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Nelly Miricioiu - dem Belcanto verpflichtet

Thomas Tillmann, der die Künstlerin 1999 in Köln kennen lernte, als sie dort in einigen Vorstellungen die Tosca sang, traf sie nun nach einer konzertanten Aufführung der Bellini-Oper Norma in Lübeck (siehe unsere Rezension ) zu einem Gespräch über diese Rolle, den Belcanto im Allgemeinen und über ihre künstlerischen Überzeugungen.

Von Thomas Tillmann
September 2001



OMM: Wie sind Sie mit der Partie der Norma in Berührung gekommen?

Miricioiu: Es war so wie mit vielen anderen Partien: Ich bekam ein Angebot eines Opernhauses für Norma. Allerdings hatte ich mir die Rolle bereits einige Zeit vorher angeschaut.

OMM: Wie haben Sie zum Charakter dieser Partie gefunden?

Miricioiu: Ich war ziemlich überrascht, wie sehr ich mich mit der Norma als Figur identifiziert habe, nachdem ich sie zum ersten Mal gesungen hatte. Was den Charakter angeht, so steht mir diese Partie vermutlich näher als jede andere Rolle, die ich singe. Viel mehr kann ich dazu eigentlich gar nicht sagen, ohne in die Gefahr zu geraten, mein Innerstes preiszugeben, und ich bin der Überzeugung, dass man sein "inneres Geheimnis" für sich behalten soll - ich möchte es jedenfalls versuchen und so halten!

OMM: Was für eine Frau ist sie, diese Norma?

Miricioiu: Eine ganz normale Frau, denke ich - eine Frau, die sich für ihre Liebe opfert und die sehr stark an (ihren) Gott glaubt. Das ist eigentlich ganz einfach, ich kann das jedenfalls sehr gut nachvollziehen. Jede einzelne Note und jede einzelne Silbe stehen für Gefühle, die eins sind mit meinen eigenen. Ich verstehe, was sie durchmacht und fühlt, ohne dass ich das jetzt genauer in Worte fassen oder einen Vortrag darüber halten könnte. Wie bei allen anderen Partien, die ich singe, habe ich mich Norma allerdings zunächst über die Musik genähert, ohne sofort meine eigenen Gefühle in den Vordergrund zu stellen. Und ich versuche jedes Mal aufs Neue und mit großem Einsatz, diese Figur so realistisch wie möglich darzustellen.

OMM: Die legendäre Lilli Lehmann hat gesagt, Norma sei schwieriger als alle drei Brünnhilden in Wagners Ring. Was macht diese Partie so immens schwierig, dass zu allen Zeiten nur sehr wenige Sängerinnen die Anforderungen wirklich bewältigen konnten und können?

Miricioiu: In der Tat ist Norma die schwierigste Partie in meinem Repertoire. Bis zum heutigen Tage habe ich nicht den Mut nachzuzählen, wie viele hohe Cs ich im Laufe einer Norma-Vorstellung zu singen habe. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass man vom Temperament her sehr dramatisch sein möchte und gleichzeitig sehr darauf acht geben muss, dass man die Stimme geschmeidig hält. Um wirklich dramatisch sein zu können, muss man in gesangstechnischer Hinsicht äußerst kontrolliert und gleichzeitig sehr flexibel sein. Und beides zusammen ist natürlich unglaublich schwer zu erreichen. Und trotzdem - oder vielleicht gerade deswegen - ist Norma meine Lieblingspartie!

OMM: Haben Sie noch weitere Bellini-Rollen gesungen?

Miricioiu: Bisher nur die Giulietta in I Capuleti e i Montecchi und die Imogene in Il pirata.

OMM: Können Sie Ihr Verhältnis zum Belcanto im Allgemeinen beschreiben?

Miricioiu: Das fällt mir schwer, weil eine Beziehung immer etwas Dynamisches ist, das sich von einem Moment zum nächsten verändert. Das einzige, was ich über den Belcanto sagen kann, ist, dass er für mich als Künstlerin die größte Erfüllung ist und dass er gleichzeitig die Basis für jede andere Partie ist, welchem Repertoire sie auch immer zugerechnet werden mag. Ich bin der Überzeugung, dass der Belcanto das Geheimnis oder wenn man so will der Schlüssel ist zu all den Schwierigkeiten, die eine Partie bereithalten mag, und man sollte stets zu der Disziplin und der Tradition des Belcanto zurückkehren - ach, das ist ein so außerordentlich weites Feld, ich könnte mein Leben lang darüber sprechen!

