Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



The Lodger

Oper in zwei Akten
Libretto von David Franklin nach dem gleichnamigen Roman von Marie Adelaide Belloc Lowndes
Musik von Phyllis Tate

In englischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 30' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 18. April 2026


Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Packende Umsetzung einer mehr als fragwürdigen Geschichte

Von Claudia Stockmann / Fotos: © Matthias Jung

Ein Schwerpunkt der Wuppertaler Opernintendantin Rebekah Rota liegt auf der Erkundung seltener Opernschätze von kreativen Komponistinnen der musikalischen Moderne. Nachdem in Rotas erster Spielzeit Ethel Smyths Musikdrama Der Wald mit Arnold Schönbergs Erwartung kombiniert worden war, sollte im vergangenen Jahr eigentlich The Lodger von Phyllis Tate folgen. Aus organisatorischen Gründen musste die Produktion aber um ein Jahr verschoben werden und feiert nun im Opernhaus Premiere. Wie schon bei Erwartung / Der Wald soll eine CD der Aufführung erscheinen. Die Premiere wird von WDR 3 aufgezeichnet und am 16. Mai 2026 um 20.04 bei "ARD Oper bei WDR 3" gesendet. Tate gehört zu den bedeutendsten britischen Komponistinnen des 20. Jahrhunderts und hat sich vor allem Instrumentalwerken für Kammermusik gewidmet. Eine Ausnahme bildet ihre zweiaktige Oper The Lodger, die zwischen 1957 und 1960 entstand und am 16. Juli 1960 in der Royal Academy of Music in London zur Uraufführung gelangte.

Bild zum Vergrößern

Emma (Edith Grossman) und George Bunting (Andrew Nolen, links) nehmen den geheimnisvollen Unbekannten (Zachary Wilson, rechts) als Untermieter auf.

Erzählt wird die Geschichte des Serienmörders Jack the Ripper, dem in London 1888 mindestens fünf Frauen zum Opfer fielen. Auch wenn er als The Lodger den Titel des Stückes markiert, steht im Zentrum der Handlung wie in dem zugrunde liegenden gleichnamigen Roman von Marie Adelaide Belloc Lowndes von 1911 Emma Bunting, die mit ihrem Mann in finanziellen Schwierigkeiten steckt und verzweifelt versucht, einen Untermieter für das Zimmer ihrer erwachsenen Tochter Daisy zu finden. Da kommt ihnen der elegant wirkende Herr, der an ihre Tür klopft, gerade recht. Doch allmählich wird er ihnen suspekt, weil er in seinem Zimmer fanatisch Verse aus der "Offenbarung" zitiert. Als sie schließlich Gewissheit erlangen, dass es sich um den gesuchten Serienmörder handelt, beschließt Emma dennoch, ihn nicht der Polizei auszuliefern, da sie ihn für eine kranke Seele hält und glaubt, dass er geheilt und nicht zum Tode verurteilt werden müsse. So kommt es zu einer emotionalen Aussprache zwischen Emma und dem Untermieter, und der Untermieter verschwindet in der Nacht, bevor er von der Polizei gefasst werden kann.

Bild zum Vergrößern

Der Untermieter (Zachary Wilson) wird George (Andrew Nolen, hinter der Wand) und Emma Bunting (Edith Grossman, hinter der Wand) unheimlich.

