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Die Macht einer Toten
Von Thomas Molke /
Fotos: © Björn Hickmann
Als Daphne du Maurier 1938 ihren vierten Roman Rebecca vollendete, sollte es nach der Veröffentlichung nicht lange dauern, bis dieser brillante Krimi für die Bühne und den Film adaptiert wurde. Eine der berühmtesten Versionen dürfte die Verfilmung von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1940 mit Joan Fontaine und Sir Laurence Olivier in den Hauptrollen darstellen. Auch die Idee, die Geschichte auf die Musiktheaterbühne zu bringen, nahm schon relativ frühzeitig Gestalt an. Es sollte aber viele Jahre dauern, bis schließlich Sylvester Levay und Michael Kunze nach ihren großen Erfolgen mit Elisabeth und Mozart! die Erben der Autorin überzeugen konnten, den Stoff für eine Musicalfassung freizugeben. So entstand eines der bisher bedeutendsten Musicals des 21. Jahrhunderts, das am 28. September 2006 im Wiener Raimund Theater zur Uraufführung gelangte. Von Wien aus trat das Werk einen Siegeszug rund um den Globus an. Nun hat sich das Theater Dortmund in Zusammenarbeit mit den Vereinigten Bühnen Wien die Aufführungsrechte gesichert und stellt erneut unter Beweis, dass man neben klassischer Oper auch Musicals präsentieren kann, die es mit den kommerziellen Musical-Tempeln aufnehmen können. Die zunächst angesetzten 28 Vorstellungen sind bereits jetzt nahezu ausverkauft, so dass drei weitere Aufführungen ins Programm genommen werden. Maxim de Winter (Mark Seibert) trifft in Monte Carlo auf "Ich" (Antonia Kalinowski) und verliebt sich in sie. Garant für den Erfolg um die schon in der Romanvorlage namenlose zweite Gattin des Maxim de Winter, die sich auf Schloss Manderley den Erinnerungen an die verstorbene Rebecca de Winter stellen muss, ist nicht nur eine packende Geschichte, die von Levay mit eingängigen Melodien unterlegt worden ist. Auch die großartige szenische Umsetzung, für die man Gil Mehmert als Regisseur engagiert hat, der sich hier in Dortmund in den letzten Jahren unter anderem mit Grease, Sweeney Todd, Cabaret, Jekyll & Hyde und West Side Story als Spezialist für beste Musical-Unterhaltung empfohlen hat, dürfte ein Grund für die jetzt schon größtenteils ausverkauften Vorstellungen sein. Neben einer ausgeklügelten, authentischen Personenregie lässt er auch in Rebecca die beiden Bühnenbildner Karl Fehringer und Judith Leikauf regelrecht zaubern, so dass durch Einsatz der Drehbühne blitzschnell neue Räume entstehen, die die leicht unheimliche Atmosphäre des Landsitzes Manderley wunderbar einfangen. Selbst die Schlussszene, in der Mrs. Danvers das Haus in Brand steckt und in den Flammen umkommt, wird mit ausgeklügelter Pyrotechnik umgesetzt. Mrs. van Hopper (Amani Robinson, rechts) macht "Ich" (Antonia Kalinowski, links) klar, dass sie niemals eine Lady sein wird. Schon der Anfang des Musicals, der in einem Prolog den mittlerweile berühmten Romananfang des Buches, "Ich hab geträumt von Manderley", aufgreift, zeigt in der Ferne das Gerüst des Schlosses, das hier fast schon wie eine ausgebrannte Ruine wirkt. Von dort verwandelt sich der Raum in einen mondänen Hotelkomplex in Monte Carlo, wo Maxim de Winter erstmals auf seine zukünftige zweite Frau trifft, die im Programmheft als "Ich" bezeichnet wird und als Gesellschafterin die