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Eine Frage des freien Willens?
Von Stefan Schmöe /
Fotos von
Monika Rittershaus
Warum mordet Macbeth? Hat er überhaupt die Entscheidungsfreiheit darüber? Oder leiten die Prophezeiungen, die Königswürde zu erlangen, ihn auf ein Schicksal hin, dem er nicht entgehen kann? Das ist die (eher vom Drama Shakespeares als von Verdis Oper inspirierte) Fragestellung, die Regisseur Tobias Kratzer in seiner Inszenierung untersucht. Die Kinderlosigkeit des Ehepaars Macbeth, gerne psychologisierend als Erklärung herangezogen (so bei Krzysztof Warlikowski 2023 in Salzburg), scheidet für ihn als Erklärungsmodell aus, im Gegenteil: Er zeigt die beiden zu Beginn der Oper, wie sie mit dem gemeinsamen Sohn spielen. Das Monströse der Handlung entsteht gerade dadurch, dass eine offenbar glückliche, vermutlich friedliebende Familie mit gesichertem Status sich in einen unfassbaren Blutrausch hineinsteigert.
Bürgerliches Familienglück: Familie Macbeth bleibt hier im wahrsten Wortsinn auf dem Teppich. Die Papierkrone für*s Kind deutet allerdings schon höhere Ansprüche an.
Kratzer konstruiert eine Laborsituation. Er lässt die Geschichte auf einer kleinen Fläche spielen, die von einem Halbkreis von aufsteigenden Treppenstufen umgeben ist (Ausstattung: Rainer Sellmaier) - ein Rückgriff auf das antike Theater wie auf die Nüchternheit der leeren Shakespeare-Bühne, also auf elementare Formen des Theaters. Man kann aber auch an ein Amphitheater denken - oder einen anatomischen Hörsaal, in dem der Fall Macbeth seziert wird. Auf den Stufen ist der Chor platziert, meist in schwarzen Kostümen, wodurch er wie eine amorphe Masse erscheint, schwankend und fließend wie eine Naturerscheinung. Alles, was auf diesen Stufen geschieht, lässt sich verstehen als die Außenwelt, die Spielfläche als das Innenleben der monadisch abgekapselten Macbeths. Zwei Akte lang sind alle Handlungen Reaktionen auf das, was aus dieser Sphäre zu ihnen dringt. Erst im dritten Akt beginnt Macbeth, dieses Außen vorsichtig zu erkunden und sich aktiv damit auseinanderzusetzen, was ihn antreibt. Zum Chor der Flüchtlinge "Patria oppressa" kehrt die Regie die Perspektive um: Die Unterdrückten befinden sich im Zentrum und Macbeth und seine Lady stehen als Betrachter auf den Rängen dieses kleinen und doch so großen Theaters. Und sie realisieren erschüttert, welches Unheil sie angerichtet haben. Der Wahnsinn der Lady folgt auf diesen Erkenntnisprozess, das letzte Aufbäumen Macbeths ist nicht mehr als ein Rückzugsgefecht.
Innenwelten und Außenwelten: Macbeth und die amorphe Masse des Chores Nur an wenigen Stellen wechselt Kratzer in eine realistische Erzählweise. Nach der Ermordung König Duncans stopfen Macbeth und Gattin in schlechter Fernsehkrimimanier dem unschuldigen Malcolm Duncans Geld und Armbanduhr in die Jacketttaschen, um den Verdacht von sich abzulenken. In solchen Momenten droht die Inszenierung ins Banale abzugleiten, hält aber noch die Balance. Überzeugend leuchtet die Regie die Beziehung des Paares aus, die in den allermeisten Inszenierungen auf eine Zweck- und Überlebensgemeinschaft des ewig zaudernden Mannes und seiner herrschsüchtigen Gattin reduziert wird. In Kratzers Erzählung lieben sie sich tatsächlich. Der rauschhafte Aufstieg (mit dem Preis diverser Morde) ist ein Gemeinschaftsprojekt, und mit Blick auf das Kind darf man zynisch ergänzen: "Damit es dem Jungen mal besser geht als uns". Der Schock in dieser sehr konzentrierten Inszenierung besteht darin, dass die Logik des blutrünstigen Handelns plötzlich so bürgerlich normal erscheint. Deshalb wird Malcolm, dem nächsten König, ein ganz ähnliches Schicksal widerfahren. Schien der freie Wille eben noch im Eingeständnis der eigenen Schuld selbstverständlich, so wird er postwendend in Frage gestellt. Kratzer kann auf die große Frage keine einfache Antwort geben, und das zeichnet die detailliert ausgearbeitete, auch optisch fesselnde Inszenierung aus. Ein paar (für mich nicht nachvollziehbare) Buh-Rufe musste sich das Regieteam gefallen lassen. Aber vielleicht galten die eher dem forsch vieles umkrempelnden Intendanten Kratzer als dem Regisseur dieses Macbeth.