Auch wenn Tate 1955 durch die letzte Hinrichtung einer Frau in London motiviert worden sein soll, Lowndes' Roman, der übrigens auch 1927 von Alfred Hitchcock zu seinem wohl berühmtesten Stummfilm-Thriller The Lodger - A Story of the London Fog bearbeitet wurde, für eine Oper zu verwenden, um ein Zeichen gegen die Todesstrafe zu setzen, lässt sich Emmas Entschluss, einen brutalen Serienmörder vor einer Bestrafung zu schützen, nicht nachvollziehen. Von einem moralischen Dilemma, dass er aufgrund seiner Krankheit eher geheilt werden müsse und nicht zum Tode verurteilt werden solle, ist inhaltlich im Stück nichts zu spüren. Immerhin werden die Buntings panisch, als sie vermuten, dass der Untermieter allein mit ihrer Tochter Daisy im Haus sei, und empfinden große Erleichterung, dass Daisys Verlobter, der Polizist Joe Chandler, bei ihr ist. Auch im Gespräch im zweiten Akt, in dem der Untermieter Emma Verrat vorwirft, da er sie zuvor beim Inspizieren seines Zimmers ertappt hat, zeigt er keinerlei Einsicht, dass sein Handeln krank ist, so dass man sich fragt, woher denn Emmas Gefühle für den Untermieter eigentlich kommen sollen. Dass das Morden dann ein Ende haben soll, weil er - vielleicht geläutert? - die Stadt verlässt, wirkt ebenfalls nicht sehr glaubwürdig, so dass man dem Stück dramaturgisch einige Mängel vorwerfen muss, die aber vielleicht auch schon von der Romanvorlage herrühren.

Bild zum Vergrößern

Durch den Bericht des Polizisten Joe (Merlin Wagner, Mitte) sind George (Andrew Nolen, rechts) und Emma (Edith Grossman) sicher, dass es sich bei ihrem Untermieter um Jack the Ripper handelt.

Musikalisch findet Tate einen sehr atmosphärischen Zugang zur Geschichte, was von einer naturalistischen Inszenierung gestützt wird, die in der Ausstattung fast an kommerzielle Musical-Produktionen erinnert. Alyson Cummins schafft ein Bühnenbild, das die düstere, leicht unheimliche Atmosphäre Londons im ausgehenden 19. Jahrhundert großartig einfängt. Zwei fahl leuchtende Laternen rahmen die Bühne auf beiden Seiten ein. Im Zentrum befindet sich ein zweistöckiges Haus, das mit herrlicher Detailverliebtheit eingerichtet ist. Im unteren Geschoss befindet sich die Stube der Buntings, die sehr eng wirkt und die bescheidenen Lebensumstände des Ehepaars betont. So können sie sich zu Beginn noch nicht einmal das Feuer für den Kamin leisten. Links neben der Stube befindet sich ein enger Flur, der hinauf in das Zimmer führt, das die Buntings zur Vermietung anbieten. Auch das Zimmer im oberen Geschoss ist sehr naturalistisch ausgestattet. Die Dünne der Wände wird dadurch hervorgehoben, dass man teilweise hinter den Wänden die Buntings erkennt, wenn sie den Untermieter belauschen. Im Zimmer hängt ein Aktfoto, das der Untermieter zu Beginn zerschneidet. Diese Schnitte werden teilweise auf die Wände projiziert und befinden sich auch als frische Wunden auf dem Oberkörper des Untermieters.

Bild zum Vergrößern

Der Untermieter (Zachary Wilson, links) und der Erzähler (Alexander Wulke, rechts) als sein Alter Ego

Ian Macintosh fügt diesem eindrucksvollen Bühnenbild weitere Videoprojektionen hinzu, die als eine Hommage an Hitchcocks Stummfilm-Thriller betrachtet werden können. Während bei der Ouvertüre unaufhörlich der Nebel über eine Leinwand vor der Bühne wabert, sieht man wie bei einem Stummfilm die Bilder, die die erzählte Geschichte in faszinierender Schwarz-Weiß-Optik ankündigen. Dabei werden die zwei Akte in vier Kapitel und einen Prolog unterteilt, wobei bei jedem Kapitel ein ähnlicher Einstieg wie am Anfang gewählt wird. Zu diesem beeindruckenden Setting steuert Evelien van Camp dann großartige Kostüme bei, die in ihrer viktorianischen Opulenz ebenfalls an einen Musical-Klassiker wie Sweeney Todd oder My Fair Lady erinnern. In diesem Ambiente erzählt Regisseur Greg Eldridge die Geschichte nah am Libretto. Aus einer Radio-Übertragung der Oper in London übernimmt er einen Erzähler, den er vor und teilweise auch während der Instrumental-Passagen einführt. Während diese Figur bei der Radio-Übertragung nur zur Visualisierung der Szene diente, bekommt er von Eldridge eine weitere Funktion. So sitzt er nicht nur teilweise als Beobachter im benachbarten Haus, sondern tritt auch im Zimmer des Untermieters auf und scheint sein Alter Ego zu sein. Wenn Emma kurz vor Schluss die Auseinandersetzung mit dem Untermieter hat, sieht man den Chor, der den Erzähler entkleidet und mit dem Strick erhängen will. Am Oberkörper hat er die gleichen Verletzungen wie der Untermieter, allerdings sind die Wunden bereits vernarbt. Er erzählt die Geschichte also scheinbar aus der Retrospektive.

