretto von Francesco Maria Berio nach Jean-François Ducis und Giovanni Carlo Cosenza
basierend auf Shakespeares gleichnamiger Tragödie
Musik von Gioachino Rossini

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 50' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus im MiR am 23. Oktober 2021

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Musiktheater im Revier
(Homepage)

Das Publikum hat die Wahl

Von Thomas Molke / Fotos: Björn Hickmann

Im Bereich des Musiktheaters verbindet man Shakespeares Tragödie Othello meistens mit Giuseppe Verdis 1887 an der Mailänder Scala uraufgeführten Oper. Dabei hat sich rund 70 Jahre vor Verdi auch Gioachino Rossini mit diesem Stoff beschäftigt und am 4. Dezember 1816 in Neapel eine Vertonung zur Uraufführung gebracht, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als musikalische Sensation galt und sich großer Beliebtheit erfreute. Dass Rossinis Version heute trotz der Wiederentdeckung von seinen tragischen Opern im Vergleich zu Verdis Werk immer noch das Nachsehen hat, mag mehrere Gründe haben. Zum einen dürfte die Besetzung zahlreiche Opernhäuser vor sehr große Probleme stellen. Immerhin stehen bei Rossini insgesamt sechs Tenöre auf der Besetzungsliste, von denen drei Partien - Otello, Rodrigo und Iago - äußerst anspruchsvoll sind. Zum anderen hat die Oper mit Shakespeares Drama nicht mehr als die grobe Figurenkonstellation gemein. Lord Byron und der Rossini-Biograph Stendhal kritisierten vor allem die Dramaturgie der ersten beiden Akte. In Gelsenkirchen hat man die Anzahl der Tenöre in dieser Produktion auf fünf reduziert und lässt den Dogen und den Gondoliere aus dem dritten Akt von einem Solisten singen, wobei nur für die Partie des Rodrigo ein Gast verpflichtet werden musste und die anderen Tenorpartien mit Ensemble-Mitgliedern besetzt sind. Da es bei Rossinis Otello unter anderem auch eine Fassung mit Happy End gibt, die Rossini für die Karnevalssaison 1819 in Rom kreierte, muss natürlich auch immer eine Entscheidung getroffen werden, welche Version gespielt wird. In Gelsenkirchen hat man sich, zumindest was das Ende betrifft, entschieden, das Publikum die Entscheidung zu überlassen. Das ist zwar grundsätzlich nicht neu - Ulrich Peters wählte beispielsweise 2008 bei seiner Inszenierung von Aubers Fra Diavolo am Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz den gleichen Ansatz - aber deswegen nicht weniger originell.

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Verbotene Liebe: Otello (Khanyiso Gwenxane) und Desdemona (Rina Hirayama) (im Hintergrund links: Rodrigo (Benjamin Lee), rechts: Emilia (Lina Hoffmann) und Iago (Adam Temple-Smith) mit dem Opernchor)

Rossinis Librettist Francesco Maria Berio orientiert sich an zwei zeitgenössischen Schauspielbearbeitungen des Stoffes, der ursprünglich als Novelle aus Giraldo Cinthios Sammlung Hecatommithi stammt. Eine zentrale Rolle nimmt hier Desdemonas Vater Elmiro Barbarigo ein, der seine Tochter mit dem Sohn des Dogen, Rodrigo, verheiraten möchte, ohne zu wissen, dass sie bereits heimlich mit Otello vermählt ist. Als er einen Brief seiner Tochter an ihren heimlichen Gatten abfängt, der neben zärtlichen Worten auch noch eine Locke enthält, behauptet Desdemona, dass dieser Brief an Rodrigo gerichtet sei. Dieser Brief fällt dem intriganten Iago in die Hände, der damit Otellos Eifersucht schürt. Hinzu kommt, dass Desdemona bei Otellos siegreicher Rückkehr aus der Schlacht gerade mit Rodrigo zusammengeführt werden soll. So kommt es zum Eklat, da Desdemona sich weigert, Rodrigo zu heiraten, Otello sie jedoch für untreu hält. Otello und Rodrigo fühlen sich nun beide von Desdemona betrogen und wollen sich duellieren. Elmiro ist empört, als er von der heimlichen Hochzeit seiner Tochter mit Otello hört, und verstößt sie. Iagos Intrige geht folglich vollends auf, ohne dass er wie bei Shakespeare oder später Verdi als Bösewicht in den Mittelpunkt tritt. Während in der eigentlichen Fassung nach Desdemonas gefühlvollem Lied von der Weide und dem anschließenden Gebet Desdemona von Otello getötet wird, bevor er ihre Unschuld erkennt und schließlich Selbstmord begeht, kommt es in der Fassung für Rom zum Happy End, in der sich Otello und Desdemona versöhnen.