Schietwetter in Hamburg? Warum es plötzlich regnet, erschließt sich nicht unbedingt, sieht aber toll aus. Die vom lyrischen ins dramatische Fach wechselnde Nino Machaidze passt mit ihrem immer kultiviert geführten, nicht zu kleinen Sopran als Lady Macbeth recht gut in dieses Konzept - eine bürgerliche, im Grunde ziemlich nette Lady, aber kein Monster. Für die vokale Attacke fehlen ihr allerdings ein paar stimmliche Reserven, und manche der unheimlichen Abgründe bleibt sie der Figur schuldig, dafür muss sie erst noch in die Rolle hineinwachsen. Kartal Karagedik zeichnet mit sonorem, leicht verhangenem Bassbariton einen zerrissenen Macbeth mit Hang zur Melancholie. Zupackend mit klarem, genau fokussiertem Bass singt Alexander Vinogradov den Banco. Dovlet Nurgeldiyev ist mit klangschönem Tenor und sorgfältiger Phrasierung ein etwas braver Macduff, Colin Aikins ein solider Malcolm.
Perspektivwechsel: Im Chor der Flüchtlinge "Patria oppressa" erkennen Lord und Lady Macbeth das Leid der anderen, auf dem ihr Aufstieg fußt. Mit außerordentlicher Präzision und überaus homogenem Klang spielt das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, und das gilt übertragen auch für den großartigen Chor der Hamburgischen Staatsoper (Einstudierung: Alice Meregaglia). Dirigent Tomáš Hanus hat sehr genau gearbeitet, auch kleine Übergänge sind nuanciert ausgestaltet. Instrumentalsoli fügen sich mit viel Gespür für Farbwechsel in den Gesamtklang ein, und auch den Chor setzt Hanus oft als zusätzliche Klangfarbe ein. Er kostet die dunklen Facetten der Partitur aus. Gleichzeitig vibriert die Musik vor Energie und erklingt auf die Situation zugespitzt. Das Trinklied der Lady im Bankett am Ende des zweiten Akts ist von aufreizender Langsamkeit, weniger vom Tempo als vom Ausdruck her: Die Unwirklichkeit der Situation, in der Macbeth die Vision des von den Toten auferstandenen Banco durchlebt, spiegelt sich in der vordergründig konventionellen, durch die Gestaltung doppelbödigen Musik wider. Die Kontraste spitzt Hanus zu, verzichtet aber auf den grellen Effekt. Manche Schroffheiten Verdis geraten abgemildert vielleicht eine Spur zu schön, aber in der Summe erlebt man hier eine mitreißende Interpretation. FAZITStarker Saisonauftakt für Tobias Kratzer mit einer packenden Inszenierung, guten (wenn auch nicht herausragenden) Gesangsleistungen und einem bestens disponierten Orchester und Chor, mit dem Dirigent Tomáš Hanus einen überzeugenden Verdi-Tonfall findet. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Licht
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der Premiere
Macbeth
Banco
Lady Macbeth
Macduff
Malcolm
Dame der Lady Macbeth
Arzt
Diener des Macbeth / Mörder / 1. Erscheinung
2. und 3. Erscheinung
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