exaltierte Mrs. van Hopper begleitet. Kostümbildner Falk Bauer findet für die Figuren eine der damaligen Zeit angepasste historisierende Ausstattung, wobei er bei Mrs. van Hopper bewusst übertreibt, um ihre Egozentrik hervorzuheben. Wenn Maxim seine Zukünftige zum Strand führt und mit ihr gemeinsam auf das Meer hinausblickt, trägt das Ensemble unter dem erhöhten Bühnenelement, auf dem sich de Winter und "Ich" befinden, kleine weiße Schiffe an Stöcken, die sich scheinbar in den Wogen des Meeres bewegen. Großartig gelingt die Verwandlung vom Hotel in Monte Carlo in das Schloss Manderley. Blickfang dabei ist eine ausladende Wendeltreppe, die durch Einsatz der Drehbühne mal in das Schlafzimmer der verstorbenen Rebecca führt, dann hinunter in den Salon oder das Büro Rebeccas, das mit wenigen Requisiten sehr liebevoll angedeutet wird. Das Bootshaus, in dem Rebecca, wie man später erfährt, zu Tode kam, befindet sich auf der Rückseite dieses riesigen Bühnenelementes und wird durch Felsbrocken, die teilweise aus dem Schnürboden herabgelassen und teilweise auf die Bühne geschoben werden, angedeutet. Diese Wechsel gehen alle unglaublich schnell vonstatten, ohne dass der Handlungsablauf dadurch ins Stocken gerät. Mrs. Danvers (Bettina Mönch, links) macht "Ich" (Antonia Kalinowski, rechts) einen fatalen Vorschlag für den Kostümball auf Manderley. Ein Großteil des jungen Ensembles tritt nicht nur in kleineren Partien als Dienstboten im Haus der de Winters oder als Oberst auf, der den Fall "Rebecca" nach Fund der Leiche erneut aufgreift, sondern begeistert auch als Chor mit ausgeklügelten Choreographien von Yara Hassan und sorgt für die zahlreichen schnellen Umbauten. Die Hauptpartien sind absolut hochkarätig besetzt. Antonia Kalinowski, die im vergangenen Jahr in Dortmund als äußerst kesse Sandy in Grease begeistert hat, zeigt als "Ich" eine große Wandlungsfähigkeit. Anfangs gibt sie die Figur absolut scheu und schüchtern und versucht, es allen recht zu machen. Maxim nimmt sie zunächst nicht als gleichberechtigte Partnerin wahr und glaubt, in ihr lediglich eine Frau zu Repräsentationszwecken für Manderley gefunden zu haben. Die Dienstboten vermissen ihre Führungsstärke, und Mrs. Danvers ist überzeugt, mit der neuen Mrs. de Winter leichtes Spiel zu haben. Bewegend gelingt die Szene, in der die Haushälterin die neue Herrin des Hauses in den Selbstmord durch den Sprung aus dem Fenster treiben will. Doch dann gewinnt "Ich" an Stärke und entwickelt sich allmählich zu einer starken Frau, die sich den Anfeindungen widersetzt und ihrem Mann vor Gericht eine echte Stütze bietet. Das alles wird von Kalinowski glaubhaft umgesetzt. Stimmlich überzeugt sie zunächst mit sehr sanften Tönen, die im weiteren Verlauf an Entschlossenheit gewinnen. Bei Mark Seibert war wohl am Vormittag noch nicht ganz klar, ob er gesundheitlich der Partie des Maxim de Winter zur Premiere gewachsen sei. Das Theater Dortmund hat auch schon einen Plan B für den Fall, dass Seibert nicht auftreten könne oder nach dem ersten Akt abbrechen müsse. Allerdings stehen dafür nicht die beiden anderen Besetzungen, Jan Ammann und Philipp Dietrich, zur Verfügung, sondern Markus Schneider, der als Cover die Partie bereits einstudiert hat. Deshalb singt Schneider auch nicht die Partie von Maxims Freund Frank Crawley, wie es ursprünglich