OMM: Wie sind Sie überhaupt in Berührung gekommen mit dem Belcanto? Es gab da eine frühe Lucia an der Scala, glaube ich, zu Beginn der achtziger Jahre, nicht wahr?

Foto: Miricioiu als Lucia Nelly Miricioiu als Lucia an der Mailänder Scala 1983

Miricioiu: Ich habe dieses Repertoire bereits in Rumänien gesungen, aber ich wusste gar nicht, dass das Belcantopartien waren. Ich habe diese Musik einfach so gesungen, weil sie mir gut in der Stimme lag und meinen natürlichen Anlagen entgegenkam. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich Arien aus Lucia di Lammermoor, Anna Bolena, Ernani und vieles mehr gesungen habe, so dass ich heute glaube, dass ich den Belcanto schon lange Zeit in meinem Blut hatte, lange Zeit, bevor ich eigentlich eine Ahnung davon hatte, um was es sich dabei eigentlich handelt. Wenn mir damals ein kluger, weitsichtiger Mensch geraten hätte, mich im Belcantofach zu spezialisieren, wäre meine Karriere sicher anders verlaufen. Auf der anderen Seite bin ich heute dankbar dafür, dass ich schon so früh mit den sogenannten Verismo-Partien in Berührung gekommen bin - also bevor ich mich ernsthaft mit dem Belcanto beschäftigt habe -, weil ich dadurch meinen Belcantopartien dieses bisschen mehr an Ausdruck, Dramatik und emotionaler Tiefe geben kann, das Sie zum Beispiel in Ihren Kritiken immer wieder hervorheben ...
Lucia war ein früher Erfolg in "meinem" Repertoire, wobei mir damals schon klar war, dass die heute wieder vorherrschende Sicht dieser Rolle die emotionale Wucht, die in dieser Partie steckt und die Donizetti vorschwebte, unterschlägt.

OMM: Maria Callas hat da zu ihrer Zeit einen anderen Weg gewiesen - weg von den Kanarienvögeln, die vor ihrer Zeit diese Partie beherrscht hatten und es heute ja auch weitgehend wieder tun?

Miricioiu: Ja, Sie sagen es. Wobei ich auch sagen muss, dass Lucia mich nicht so interessiert und innerlich berührt hat wie etwa Norma, aber die Lucia hat mir die Gelegenheit gegeben, erfolgreich an La Scala zu debütieren und meinen Namen im Westen bekannter zu machen.

OMM: Wie wichtig sind die Libretti bei Belcantoopern?

Miricioiu: Ich brauche die Worte so nötig wie die Luft zum Atmen! Durch sie bekommen die Rollen, die ich singe, erst ihr richtiges Leben!

OMM: Die Frage kommt etwas spät, aber können Sie beschreiben, was Belcanto eigentlich bedeutet? Für viele ist diese Musik ja nichts anders als brillante Spitzentöne und atemberaubende Koloraturen.

Miricioiu: O nein! Spitzentöne müssen für mich stets eine dramatische Funktion haben, und wenn sie die nicht haben, dann singe ich sie auch nicht - ich meine natürlich nicht die Spitzentöne, die der Komponist in die Partitur geschrieben hat, die singe ich alle, sondern ich rede von den traditionell eingefügten Spitzentönen, die manche Teile des Publikums natürlich erwarten. Ich versuche Alternativen zu finden, die nach meinem Empfinden an dieser oder jener Stelle einfach mehr Sinn machen und dabei helfen, die jeweilige Partie besser zu verstehen. In meiner frühen Zeit habe ich natürlich auch eine Menge Koloraturen und Verzierungen in meine Partien eingebaut, um Effekt damit zu erzielen, aber mit den Jahren habe ich eingesehen, dass die Essenz dieser Musik überhaupt nicht in all den Ausschmückungen und Oberflächlichkeiten liegt, die man einbauen kann, sondern dass es meine Aufgabe als Künstlerin ist, immer tiefer zu dem vorzudringen, was der Komponist mit seinem Werk wollte - es ist doch im Leben nicht anders, da besinnt man sich doch auch irgendwann auf das, was wirklich zählt. Bei vielen Partien, die ich heute wieder singe, lasse ich so viele Verzierungen wie möglich aus, zumal sie meistens überhaupt nicht in der Partitur stehen! Ich weiß, dass sie aus Traditionsgründen bis heute eingefügt werden, aber ich bin davon überzeugt, dass die Komponisten andere, wichtigere Dinge mit ihrer Musik transportieren wollten. Ich werde diese Auszierungen und die Koloraturen singen, wenn ich eine künstlerisch-dramatische Begründung dafür finde und um dem Publikum zu zeigen, dass ich auch diese Dinge beherrsche, aber ich möchte auch noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass es eine künstlerische Entscheidung ist, wenn ich traditionell erwartete Spitzentöne und Verzierungen nicht ausführe, und dass das keineswegs bedeutet, dass ich diese Showelemente nicht "drauf habe"! Langer Rede kurzer Sinn: Kunst ist doch kein Wettbewerb!