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Falscher Freund: Otello (Khanyiso Gwenxane, rechts) mit Iago (Adam Temple-Smith, links)

Das Regie-Team um Manuel Schmitt verlegt die Handlung von Venedig in ein "Haus Europa", das zunächst für die "europäische Idee" steht, "einen Zufluchtsort zu schaffen, an dem Frieden und Freiheit für die Kunst und die politische Meinungsäußerung herrschen". Über dem von Julius Theodor Semmelmann über zwei Ebenen eingerichteten Bühnenraum prangt in großen Lettern das Motto der Europäischen Union: "In varietate concordia" (Einigkeit in der Vielfalt). In dieser "toleranten" Gesellschaft kann auch ein Mensch, der "anders" ist wie Otello, einen gesellschaftlichen Aufstieg machen. Zeichen für diese Freiheit sind zahlreiche Kunstgegenstände, die in diesem Haus gehortet werden und die Vielfalt der Kulturen repräsentieren sollen. Aber in wiefern diese Monumente der Kunst wirklich eine multikulturelle Gesellschaft vertreten, wird von der Inszenierung in Frage gestellt. So erinnert beispielsweise Théodore Géricaults Gemälde Das Floß der Medea, das im Hintergrund in der ersten Etage hängt und ein grausames Schiffsunglück aus dem Jahr 1816 zeigt, bei dem fast die komplette Besatzung ums Leben gekommen ist, an die zahlreichen überfüllten Rettungsboote auf dem Mittelmeer. Edouard Manets Olympia, die eine Etage tiefer die Wand schmückt, verweist mit der dunkelhäutigen Dienerin, die hinter dem Aktmodell Olympia steht, genauso auf die in der Kolonialgeschichte vorherrschenden Hierarchien wie die zahlreichen anderen Kunstwerke, die im Verlauf der Aufführung aus den kolonisierten Ländern herbeigeschafft werden. Das mit seinen riesigen Fensterfronten sehr offen wirkende Haus, das zu Beginn des Abends mit Akribie gereinigt und weiß gestrichen wird, um es von jedem Makel zu befreien, wird im Verlauf der Oper zu einer Art Festung, in der sich die Menschen vor dem Fremden mit Stacheldrahtzaun und Überwachungskameras verbarrikadieren.

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Erbitterte Rivalen: Otello (Khanyiso Gwenxane, hinten rechts) und Rodrigo (Benjamin Lee, vorne links)

Auf der linken Seite befindet sich ein riesiger Stier, zu dem sich Desdemona besonders hingezogen zu fühlen scheint. Am Anfang der Oper wirkt er relativ dunkel, und Desdemona nähert sich ihm neugierig wie einst die mythologische Prinzessin Europa, die der Sage nach von dem als Stier getarnten Jupiter über das Mittelmeer entführt wurde und von Kreta aus den Grundstein des späteren Kontinents gelegt hat. Der dunkle Stier kann aber auch als Anspielung auf Otellos dunkle Hautfarbe verstanden werden, die immer wieder zur Ausgrenzung führt. Als er siegreich zu Beginn der Oper auftritt und das Haus betreten will, treten ihm weiß geschminkte Menschen mit grauen Perücken entgegen, die sich immer wieder durch die hell geschminkten Gesichter streichen, um den Unterschied zu seiner dunklen Hautfarbe hervorzuheben. Später werden diese rassistischen Beleidigungen noch verletzender. Da wird Otello mit einem Affen verglichen und mit Bananen gejagt. Man merkt deutlich, dass der kriegerische Erfolg Otellos ihn über diese Anfeindungen nicht hinwegtrösten kann. Dabei tut er alles, um zu dieser Gesellschaft dazu zu gehören. So tritt er zu Beginn in einem feinen schwarzen Anzug auf und grenzt sich damit wieder aus, da im Haus nur blasse Farben getragen werden. Nur Desdemona trägt ein schwarzes Kleid und scheint ihm damit in gewisser Weise nahe zu sein. Umso größer ist folglich seine Enttäuschung, wenn er sich gerade von ihr betrogen fühlt. Dass sie im zweiten Akt den Stier quasi blank wäscht, so dass er nun ebenfalls hell erstrahlt, macht die Sache für Otello nicht einfacher. Neben Iago wird auch Emilia als intriganter Charakter angelegt. So hintergeht sie ihre Freundin und lässt sie bewusst die falschen Entscheidungen treffen. Als sie im dritten Akt schließlich doch Mitleid bekommt und sie bei ihrem Geliebten Iago Trost sucht, wird sie von ihm kaltblütig erdrosselt.

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Der Doge (Tobias Glagau) lässt dem Publikum die Wahl.

