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Das Rheingold

Vorabend des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen
Text und Musik von Richard Wagner

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (keine Pause)

Premiere im Stadttheater Minden am 9. September 2015
(rezensierte Aufführung: 11.09.2015)


 



Stadttheater Minden
(Homepage)

Ein Hauch von Bayreuth in Ostwestfalen

Von Thomas Molke / Fotos Dorothée Rapp

Seit einigen Jahren pflegt das Stadttheater Minden, das über kein eigenes Opern- oder Schauspielensemble verfügt, bereits eine regelrechte "Wagner-Tradition". Zu verdanken ist dies vor allem dem unermüdlichen Einsatz des dort ansässigen Richard Wagner Verbandes und seiner Vorsitzenden Dr. Jutta Hering-Winckler, die es mit zahlreichen Sponsoren und Kontakten zu Künstlerkreisen immer wieder schafft, Werke Richard Wagners im Stadttheater zur Aufführung zu bringen. So wurden in den letzten Jahren hier beispielsweise eigene Produktionen von Tannhäuser, Lohengrin und Tristan und Isolde herausgebracht. Nun hat man sich etwas noch viel Größeres vorgenommen. In den kommenden Jahren soll hier Wagners umfangreichstes Werk, Der Ring des Nibelungen, zu einer szenischen Aufführung gelangen. Geworben wird mit einer Umsetzung des Stoffes, der von Wagners Musik und dem Text ausgehen solle, was vielleicht als ein Grund genannt werden kann, wieso sich für dieses Projekt zahlreiche Sponsoren gefunden haben, die im Programmheft auf zwei Seiten aufgeführt werden. In diesem Jahr startet man nun mit dem Vorabend und braucht sich auch musikalisch nicht hinter Produktionen in den namhaften Opernmetropolen verstecken.

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Gefährliches Spiel in den Tiefen des Rheins: Woglinde (Julia Borchert, links), Floßhilde (Tiina Penttinen, Mitte) und Wellgunde (Christine Buffle) mit Alberich (Heiko Trinsinger)

Ist man auch szenisch von dem derzeitigen Regie-Ansatz in Bayreuth meilenweit entfernt, weht dennoch ein Hauch von Bayreuth an diesem Abend durch Ostwestfalen. So treten wie am Grünen Hügel vor der Vorstellung die Bläser auf den Außenbalkon des Theaters und präsentieren ein Motiv aus dem Rheingold, um die in Kürze beginnende Vorstellung anzukündigen. Der Orchestergraben im Stadttheater bietet für ein Wagner-Orchester nicht genügend Platz, so dass die Nordwestdeutsche Philharmonie auf der Bühne untergebracht ist und für die szenische Umsetzung lediglich ein kleiner Teil der Vorderbühne und der hochgefahrene Orchestergraben zur Verfügung stehen. Aber Gerd Heinz gelingt es, mit einer geschickten Regie und Personenführung auch auf diesem kleinen Raum die Geschichte des Rheingolds in eindrucksvollen Bildern zu erzählen. Frank Philipp Schlößmann hat die Bühne mit einem riesigen roten Ring eingerahmt, der genauso wie ein an die Rückwand der Bühne projizierter goldener Ring als Thema über dem ganzen Abend steht. Auf der linken Seite führt eine rote Wendeltreppe hinauf in den ersten Rang, über die die Götter am Ende des Abends in Walhall einziehen. Die Kostüme, für die ebenfalls Schlößmann verantwortlich zeichnet, sind relativ schlicht und farblos gehalten. Selbst der Feuergott Loge unterscheidet sich in seinem grau gehaltenen Anzug nicht von den anderen Göttern.

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Die Riesen Fasolt (Tijl Faveyts, 3. von links) und Fafner (James Moellenhoff, 4. von rechts) fordern Freia (Julia Bauer, Mitte) als Lohn (die Götter von links nach rechts: Loge (Thomas Mohr), Froh (André Riemer), Fricka (Kathrin Göring), Donner (Andreas Kindschuh) und Wotan (Renatus Mészár)).

