|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Die Qualen des Titus
Von Christoph Wurzel
/
Fotos von Barbara Aumüller
Der Schluss dieser Oper ist viel kritisiert worden. Unglaubwürdig sei die Milde des Titus, wenn er all jenen verzeiht, die seine Liebe verschmähen oder ihn gar ermorden wollen. Als wohl eher pflichtschuldiger Appell anlässlich der Krönung eines Herrscherpaares mag eine solche Botschaft hingehen. Doch heute scheint die Lösung, auch wenn man sie als Beitrag der "Aufklärung" gegen absolutistische Machtwillkür versteht, eher weltfremd und anachronistisch zu sein. In der neuen Frankfurter Mozart-Arbeit von Christof Loy scheint dafür aber eine schlüssige, ja menschlich bewegende Lösung auf: die Einsamkeit dieses Mannes ist es, die ihn "verzeihen" lässt, der Zwang, sich Menschen abhängig zu machen, von deren Dankbarkeit und Zuneigung er lebt. Solch vermeintliche Größe freilich muss er sich mit heftigsten Seelenqualen erkämpfen, die ihn am Schluss taumelnd über die Bühne treiben. Und nicht nur ihn - alle Beteiligten an diesem Psychokrieg müssen weiterleben mit dem, was sie sich gegenseitig angetan haben. Das Ende eines enorm spannenden, subtil gezeichneten psychologischen Kammerspiels, das Mozarts La clemenza di Tito in dieser Produktion an der Oper in Frankfurt darstellt.
Und so unterschiedlich können die Wege zu Mozart sein: am Abend danach gab es in Karlsruhe den Idomeneo als wuchtiges Breitwandspektakel. In Frankfurt dagegen ist Mozarts letzte Oper ein Abgesang auf die Seria, stattdessen ein Seelendrama unter Zeitgenossen.
Alice Coote als Sextus
Vitellia dagegen, die Geliebte des Sextus, die ihn doch nur instrumentalisiert, um als Tochter des letzten Kaisers an die ihr vermeintlich zustehende Macht zu gelangen, blendet regelrecht in ihrer gleißender Kälte und in der Arie "Deh se piacer mi vuoi" ("Du sollst mir fest vertrauen, auf meine Liebe bauen") schneiden ihre Koloraturen messerscharf in Sestus` zerrissene Seele. Silvana Dussmann legt neben schauspielerischer Verve in ihrem Gesang einen lebhaften Ausdruck von Berechnung und Falschheit hinein.
Silvana Dussmann
Ebenso profiliert ist das andere Paar, Annius und Servilia, aber eher ausgeglichen und edel, auch im Kostüm als weniger extrovertiert und selbstbezogen charakterisiert. Auch hier glänzende Sängerleistungen von jungen Rollendebutanten: Britta Stallmeister als Servilia mit leichtem, geschmiedigen, idealistisch "reinem" Sopran und Jenny Carlstedt in der Rolle des Annius, des edlen Charakters mit entsprechend genauen vokalen Ausdrucksvaleurs. Der gefragte Mozarttenor Kurt Streit singt zum ersten Mal in Frankfurt und überzeugt durch ein überaus genaues Rollenprofil. Stimmlich setzt er ein strahlendes metallisches Timbre ein, dem die warme, lyrische Seite fast fehlt; angemessen allerdings in dieser Rollenanlage als irritiert vereinsamter Herrscher mit intensiven Erfahrungen von Seelenferne und Versagung.
Kurt Streit als Titus
In dieser Personenkonstellation entwickelt sich also das Spiel um den Missbrauch von Freundschaft und Liebe - bis um den möglichen Preis des Todes. Hierfür hat Herbert Murauer eine funktionale und zugleich sinnstiftende Bühne gebaut. Es ist eine Sandwichwand, die mittels Drehbühne mal das besagte Boudoir zeigt oder einen neutralen Raum für die Huldigungsszene im 1. Akt, in der durch antikisierende Anspielungen eine leise, ironische, kurze Reminiszenz an das klassische Ambiente der Vorlage erlaubt wird. Die andere Seite stellt die Rückwand eines offensichtlich noch größeren Raumes, vielleicht einer Bühne, dar, zu dem eine Falttür hinausführt, eine Art Abstellplatz für allerhand Gebrauchsgegenstände. Als ironisches Apercu prangt an der Wand eine provisorisch aufgehängte Italienkarte, denn um die Macht im Imperium geht es in dieser Szene, wenn vom Aufstand und Attentat gegen Titus berichtet wird, die von Sextus angezettelt wurden. In dieser Szenerie entfaltet das ob seiner Andeutungen und phantasierten Realitäten an sich schon ungeheure Aktfinale eine dramatisch noch größere Wirksamkeit. Im Hintergrund lassen sich Brand und Tumult vernehmen, der Fernchor schürt die Aufregung noch bis zum Maximum, während die Protagonisten auf die Vorderbühne stürzen und das Erschrecken über die unfassbare Tat sich ausbreitet - eine Szene von höchster Suggestivkraft und packendes Musiktheater im besten Sinn.
Finalszene des 1. Akts:
Die gewendete Drehbühne zeigt im 2. Akt eine Art Restaurant als Austragungsort für die folgenden Verhandlungen um die Strafe für Treuebruch und Verrat, der für alle zu einem Prozess schmerzhafter Katharsis wird. Allerdings bleibt die hintere Wand unfertig, nur als Lattengerüst erkennbar, gewissermaßen ein Unort, ohne Reiz sich einzurichten. Gespannt und intensiv entwickelt sich am Bistrotisch das Zwiegespräch zwischen Titus und Sextus mit der anschließenden Rondoarie des Sextus ("Deh per questo istante solo") und dem Rezitativ des Titus ("Ove s`intese mai") zur großen Szene. Die subtile Personenführung des Regisseurs macht auch diese zu einem Höhepunkt musikdramatischer Intensität. Wie eine Speisekarte serviert Titus dem untreuen Freund dessen Todesurteil. Aber nicht nur die glänzenden Sängerdarsteller und die präzise Regie machen diesen Opernabend zu einem Erlebnis, Mozarts Musik wird an seinem 250. Geburtstag von Paolo Carignani zu einem Fest voller spannungsgeladener Momente, feinster Klangnuancen in allen Stimmen, großer Anspannung der Empfindungen und dramatischer Gesten. Die Rezitative erhalten besonderes Gewicht, das Hammerklavier wird zum Instrument feinster Rhetorik und das Violoncello kommentier bis hin zur Klangverfremdung den textualen Sinn. Hochengagiert agiert das Orchester und folgt den feurigen Impulsen des Dirigenten. Wer je vermeinte, im Titus wenig von Mozarts farbenreicher Instrumentationskunst entdecken zu können, wurde hier eines Besseren belehrt. Sängerensemble, Orchester und Dirigent sowie das gesamte Regieteam wurden mit frenetischem Jubel überschüttet.
In jeder Hinsicht ein ganz großer Wurf. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam* Premierenbesetzung
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühnenbild und Kostüme
Licht
Dramaturgie
Chor
Solisten
Titus Vespasianus, / Kresimir Spicer
Vitellia, / Sonja Mühleck
Servilia, / Anna Ryberg
Sextus, / Nidia Palacios
Annius, / Arlene Rolph
Publius,
|
© 2006 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de