Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Maria de Rudenz

Dramma tragico in drei Akten
Libretto von Salvadore Cammarano nach dem Stück La nonne sanglante von Auguste Anicet-Bourgeois und Julien de Mallian
Musik von Gaetano Donizetti

in italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30'  (eine Pause)

Premiere im Stadttheater Gießen am 26. September 2026

 Stadttheater Gießen
(Homepage)

Blutige Rache mit betörendem Belcanto

Von Thomas Molke / Fotos: © Nils Heck

Seit vielen Jahren weckt das Stadttheater Gießen überregionales Interesse und lockt mit Raritäten des 19. Jahrhunderts vor allem Belcanto-Fans aus Nah und Fern nach Hessen. Auch in dieser Spielzeit bleibt man dieser Tradition treu und hat Maria de Rudenz von Gaetano Donizetti als deutsche Erstaufführung auf den Spielplan gestellt. Diese 1838 in Venedig uraufgeführte tragische Oper markierte einen der größten Misserfolge in der Karriere Donizettis, der mit seinen rund 70 Opern den Belcanto nachhaltig geprägt hat, und führte dazu, dass der Komponist beschloss, Italien zu verlassen und sein weiteres Glück in Paris zu suchen. Hinzu kamen allerdings auch zahlreiche schwere Schicksalsschläge in Donizettis Leben. Er verlor in kürzester Zeit seine Eltern, seine Frau und zwei Kinder kurz nach der Geburt, so dass ihn auch familiär nichts mehr in Italien hielt. Die Oper verschwand bereits nach nur drei Aufführungen vom Spielplan, weil sie dem Publikum zu blutrünstig erschien. Auch wenn man in anderen Teilen Italiens aufgrund der großartigen Musik bereit war, über die krude Geschichte hinwegzusehen, und es in den Folgejahren zu neuen Produktionen in Turin, Mailand, Florenz, Rom, Neapel und Palermo kam, verschwand das Werk wie die meisten anderen Opern Donizettis Mitte des 19. Jahrhunderts von den Bühnen und schlummerte über 100 Jahre in den Archiven, bevor mit dem wieder aufkeimenden Interesse an Donizetti auch diese Oper wieder ausgegraben wurde, zuletzt unter anderem beim Donizetti Opera Festival 2013 in Bergamo und Wexford Festival Opera 2016 in Irland. Das australische Musikmagazin Limelight listete das Werk allerdings 2013 unter den "zehn dümmsten Opern" der Musikgeschichte auf.

Bild zum Vergrößern

Maria (Julia Araújo, Mitte) erfährt, dass Corrado (Dmitry Lavrov) ihre Kusine Matilde (Annika Gerhards, links) heiraten will (im Hintergrund: Rambaldo (Clarke Ruth) mit dem Opernchor).

In der Tat ist die Handlung sehr fragwürdig. Maria de Rudenz war mit ihrem Geliebten Corrado di Waldorf aus der Schweiz nach Italien geflohen, weil ihr Vater Graf Rudenz diese Verbindung nicht billigte. Dort begann Corrado allerdings, an Marias Treue zu zweifeln, und ließ sie in den Katakomben Roms nach einem Streit in der Hoffnung zurück, dass sie dort umkommen werde. Nach dem Tod des Grafen Rudenz kehrte er in die Schweiz zurück und verliebte sich in Marias Kusine Matilde di Wolf. An dieser Stelle beginnt die eigentliche Oper. Matilde soll das Schloss des Grafen Rudenz erben, wenn Maria nicht innerhalb eines Jahres wieder auftaucht. Inzwischen kehrt auch Maria reumütig zum Schloss zurück und beschließt, ihrer Kusine das Erbe zu überlassen und stattdessen ins Kloster zu gehen. Als sie jedoch erfährt, dass Corrado Matildes zukünftiger Ehemann ist, wird sie von Rachegefühlen gepackt, tritt ihr Erbe selbst an, verjagt Corrado aus dem Schloss und verfügt, dass Matilde ihr restliches Leben im Kloster verbringen soll. Corrados Bruder Enrico, der ebenfalls in Matilde verliebt ist, bittet Maria, Matilde heiraten zu dürfen. Maria ist bereit, seinen Wunsch zu unterstützen, und weiterhin bemüht, Corrado zurückzugewinnen. Im Nachlass ihres Vaters hat sie einen Beweis dafür gefunden, dass Corrado nicht Enricos Bruder ist, sondern der Sohn eines Mörders, der damals gehenkt worden ist. Als sie Corrado droht, dieses Geheimnis öffentlich zu machen, wenn er nicht zu ihr zurückkehre, kommt es zu einer Auseinandersetzung, bei der Corrado Maria niedersticht. Der herbei eilenden Dienerschaft gegenüber beteuert Maria Corrados Unschuld und behauptet, den Dolch selbst geführt zu haben. Während alle denken, Maria sei tot, verbirgt sie sich tödlich verwundet im Schloss, und beobachtet, wie Corrado die Hochzeitsfeierlichkeiten mit Matilde plant. Enrico hat mittlerweile Corrados wahre Identität enthüllt und fordert ihn zum Duell, dem er allerdings selbst zum Opfer fällt. Als Corrado vom Duell zurückkehrt, trifft er auf die tot geglaubte Maria, die ihm mitteilt, ihre Kusine Matilde im Brautgemach getötet zu haben. Ein letztes Mal gesteht sie ihm ihre Liebe und stirbt.