Dass die Solisten vor dem Orchester spielen und damit dem Publikum sehr nahe sind, wirkt sich absolut positiv auf die Textverständlichkeit aus. Selten hat man bei einem Rheingold fast jedes Wort so gut verstehen können wie an diesem Abend. Die Anfangstakte des ersten Bildes werden von Matthias Lippert mit beeindruckenden Videoprojektionen begleitet. Zunächst sieht man einen grünen Lichtstreifen am unteren Bühnenrand und einen blauen Streifen in der Mitte der Bühne. Wie der Rhein scheinen diese Streifen zu fließen und entwickeln sich passend zur Musik zu immer größeren Wogen, bis man sich durch diese Projektion wirklich inmitten der Tiefen des Rheins wähnt. Nun reichen eine leicht bläuliche Lichteinstellung und ein kleiner brauner Felsen aus Pappmaché, der aus dem herabgelassenen Orchestergraben herausragt, um diese Illusion in der kompletten Szene aufrecht zu erhalten. Julia Borchert, Christine Buffle und Tiina Penttinen treten nun als Rheintöchter bei ihrem Spiel im Wasser auf dem ersten Rang und auf der kleinen Bühne auf und begeistern mit klarem Sopran beziehungsweise Mezzosopran. Wenn dann Heiko Trinsinger als Alberich aus dem Orchestergraben auftritt, kippt das sorglose Spiel und weicht einem gemeinen Necken des Alben. Dabei nutzen Borchert, Buffle und Penttinen die Möglichkeiten der Treppe und des Rangs aus, um Trinsinger immer wieder zu entwischen. Trinsinger begeistert als Alberich nicht nur darstellerisch, wenn er immer wieder an dem Felsen herabrutscht oder in den Orchestergraben hineinfällt, sondern stattet den Alben auch mit markantem Bariton aus. Wenn er der Liebe entsagt, um sich des Goldes zu bemächtigen, geht sein Schwur unter die Haut.

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Keine große Bruderliebe: Alberich (Heiko Trinsinger, links) und Mime (Dan Karlström, rechts)

Der Szenenwechsel wird erneut durch Videoprojektionen von Lippert eingeleitet. Nun steigen die Zuschauer durch weißen Nebel in einem Viereck zu den luftigen Höhen auf, in denen sich die Götter befinden und auf die Fertigstellung ihrer Burg Walhall warten. Drei halbrunde Bögen liegen auf dem Boden, die die Fortsetzung des Ringes andeuten könnten, der die ganze Bühne einrahmt. Hier träumt Wotan, bis er etwas unsanft von seiner Frau Fricka geweckt wird. Mutet die zweifarbige Bemalung der Gesichter der Götter auch etwas merkwürdig an, wird dennoch dem Text Rechenschaft getragen, und Wotans linkes Auge, das er einst für den Trank aus der Quelle der Weisheit opfern musste, ist so schwarz bemalt, dass es wie ein Loch in seinem Gesicht wirkt. Jutta Winckler kündigt den Sänger des Wotan, Renatus Mészár, zwar zu Beginn der Vorstellung als leicht indisponiert an. Mészár lässt sich aber stimmlich an diesem Abend kaum etwas anmerken und verfügt über eine sonore Tiefe. Nur in den Höhen klingt seine Stimme zeitweise etwas belegt. Kathrin Göring begeistert als Fricka mit einem satten Mezzosopran mit großer Durchschlagskraft in den Höhen. Auch darstellerisch setzen die beiden ihre eheliche Auseinandersetzung großartig um.

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Alberich (Heiko Trinsinger, Mitte) verflucht den Ring (auf der rechten Seite von links nach rechts: Loge (Thomas Mohr) und Wotan (Renatus Mészár)).

Julia Bauer wird als Freia mit leuchtendem Sopran der Göttin der ewigen Jugend stimmlich mehr als gerecht. Auch die beiden Riesen sind mit Tijl Faveyts als Fasolt und James Moellenhoff als Fafner hochkarätig besetzt. Faveyts begeistert mit kräftigem Bass, dem er in seiner Liebe zu Freia einen leichten lyrischen Tonfall zu geben vermag, während Moellenhoff mit schwarzer Tiefe deutlich macht, dass er mehr am Besitz des Goldes interessiert ist als an der schönen Göttin der Jugend. So wird es auch gut nachvollziehbar, dass er im Streit um das Gold seinen Bruder kurzerhand erschlägt. Moellenhoff setzt diese Szene mit enormer Kälte um. Auch Bauer lässt in bewegendem Spiel durchblicken, dass sie für Fasolt durchaus Gefühle hegt und über seinen Tod traurig ist. Wenn sie hinterher in die Burg Walhall einzieht, lässt Heinz sie einen Moment verharren, bevor sie mit den anderen in der Burg verschwindet. Andreas Kindschuh stattet den Gott Donner mit kräftigem Bariton aus. Vor allem im vierten Bild trumpft er auf, wenn er mit einem Donnerschlag den Nebel zerschlägt. André Riemer verfügt als Froh über einen leichten Tenor. Einen weiteren musikalischen Glanzpunkt des Abends stellt Thomas Mohr als Feuergott Loge dar. Auch wenn man diese Figur in der Personenregie schon wesentlich taktierender angelegt gesehen hat, begeistert Mohr vor allem durch saubere Diktion und einen strahlenden tenoralen Klang.

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Einzug der Götter in Walhall: von links: Donner (Andreas Kindschuh), Froh (André Riemer), Freia (Julia Bauer), Wotan (Renatus Mészár), Fricka (Kathrin Göring) und Loge (Thomas Mohr)

Dan Karlström stattet Alberichs Bruder Mime mit kräftigem Tenor aus und überzeugt darstellerisch als findiger Zwerg. Für Alberichs Verwandlungen im dritten Bild bedient sich Heinz des japanischen Bunraku-Theaters. Hierbei werden Puppen verwendet, die von schwarz gekleideten Puppenspielern bedient werden. Wenn Alberich also seinen Tarnhelm aufsetzt, verschwindet er unter einem schwarzen Tuch, und die Puppenspieler, die von den Rheintöchtern übernommen werden, führen zunächst eine chinesische Schlange auf die Bühne, die den Wurm darstellt und die Götter in Angst und Schrecken versetzen soll, und anschließend eine kleine Kröte, die im Takt über die Bühne hüpft und dann von Loge und Wotan überwältigt wird. Wenn Wotan und Loge Alberich den Ring rauben, lässt Trinsinger als Alberich seinen Fluch wie ein Gewitter über das Publikum hereinbrechen. Damit lässt sich dann auch erklären, wieso Wotan sich von Erda umstimmen lässt, den Riesen den Ring mit dem Hort zu überlassen. Evelyn Krahe hat als Erda einen großartigen Auftritt. Eingerahmt wird sie von drei schwarzen Gestalten, die wahrscheinlich die Nornen darstellen. Mit profunder Tiefe stattet Krahe die Urwala aus und warnt Wotan vor den Folgen des Rings. So ist es kein Wunder, dass Wotan im Anschluss unbedingt zu Erda hinabsteigen möchte, um mehr zu erfahren.

Eine wunderbare Projektion gelingt Lippert auch bei dem Einzug der Götter in Walhall. In einem Kreis über der Bühne entwickelt sich langsam ein Regenbogen, der wie ein Weg in die Burg zu führen scheint. Frank Beermann, der die Nordwestdeutsche Philharmonie mit winzigen Abstrichen am Beginn des Abends ansonsten absolut präzise durch die Klangwelten dieses Vorabends führt, rundet den szenisch überzeugenden Abend musikalisch wunderbar ab, so dass es für alle Beteiligten am Ende frenetischen Applaus gibt. Der Regisseur Gerd Heinz, der sich auch nach der B-Premiere dem Publikum präsentiert, wird mit riesigem Jubel überschüttet.

FAZIT

Es ist wirklich erstaunlich, was in dem kleinen Minden mit großer Unterstützung auf die Beine gestellt worden ist, und es bleibt zu hoffen, dass die Gelder reichen, dieses Projekt wirklich bis zum Ende durchzuführen. Wer Kultur fördern will und kein Fan von modernem Regie-Theater ist, kann sein Geld hier mit gutem Gewissen anlegen und unterstützt damit ein Produktion, die nicht nur traditionelle Wagner-Anhänger ins Schwärmen bringen dürfte.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Frank Beermann

Regie
Gerd Heinz

Bühnenbild und Kostüme
Frank Philipp Schlößmann

Videogestaltung
Matthias Lippert

 

Nordwestdeutsche Philharmonie


Solisten

Wotan
Renatus Mészár

Donner
Andreas Kindschuh

Froh
André Riemer

Loge
Thomas Mohr

Fricka
Kathrin Göring

Freia
Julia Bauer

Erda
Evelyn Krahe

Alberich
Heiko Trinsinger

Mime
Dan Karlström

Fasolt
Tijl Faveyts

Fafner
James Moellenhoff

Woglinde
Julia Borchert

Wellgunde
Christine Buffle

Floßhilde
Tiina Penttinen

Statisterie
Schülerinnen und Schüler des
Ratsgymnasiums Minden


Weitere Informationen
erhalten Sie unter
www.ring-in-minden.de
(Homepage)




Da capo al Fine

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