Der Doge nimmt die Rolle eines Spielleiters ein. Zu Beginn der Oper überwacht er die Arbeiten am Haus und führt zahlreiche Gespräche. Im dritten Akt unterbricht er dann die Aufführung, um dem Publikum zu erklären, dass es nun ganz im Sinne des europäischen Gedankens demokratisch abstimmen könne, in welcher Fassung die Oper enden solle. Dafür haben die Zuschauer*innen beim Einlass eine Abstimmungskarte bekommen, die auf der einen Seite schwarz mit weißen Buchstaben und auf der anderen Seite weiß mit schwarze Buchstaben ist. Auf beiden Seiten steht das Motto der europäischen Union, auf der schwarzen Seite spiegelverkehrt, auf der weißen Seite unvollständig - hier fehlen einzelne Buchstaben, was andeutet, dass beide Lösungen nicht wirklich zufriedenstellend sein werden. Aber man muss sich entscheiden und hinterher auch die Verantwortung für die Entscheidung tragen. Am Ende tritt der Doge nämlich erneut auf und hält entschuldigend die Seite der Karte in die Luft, die das Publikum des Abends mehrheitlich ausgewählt hat, als wolle er sagen: Ihr habt es so gewollt.

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Wie wird die Geschichte für Otello (Khanyiso Gwenxane) und Desdemona (Rina Hirayama) ausgehen?

Musikalisch bewegt sich die Aufführung auf respektablem Niveau. Giuliano Betta zaubert mit der Neuen Philharmonie Westfalen einen frischen Belcanto-Klang aus dem Graben. Ensemble-Mitglied Khanyiso Gwenxane meistert die Titelpartie mit leicht dunkel eingefärbtem Tenor, der vor allem in den lyrischen Momenten zu punkten weiß. Darstellerisch spielt er die Zweifel Otellos überzeugend aus und wirkt bei den zahlreichen Anfeindungen recht verletzt und unsicher. Umso konsequenter und entschlossener zeigt er sich in den Eifersuchtsszenen. Mit Benjamin Lee als seinem Rivalen Rodrigo liefert er sich im zweiten Akt ein packendes Duell, bei dem Gwenxane auch stimmlich als Sieger hervorgeht. Lee verfügt als Rodrigo über eine recht helle Stimmfärbung, gelangt bei den extremen Höhen allerdings an seine Grenzen. Auch ihm gelingen die lyrischen Momente besonders gut. Adam Temple-Smith begeistert als Iago mit kräftigem Tenor, der in den Höhen bewusst hart klingt, um seinen intriganten Charakter zu unterstreichen. Lina Hoffmann gestaltet die Partie der Emilia mit sattem Mezzosopran und großartigem Spiel. Vor allem ihr Stimmungswechsel im dritten Akt wird bewegend umgesetzt, so dass es Iagos einzige Chance bleibt, sie zu töten, bevor sie seine Intrige verrät. Urban Malmberg verleiht Desdemonas Vater Elmiro mit profundem Bass Autorität. Tobias Glagau überzeugt als Doge und Gondoliere, den er aus dem Off singt, mit hellem Tenor und füllt seine Rolle als Spielleiter überzeugend aus. Star des Abends ist Rina Hirayama als Desdemona, die mit strahlenden Höhen und kräftiger Mittellage punktet. Im ersten Akt liefert sie sich stimmlich einen grandiosen Schlagabtausch mit Malmberg und Lee, wenn sie sich weigert, den vom Vater auserkorenen Mann zu heiraten, und auch im Terzett im zweiten Akt mit Gwenxane und Lee gelingt es ihr stimmlich, den beiden Streithähnen Einhalt zu gebieten. Einen weiteren Höhepunkt stellt ihr gefühlvolles Lied von der Weide im dritten Akt dar, das von dem betörenden Klang der Harfe auf dem Balkon auf der Bühne begleitet wird. Im Schlussduett im dritten Akt mit Gwenxane begeistert Hirayama erneut durch große Dramatik. Camillo Delgado Díaz, Mitglied des Opernstudios NRW, und der von Alexander Eberle einstudierte Opernchor runden als Otellos Freund Lucio und sensationslüsterne Masse die Vorstellung überzeugend ab, so dass es für alle Beteiligten verdienten Beifall gibt.

FAZIT

Manuel Schmitts Regie-Ansatz überzeugt und bietet mit der Publikumswahl einen spannenden Abend, der jedes Mal anders ausgehen kann und den Künstler*innen einige Flexibilität abverlangt. Musikalisch stellt das MiR unter Beweis, dass auch eine "kleinere Bühne" Rossinis Oper stemmen kann.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Giuliano Betta

Inszenierung
Manuel Schmitt

Bühne
Julius Theodor Semmelmann

Kostüme
Carola Volles

Licht und Videoprojektion
Patrick Fuchs

Choreinstudierung
Alexander Eberle

Dramaturgie
Hanna Kneißler
Olaf Roth

 

Neue Philharmonie Westfalen

Opernchor des MiR

Statisterie des MiR

 

Besetzung

Otello
Khanyiso Gwenxane

Desdemona
Rina Hirayama

Rodrigo
Benjamin Lee

Iago
Adam Temple-Smith

Elmiro
Urban Malmberg

Emilia
Lina Hoffmann

Doge / Gondoliere
Tobias Glagau

Lucio
Camillo Delgado Díaz

Kinderstatisterie
Leonardo Berti
Louisa Fladrich
Wilhelmine Nattermann
Blanka Prochera
Bruno Prochera
Feline Schruff
Linus Schruff
Finjas Wöhrl

 

 


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