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Über das Unfassbare sprechen könnenVon Stefan Schmöe / Fotos von Jörg LandsbergWie kann man mit der Erfahrung einer Gewalttat weiterleben? Wie den Schock und die daraus resultierenden Traumata bewältigen, wie den möglichen eigenen Anteil daran verarbeiten? Ein (fiktiver) Amoklauf an einer Schule steht im Zentrum von Innocence. Oder genauer: Die Erinnerung daran. Die Handlung von Innocence setzt zehn Jahre nach dem Massaker ein. Eine Kellnerin, deren Tochter damals ums Leben kam, trifft zufällig auf die Familie des Täters, dessen Bruder seine Hochzeit feiern möchte. Das löst einen für alle schmerzhaften Prozess der Erinnerung und Reflexion aus.
Kellnerin Tereza springt kurzfristig als Bedienung bei einer Hochzeit ein - und erkennt, dass der Bräutigam Tuomas (rechts im Bild) der Bruder des Amokläufers ist, der zehn Jahre zuvor Terezas Tochter erschossen hat.
Die finnische Komponistin Kaija Saariaho (1952-2023) hat die 2021 beim Festival d'Aix-en-Provence uraufgeführte Oper (unsere Rezension) auf ein Libretto der Schriftstellerin Sofi Oksanen (* 1977) komponiert, das Alexi Barrière in die endgültige mehrsprachige Fassung gebracht hat. Die Geschichte wird auf drei Ebenen erzählt. Da ist die Hochzeit von Tuomas (dem Bruder des Täters) und seiner Braut Stela, die nichts von den Geschehnissen weiß. Parallel dazu erscheinen fünf Schülerinnen und Schüler, die überlebt haben und in verschiedenen Sprachen von ihren Ängsten und Erinnerungen berichten - inhaltlich erhält die Vielsprachigkeit ihre Plausibilität dadurch, dass es sich um eine internationale Schule handelte; metaphorisch bleiben alle in ihrer eigenen Welt gefangen. Darin drückt sich die Unfähigkeit aus, eine gemeinsame Sprache für das Unfassbare zu finden, aber auch die Universalität von Gewalt. Als sechste Schülerin erscheint Markéta, die Tochter der Kellnerin Tereza. Sie hat nicht überlebt. Saariaho hat die Partie mit abrupten Registerwechseln an samische Volksmusik angelehnt und damit der Sphäre der Oper enthoben. Markéta ist auch musikalisch ein Geist.
Noch glauben sie an ein gemeinsames Glück: Tuomas und Stela, die nichts von der Gewalttat weiß Anders als in der Uraufführungsinszenierung (oder auch Elisabeth Stöpplers Inszenierung in Gelsenkirchen) verzichten Regisseur Marco Štorman und Bühnenbildnerin Eva Veronica Born auf fast jeglichen Realismus. Die Bühne zeigt eine abstrakte Landschaft aus riesigen Scherben (man kann an Caspar David Friedrichs "Eismeer" denken), die antiillusionistisch auf die Drehbühne gestellt ist und manchmal von oben gefilmt und auf eine Leinwand auf der Bühnenrückseite projiziert wird. Neben monochromen Weißtönen ist ein giftiges Grün die einzige Farbe. Die Überlebenden tragen fast schon aufreizend klischeehaft anmutende Schuluniformen (Kostüme: Sara Schwartz). Sie agieren roboterhaft wie Zombies. Die Darstellerinnen und Darsteller (Laura Hilden, Océane Paredes, Valentin Fruntke, Rodrigo Andrade, Ioulia Spanou und Nathalie Mittelbach), die beinahe zwei Stunden ununterbrochen auf der Bühne präsent sind, spielen mit einer atemberaubend beklemmenden Präsenz. Man sagt so leicht: Jemand ist mit dem Schrecken davongekommen - sie sind Untote, für ihr weiteres Leben gezeichnet von dem Ereignis. Aber sie sind auch Gespenster im Hinblick darauf, dass alle auf ihre eigene, abgründige Weise mit der Geschichte des Täters verbunden sind. Bei Oksanen und Saariaho ist niemand ohne Schuld.
Markéta, Terezas ermordete Tochter, erscheint in der Rückschau der Ereignisse.
Es gibt praktisch keine äußere Handlung. Die Bilder entstehen im Kopf, resultierend aus den bruchstückhaften Erzählungen, die sich nach und nach zu einem umfassenden Panorama zusammensetzen. Dabei geht es nicht nur um die Tat und deren Ablauf selbst, sondern auch um die Frage, wie es dazu kommen konnte. Gewalt entsteht nicht aus dem Nichts, das ist die These von Saariaho und Oksanen. Nach und nach offenbart sich ein Netz aus Komplizenschaft, aus Mobbing, aus Wegsehen. So einfach, wie es zunächst scheint, ist die Frage nach Gut und Böse nicht. Es gehört zu den Stärken von Štormans Regie, das alles zu verdeutlichen, ohne die Tat zu relativieren. Die Aufführung erlangt dabei eine Intensität, die mitunter kaum zu ertragen ist. Eine vorsichtig optimistische Wendung haben Saariaho und Oksanen dem Werk am Ende doch noch eingeschrieben. Die Inszenierung bleibt skeptisch und lässt das Licht von der Bühne in den Zuschauerraum wandern: Es liegt schon an uns, ob die Sprachlosigkeit überwunden werden kann.
Die Überlebenden, die keine gemeinsame Sprache finden: Vorn (von links) Lily, Lehrerin Cecilia, Alexia, Anton und Jéronimo. Hinten links Tereza (dahinter Schülerin Iris), rechts das Brautpaar Tuomas und Stela. Die in ihrer kleinteiligen Struktur kaum greifbare, geräuschhafte Musik Saariahos verdichtet die Atmosphäre und gibt das Tempo vor. Die Bremer Philharmoniker unter der Leitung von Stefan Klingele setzen das zuverlässig um, der klangschöne Chor (Einstudierung: Karl Bernewitz) steuert unsichtbar mystische Klangflächen bei. Nadine Lehner als verbitterte Kellnerin Tereza, Julia Grüter als mädchenhaft-naive Braut Stela, Fabian Düberg als verdrängungsmächtiger Bräutigam Tuomas, Michał Partyka als dessen pragmatisch-kerniger Vater Henrik und Sarah-Jane Brandon als verzweifelt um den Bestand der Familie kämpfende Mutter liefern szenisch wie vokal packende Rollenporträts. Jasin Rammal-Rykała hat als Priester die undankbare Aufgabe, hohle Phrasen beizusteuern (was ihm mit einem Ausdruck von Hilflosigkeit souverän gelingt) - von der Religion erwartet die Regie keine Hilfe. Mit fast kindlicher Naivität, auch in der Stimme, dabei virtuos in den Sprüngen und Registerwechseln gestaltet Venla Ilona Blom die musikalisch zentrale Partie der ermordeten Markéta.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Video
Chor
Dramaturgie
Choreografische Mitarbeit
Solisten*Besetzung der Premiere
Tereza, Kellnerin
Stela, Braut
Patricia, Schwiegermutter
Tuomas, Bräutigam
Henrik, Schwiegervater
Der Priester
Cecilia, Lehrerin
Markéta, Schülerin 1
Lily, Schülerin 2 (schwedisch)
Iris, Schülerin 3 (französisch)
Anton, Schüler 4 (deutsch)
Jerónimo, Schüler 5 (spanisch)
Alexia, Schülerin 6 (griechisch)
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