für die Premiere geplant ist, sondern Andreas Schneider. Seibert lässt sich allerdings von der Begeisterung des Publikums tragen und hält bis zum Ende durch. Auch wenn man merkt, dass er stimmlich ein wenig angeschlagen ist, meistert er die Partie großartig und spielt den überraschenden Plot-Twist, dass Maxim Rebecca gehasst und nicht geliebt habe, wunderbar aus, auch wenn es aus heutiger juristischer Sicht sehr fragwürdig ist, wieso er nicht für den Mord an Rebecca zur Rechenschaft gezogen wird. Markus Schneider, der so in der Premiere nicht auftreten kann, soll als Maxim de Winter in den noch zusätzlich anzusetzenden Aufführungen zu erleben sein. Für Mrs. Danvers (Bettina Mönch) ist Rebecca auch nach ihrem Tod noch die Herrin auf Manderley. Ein weiterer Glanzpunkt des Abends ist Bettina Mönch als Mrs. Danvers. Mit welcher Präsenz sie bei ihren Auftritten die Bühne beherrscht und allein durch ihre Haltung und Körperspannung die Unnahbarkeit und Unberechenbarkeit der Figur zum Ausdruck bringt, ist großartig und unheimlich zugleich. Man kann gut nachvollziehen, dass "Ich" enorme Schwierigkeiten hat, dieser starken Frau Paroli zu bieten, wenn sie Rebeccas Geist weiterhin über Manderley herrschen lässt. Mönchs Interpretation des Songs "Rebecca" gehört musikalisch zu den Höhepunkten des Abends. Zur tragischen Figur entwickelt sie sich, wenn sie erkennt, dass die von ihr vergötterte Rebecca auch ihr gegenüber nicht ehrlich war. Die Tatsache, dass sie nichts von Rebeccas tödlicher Krebserkrankung gewusst hat, lässt Mrs. Danvers verzweifeln, so dass glaubhaft wird, dass sie dem Wahn verfällt und das Schloss in Brand steckt. Einen weiteren musikalischen Höhepunkt hat David Jakobs als windiger Jack Favell, der mit seinem Wissen Maxim de Winter erpressen will. Sein Song "Eine Hand wäscht die and're Hand" fällt stilistisch etwas aus der restlichen Musik heraus und bildet eine willkommene musikalische Abwechslung. Amani Robinson zeichnet die Mrs. van Hopper herrlich überdreht, und auch die übrigen Partien sind mit Andreas Schneider als Frank Crawley, Alexandra Farkic als Beatrice, Florian Soyka als Giles und Max Lochmüller als Ben gut besetzt. Die Dortmunder Philharmoniker zeigen unter der Leitung von Carlos Vázquez, dass sie auch das Musical-Metier mit enormer Leichtigkeit beherrschen, so dass es am Ende frenetischen Jubel und stehende Ovationen gibt. Kaum zu bremsen ist das Publikum, wenn auch noch Komponist Sylvester Levay und Textdichter Michael Kunze vor den Vorhang treten. FAZIT Die Oper Dortmund zeigt mit dieser Produktion einmal mehr, dass sie es mit den kommerziellen Musical-Tempeln in jeder Beziehung aufnehmen kann. Die Produktion läuft noch bis April 2027, also schnellstens Karten sichern.
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ProduktionsteamMusikalische Leitung und Keyboard
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Choreographie
Lichtdesign
Dramaturgie
Dortmunder Philharmoniker
Solistinnen und Solisten *Premierenbesetzung "Ich" Maxim de Winter Mrs. Danvers Jack Favell Edith van Hopper Frank Crawley Beatrice Lacy Ben Giles Lacy / Ensemble Oberst Julian / Ensemble Clarice / Ensemble Frith / Ensemble Robert / Ensemble Horridge / Ensemble Mrs. Rutherford / Ensemble Ensemble Swing
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