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Ich, Ich, Ich! (Je suis narcissiste)

Komische Oper in acht Szenen, einem Prolog und einem Epilog
Text von Helena Tornero
Deutsche Übersetzung von Arno Lücker
Musik von Raquel García-Tomás

in deutscher Sprache mit Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1 h 20' (keine Pause)

Produktion des Stadttheater Gießen

Premiere im Großen Haus am 12. September 2026


Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Verrückte Welt

Von Thomas Molke / Fotos: © Leszek Januszewski

In der vergangenen Spielzeit hat das Theater Hagen die Spielzeit mit einem neuen Format eröffnet. Beim goldenen Drachen von Peter Eötvös saß das Publikum arenamäßig auf der Bühne und erlebte das Geschehen hautnah. In dieser Saison sitzt man bei der Eröffnungspremiere zwar wieder im Saal, erlebt aber inhaltlich ein Stück, das ebenfalls sehr nah am Puls der Zeit ist und erst in diesem Jahrhundert seine Uraufführung erlebt hat: Je suis narcissiste. Die komische Oper wurde am 6. März 2019 am Teatro Español in Madrid uraufgeführt und stammt von der spanischen Komponistin Raquel García-Tomas, die mittlerweile zu den renommiertesten zeitgenössischen Komponistinnen Spaniens zählt und nicht zuletzt für den Erfolg dieses Werkes mit dem Premio Nacional de Música des spanischen Kulturministeriums ausgezeichnet worden ist. Ihr Musikstil mischt interdisziplinär verschiedene Genres mit genau darauf abgestimmten elektronischen Sounds und ist dabei eingängiger als man es sonst häufig von zeitgenössischer Oper gewohnt ist. Arno Lücker hat den Text, der trotz des französischen Titels auf Spanisch ist, ins Deutsche übersetzt und dem Werk den Titel Ich, Ich, Ich! gegeben. Die deutsche Erstaufführung fand 2024 am Stadttheater Gießen statt. Das Theater Hagen hat die Produktion aus Gießen nun für die Spielzeiteröffnung mit teilweise neuer Besetzung übernommen.

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Klothilde (Polina Artsis) sucht therapeutische Hilfe bei Dr. Giovanni Tempesta (Tomi Wendt, rechts), der ihr den Narzissmus der Menschen vor Augen führt (links: Anton Kuzenok als Promi-Künstler).

Die Idee zum Stück soll García-Tomás und ihrer Librettistin Helena Tornero bereits 2016 in Wien gekommen sein, wo die beiden im Rahmen der Wiener Festwochen disPlace präsentierten. Die Geschichte beschäftigt sich mit dem Thema Narzissmus und handelt von der Eventmanagerin Klothilde, die Hilfe für ihre psychologischen Probleme bei dem Therapeuten Dr. Giovanni Tempesta sucht, der sehr schnell die Diagnose stellt, dass Klothilde an akutem Narzissmus leidet. Im Verlauf des Stückes erfährt man allerdings immer mehr von Klothildes Vorgeschichte, was diese Einschätzung bezweifeln lässt. Nach dem Tod ihres geliebten Katers sucht sie zunächst Trost bei ihrem Freund Guido und überrascht ihn in flagranti mit einer anderen Frau im Bett. Als sie von dort zu einer wichtigen Vernissage eilt, vergisst sie, ihr Handy lautlos zu stellen, was sie ihren Job kostet, da ein plötzlich eingehender Anruf das Event stört. Durch den Anruf erfährt sie, dass ihr langjähriger Freund Guido durch einen plötzlichen Herzstillstand gestorben ist. Bei seinem Begräbnis trifft sie auf eine Vielzahl von Geliebten, mit denen er sie betrogen hat. Daraufhin sucht sie Ausgleich bei einem Meditations-Guru, der jedoch eher an ihrem Körper als an ihrem Geist interessiert ist. Diese ganzen Ereignisse haben sie in die Praxis von Tempesta getrieben, wo sie nun feststellen muss, dass Tempesta ein Hochstapler ist, der den wahren Doktor gefesselt und in ein Nachbarzimmer gesperrt hat. Als dieser sich befreien kann und mit einer aggressiven Krankenschwester den Hochstapler überwältigt, hat Klothilde genug von dem ganzen Chaos und verlässt die Praxis.

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Prolog: von links: Tomi Wendt, Nike Tiecke, Anton Kuzenok und Polina Artsis

Die acht Szenen werden von einem Prolog und einem Epilog eingerahmt, in dem die zwei Darstellerinnen und zwei Darsteller in einheitlichem schwarzem Outfit mit gleichen schwarzen Perücken quasi wie Klone vor eine schwarze Rückwand treten und nach anfänglichem "Bla, bla, bla" nur Wortfetzen von sich geben, die zwar von einer starken Ichbezogenheit zeugen, was durch die einheitliche Optik allerdings relativiert wird, da jedweder Versuch, aus der Masse herauszustechen, von den anderen unterbunden wird. Die Musik wird von einem elektronischen Knistern begleitet, was dem Ganzen die Atmosphäre eines alten Revue-Films gibt. Von diesem recht verwirrenden Einstieg geht es in die Geschichte, für die das Regie-Team um Ute M. Engelhardt einen sehr abstrakten Ansatz gewählt hat. Prisca Baumann und Kerstin Grießhaber haben mit zwei Bühnenwänden einen Raum geschaffen, der durch Einsatz der Drehbühne schnelle Szenenwechsel ermöglicht, dabei aber auch die Rückseiten der Wände zeigt und damit die Kulissenhaftigkeit andeutet. Vor der einen Wand spielen die Szenen in der Praxis, in der Klothilde auf einem weißen Therapiestuhl ihre Geschichte erzählt. Zwischen den Wänden befindet sich der Lift, in dem Klothilde eine halbe Ewigkeit mit dem Lift-Boy auf dem Weg zum Apartment ihres Freunde verbringt. Auch die Szene beim Guru spielt zwischen den beiden Wänden. Vor der schwarzen Wand befinden sich das Apartment Guidos, der nur als Sound beim Geschlechtsverkehr zu hören ist, und anschließend der Friedhof, auf dem er beerdigt wird. Anstelle eines Grabsteins wird ein riesiger Phallus aus dem Bühnenboden hochgefahren, der von Blumen und Kerzen eingerahmt wird.