OMM: Sehen Sie sich mit Ihrer Auffassung von Belcanto in einer bestimmten Tradition? In Kritiken werden Sie ja häufig mit Kolleginnen wie Callas, Gencer, Scotto oder Kabaivanska verglichen.

Miricioiu: Ja, ich sehe mich selbst in einer Tradition, die von Sängerinnen wie Ponselle, Callas, Scotto, Gencer, Kabaivanska und vielen anderen vorher und nachher gepflegt und geprägt wurde, von Sängerinnen also, die eine jeweils einzigartige Art hatten, ihre tiefen Einsichten in die Musik des Belcanto vokal umzusetzen.

OMM: Welche Sängerinnen und Sänger mögen Sie selbst eigentlich?

Miricioiu: Ich möchte jetzt eigentlich nicht einzelne Sänger hervorheben - meine Antwort auf Ihre letzte Frage gibt ja bereits eine Richtung vor. Ich bewundere viele Kolleginnen und Kollegen für das, was sie tun. Grundsätzlich kann ich sagen, dass ich Sängerinnen und Sänger mag, die in ihrer Arbeit Intelligenz, echtes Engagement und künstlerische Redlichkeit erkennen lassen und natürlich auch solche, die bereit sind, Risiken einzugehen und dabei auch nicht davor zurückschrecken, gelegentlich Fehler zu machen.

OMM: Stimmt es, dass Sie konzertante Opernaufführungen wie jetzt diese Norma beim Schleswig-Holstein Musikfestival szenischen Aufführungen vorziehen?

Miricioiu: Nein, das kann man so nicht sagen. Ich mag konzertante Vorstellungen, weil ich dabei meistens ein Symphonieorchester hinter mir habe, und ich mag diesen "symphonischen" Zugang zur Oper. Sie wissen, mit welcher Leidenschaft und inneren Verpflichtung ich Oper mache, und manchmal gibt es mit Opernorchestern Probleme, weil sie ein bisschen in ihrer eigenen Routine zu erstarren drohen. Ein Symphonieorchester dagegen wird eine Opernaufführung dann viel eher als eine besondere Herausforderung sehen und jeder einzelnen Note Beachtung schenken, einfach weil seine Mitglieder noch nicht eine Million Vorstellungen gespielt haben und sich vielleicht langweilen. Das gilt gerade auch für Belcantoopern, die ja, was den Orchestersatz angehen, im Vergleich zu einem sinfonischen Werk mitunter tatsächlich sehr schlicht, ja manchmal sogar langweilig fürs Orchester geschrieben wirken. Manchmal ziehe ich dann wirklich Konzerte vor, weil dabei eigentlich nie die lähmende Routine wie bei einer Vorstellung im Opernhaus entsteht, zumal ich mich im Konzert nicht mit einer unmöglichen Perücke herumschlagen muss, mit armseliger Beleuchtung, mit Bewegungen, die nicht zu mir passen und mich vom Singen ablenken, mit Bühnenbildern, die meine Sicht auf das Werk weniger unterstreichen ... Ich denke, dass nur sehr wenige Leute in der Opernszene wirklich begreifen, was Belcanto ausmacht, wie viel Potential in diesen Werken steckt, welche Gefühle sie beim Publikum auslösen können. Und diese negative Einschätzung des Belcanto ist der Grund dafür, warum dieses Repertoire so selten aufgeführt wird, warum Belcantoopern so selten inszeniert werden: Der Belcanto wird zugrunde gerichtet durch fehlenden Einfallsreichtum, fehlendes Interesse und fehlendes Wissen um das ungeheure Potential, das diesem Repertoire innewohnt!

OMM: Umso wichtiger ist es, dass sich Sängerinnen wie Sie dafür einsetzen! Sie könnten es sich ja auch leicht machen und sich auf das Mainstream-Repertoire konzentrieren! Wo wir dabei sind, was sind Ihre nächsten Pläne?