Bild zum Vergrößern

Maria (Julia Araújo) will Corrado (Dmitry Lavrov) zurückgewinnen.

Das Regie-Team um Hinrich Horstkotte setzt die schaurig romantische Geschichte mit großartigen Bildern um. Dazu tragen die opulenten Kostüme bei, für die Horstkotte verantwortlich zeichnet. Nachdem Maria zunächst in einem schwarzen Kapuzenmantel ins Schloss geschlichen ist, um reumütig von ihrem verstorbenen Vater Abschied zu nehmen und ins Kloster zu gehen, verwandelt sie sich in ihrem ausladenden lilafarbenen Kleid in eine rächende Furie, die mit ihrer Augenklappe ein wenig an die Prinzessin Eboli aus Schillers Don Karlos erinnert. Auf dem Kopf trägt sie eine Art schwarze Krone, die in der Form an ein Spinnennetz erinnert. Den Dolch, mit dem Corrado sie im zweiten Akt niedersticht, führt sie zunächst die ganze Zeit selbst, so dass es durchaus glaubhaft wirkt, wenn sie verkündet, dass Corrado an ihrem Tod keine Schuld trägt. Immerhin setzt sie während des Duetts mehrmals an, sich selbst zu erdolchen, und wird von ihm daran gehindert. Im dritten Akt wandelt sie dann wie ein Gespenst aus einem Schauerroman über die Bühne. Das weiße Kostüm besteht hier größtenteils aus Verbänden, die das Bluten ihrer Wunde stoppen sollen, und bilden einen großen Kontrast zu den hellen Kostümen, die Matilde trägt. Zunächst ist diese als Novizin gekleidet, da sie ja eigentlich für das Kloster bestimmt ist. Dann tritt sie in einem weißen Hochzeitskleid auf, wirkt aber sehr beunruhigt und scheint fast selbst dem Wahnsinn verfallen zu sein. Immerhin lässt Horstkotte sie am Ende der Auseinandersetzung zwischen Maria und Corrado im Raum anwesend sein und das Geschehen beobachten. Sie weiß also, dass ihr zukünftiger Gattin an dem Tod Marias nicht unschuldig ist. Auch der Opernchor, der die Dienerschaft und Edelleute im Hause Rudenz darstellt, ist in opulente Kostüme gekleidet.

Bild zum Vergrößern

Enrico (Eleazar Rodríguez) bittet Maria (Julia Araújo), Matilde nicht ins Kloster zu schicken.

Das Bühnenbild von Siegfried E. Mayer nutzt die Drehbühne geschickt, um verschiedene Räume im Schloss Rudenz zu zeigen. Es beginnt in einem nahezu spartanisch eingerichteten Raum mit einem Tisch und zwei Stühlen, in dem Corrado seinem Bruder Enrico erzählt, dass er endlich zurückgekehrt sei, um Matilde zu heiraten und das Erbe des Schlosses anzutreten, was Enrico sehr unglücklich macht, da er selbst Matilde liebt, was er seinem Bruder allerdings nicht mitteilt. Der zweite Raum ist ein großer Saal mit zahlreichen Familien-Porträts an den Wänden. Das lebensgroße Porträt des Grafen Rudenz fungiert auch als eine Art Geheimtür, durch die Maria in den Raum schleicht. In einem dritten Raum kommt es zur Auseinandersetzung zwischen Corrado und Maria. Als besonderer Gag öffnet sich hierbei der Boden, wenn Maria Corrado die düsteren Schatten der Vergangenheit zeigt. Da hört man die Toten in der Gruft stöhnen und sieht ein fahles Licht aus dem Boden aufsteigen. Das Brautgemach hat dann im Hintergrund eine doppelseitige Tür, die Corrado am Ende öffnet, um seine blutüberströmte Braut tot auf dem Bett liegen zu sehen. Der Rest des Raumes ist mit riesigen Tüchern verhängt. Hinter einem hat sich Maria versteckt, um zum geeigneten Zeitpunkt ins Schlafgemach zu schlüpfen und ihre Kusine zu töten. In diesem Ambiente entwickelt das Ensemble die schaurige Geschichte, die bei aller Skurrilität dennoch packend ist.

Bild zum Vergrößern

Corrado (Dmitry Lavrov) versucht Matilde (Annika Gerhards), die von düsteren Vorahnungen geplagt wird, zu beruhigen.

Das mag vor allem an der betörend schönen Musik Donizettis und den großartigen Arien, Duetten und Ensembles liegen. Direkt im ersten Akt hat Donizetti für Corrado eine grandiose Auftrittsarie komponiert, in der er seine tiefe Liebe zu Matilde besingt. Hier ist man als Publikum direkt in doppelter Hinsicht sprachlos, zum einen weil man nicht damit rechnet, dass eine so leidenschaftliche Arie für einen Bariton komponiert ist, zum anderen, weil man hinterfragt, ob Corrado wirklich der eigentliche Bösewicht des Stückes sein kann. Dmitry Lavrov meistert die Partie mit kraftvollem Bariton und bewegenden Tiefen. So lässt sich gut nachvollziehen, dass Matilde sich in ihn verliebt hat und Enrico, der sich ihr zu keiner Zeit offenbart, gar nicht wahrnimmt. Eleazar Rodríguez kann als Enrico direkt im Anschluss gemeinsam mit Lavrov den nächsten musikalischen Glanzpunkt präsentieren, ein großartiges Duett zwischen den beiden Männern, in dem Corrado von Matilde schwärmt und Enrico seine Enttäuschung kaum vor seinem Bruder verbergen kann. Rodríguez punktet mit strahlenden Höhen. Es dauert bis zum dritten Akt, bis Enrico sich schließlich gegen seinen Bruder stellt, nachdem er die Wahrheit über dessen Herkunft erfahren hat. Nun lässt er sich von einem Duell nicht mehr abbringen, was in einem weiteren Duett glanzvoll zum Ausdruck gebracht wird.

Da das Stück allerdings Maria de Rudenz heißt, hat Donizetti die schönsten Arien natürlich der Titelpartie vorbehalten. Mit Julia Araújo hat man in Gießen eine Interpretin, die dieser Partie mit jeder Faser gewachsen ist. Mit intensivem Spiel nimmt man ihr die schon krankhafte Liebe zu Corrado ab und spürt den Wahnsinn, der in dieser Figur schlummert. Während sie ihren ersten Auftritt mit zartem Sopran anlegt, wandelt sich ihr Tonfall, sobald sie erfährt, dass Corrado ihre Kusine Matilde heiraten will zu einem rachsüchtigen Ausbruch, bei dem sie mit dramatischen Höhen begeistert. Ein weiterer Glanzpunkt ist das große Duett im zweiten Akt, wenn Maria Corrado zunächst mit seiner dunklen Herkunft konfrontiert und, als das nicht reicht, schließlich sogar droht, Matilde zu töten. Was Araújo und Lavrov stimmlich und darstellerisch leisten, ist atemberaubend. Kann es dazu noch eine Steigerung geben? Ja, denn es kommt ja noch das große Finale. Hier dreht Araújo mit atemberaubenden Koloraturen noch einmal voll auf und rührt am Ende zu Tränen, wenn sie zu zerbrechlich angesetzten Piani stirbt, auch wenn man inhaltlich nicht hinterfragen darf, woher eine tödlich verwundete Frau zu diesen Spitzentönen und diesen Bögen noch die Kraft hernehmen soll. Aber man befindet sich ja in einer Belcanto-Oper.

Annika Gerhards setzt die Partie der Matilde mit weichem Sopran an und wird damit dem zarten Charakter der Figur gerecht. Sie hat ihren größten Moment im dritten Akt, wenn die Eheschließung mit Corrado von ihren düsteren Ahnungen überschattet wird. Clarke Ruth überzeugt als langjähriger Diener Rambaldo genauso wie der von Moritz Laurer gut einstudierte Opernchor des Stadttheaters Gießen. Andreas Schüller holt mit dem Philharmonischen Orchester Gießen einen wunderbaren Klang aus dem Graben, der das Publikum in schaurig-schönem Belcanto baden lässt, so dass es für alle Beteiligten frenetischen Jubel am Ende gibt.

FAZIT

Sieht man von der mehr als kruden Handlung ab, hat diese Belcanto-Oper es durchaus verdient, dem Vergessen entrissen zu werden.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Andreas Schüller

Regie und Kostüme
Hinrich Horstkotte

Bühne
Siegfried E. Mayer

Licht
Konstantin Wassilewskij

Chorleitung
Moritz Laurer

Dramaturgie
Leonard Lampert

 

Philharmonisches Orchester Gießen

Opernchor
des Stadttheaters Gießen

 

Solistinnen und Solisten

Maria de Rudenz
Julia Araújo

Corrado di Waldorf
Dmitry Lavrov

Enrico di Waldorf
Eleazar Rodríguez

Matilde di Wolff
Annika Gerhards

Rambaldo
Clarke Ruth

Ein Amtsschreiber
Ferdinand Keller

Statisterie
Edith Müller
Michael Zarniko

 


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Stadttheater Gießen
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -