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Kofferpacken
im Serail
Nachdem die für Dezember geplante Premiere der
zeitgenössischen Märchenoper Ali Baba und die 40 Räuber von Selman Ada
aus organisatorischen Gründen auf die nächste Spielzeit verschoben werden
musste, begann der türkische Schwerpunkt, den der Opernintendant Johannes
Weigand für diese Spielzeit angekündigt hatte, zumindest in Wuppertal einen
Monat später mit einer selten aufgeführten Oper von Joseph Haydn, die zwar nicht
in der Türkei spielt, aber im 18. Jahrhundert durchaus zu der recht populären
Gattung der Türkenoper gehörte. Im Rahmen der Kooperation mit Remscheid und
Solingen fand die eigentliche Premiere dieser Oper bereits im Oktober 2010 im
Teo Otto Theater in Remscheid statt. Da diese Aufführung bereits ausführlich
besprochen worden ist (siehe auch Rezension
vom 28.10.2010), soll an dieser Stelle einerseits nur auf aktuelle
Veränderungen eingegangen werden, andererseits ein Vergleich mit dem wesentlich
populäreren Werk Entführung aus dem Serail von Mozart gezogen werden,
welches acht Jahre später uraufgeführt wurde. Rezia (Banu Böke, hinten Mitte
mit Dardane (Miriam Scholz)) testet, ob ihr geliebter Ali (Christian Sturm mit
Balkis (Dorothea Brandt)) ihr treu geblieben ist. Die Ausgangssituation ist in beiden Opern vergleichbar.
Während Konstanze mit Blonde und Pedrillo von Seeräubern entführt und an den
Bassa Selim ins Serail verkauft worden ist, ist auch die persische Prinzessin
Rezia (Banu Böke) mit ihren Dienerinnen Balkis (Dorothea Brandt) und Dardane
(Miriam Scholz) in die Hände von Piraten gefallen
und in Kairo an den Pascha von Ägypten verschachert worden. Ali (Christian
Sturm), Fürst von Basra,
ist nun wie Belmonte auf der Suche nach seiner Geliebten, wobei er allerdings
seinen Diener Osmin (Boris Leisenheimer) noch bei sich hat. Anders als bei Mozart treffen bei Haydn
aber nicht unterschiedliche Kulturen aufeinander. Denn Rezia und Ali stammen
nicht aus der westlich-zivilisierten Welt, sondern kommen aus Persien und
dürften damit dem Kulturkreis des Pascha wesentlich näher stehen. Um dennoch
einen Kontrast zwischen den Kulturen herzustellen, hat das Regieteam um Jakob
Peters-Messer reflektierende Monologe des Pascha eingebaut, die der türkische
Schauspieler Selim Dursun auf Türkisch spricht und die Ibrahim Emin Izgialp auf
der Ud, einer türkisch-arabischen Kurzhalslaute, mit von ihm auf der Basis alter
osmanischer Musik komponierten Improvisationen begleitet. Dadurch entsteht zum
einen ein orientalischer Klang, der dem Charakter einer Türkenoper für den heutigen Hörer sicherlich näher kommt als die doch
sehr europäische Musik Haydns. Zum anderen führen diese Unterbrechungen aber
zu einigen Längen im Verlauf des Stückes, weil sie die Handlung nicht
weiterbringen, sondern nur das Seelenleben des Pascha durchleuchten. Die
Lichtregie (Fredy Deisenroth) gelingt in Wuppertal etwas differenzierter als in
Remscheid, da der beobachtende Pascha stets mit einem grelleren kalten Licht
beleuchtet wird als die restliche Szenerie. Für die komischen Momente bei Haydn sorgt neben Alis Diener Osmin, dessen Namensvetter bei Mozart ja den Serail hütet, noch der Qalander (Miljan Milovi ć), Angehöriger eines Bettelmönchordens, der mit seinen Derwischen auf den Straßen Kairos mit seinem Bitten um Almosen gar nicht so schlechte Geschäfte macht. Jakob Peters-Messer unterstellt diesem Orden nahezu mafiöse Strukturen, wenn sich der Qalander zu Beginn der Oper mit Al-Capone-Hut gemeinsam mit den Derwischen auf den Arbeitstag einstimmt und er später das erbeutete Geld zählt. Dieser Qalander ist , wie Osmin im Serail, im eigentlichen Sinn nicht böse. Denn als er erkennt, dass Alis Diener Osmin nahezu am Verhungern ist, nimmt er ihn sofort in seinen Orden auf und macht ihn ebenfalls zum bettelnden Derwisch. Die Szene, in der Osmin und der Qalander auf der Straße betteln, grenzt an Klamauk, wenn der Qalander diese Bettelverse auf Italienisch singt und Osmin, der den Text natürlich nicht versteht, eine italienische Speisekarte heruntersingt. Dem Großteil des Publikums schien dieser Regiegag zu gefallen. Dennoch bleibt festzuhalten, dass Mozarts Osmin vom Libretto wesentlich differenzierter gezeichnet ist als dieser Qalander, was sich auch in der musikalischen Ausgestaltung der Rolle ausdrückt. Die ganz großen Melodien fehlen dieser komischen Figur bei Haydn.Interessant bei Haydn ist, dass es dieses Mal nicht der Mann ist, der die Treue der geliebten Frau hinterfragt, sondern die Frau, die ihren Geliebten auf die Probe stellt. Nachdem Rezia von ihren Dienerinnen Balkis und Dardane erfahren hat, dass ihr geliebter Ali in Kairo ist, will sie ihn erst prüfen, ob er nicht den Reizen einer anderen erliegt. So schickt sie ihre Dienerin Balkis aus, die versuchen soll, Ali zu verführen. Natürlich widersteht er den Reizen der Dienerin und kann seine Geliebte Rezia endlich in die Arme schließen. Dabei nimmt er ihren Ausspruch, dass der Pascha mehr ihr Sklave als ihr Herr sei, sehr gelassen auf, besagt dieser Satz doch eindeutig, dass Rezia sicherlich ein Verhältnis mit dem Pascha hat oder gehabt hat. Aber Alis Liebe fehlt jegliche tenorale Eifersucht. Er ist einfach nur glücklich, seine Geliebte endlich wiedergefunden zu haben, und sieht einer glücklichen Zukunft entgegen.
