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Kleist-Doppel zwischen existenzieller Größe und VerharmlosungVon Stefan Schmöe / Fotos von Sandra ThenAn dieser Liebe müssen beide Liebenden zugrunde gehen: Im Trojanischen Krieg trifft Amazonenkönigin Penthesilea auf den griechischen Superhelden Achill. Einmal hat er sie bereits besiegt; jetzt fordert er sie zum Zweikampf - den er verlieren will, denn nach dem Gesetz der Amazonen darf Penthesilea nur einen Besiegten zum Mann nehmen. Sie aber tötet ihn, zerfleischt in Raserei den Leichnam - und stirbt, als sie die Situation realisiert. Heinrich von Kleist verfasste 1808 sein ziemlich sperriges Drama Penthesilea, und 1927 vertonte Othmar Schoeck den (dafür drastisch gekürzten) Text. An der Grenze zwischen Spätromantik und Moderne nimmt die gleichnamige kurze, rund 80-minütige Oper eine seltsame Stellung ein. Den Sprung ins Repertoire hat sie nie geschafft, ganz von den Spielplänen verschwunden ist sie auch nicht. So war das Stück 2017 in Bonn zu sehen (unsere Rezension). In Weimar hat Valentin Schwarz im September Penthesilea zum Einstand seiner Intendanz in Weimar (die er im Team mit Dorian Dreher und Timon Jansen ausübt) inszeniert. Das sagt auch einiges über Schwarz' Ambitionen. Man kann sicher einfachere Werke für einen solchen Anlass wählen.
Penthesilea: Die Amazonenkönigin Penthesilea und Achill sind sich in Feindschaft wie in Liebe verbunden
Die Bühne (Andrea Cozzi) ist ein abstrakter Raum (mit zerbrochenen Scheiben, schließlich ist Krieg), die Kostüme (Andy Besuch) geben sich abstrakt-stilisiert - eine Mischung aus Jedi-Ritter, ostasiatischem Theater und Mönchskutten für die Griechen, Schürzen mit zielscheibenartigem Aufdruck für die Amazonen (der erinnert ein wenig an die bunten Blumenaufkleber auf Spülmittel-Flaschen in den 1970er-Jahren, die anschließend jede zweite westdeutsche Küche zierten). Penthesilea tritt im dunkelroten Ganzkörperanzug auf, Achill in einer Art schwarzweißem Priestergewand. Das entrückt die beiden Figuren der Realität und verleiht ihnen das erforderliche Charisma, um zu zeigen, dass es hier um alles geht. Die Tötung Achills wird mit einer sich blutrot verfärbenden Leuchtstoffröhre angedeutet. Schwarz hält sich mit einer Interpretation zurück und lässt die beiden fast rituell umeinander kreisen. Das gibt dem Werk Größe und der Musik den Raum, den sie braucht. Ein kleines Augenzwinkern im großen Pathos darf auch aufblitzen. Sayaka Shigeshima mit eher lyrischem als dramatischem, nicht zu kleinem, dunkel timbriertem Mezzosopran in der Titelpartie und Bariton Michael Kupfer-Radecky als klangschöner, elegant phrasierender Achill liefern sich ein packendes, trotzdem vokal kultiviertes Duell.
Penthesilea: Ensemble
Schoeck wechselt immer wieder zwischen gesprochenem und gesungenem Text (mit Zwischenstufen). Gewöhnungsbedürftig ist die Art des Sprechens, das hier meist nichts von edler Deklamation der Kleist'schen Verse hat; statt dessen keifen, flüstern oder röcheln die Darstellerinnen und Darsteller die Texte, die dadurch eine verfremdende klangliche Dimension bekommen - zusätzliche Klangfarben zum Orchester, bei dem Schoeck auf die Tutti-Violinen verzichtet und stattdessen vier Solo-Violinen einsetzt, dazu neben dem spätromatischen Orchester (mit zehn Klarinetten!) zwei Klaviere und umfangreiches Schlagwerk. Die Staatskapelle Weimar spielt unter der Leitung ihres Chefdirigenten Daniel Carter sehr konzentriert und hebt die schroffen, manchmal fahlen Farben hervor. Wo Kleists artifizielle Sprache an die Grenzen des Sagbaren stößt, eröffnet die Musik neue (Klang-)Räume für die hysterisch-verzweifelte Penthesilea.
Penthesilea: Penthesilea und Achill
Damit nicht genug: Auf die Tragödie folgt das Satyrspiel, nämlich Der zerbrochene Krug, ebenfalls eine Vertonung eines Dramentextes Heinrich von Kleists. Man soll diese Zusammenstellung durchaus programmatisch interpretieren, sagte sinngemäß Dramaturg Sören Sarbeck in seinem ebenso launigen wie fundierten Einführungsvortrag vor der hier besprochenen Vorstellung. So steht die Auseinandersetzung mit dem klassischen Erbe (Der zerbrochne Krug, bei Kleist mit einem "e" weniger als bei Ullmann, wurde, eine nette Anekdote am Rande, unter der Leitung von Goethe in Weimar uraufgeführt) neben dem Unbekannten. Viktor Ullmann komponierte sein 40 Minuten kurzes Werk 1941/42 und beendete es vermutlich nach seiner Deportation ins KZ Theresienstadt. Stilistisch bedient er sich eines Buffo-Stils mit Anklängen an die Moderne. Carter und die Staatskapelle schlagen hier allerdings einen romantischeren Ton als bei Schoeck an, eine Spur zu süffig vielleicht.
