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La clemenza di Tito
Dramma serio per musica in due atti KV 621
Text von Caterino Tommaso Mazzolà
nach dem Dramma per musica von Pietro Metastasio (1734)
Musik von Wolfgang A. Mozart

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 3/4 Stunden (eine Pause)

Premiere in der Oper Frankfurt
am 27. Januar 2006


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Oper Frankfurt
(Homepage)
Die Qualen des Titus

Von Christoph Wurzel / Fotos von Barbara Aumüller



Der Schluss dieser Oper ist viel kritisiert worden. Unglaubwürdig sei die Milde des Titus, wenn er all jenen verzeiht, die seine Liebe verschmähen oder ihn gar ermorden wollen. Als wohl eher pflichtschuldiger Appell anlässlich der Krönung eines Herrscherpaares mag eine solche Botschaft hingehen. Doch heute scheint die Lösung, auch wenn man sie als Beitrag der "Aufklärung" gegen absolutistische Machtwillkür versteht, eher weltfremd und anachronistisch zu sein. In der neuen Frankfurter Mozart-Arbeit von Christof Loy scheint dafür aber eine schlüssige, ja menschlich bewegende Lösung auf: die Einsamkeit dieses Mannes ist es, die ihn "verzeihen" lässt, der Zwang, sich Menschen abhängig zu machen, von deren Dankbarkeit und Zuneigung er lebt. Solch vermeintliche Größe freilich muss er sich mit heftigsten Seelenqualen erkämpfen, die ihn am Schluss taumelnd über die Bühne treiben. Und nicht nur ihn - alle Beteiligten an diesem Psychokrieg müssen weiterleben mit dem, was sie sich gegenseitig angetan haben. Das Ende eines enorm spannenden, subtil gezeichneten psychologischen Kammerspiels, das Mozarts La clemenza di Tito in dieser Produktion an der Oper in Frankfurt darstellt.

Und so unterschiedlich können die Wege zu Mozart sein: am Abend danach gab es in Karlsruhe den Idomeneo als wuchtiges Breitwandspektakel. In Frankfurt dagegen ist Mozarts letzte Oper ein Abgesang auf die Seria, stattdessen ein Seelendrama unter Zeitgenossen.
In Kostümen der schlichten Eleganz der upper class wird auf höchstem Anspannungsniveau ein Beziehungs- und Verstrickungsgeflecht seziert, das, weil es am Schluss eben nicht zur Tragödie wird, desto intensiver unter subkutanen Qualen in ein neues Gefühlschaos führt.
Alles beginnt im Schlafzimmer des Paares Vitellia und Sextus (dezent und im oberen Komfortniveau), wo sich unvermittelt deren offener Beziehungskonflikt entläd und am Ende Sextus sich - aus Abhängigkeit zu ihr - von der karrieresüchtigen Vitellia zum Mord an seinem Freunde Titus anstiften lässt. Es ist ein innerlich schwacher, zweifelnder, mit sich ringender Sextus, den Alice Coote hier bisweilen eine Spur zu maniriert, aber im Ganzen doch beeindruckend darstellt. Sängerisch erfüllt sie die Rolle mit ihrer warmen, ungemein wandlungsfähigen Mezzostimme vollendet.

Vergrößerung in neuem Fenster Alice Coote
als Sextus

Vitellia dagegen, die Geliebte des Sextus, die ihn doch nur instrumentalisiert, um als Tochter des letzten Kaisers an die ihr vermeintlich zustehende Macht zu gelangen, blendet regelrecht in ihrer gleißender Kälte und in der Arie "Deh se piacer mi vuoi" ("Du sollst mir fest vertrauen, auf meine Liebe bauen") schneiden ihre Koloraturen messerscharf in Sestus` zerrissene Seele. Silvana Dussmann legt neben schauspielerischer Verve in ihrem Gesang einen lebhaften Ausdruck von Berechnung und Falschheit hinein.

Vergrößerung in neuem Fenster

Silvana Dussmann
als Vitellia

Ebenso profiliert ist das andere Paar, Annius und Servilia, aber eher ausgeglichen und edel, auch im Kostüm als weniger extrovertiert und selbstbezogen charakterisiert. Auch hier glänzende Sängerleistungen von jungen Rollendebutanten: Britta Stallmeister als Servilia mit leichtem, geschmiedigen, idealistisch "reinem" Sopran und Jenny Carlstedt in der Rolle des Annius, des edlen Charakters mit entsprechend genauen vokalen Ausdrucksvaleurs.

Der gefragte Mozarttenor Kurt Streit singt zum ersten Mal in Frankfurt und überzeugt durch ein überaus genaues Rollenprofil. Stimmlich setzt er ein strahlendes metallisches Timbre ein, dem die warme, lyrische Seite fast fehlt; angemessen allerdings in dieser Rollenanlage als irritiert vereinsamter Herrscher mit intensiven Erfahrungen von Seelenferne und Versagung.

Vergrößerung in neuem Fenster Kurt Streit
als Titus

In dieser Personenkonstellation entwickelt sich also das Spiel um den Missbrauch von Freundschaft und Liebe - bis um den möglichen Preis des Todes. Hierfür hat Herbert Murauer eine funktionale und zugleich sinnstiftende Bühne gebaut. Es ist eine Sandwichwand, die mittels Drehbühne mal das besagte Boudoir zeigt oder einen neutralen Raum für die Huldigungsszene im 1. Akt, in der durch antikisierende Anspielungen eine leise, ironische, kurze Reminiszenz an das klassische Ambiente der Vorlage erlaubt wird. Die andere Seite stellt die Rückwand eines offensichtlich noch größeren Raumes, vielleicht einer Bühne, dar, zu dem eine Falttür hinausführt, eine Art Abstellplatz für allerhand Gebrauchsgegenstände. Als ironisches Apercu prangt an der Wand eine provisorisch aufgehängte Italienkarte, denn um die Macht im Imperium geht es in dieser Szene, wenn vom Aufstand und Attentat gegen Titus berichtet wird, die von Sextus angezettelt wurden.

In dieser Szenerie entfaltet das ob seiner Andeutungen und phantasierten Realitäten an sich schon ungeheure Aktfinale eine dramatisch noch größere Wirksamkeit. Im Hintergrund lassen sich Brand und Tumult vernehmen, der Fernchor schürt die Aufregung noch bis zum Maximum, während die Protagonisten auf die Vorderbühne stürzen und das Erschrecken über die unfassbare Tat sich ausbreitet - eine Szene von höchster Suggestivkraft und packendes Musiktheater im besten Sinn.

Vergrößerung in neuem Fenster

Finalszene des 1. Akts:
Sextus(Alice Coote), Mitglieder des Chores,
Vitellia ( Silvana Dussmann),
Servilia (Britta Stallmeister) und
Annius (Jenny Carlstedt) (von links)

Die gewendete Drehbühne zeigt im 2. Akt eine Art Restaurant als Austragungsort für die folgenden Verhandlungen um die Strafe für Treuebruch und Verrat, der für alle zu einem Prozess schmerzhafter Katharsis wird. Allerdings bleibt die hintere Wand unfertig, nur als Lattengerüst erkennbar, gewissermaßen ein Unort, ohne Reiz sich einzurichten. Gespannt und intensiv entwickelt sich am Bistrotisch das Zwiegespräch zwischen Titus und Sextus mit der anschließenden Rondoarie des Sextus ("Deh per questo istante solo") und dem Rezitativ des Titus ("Ove s`intese mai") zur großen Szene. Die subtile Personenführung des Regisseurs macht auch diese zu einem Höhepunkt musikdramatischer Intensität. Wie eine Speisekarte serviert Titus dem untreuen Freund dessen Todesurteil.

Aber nicht nur die glänzenden Sängerdarsteller und die präzise Regie machen diesen Opernabend zu einem Erlebnis, Mozarts Musik wird an seinem 250. Geburtstag von Paolo Carignani zu einem Fest voller spannungsgeladener Momente, feinster Klangnuancen in allen Stimmen, großer Anspannung der Empfindungen und dramatischer Gesten. Die Rezitative erhalten besonderes Gewicht, das Hammerklavier wird zum Instrument feinster Rhetorik und das Violoncello kommentier bis hin zur Klangverfremdung den textualen Sinn. Hochengagiert agiert das Orchester und folgt den feurigen Impulsen des Dirigenten. Wer je vermeinte, im Titus wenig von Mozarts farbenreicher Instrumentationskunst entdecken zu können, wurde hier eines Besseren belehrt. Sängerensemble, Orchester und Dirigent sowie das gesamte Regieteam wurden mit frenetischem Jubel überschüttet.


FAZIT

In jeder Hinsicht ein ganz großer Wurf.


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Produktionsteam

* Premierenbesetzung

Musikalische Leitung
Paolo Carignani *
/ Erik Nielsen

Inszenierung
Christof Loy

Bühnenbild und Kostüme
Herbert Murauer

Licht
Olaf Winter

Dramaturgie
Hendrikje Mautner

Chor
Alessandro Zuppardo



Chor und Statisterie
der Oper Frankfurt

Frankfurter Museumsorchester

Hammerklavier
Felice Venanzoni

Violoncello
Johannes Oesterlee


Solisten

Titus Vespasianus,
Kaiser von Rom
Kurt Streit *
/ Kresimir Spicer

Vitellia,
Tochter des Kaisers Vitellius
Silvana Dussmann *
/ Sonja Mühleck

Servilia,
Schwester des Sextus
und Geliebte des Annius
Britta Stallmeister*
/ Anna Ryberg

Sextus,
Freund des Titus
und Geliebter der Vitellia
Alice Coote*
/ Nidia Palacios

Annius,
Freund des Sextus
und Geliebter der Servilia
Jenny Carlstedt*
/ Arlene Rolph

Publius,
Präfekt
Simon Bailey



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Frankfurt
(Homepage)



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