Alle sind zur Flucht bereit (Mitte von links: Osmin (Boris Leisenheimer), Ali (Christian Sturm), Rezia (Banu Böke), Balkis (Dorothea Brandt) und Dardane (Miriam Scholz)). Aber im Hintergrund lauert schon der Pascha (Selim Dursun, links). In der Inszenierung bleiben jedoch einige Fragen offen. Nicht ganz nachvollziehbar sind die Kostüme (Markus Meyer), die den Protagonisten oben einen eher westlichen Schnitt verpassen, während die Hosen orientalisch wirken sollen. Da hätte man sich eine klarere Linie gewünscht, entweder modern oder orientalisch. So wirkt die Auswahl der Kostüme ein wenig unentschlossen und wahllos. Das Bühnenbild (ebenfalls Markus Meyer) besteht in der Mitte aus einem drehbaren zylinderförmigen Turm, der durch unterschiedlich große Löcher Einblicke in das Serail, eine Straße in Kairo und einen Stall (mit lebensgroßem Kamel) freigibt. Die Wandbemalungen sind dabei blumig bunt gehalten. Das Serail ist mit einem großen Sofa spartanisch ausgestattet. Dieser Turm vermittelt eine gewisse Abgeschlossenheit gegenüber der Außenwelt und ermöglicht durch das Drehen schnelle Szenenwechsel. Rechts und links dunkeln schwarze Fadenvorhänge die Bühne ab, hinter denen häufig der beobachtende Pascha sichtbar wird. Als die Flucht vereitelt wird, fallen diese Vorhänge und geben den Blick auf die nackten Theaterbühnenwände frei. Das Fallen der Vorhänge ist inszenatorisch sicherlich nicht schlecht, einen anderen Blick hätte man sich dann aber doch gewünscht. Warum Jakob Peters-Messer die drei Frauengestalten als Luxusweibchen zeichnet, die nur mit Shoppen beschäftigt sind, ist auch nicht ganz nachvollziehbar. Vielleicht soll damit angedeutet werden, dass die drei im Serail wirklich fast alle Freiheiten haben, die sie sich wünschen können. Die Vielzahl der Koffer, die für die Flucht gepackt werden, gibt zumindest die Möglichkeit, das recht handlungsarme Libretto durch ironische Brechung während der Arien ein wenig aufzupeppen. Das gute musikalische Niveau wurde schon bei der Premiere in Remscheid angesprochen. Zu ergänzen ist, dass Christian Sturm als Ali mit seinem schlanken strahlenden Tenor noch ein wenig an Kontur gewonnen hat. Hervorzuheben ist sicherlich auch noch einmal Banu Böke, die die Rolle der Prinzessin Rezia mit Bravour meistert. Besonders beeindruckend ist ihr türkischer Gesang am Ende des Stückes zur Ud. Hier scheint Rezia von der Güte des Pascha so beeindruckt zu sein, dass sie vielleicht einen Moment überlegt, ob sie nicht doch im Serail bleiben soll. Aber wortlos unterbricht der Pascha diese Überlegung und zieht einen Schlussstrich. Auch das Sinfonieorchester Wuppertal unter der Leitung von Florian Frannek zauberte einen spritzigen und meist sauberen Haydn-Klang aus dem Orchestergraben, der die Sänger nicht zudeckte, was bei fehlender Übertitelung der deutschen Passagen und dem mangelnden Bekanntheitsgrad des Werkes sehr hilfreich war. So gab es wie bereits in Remscheid für alle Beteiligten einhelligen Beifall, der durch häufigeren Zwischenapplaus dazu führte, dass der Abend noch zehn Minuten länger war als in Remscheid. Zur großen Freude war die Vorstellung, anders als in Remscheid, nahezu ausverkauft.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Licht
Choreinstudierung
Dramaturgie
Ibrahim Emin Izgialp, Ud
Solisten
Ali, Fürst von Basra
Rezia, Prinzessin von Persien
Balkis
Dardane
Osmin, Alis Diener
Ein Qalander
Der Pascha von Ägypten
Offizier
Derwische
Bauchtänzerin
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- Fine -