Der zerbrochene Krug: Adam und Eve hinter der Bühne, auf der gerade Penthesilea gespielt wurde
Ob Kleists Zerbrochner Krug wirklich das Lustspiel ist, das es vorgibt zu sein, darüber lässt sich trefflich streiten. Dorfrichter Adam soll in einem Fall urteilen, bei dem er selbst der Täter ist: Er nämlich hat den ominösen Krug zerbrochen, als er die junge Eve sexuell bedrängte unter dem Vorwand, er könne - gewisse Gegenleistungen erwartend - deren Verlobten Ruprecht vor der Einberufung zum Militärdienst mit angeblichem Kriegseinsatz in Ostasien bewahren. Mit dem Krug geht also eine ganze Welt- und Rechtsordnung zu Bruch. Valentin Schwarz allerdings interessiert sich mehr für den #metoo-Aspekt und erzählt die Geschichte als Backstage-Story aus dem Theater just am Abend der vorher gezeigten Penthesilea mit manchen amüsanten Querverbindungen. Aus dem Richter wird der übergriffige Intendant, aus dem (im Lustspiel Rettung bringenden) Gerichtsrat Walter, Vertreter der höheren Instanz und Revisor, ein Referent aus dem Kultusministerium in der benachbarten Landeshauptstadt Erfurt. Ein paar kleine Textänderungen sorgen für Lokalkolorit. Das funktioniert ganz gut, zumal es an diversen Theatern solche Probleme gegeben hat (und vielleicht noch gibt) und die Geschichte grundsätzlich leider sehr plausibel erscheint. Das Weimarer Ensemble singt und spielt mit Witz und Esprit. Dabei geht der Oper, die vergleichsweise ausführlich beginnt, irgendwann die Luft aus, als habe jemand den Stecker gezogen. Ullmann macht, der Kalauer sei erlaubt, kurzen Prozess und führt die Geschichte einem allzu schnellen Ende zu. Vielleicht hätte ein gutes Stück daraus werden können, wenn sich die Charaktere sorgfältiger entwickeln könnten. Und wenn Ullmann das Offensichtliche auskomponiert hätte: Das Unrechtssystem der Zeit. Also insbesondere das Unrechtssystem der Nazis. Das System also, das Ullmann zwei Jahre später in Auschwitz ermorden ließ.
Der zerbrochene Krug: Richter bzw. Intendant Adam und Regierungsrat bzw. Ministerialreferent Walter
Vermutlich wird man den Werken Ullmanns nicht gerecht, wenn man den Blick auf ihren Schöpfer allzu verengt auf das Opfer der Nazis reduziert. Aber man kann Ullmann eben auch nicht ohne die tragische Biographie mit dem Tod im KZ denken. Schwarz' Inszenierungskonzept mag der Oper Autonomie gegenüber der Entstehungsgeschichte einräumen wollen. Aber indem er nicht vorrangig die Rechtsbeugung, sondern den sexuellen Übergriff thematisiert und (wenn auch beispielhaft) im Kontext des Theaters verankert, siedelt er die Oper in der Nähe etwa von Donizettis Viva la Mamma an: Ein Schwank über Sitten und Unsitten auf und hinter der Theaterbühne. Einen Intendanten wie diesen Adam mag man absetzen können. Die politische Instrumentalisierung der Justiz, ein immer wieder brisantes Thema, ist leider gar nicht komisch. Diese Ebene des Stoffes, eigentlich die noch gewichtigere, bleibt Schwarz dem Werk schuldig. Ob die Oper das überhaupt aushalten könnte oder doch zu leichtgewichtig ist, das ist eine andere Frage. Die Chance, genau das zu erproben, ist in Weimar etwas leichtfertig vertan. FAZITPenthesilea beeindruckt in Valentin Schwarz' ritualisierendem Konzept szenisch wie musikalisch. Im zerbrochenen Krug verharmlost die Regie in der Fixierung auf die #metoo-Debatte das (größere) Justizdrama. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Chor
Dramaturgie
Sänger* Besetzung der rezensierten Aufführung
Penthesilea
Penthesilea
Prothoe
Meroe
Oberpriesterin
Achill
Diomedes/Hauptmann
Herold
Walter, Referent im Kulturministerium
Adam Richter, Intendant / Chefregisseur
Licht, Chefdramaturg
Marthe Rull
Eve, Ensemblemitglied Musiktheater
Veit Tümpel, Zweite Geige
Ruprecht, Schreinermeister
Brigitte, Reinigungsfachkraft
Martin, Pförtner
Liese, Assistentin des Intendanten
Margarethe, Pressesprecherin
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