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Auch die Angst vor einem doppelten Teufel schützt nicht vor Fehlverhalten
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Christina Iberl Die Psychologie kennt den Effekt des delay discounting: Je weiter eine zu erwartende Strafe in der Zukunft liegt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass sie Einfluss auf eine aktuelle Handlung nimmt. Insofern hat es der Teufel leicht, wenn er dem hochgelehrten Doktor Johann Faust 24 üppige Jahre verspricht, bevor ihn ein schreckliches, eben ein teuflisches Ende erwartet. Will man die abschreckende Wirkung vergrößern, so die Idee, müssen zukünftige Konsequenzen vergegenwärtigt werden. Wie etwa mit unappetitlichen Schockbildern auf Zigarettenpackungen oder, wie im Jahr 1587 im außerordentlich populären Volksbuch von der Historia von Johann D. Fausten, mit drastischen Schilderungen eines grausamen Todes. Die Logik dieses Werkes ist denkbar schlicht: Wer Böses tut, mit dem wird es ein böses Ende nehmen. Es bedurfte da schon der genialen Kreativität Johann Wolfgang von Goethes, um dem Stoff eine "faustische" Dimension abzuringen.
Der Erzähler berichtet dem Volk im 16. Jahrhundert vom bösen Leben und Sterben des gelehrten Johann Faustus
Alfred Schnittke hielt sich aber an das holzschnittartig moralisierende Konzept des Volksbuchs, als er in den 1980er-Jahren eine Faust-Kantate komponierte, die er später zum dritten Akt der Oper umarbeitete. Lustvoll-ironisch komponiert er sich quer durch die Musikgeschichte und montiert Passendes wie Unpassendes zu einem großen klingenden Bilderbogen zusammen, gipfelnd im vom Chor vorgetragenen Bericht über das unappetitliche Ende des Johann Faust im Tango-Rhythmus. Die ersten beiden Akte entstanden rund zehn Jahre später, als der von Schlaganfällen gezeichnete Komponist nur noch unter großen Anstrengungen arbeiten konnte. Er habe nur noch die notwendigsten Noten aufschreiben können, so die Hypothese von Meiningens Generalmusikdirektor Killian Farrell, weshalb die Musik spartanischer und minimalistischer geraten sei. Tatsächlich erinnert der rezitativisch-erzählerische Tonfall an frühbarocke Passionen, etwa bei Heinrich Schütz. Farrell und Regisseurin Eva-Maria Höckmayr haben daher Ausschnitte aus Schnittkes Konzert für Viola und Orchester eingefügt, die in ihrer Emotionalität wie kleine exotische Inseln aus dem spröden Geflecht des Originals herausragen. Inhaltlich sind sie an die Figur der schönen Helena von Troja angebunden, Sehnsuchtsobjekt erotischer Fantasien. Was tatsächlich recht gut funktioniert, denn der Teufelspakt hat jenseits der angekündigten zukünftigen Bestrafung noch einen weiteren Pferdefuß: Faust muss "allem Menschlichen Feind sein", Liebesbeziehungen eingeschlossen. Helena bleibt unerreichbar. Da darf dann auch die Musik gleich einer Fata Morgana kurz in verführerischer Schönheit aufleuchten.
Gleich zwei Teufel buhlen um die Seele des Doktor Faustus (am Boden liegend): Links Mephostophiles, rechts Mephostophila. Helena von Troja spielt die Bratsche dazu.
Die Regie lässt ihren Faust pathologisch untersuchen: Auf der nüchtern dunklen Bühne steht ein klinisch weiß gekacheltes Objekt ähnlich einem Seziertisch (Bühne: Michele Taborelli). Faust trägt durchgehend eine Art Leichenhemd aus durchsichtiger Kunststofffolie (Kostüme: Julia Rösler). Vielleicht durchlebt er seine Biographie als Nahtoderfahrung? Schnittke hat seine Oper nicht als dramatische Handlung ausformuliert, sondern lässt die Geschichte weitgehend von einem Erzähler und dem Chor vortragen, der zunächst in Gewändern des 16. Jahrhunderts auftritt. Zu Schnittkes Polystilistik passt der Kontrast aus historisierender Kleidung und dem abstrakt modernen Ambiente durchaus gut. Wenn die Sängerinnen und Sänger, die ihren anspruchsvollen Part schauspielerisch und sängerisch mit Bravour bewältigen (Einstudierung: Roman David Rothenaicher), später heutige Kleidung tragen, ist auch die Moral von der Geschicht' in der Gegenwart angekommen. Tobias Glagau ist in zeitlos neutralem Schwarz ein auch sängerisch grandioser Erzähler, der mit hochemotionalem Vortrag und virtuos geführter Stimme zu fesseln vermag.
