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Parforceritt für zwei Personen
Von Thomas Molke /
Fotos: © Clemens Heidrich
Die Werke von Oscar Straus bilden beim Theater für Niedersachsen in Hildesheim mittlerweile fast einen festen Bestandteil des Spielplans. Nach Die Perlen der Cleopatra in der Spielzeit 2022/2023 und Hochzeit in Hollywood in der Saison 2024/2025 steht in diesem Jahr ein weiteres Werk des Komponisten auf dem Spielplan, der mit Franz Lehár und Emmerich Kálmán in den 1920er Jahren zum "Dreigestirn der sogenannten silbernen Operettenära" zählte. Dass sein Ruhm im Gegensatz zu dem seiner Kollegen heute ziemlich verblasst ist, mag mehrere Gründe haben. Zum einen ist der Humor in seinen Stücken ziemlich auf die damalige Zeit zugeschnitten und somit schwierig auf die Gegenwart zu übertragen. Zum anderen ereilte Straus mit dem Erstarken der Nationalsozialisten das gleiche Schicksal wie die anderen jüdischen Kunstschaffenden, so dass er emigrieren musste und seine Stücke rasch von den Bühnen verbannt wurden. Mit der Operette Eine Frau, die weiß, was sie will konnte er zwar bei der Uraufführung am 1. September 1932 im Metropol-Theater in Berlin noch einen großen Erfolg verbuchen. Doch schon bald wurden die Aufführungen massiv von den Nationalsozialisten gestört, da auch der weibliche Star Fritzi Massary, auf die die Titelpartie zugeschnitten war, Jüdin war und die erzählte Geschichte obendrein nicht den moralischen Vorstellungen der Nationalsozialisten entsprach. In Hildesheim eröffnet man nun die Spielzeit mit diesem Werk und spielt es nicht im Theater sondern auf dem Vorplatz. Dazu hat man auf dem Rasen eine Bühne errichtet und bietet dem Publikum ein genussvolles Open-Air-Erlebnis, wenn man von den Straßengeräuschen und einigen unliebsamen Zaungästen, die die Vorstellung mit Zwischenrufen zu stören versuchen, absieht. Manon (Neele Kramer) und Lucy (Julian Rohde) lieben denselben Mann. Erzählt wird die Geschichte der fiktiven Operetten-Diva Manon Cavallini, der die Männer reihenweise zu Füßen liegen und die ihre Liebhaber wechselt wie andere Damen ihre Kleider. Ihr neuester Verehrer ist der junge Raoul Severac, der sich jede Vorstellung der Operette Das Strumpfband der Marquise aus einer Loge angeschaut und die Cavallini im Anschluss mit Blumen bedacht hat. Manon ist schon bereit, das Werben des neuen Verehrers zu erhören, als die junge Lucy Paillard in ihrer Garderobe erscheint und ihr mitteilt, dass sie selbst ebenfalls unsterblich in Raoul verliebt ist. Als Manon erfährt, dass Lucy ihre uneheliche Tochter ist, von der sie sich einst trennen musste, setzt sie alles daran, Lucy zu ihrem Glück zu verhelfen. So werden Lucy und Raoul ein Paar. Doch Manons weiteren Bemühungen, das Leben ihrer Tochter inkognito zu erfolgen, erweisen sich als schwierig, weil Lucy eifersüchtig ist und glaubt, dass Raoul sie mit Manon betrügt. Als Lucy ihrem Gatten den vermeintlichen Ehebruch heimzahlen will und sich mit dem Tennisstar Fernand Maupreux verabredet, kann Manon eine Katastrophe verhindern und sich Lucy endlich als Mutter zu erkennen geben. Raoul (Neele Kramer) schwärmt vor seinem Freund Trémoularde (Julian Rohde) von der Diva Manon Cavallini. Regisseur Joerg Steve Mohr hat für seine Inszenierung eine "Hildesheimer Fassung" erstellt, die auch mit ein bisschen Lokalkolorit aufwartet. So lebt Lucy im zweiten Teil des Abends mit ihrem Ehemann Raoul in Hildesheim und will zum Rendezvous mit Maupreux nach Sarstedt. Im Konzept folgt Mohr einer Idee, die Barry Kosky 2015 an der Komischen Oper Berlin umgesetzt hat, und lässt alle Rollen von einer Darstellerin und einem Darsteller spielen. In Berlin waren es Dagmar Manzel und Max Hopp (siehe auch unsere Rezension), in Hildesheim sind es die langjährigen Ensemble-Mitglieder und Publikums-Lieblinge Neele Kramer und Julian Rohde. In atemberaubender Geschwindigkeit wechseln sie die Kostüme und schlüpfen von einer Rolle in die nächsten. Geschlechterzuordnungen spielen dabei eine untergeordnete Rolle. So verkörpert Kramer neben der Operetten-Diva Manon Cavallini auch gleichzeitig den Vater ihrer Tochter Léon Paillard, ihren gerade abservierten Liebhaber Marcel Trapu und Raoul. Rohde übernimmt neben den zahlreichen anderen ehemaligen Liebhabern der