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Performancekünstlerin (Nike Tiecke) bei der Vernissage

In diesem Ambiente entfachen die zwei Darstellerinnen und zwei Darsteller eine regelrechte Slapstick-Komödie, indem sie mit Ausnahme von Klothilde in zahlreiche Rollen schlüpfen. Die erste Verwandlung geschieht auf der Bühne. Hinter einem goldenen Tuch, das Anton Kuzenok und Tomi Wendt nach dem Prolog hochhalten, verwandelt sich Nike Tiecke in Klothildes Kater, oder wenn man das Kostüm betrachtet, die Katze, die miauend über die Bühne tänzelt, bis sie von einem riesigen Wollknäuel, das aus dem Schnürboden herabbaumelt, erschlagen wird. Von diesem Ereignis geht es dann in die Praxis des Therapeuten. Wenn dieser seine Diagnose stellt, treten Kuzenok und Tiecke in mehreren Rollen auf, um die These des falschen Therapeuten zu stützen, dass die ganze Welt heute nur noch aus Narzissten besteht. Wenn Kuzenok zunächst als Promi-Künstler auftritt, zeigt er immer weitere Platten, die als Handys fungieren, auf denen er sich in ausgefallenen Posen präsentiert, die an Skurrilität kaum zu überbieten sind. Tiecke folgt als schnippische Erfolgsbloggerin, die in einem musikalischen Rap die Gesellschaft beschimpft. Auch mit dem Orchester wird vom Therapeuten abgerechnet. Dafür verwendet García-Tomás stets passende Musikstile und zitiert an der Stelle beispielsweise Wagners Tristan-Akkord.

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Ob Klothilde (Polina Artsis, rechts) beim Meditations-Guru (Tomi Wendt, 2. von links, mit Nike Tiecke (links) und Anton Kuzenok (3. von links)) Hilfe finden kann?

Musikalisch sehr humorvoll ist auch die Szene mit dem Lift-Boy angelegt, der von Kuzenok mit überbordender Komik dargestellt wird. Hier erkennt man die Worthülsen musikalischer Komödienmeister wie Gilbert und Sullivan wieder. Da eine der Geliebten des verblichenen Guido Mimì heißt, darf natürlich auch eine musikalische Anspielung auf Puccini nicht fehlen. Kuzenok singt als Mimì nicht nur die berühmte Arie an, sondern tritt auch mit dem Muff auf, den die junge Frau am Ende von Puccinis Oper geschenkt bekommt. Die Performance-Szene bei der Vernissage karikiert dann zeitgenössische ernste Musik. Hier spielt García-Tomás mit sehr schrägen Tönen, die von Tiecke mit übertriebener Ernsthaftigkeit wunderbar ad absurdum geführt werden. Auch in der Szene beim Meditations-Guru bekommt der esoterische Musik-Klang sein Fett weg. Das alles wird von den Darstellerinnen und Darstellern mit enormem Tempo umgesetzt. Während Kuzenok und Tiecke in zahlreichen Rollen brillieren, gelingt es Polina Artsis als Klothilde, sich mit einer gewissen Ernsthaftigkeit zu einer tragischen Figur zu entwickeln, die in einer total verrückten Welt der einzige normale Mensch zu sein scheint. Tomi Wendt hat als Dr. Tempesta etwas leicht Diabolisches, was andeutet, dass man dieser Person nicht trauen kann. Am Ende entpuppt er sich als narzisstischer Hochstapler, der sich selbst als genialen Künstler betrachtet. Auch die Figur des übergriffigen Gurus legt er sehr unheimlich an. Für den Epilog verwandeln sich dann alle vier auf offener Bühne wieder in die Klone vom Anfang. Das Publikum spendet begeisterten Applaus.

FAZIT

Raquel García-Tomás' Oper bietet temporeiche Slapstick-Komik und bewegt sich am Puls der Zeit, ohne dabei dissonant zu sein.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Steffen Müller-Gabriel

Inszenierung
Ute M. Engelhardt

Szenische Einstudierung
Linnéa Unverzagt

Bühne und Kostüme
Prisca Baumann
Kerstin Grießhaber

Choreographie
Giuseppe De Filippis
Michele De Filippis

Lichtdesign
Hans-Joachim Köster
Konstantin Wassilewski

Dramaturgie
Thomas Rufin
Christian Förnzler

 

Philharmonisches Orchester Hagen


Solistinnen und Solisten

Klothilde
Polina Artsis

Dr. Giovanni Tempesta / Zen Guru
Tomi Wendt

Katze / Erfolgsbloggerin /
Performancekünstlerin / Silvia /
Lachende Frau / Krankenschwester
Nike Tiecke

Promi-Künstler / Ungebildeter Poser /
Lift-Boy / Bestatter / Mimì /
Pathologischer Patient / Doktor
Anton Kuzenok

 


Weitere Informationen
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Theater Hagen
(Homepage)




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