24 Jahre durfte Faustus üppig leben (mit der Einschränkung, nicht nett sein zu dürfen). Jetzt naht das bittere Ende.
Der Teufel tritt in doppelter Gestalt und mit beiderlei Geschlecht auf: Mephostophila (mit interessant eingedunkeltem, facettenreichem Timbre: Abongile Fumba) ist für einen Alt komponiert, Mephostophiles (agil und intensiv im Ausdruck: Meili Li) für einen Countertenor - ähnliche Stimmlage, unterschiedlicher Klang. Die beiden erscheinen in eigentümlichen Latex-Anzügen ein wenig wie wandelnde Marmorstatuen. An einen echten Teufel glaubt die Regie wohl nicht, da sind es schon eher die Menschen mit ihren moralisierenden Pamphleten, die auf die Einhaltung einer von wem auch immer bestimmten Ordnung bestehen. Anna Maria Wünsch spielt mit großem Ton ausdrucksstark die Bratschensoli auf der Bühne, würdevoll im eleganten, historisierenden Kleid schreitend. Auch die kleinen Partien (deren Sinn sich in dieser auf das Wesentliche konzentrierte Inszenierung nicht weiter erschließt) sind durchweg sehr gut besetzt. Während die Musik aber ein weites Spektrum an Assoziationen zulässt und mit Brüchen und Kontrasten arbeitet ("Wenn Ihnen die Musik nicht gefällt, dann warten Sie einfach zwei Minuten, dann kommt andere - ach was, warten Sie 20 Sekunden, das reicht", empfahl Farrell in seiner wie immer launigen Einführung für das Publikum), verharrt die Inszenierung durchgehend in der gleichen, strengen Bildwelt mit nur kleinen Verschiebungen.
Das blutige Ende des Doktor Faustus wird vom Chor, der inzwischen in der Gegenwart angekommen ist, im Tangorhythmus verkündet
Im Original ist die Oper wegen der exorbitant hohen Anforderungen an die Gesangsstimmen quasi unaufführbar, so Farrell, weshalb Bearbeitungen erforderlich waren - verbunden mit zähen Verhandlungen mit der Witwe und Nachlassverwalterin Schnittkes. Das mag ein Hauptgrund sein, warum diese Historia nach der Uraufführung 1995 in Hamburg nicht mehr auf deutschen Bühnen zu erleben war. Diese Meininger Fassung reizt aus, was an riesigen Tonsprüngen und plötzlichen Registerwechseln möglich ist, und macht die immensen Anforderungen am Rande des Machbaren hörbar. Das gehört zur Figur des Faust (oder des Menschen an sich), der alles will und doch mit der Endlichkeit, mit der Begrenztheit des Lebens umgehen muss. Bariton Mateusz Ługowski kämpft sich mit großer Kraft und Intensität durch die Partie. Mag sein, dass der musikalische Spötter Schnittke auch eine gewisse Distanz zur Rolle im Sinn hatte; Ługowski ringt szenisch wie musikalisch eindrucksvoll mit sich und mit allen finsteren Mächten um seine und unsere Existenz. Leichter hat es das Orchester. Killian Farrell leitet die zuverlässig und farbenreich spielende Meininger Hofkapelle und das große Ensemble umsichtig durch alle Abgründe der Partitur. Großer Jubel beim Premierenpublikum. FAZIT Sehens- wie hörenswert: Unter dem kühl sezierenden Zugriff der Regie von Eva-Maria Höckmayr entfaltet Schnittkes schillernder, mitunter sperriger Bilderbogen einen Reiz ganz eigener Art. Musikalisch einmal mehr eine Glanztat des Meininger Theaters. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Video
Chor
Dramaturgie
Solisten
Doktor Johann Faustus
Erzähler
Viola | Helena von Troja
Mephostophiles | Marschall
Mephostophila | Herzog von Bayern
Der Alte
Student | Graf 1
Student | Graf 2
Student | Graf 3
Weinherr
Kind
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