Cavallini auch die Partie der Lucy. Dabei geben die beiden allen Figuren unverwechselbare Charaktereigenschaften, die die Personen auch dann wiedererkennbar machen, wenn ein komplettes Anlegen der Kostüme aus Zeitgründen nicht möglich ist. Lucy (Julian Rohde) glaubt, dass Raoul sie betrügt. Die Momente, in denen mehr als zwei Personen auf der Bühne sein müssen, werden von Kramer und Rohde ebenfalls mit großartiger Komik und vollem Körpereinsatz umgesetzt. So lädt die Cavallini beispielsweise zu einem gemeinsamen Abendessen alle ihre Verflossenen ein, die von Rohde mit herrlich überzeichneten Charakterzügen gezeichnet werden. So tritt er jeweils durch den mittleren Eingang auf, deponiert ein markantes Kleidungsstück, rennt durch den rechten Ausgang von der Bühne, um mit einem anderen Accessoire als nächster ehemaliger Geliebter aufzutreten. Dabei überreicht er Manon stets die gleiche Rose und springt zwischen den einzelnen Figuren hin und her, wenn sie jeweils von Manon adressiert werden. Kramer spielt gleichzeitig Raoul und Manon, die versuchen, Lucy ins Gewissen zu reden und davon zu überzeugen, dass sie sich nicht zu einem Rendezvous im Separée getroffen haben. Dafür trägt Kramer ein geteiltes Kostüm, das auf der linken Seite Raoul zeigt und auf der rechten Seite Manon, so dass Kramer "nur" die Seiten zu wechseln braucht, um die jeweils andere Figur zu verkörpern. Die Rolle des Maupreux übernehmen dann beide, da dieser einmal mit Lucy und später mit Manon agiert, allerdings nicht ohne vorher einen vermeintlichen Streit hinter der Bühne zu führen, in dem sie mit den Eitelkeiten der Bühnenmenschen spielen. Manon (Neele Kramer) verhindert das Rendezvous zwischen Lucy und Fernand Maupreux (Julian Rohde). Das alles wird von Kramer und Rohde mit großartiger Komik umgesetzt. Kramer verleiht den von ihr dargestellten männlichen Figuren zum Teil eine herrlich ironische Selbstgefälligkeit, gestaltet Raoul aber beispielsweise als einen verträumten Romantiker, der mit wahrhafter Innigkeit seine Gefühle für Manon besingt. Da ist es durchaus nachvollziehbar, dass Lucy misstrauisch bleibt. Die Partie der Manon gestaltet sie als selbstbewusste Diva, der man abnimmt, dass sie eine Frau ist, die weiß, was sie will. Den Titel-Song setzt sie sehr überzeugend um. Beim Couplet der männermordenden "Ninon" lädt sie das Publikum zum Mitsingen ein, geht beim berühmten Song "Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben" trotz leichtem Nieselregen durch die nicht überdachten Reihen und bezieht das Publikum in den Song mit ein. Rohde gestaltet die Partie der Lucy als ernstzunehmende junge Frau, die genau wie ihre Mutter weiß, was sie will und dies musikalisch mit sicherem Tenor zum Ausdruck bringt. Die männlichen Figuren überzeichnet er etwas stärker als Kramer und stattet sie mit unverwechselbaren Dialekten aus. Dass er die Figuren dabei ein wenig der Lächerlichkeit preisgibt, kann man ihm nachsehen, da es sich ja ohne Ausnahme um eher unsympathische Vertreter der männlichen Spezies handelt. Begleitet wird der Abend am Klavier von Sergei Kiselev, der nicht nur für einen leichten Klang sorgt, sondern teilweise auch mit herrlicher Komik in die Handlung einbezogen wird. So "nervt" er beispielsweise Kramer, wenn er ihr ihren Text vorsagt, während sie gerade eine bewusste künstlerische Pause machen will oder zwingt Kramer und Rohde beim Couplet der "Ninon" immer weitere Wiederholungen auf, als beide eigentlich schon längst in die Pause gehen wollen. Auch am Ende beim Schlussapplaus sorgt er für eine Reprise der zahlreichen eingängigen Songs. Das Publikum spendet verdienten Beifall. Kramer dankt dem Publikum für das "Durchhaltevermögen", obwohl es nach der Pause fast durchgängig geregnet hat. Bei einer derart guten Unterhaltung nimmt man aber auch das gerne in Kauf. FAZIT Neele Kramer und Julian Rohde leisten in den insgesamt 16 Rollen Unglaubliches und bieten in kleinem Ambiente kurzweilige Unterhaltung.
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ProduktionsteamMusikalische Leitung und Klavier
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Dramaturgie
Solistinnen und Solisten Manon Cavallini / Marcel
Trapu / Lucy Paillard / St. Lessac /
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