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Packende Umsetzung einer mehr als fragwürdigen Geschichte Von Claudia Stockmann / Fotos: © Matthias Jung
Ein Schwerpunkt der Wuppertaler Opernintendantin Rebekah Rota liegt auf der
Erkundung seltener Opernschätze von kreativen Komponistinnen der musikalischen
Moderne. Nachdem in Rotas erster Spielzeit Ethel Smyths Musikdrama Der Wald
mit Arnold Schönbergs Erwartung kombiniert worden war, sollte im
vergangenen Jahr eigentlich The Lodger von Phyllis Tate folgen. Aus
organisatorischen Gründen musste die Produktion aber um ein Jahr verschoben
werden und feiert nun im Opernhaus Premiere. Wie schon bei Erwartung / Der
Wald soll eine CD der Aufführung erscheinen. Die Premiere wird von WDR 3
aufgezeichnet und am 16. Mai 2026 um 20.04 bei "ARD Oper bei WDR 3" gesendet.
Tate gehört zu den bedeutendsten britischen Komponistinnen des 20. Jahrhunderts
und hat sich vor allem Instrumentalwerken für Kammermusik gewidmet. Eine
Ausnahme bildet ihre zweiaktige Oper The Lodger, die zwischen 1957 und
1960 entstand und am 16. Juli 1960 in der Royal Academy of Music in London zur
Uraufführung gelangte.
Emma (Edith Grossman) und George Bunting (Andrew
Nolen, links) nehmen den geheimnisvollen Unbekannten (Zachary Wilson, rechts)
als Untermieter auf.
Erzählt wird die Geschichte des Serienmörders Jack the Ripper, dem in London
1888 mindestens fünf Frauen zum Opfer fielen. Auch wenn er als The Lodger
den Titel des Stückes markiert, steht im Zentrum der Handlung wie in dem
zugrunde liegenden gleichnamigen Roman von Marie Adelaide Belloc Lowndes von
1911 Emma Bunting, die mit ihrem Mann in finanziellen Schwierigkeiten steckt und
verzweifelt versucht, einen Untermieter für das Zimmer ihrer erwachsenen Tochter
Daisy zu finden. Da kommt ihnen der elegant wirkende Herr, der an ihre Tür
klopft, gerade recht. Doch allmählich wird er ihnen suspekt, weil er in seinem
Zimmer fanatisch Verse aus der "Offenbarung" zitiert. Als sie schließlich
Gewissheit erlangen, dass es sich um den gesuchten Serienmörder handelt,
beschließt Emma dennoch, ihn nicht der Polizei auszuliefern, da sie ihn für eine
kranke Seele hält und glaubt, dass er geheilt und nicht zum Tode verurteilt
werden müsse. So kommt es zu einer emotionalen Aussprache zwischen Emma und dem
Untermieter, und der Untermieter verschwindet in der Nacht, bevor er von der
Polizei gefasst werden kann.
Der Untermieter (Zachary Wilson) wird George
(Andrew Nolen, hinter der Wand) und Emma Bunting (Edith Grossman, hinter der
Wand) unheimlich.
Auch wenn Tate 1955 durch die letzte Hinrichtung einer Frau in London motiviert
worden sein soll, Lowndes' Roman, der übrigens auch 1927 von Alfred Hitchcock zu
seinem wohl berühmtesten Stummfilm-Thriller The Lodger - A Story of the
London Fog bearbeitet wurde, für eine Oper zu verwenden, um ein Zeichen
gegen die Todesstrafe zu setzen, lässt sich Emmas Entschluss, einen brutalen
Serienmörder vor einer Bestrafung zu schützen, nicht nachvollziehen. Von einem
moralischen Dilemma, dass er aufgrund seiner Krankheit eher geheilt werden müsse
und nicht zum Tode verurteilt werden solle, ist inhaltlich im Stück nichts zu
spüren. Immerhin werden die Buntings panisch, als sie vermuten, dass der
Untermieter allein mit ihrer Tochter Daisy im Haus sei, und empfinden große
Erleichterung, dass Daisys Verlobter, der Polizist Joe Chandler, bei ihr ist.
Auch im Gespräch im zweiten Akt, in dem der Untermieter Emma Verrat vorwirft, da
er sie zuvor beim Inspizieren seines Zimmers ertappt hat, zeigt er keinerlei
Einsicht, dass sein Handeln krank ist, so dass man sich fragt, woher denn Emmas
Gefühle für den Untermieter eigentlich kommen sollen. Dass das Morden dann ein
Ende haben soll, weil er - vielleicht geläutert? - die Stadt verlässt, wirkt
ebenfalls nicht sehr glaubwürdig, so dass man dem Stück dramaturgisch einige
Mängel vorwerfen muss, die aber vielleicht auch schon von der Romanvorlage
herrühren.
Durch den Bericht des Polizisten Joe (Merlin
Wagner, Mitte) sind George (Andrew Nolen, rechts) und Emma (Edith Grossman)
sicher, dass es sich bei ihrem Untermieter um Jack the Ripper handelt.
Musikalisch findet Tate einen sehr atmosphärischen Zugang zur Geschichte, was
von einer naturalistischen Inszenierung gestützt wird, die in der Ausstattung
fast an kommerzielle Musical-Produktionen erinnert. Alyson Cummins schafft ein
Bühnenbild, das die düstere, leicht unheimliche Atmosphäre Londons im
ausgehenden 19. Jahrhundert großartig einfängt. Zwei fahl leuchtende Laternen
rahmen die Bühne auf beiden Seiten ein. Im Zentrum befindet sich ein
zweistöckiges Haus, das mit herrlicher Detailverliebtheit eingerichtet ist. Im
unteren Geschoss befindet sich die Stube der Buntings, die sehr eng wirkt und
die bescheidenen Lebensumstände des Ehepaars betont. So können sie sich zu
Beginn noch nicht einmal das Feuer für den Kamin leisten. Links neben der Stube
befindet sich ein enger Flur, der hinauf in das Zimmer führt, das die Buntings
zur Vermietung anbieten. Auch das Zimmer im oberen Geschoss ist sehr
naturalistisch ausgestattet. Die Dünne der Wände wird dadurch hervorgehoben,
dass man teilweise hinter den Wänden die Buntings erkennt, wenn sie den
Untermieter belauschen. Im Zimmer hängt ein Aktfoto, das der Untermieter zu
Beginn zerschneidet. Diese Schnitte werden teilweise auf die Wände projiziert
und befinden sich auch als frische Wunden auf dem Oberkörper des Untermieters.
Der Untermieter (Zachary Wilson, links) und der
Erzähler (Alexander Wulke, rechts) als sein Alter Ego
Ian Macintosh fügt diesem eindrucksvollen Bühnenbild weitere Videoprojektionen
hinzu, die als eine Hommage an Hitchcocks Stummfilm-Thriller betrachtet werden
können. Während bei der Ouvertüre unaufhörlich der Nebel über eine Leinwand vor
der Bühne wabert, sieht man wie bei einem Stummfilm die Bilder, die die erzählte
Geschichte in faszinierender Schwarz-Weiß-Optik ankündigen. Dabei werden die
zwei Akte in vier Kapitel und einen Prolog unterteilt, wobei bei jedem Kapitel
ein ähnlicher Einstieg wie am Anfang gewählt wird. Zu diesem beeindruckenden
Setting steuert Evelien van Camp dann großartige Kostüme bei, die in ihrer
viktorianischen Opulenz ebenfalls an einen Musical-Klassiker wie Sweeney Todd
oder My Fair Lady erinnern. In diesem Ambiente erzählt Regisseur Greg
Eldridge die Geschichte nah am Libretto. Aus einer Radio-Übertragung der Oper in
London übernimmt er einen Erzähler, den er vor und teilweise auch während der
Instrumental-Passagen einführt. Während diese Figur bei der Radio-Übertragung
nur zur Visualisierung der Szene diente, bekommt er von Eldridge eine weitere
Funktion. So sitzt er nicht nur teilweise als Beobachter im benachbarten Haus,
sondern tritt auch im Zimmer des Untermieters auf und scheint sein Alter Ego zu
sein. Wenn Emma kurz vor Schluss die Auseinandersetzung mit dem Untermieter hat,
sieht man den Chor, der den Erzähler entkleidet und mit dem Strick erhängen
will. Am Oberkörper hat er die gleichen Verletzungen wie der Untermieter,
allerdings sind die Wunden bereits vernarbt. Er erzählt die Geschichte also
scheinbar aus der Retrospektive.
Für die einzelnen Figuren findet Tate eine sehr individuelle Musiksprache, die
vom Ensemble großartig umgesetzt wird. Da ist zunächst Edith Grossman als Emma
Bunting zu nennen. Mit warmem Mezzosopran zeichnet sie ein sehr intensives Bild
einer Frau, die zwar einerseits große Angst vor dem Unbekannten zu haben
scheint, mit der Zeit aber immer Verständnis für seine kranke Seele entwickelt
und ihn retten will, auch wenn es dramaturgisch kaum nachvollziehbar ist, was
aber weder Grossman noch der Personen-Regie anzulasten ist. Andrew Nolen stattet
ihren Gatten George mit dunklem Bass aus, wobei dramaturgisch auch bei ihm nicht
klar wird, wieso er es nicht der Polizei meldet, dass er am Mantel des
Untermieters kurz nach einem weiteren Mord frisches Blut entdeckt hat. Mit
mädchenhaftem Sopran zeichnet Marianna Ortugno als Daisy das Bild eines jungen,
unschuldigen Mädchens. Merlin Wagner gibt mit lyrischem Tenor einen
ambitionierten Polizisten Joe Chandler, der Daisy über alles liebt. Die beiden
Figuren bleiben als einzige dramaturgisch nachvollziehbar. Zachary Wilson
zeichnet die Titelpartie mit hellem Bariton als zerrissenen, undurchsichtigen
Mann, den eine unheimliche Aura umgibt. Mitleid wie Emma kann man mit dieser
Figur aber trotz allem nicht empfinden.
Das Sinfonieorchester unter der Leitung von Yorgos Ziavras setzt diese
unterschiedlichen Klangfarben differenziert um und macht das Stück zu einem
intensiven Kammerspiel, wobei die Musik stark an Filmmusik erinnert. Der von
Ulrich Zippelius einstudierte Opernchor der Wuppertaler Bühnen überzeugt in
kleineren Einzelpartien und als homogene Masse, die teilweise sehr volkstümliche
Farben ins Stück bringt, zum Ende aber wie ein drohendes Strafgericht wirkt. So
gibt es für alle Beteiligten großen und verdienten Jubel am Ende.
FAZIT |
Produktionsteam
Musikalische Leitung Inszenierung
Bühne Kostüme Videodesign Movement Director Choreinstudierung Dramaturgie
Sinfonieorchester Wuppertal Opernchor der Wuppertaler Bühnen Solistinnen und Solisten*Premierenbesetzung George Bunting Emma Bunting Daisy
Der Untermieter
Joe Chandler
Ein Zeitungsjunge Ein Polizist Erster Cockney Zweiter Cockney Dritter Cockney Erzähler
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- Fine -