Miricioiu: Was konzertante Aufführungen betrifft, so werde ich im nächsten Jahr im Rahmen einer VARA-Matinee im Concertgebouw Amsterdam die Hélène in Verdis Les vêpres siciliennes singen, also in der französischen Fassung der Oper, und im Royal Opera House Covent Garden in meiner Heimatstadt London werde ich in konzertanten Aufführungen weiter an meiner Elizabeth I. in Donizettis Roberto Devereux feilen. Im September interpretiere ich die Elena in den schon erwähnten Vespri an der Wiener Staatsoper, diesmal in italienischer Sprache, und zu Beginn des Jahres 2002 stelle ich mich wieder einmal der Herausforderung, Tosca zu singen, und zwar an der Opéra Bastille in Paris.

Foto: Miricioiu als Tosca Nelly Miricioiu als Tosca, Covent Garden 1993

OMM: Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Partien aus?

Miricioiu: Eigentlich suche ich die Rollen gar nicht aus, sondern ich habe manchmal den Eindruck, dass die Rollen mich auswählen! Ich wünschte, es wäre noch so wie früher, als Sängerinnen und Sänger das Privileg besaßen, sich an den Häusern ihrer Wahl ihre Rollen auszusuchen, ganz einfach, weil jeder wusste, dass sie die besten Interpreten dieser Rollen waren, und dann wurden bestimmte Stücke halt auf den Spielplan gesetzt. Unglücklicherweise leben wir aber in einer Zeit mit völlig anderen Werten, in der Musik und Kunst im Allgemeinen kommerziellen Gegebenheiten und anderen sicher berechtigten Bedürfnissen unterworfen sind; die Liebe zur Sache und andere edlere Motive treten dabei in den Hintergrund - leider. Wäre das eine Freude, wenn ich die Gelegenheit bekäme, mir meine Rollen wirklich selber auszusuchen! Diese Werteverschiebung ist vielleicht das, was mir in meinem Beruf am meisten zu schaffen macht.

OMM: Das Operngeschäft ist ein hartes - niemand weiß das besser als Sie. Glauben Sie trotzdem immer noch, dass Singen ein Traumberuf ist?

Miricioiu: Sie haben vollkommen recht: Das Opernbusiness ist wirklich sehr hart, und das ist das erste, was ich jungen Leuten erzähle, die Karriere in diesem Geschäft machen wollen. Und trotzdem war, ist und bleibt es ein Traum, singen zu dürfen, und ich würde einem jungen Menschen niemals davon abraten, seinen Traum zu verwirklichen, wenn er oder sie wirklich an diesen Traum glaubt. Wenn es für mich nicht immer noch ein Traum wäre, dann hätte ich wahrscheinlich schon vor längerer Zeit mit dem Singen aufgehört! Aber ich liebe nun einmal die Musik, und ich beziehe immer noch einen großen Teil meiner Inspiration aus diesem Traum! Wie soll ich das beschreiben? Ich könnte es mir einfach machen und sagen, dass Singen wie eine Droge ist, aber Singen ist großartiger als eine Droge, und wenn solch ein Traum wahr wird, dann ist es eine phänomenale Erfahrung, und ich hoffe, dass es das für das Publikum auch ist!

OMM: Ich denke, dass die überschwänglichen Reaktionen des Publikums, die ich in Köln, Amsterdam, Eindhoven, Rotterdam, jetzt gerade in Lübeck, aber auch auf Ihren Live-Mitschnitten etwa aus dem Concertgebouw erlebt habe, Ihnen zeigen, dass es sich um mehr als eine Hoffnung handelt! Und trotzdem die Frage: Haben Sie auch Fehler gemacht in Ihrer Karriere?

Miricioiu: Ach, ich mache ständig welche! Nach jeder Vorstellung analysiere ich sehr genau, was gut gelaufen ist und was daneben gegangen ist. Ich habe allerdings auch mit den Jahren gelernt, mich selbst zu akzeptieren und zu lieben - und auch Fehler zu akzeptieren, denn sie helfen uns, immer besser zu werden! Es ist wie im "richtigen" Leben: Wer immer strebend sich bemüht ...

OMM: Was tun Sie, um Schaden von Ihrer Stimme fernzuhalten?

Miricioiu: Ich versuche, möglichst gesund zu essen und mental größtmögliche Ausgeglichenheit zu erreichen. Das ist nicht immer einfach, denn ich bin ja nicht nur Sängerin, sondern auch Ehefrau, Mutter, Tochter, Freundin und einfach auch ich selber mit meinen Bedürfnissen als Mensch, und all dies kann von Zeit zu Zeit mit meinem Leben als Künstlerin kollidieren. Ich möchte gern Zeit für alle und alles haben, aber ich versuche jetzt verstärkt, das eine vom anderen zu trennen, immer nur eine Sache mit ganzem Herzen zu machen und nicht gleichzeitig tausend Dinge unter einen Hut zu bekommen. Diese Vorgehensweise hilft mir sehr dabei, ein gutes Fundament für eine gesunde Stimme zu legen. Auch mein neunjähriger Sohn Daniel ist inzwischen so alt, dass er versteht, was ich beruflich mache und dass ich meine Ausgeglichenheit und innere Ruhe brauche, um auf die Bühne gehen zu können, gar nicht zu reden von meinem Mann Barry, der Dinge aushalten muss, die ein "normaler" Ehemann vielleicht nicht akzeptieren würde. Vielleicht ist das der Grund dafür, warum es nicht einfach ist, mit einem Künstler oder einer Künstlerin verheiratet zu sein, aber ich denke, wir haben einen Weg gefunden, und das Wichtigste ist, dass wir über Probleme reden können, wenn sie doch hin und wieder auftauchen. Aber glauben Sie nicht, dass das ein leichter Weg war! Natürlich muss ich auch in physischer Sicht auf mein Instrument, die Stimme, aufpassen, besonders da ich manchmal auch Rollen singen muss, die ich mir vielleicht nicht ausgesucht hätte ... Wie auch immer, die intensive, langjährige Beschäftigung mit der Tradition des Belcanto, die übrigens nie abgeschlossen ist, sondern eine ständige Herausforderung darstellt, hat mir auch hier sehr geholfen - Belcanto ist sehr gut für meine Stimme! Und ich habe auch schon vor vielen Jahren gelernt, diese winzigen Klangwunder namens Stimmbänder selbst mit einem Spiegel und einer Taschenlampe zu untersuchen!

OMM: Hand aufs Herz, Frau Miricioiu: Sind Sie eine Primadonna?

Miricioiu: Nein! Ich erinnere mich, dass Jenny Lee, die Dame, die mich damals von Rumänien in den Westen gebracht hat, zu mir sagte, sie habe sofort gesehen, dass ich eine Primadonna sei, als sie mich auf einem Video auf die Bühne kommen und singen sah! Ich denke, dass es in meiner Persönlichkeit etwas gibt, das sehr stark ist. Ja, ich bin eine Persönlichkeit, die mit dieser Art von Hingabe auf die Bühne oder aufs Podium geht, die manche Leute für "primadonna-like" halten. Wenn Sie aber unter Primadonna all diese Mätzchen und Launen verstehen, dann möchte ich lieber nicht als Primadonna bezeichnet werden, und ich arbeite auch hart daran, dass dieser Eindruck gar nicht erst entsteht. Sie haben mich einmal gefragt, warum ich nicht zum Beispiel in Norma erst zu meiner ersten Szene aufs Podium komme - genau aus diesem Grund, denn das wäre Primadonnengetue im negativen Sinne. Ich möchte als Künstlerin integer und seriös sein und stets meines Bestes geben, und da ist kein Platz für solches protziges, oberflächliches, nicht ernst zu nehmendes Gehabe. Ich arbeite sehr hart dafür, den Menschen das zu geben, was wirklich wichtig an der Oper ist!

OMM: Vielen Dank für das Gespräch!





Foto Nelly Miricioiu

Nelly Miricioiu



Homepage von Nelly Miricioiu: www.opera-singer.com


Die in Rumänien geborene und heute in England lebende Sopranistin Nelly Miricioiu ist eine der vielseitigsten Künstlerinnen unserer Zeit. Ihr Repertoire enthält viele Partien des italienischen und französischen Fachs: So sang sie etwa von Verdi Lucrezia (I Due Foscari), Gulnara (Il Corsaro), Luisa Miller, Gilda (Rigoletto), Elena in I Vespri Siciliani, die Boccanegra-Amelia, die Carlos-Elisabetta und Desdemona (Otello), Margherita und Elena in Boitos Mefistofele, Puccinis Magda (La Rondine), Butterfly und Manon Lescaut, Meyerbeers Valentine (Les Huguenots) und Isabelle (Robert le diable), Offenbachs Antonia, Marguerite in Gounods Faust und die Titelpartie in seiner Mireille sowie Massenets Manon und Thais. Besondere Erfolge erzielte sie in den letzten Jahren in der Titelpartie von Puccinis Tosca, die sie in unzähligen Inszenierungen in der ganzen Welt verkörpert hat, mit zentralen Partien des Verismo-Repertoires (z. B. Adriana Lecouvreur und Fedora), besonders aber mit den Primadonnenpartien des Belcanto, namentlich den Königinnenrollen Donizettis, seiner Lucrezia Borgia und der Norma.

Nach einer bereits sehr erfolgreichen Karriere in ihrer Heimat debütierte sie 1982 am Londoner Opernhaus Covent Garden als Nedda in I Pagliacci an der Seite von Jon Vickers, Piero Cappuccilli und Thomas Allen. 1983 machte sie ihr triumphales Debüt als Lucia di Lammermoor an der Mailänder Scala, was ihr den Weg zu einer internationalen Karriere und an die wichtigsten Opernhäuser der Welt eröffnete. Sie arbeitete mit weltberühmten Dirigenten, Regisseuren und Kollegen zusammen: So sang sie in Tosca etwa mit José Carreras, José Cura und Neil Shicoff, Mimì mit Plácido Domingo und Violetta, die jahrelang ihre Visitenkarte war, an der Seite von Franco Bonisolli, Roberto Alagna, Renato Bruson und Alfredo Kraus. In dieser Partie erlebte unser Mitarbeiter Thomas Tillmann die Künstlerin auch zum ersten Mal, als sie in Düsseldorf bei einer Gala für die erkrankte Ileana Cotrubas einsprang, die kurz danach ihre Karriere beendete.

1986 trat sie zum ersten Mal im Rahmen der Vara-Matinee-Konzerte im Amsterdamer Concertgebouw auf, wo sie unter anderen zahlreiche Belcanto-Heroinen verkörperte, für deren Interpretation sie von Publikum wie Kritik in der ganzen Welt gefeiert wird. 1992 hatte sie einen großen Erfolg bei den Salzburger Festspielen als Amenaide im Tancredi; von Rossini sang sie inzwischen auch Armida, Semiramide und Ermione.

1997 debütierte sie als Verdis Elisabetta im Don Carlo, als Luisa Miller und als Silvana in Respighis La Fiamma. In der Saison 2000/2001, die unter anderen Norma- und Tosca-Vorstellungen in London, Brüssel, Orange, Rom und Athen brachte, gab Nelly Miricioiu ihr Rollendebüt als Adriana Lecouvreur an der Mailänder Scala, sang an der Berliner Staatsoper ihre erste Isabella in Meyerbeers Robert le diable und in Amsterdam ihre erste Francesca da Rimini in Zandonais Oper. In diesem Jahr war die Künstlerin in Genf als Tosca, in London und Washington als Imogene in Bellinis Il Pirata und als Königin Elisabeth in Donizettis Roberto Devereux in Santiago de Chile zu erleben.

Auch auf Tonträgern ist die Sängerin inzwischen gut dokumentiert: Ihr Debüt in der Londoner Wigmore Hall am 20. Juni 1985 hat die Firma Etcetera Records festgehalten, für Naxos hat sie die Tosca eingespielt, die Firma Vanguard Classics bietet wichtige Mitschnitte von Nelly Miricioius Auftritten im Amsterdamer Concertgebouw und hält auch ihren Auftritt beim traditionellen Prinsengracht Concert im August 1996 fest, während die Firma Agora den Mitschnitt der römischen La Fiamma-Vorstellungen veröffentlicht hat und sie von der Firma Chandos als englisch singende Santuzza verpflichtet wurde. Im Zentrum ihrer Aufnahmetätigkeit stehen aber die Belcanto-Kostbarkeiten, die sie in Zusammenarbeit mit der englischen Firma Opera Rara eingespielt hat: Mercadantes Orazi e Curiazi, Donizettis Rosmonda d' Inghilterra (an der Seite von Renée Fleming und Bruce Ford) und Maria de Rudenz, Rossinis Ricciardo e Zoraide und Pacinis Maria d' Inghilterra. Daneben wirkt die Sopranistin auch bei verschiedenen Anthologien dieser Firma mit und hat dort zuletzt zwei bemerkenswerte Solorecitals vorgelegt: "Nelly Miricioiu - A Rossini Gala" und "Nelly Miricioiu - Bel Canto Portrait" (Siehe unsere CD-Besprechung),









Foto Nelly Miricioiu

Nelly Miricioiu als Anna Bolena, Washington 1993





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