Für die einzelnen Figuren findet Tate eine sehr individuelle Musiksprache, die vom Ensemble großartig umgesetzt wird. Da ist zunächst Edith Grossman als Emma Bunting zu nennen. Mit warmem Mezzosopran zeichnet sie ein sehr intensives Bild einer Frau, die zwar einerseits große Angst vor dem Unbekannten zu haben scheint, mit der Zeit aber immer Verständnis für seine kranke Seele entwickelt und ihn retten will, auch wenn es dramaturgisch kaum nachvollziehbar ist, was aber weder Grossman noch der Personen-Regie anzulasten ist. Andrew Nolen stattet ihren Gatten George mit dunklem Bass aus, wobei dramaturgisch auch bei ihm nicht klar wird, wieso er es nicht der Polizei meldet, dass er am Mantel des Untermieters kurz nach einem weiteren Mord frisches Blut entdeckt hat. Mit mädchenhaftem Sopran zeichnet Marianna Ortugno als Daisy das Bild eines jungen, unschuldigen Mädchens. Merlin Wagner gibt mit lyrischem Tenor einen ambitionierten Polizisten Joe Chandler, der Daisy über alles liebt. Die beiden Figuren bleiben als einzige dramaturgisch nachvollziehbar. Zachary Wilson zeichnet die Titelpartie mit hellem Bariton als zerrissenen, undurchsichtigen Mann, den eine unheimliche Aura umgibt. Mitleid wie Emma kann man mit dieser Figur aber trotz allem nicht empfinden.

Das Sinfonieorchester unter der Leitung von Yorgos Ziavras setzt diese unterschiedlichen Klangfarben differenziert um und macht das Stück zu einem intensiven Kammerspiel, wobei die Musik stark an Filmmusik erinnert. Der von Ulrich Zippelius einstudierte Opernchor der Wuppertaler Bühnen überzeugt in kleineren Einzelpartien und als homogene Masse, die teilweise sehr volkstümliche Farben ins Stück bringt, zum Ende aber wie ein drohendes Strafgericht wirkt. So gibt es für alle Beteiligten großen und verdienten Jubel am Ende.

FAZIT

Die Inszenierung macht optisch aus dem Stück einen großartigen Abend, der von einem guten Ensemble getragen wird. Bei aller Intensität der Musik darf das Libretto aber als sehr fragwürdig betrachtet werden.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Yorgos Ziavras

Inszenierung
Greg Eldridge

Bühne
Alyson Cummins

Kostüme
Evelien van Camp

Videodesign
Ian Macintosh

Movement Director
Katie Kelly

Choreinstudierung
Ulrich Zippelius

Dramaturgie
Laura Knoll

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Opernchor der Wuppertaler Bühnen


Solistinnen und Solisten

*Premierenbesetzung

George Bunting
Andrew Nolen

Emma Bunting
Edith Grossman

Daisy
Marianna Ortugno

Der Untermieter
Zachary Wilson

Joe Chandler
Merlin Wagner

Ein Zeitungsjunge
Ekaterina Zhuravskaya

Ein Polizist
Agostino Subacchi

Erster Cockney
David Jerusalem Schnitzler

Zweiter Cockney
Katharina Greiß

Dritter Cockney
Oliver Picker

Erzähler
*Alexander Wulke /
Thomas Braus

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum

© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -