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Schlechte Zeit für Romantik
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Andreas Etter
Albert Einstein bittet zur Reise in die Vergangenheit. Er hat eine Zeitmaschine erfunden, den "Chronoplan". Wer fährt mit? Richard Strauss winkt dankend ab, er spiele dann doch lieber Skat. Auch Gerhart Hauptmann und Max Liebermann genügt die Gegenwart des Jahres 1929. George Bernhard Shaw dagegen ist dabei, ebenso eine namenlose Berliner Journalistin, begierig auf eine aufregende Story. Und "der Kritiker", hinter dem man unschwer Alfred Kerr erkennen kann, den einflussreichen Theaterkritiker der 1920er-Jahre und Librettisten dieser Oper. Der musste kurze Zeit später als Jude und berüchtigter Spötter unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis das Land verlassen und ins Exil gehen, davon erzählt seine Tochter Judith in ihrem Roman Als Hitler das rosa Kaninchen stahl. Komponistin des Chronoplans ist Kerrs über 30 Jahre jüngere Ehefrau Julia Kerr, die der Musik wegen das Studium der Mathematik und Physik aufgegeben hatte. Ein Theater für die Uraufführung der noch nicht ganz fertig gestellten Oper fand das Ehepaar während des Schaffensprozesses im Jahr 1932 nicht, und nach 1933 blieb Julia Kerr keine Zeit mehr zum Komponieren - mit guten Fremdsprachenkenntnissen war es fortan im Exil ihre Aufgabe, für den Unterhalt der Familie zu sorgen. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete sie als Dolmetscherin, für die Alliierten bei den Nürnberger Prozessen und später für den Berliner Senat u. a. beim Besuch John F. Kennedys. Der Chronoplan blieb unvollendet. Nach Radioaufführungen in den 1950er-Jahren präsentiert die Mainzer Oper jetzt die szenische Uraufführung des von Norbert Biermann in den fehlenden Teilen rekonstruierten Werkes.
Albert Einstein stellt einer illustren Gesellschaft seinen Chronoplan vor, eine Maschine zur Reise in die Vergangenheit. Aufgrund von Treibstoffknappheit wird die Zeitreise allerdings nur bis ins Jahr 1805 führen.
Wohin aber reist man mit dem Chronoplan? Bloß nicht zurück in den gerade irgendwie überstandenen Weltkrieg. In die Antike zur Ermordung Caesars vielleicht? Dann doch lieber ein Viertelstündchen die schöne Cleopatra anschauen, witzelt man unter Herren. Letztendlich reicht der Treibstoff gerade einmal zu einer Tour ins Jahr 1805, wie der wissenschaftlich-analytisch auftretende Einstein (mit geradlinigem Bariton leicht unterkühlt: Tim-Lukas Reuter) schnell feststellt. Dort trifft man auf einen jungen Engländer, der mit romantischer Inbrunst ein deutsches Mädchen anschmachtet, das sicher Grete heißt ("alle deutschen Mädchen heißen Grete"). Aufgrund einiger biographischer Angaben erkennen die Zeitreisenden in ihm den noch sehr jungen George Byron, später geadelt und als Lord Byron Inbegriff der literarischen Romantik (mit geschmeidigem, höhensicherem Tenor: Daniel Schliewa). Mit seinem Geigenspiel gelingt es Einstein, das "Unter-Ich" des Poeten zu extrahieren und mitzunehmen auf die Reise zurück ins Berlin der goldenen 1920er-Jahre. In der Inszenierung von Lorenzo Fioroni bewegt er sich als Echsenmensch wie ein Dinosaurier, ein Lebewesen einer lange, lange untergegangenen Epoche der Erdzeit, durch Einsteins illustren Club an der Havel. Und trifft dort auf die angebetete Dame aus der Romantik - oder doch eine Nachfahrin?, - die übrigens nicht Grete heißt, sondern Nikoline (mit lyrisch leuchtendem, wandlungsfähigem Sopran: Maren Schwier) und liiert ist mit einem superreichen Waffenhändler. Man merkt: Dieses Babylon Berlin ist keine gute Zeit und kein guter Ort für Romantiker.
Zarte romantische Liebe im Jahr 1805: Nikoline und Byron
Die Musik Julia Kerrs bewegt sich souverän auf der Höhe ihrer Zeit und der "Zeitoper" etwa in einer Linie mit Kreneks Johnny spielt auf und Hindemiths Neues vom Tage. Sie gibt sich distanziert ironisch zum Geschehen und ist nicht an großen Gefühlen interessiert. Romantisch wird sie dort, wo die Charaktere romantisch sind: Im Liebesduett zwischen Byron und Nikoline im zweiten Akt und in Byrons im dritten Akt scheiternden Versuchen, mit seinem Weltverständnis im Jahr 1929 Fuß zu fassen. Aber dort wirkt die Musik trotz weiter Gesangslinien wie ein Fremdkörper in kurzatmiger, zunehmend unmusikalischer Zeit (im dritten Akt gibt es viele gesprochene Passagen). Kerr arbeitet mit prägnanten Leitmotiven, ohne daraus die musikalische Entwicklung abzuleiten. Die farbige Instrumentation ist vor allem da interessant, wo sie kammermusikalische Klarheit bekommt. Die Figuren werden, von Byron und Nikoline abgesehen, recht knapp charakterisiert, wodurch der Eindruck einer gewissen Kurzatmigkeit entsteht, wie man ihn ohnehin mit den 1920ern verbindet. Vor allem der erste Akt ist ziemlich unterhaltsam, dem zweiten hätte eine Straffung gutgetan (so der Eindruck beim ersten Hören), dem dritten - von Kerr nicht mehr orchestrierten und vielleicht auch nicht endgültig konzipierten - fehlt eine noch effektvollere Zuspitzung. Zwar setzt der Waffenhändler mit einem Feuerwerk versehentlich das Clubhaus in Brand, aber diese satirische Pointe verpufft merkwürdig kraftlos.
Kleine Tanzeinlage im Jahr 1805: (von links) Einstein, die Journalistin, das echsenhafte Unter-Ich Lord Byrons, George Bernhard Shaw und der Kritiker
Regisseur Lorenzo Fioroni versetzt das Geschehen in einen Hotelsaal der 1920er-Jahre (Bühnenbild: Paul Zoller). Die konzentrischen Ringe der Deckenleuchte lassen sich so gegeneinander verschieben, dass man darin ein Modell des Atoms erkennen kann - und im Schattenwurf den "Atompilz" einer nuklearen Bombe. Die Zeitmaschine, der Chronoplan, ist ein schnöder Holzkasten, schwarz bemalt und mit physikalischen Formeln aus dem Physik-Grundstudium beschriftet. So bleibt die Zeitreise wohl doch eher eine Gedankenreise, bei der für das Jahr 1805 das Interieur des Raumes durch ein großes Tuch, mit arkadischer Landschaft bemalt, abgedeckt wird, aus der die Oberkörper von Nikoline und Byron herausragen wie Puppen. Die Fortschrittsgläubigkeit wird durch silberne Figuren karikiert, die wie Teletubbies aussehen, mit dem Zeichen für Atomenergie statt eines Bildschirms vor dem Bauch. Die historischen Persönlichkeiten tragen beim ersten Auftritt Masken mit den jeweils markanten Gesichtszügen, die sie aber immer wieder ablegen - was mitunter den Wiedererkennungseffekt schwierig macht, denn alle sind in hellen Anzügen sehr ähnlich gekleidet (Kostüme: Annette Braun). So spielt die Regie ein raffiniertes doppelbödiges Spiel mit der Vergangenheit von 1929, der seinerzeitigen Vergangenheit des Jahres 1805 und unserer Gegenwart. Wenn man bei Max Liebermann den Judenstern am Revers erkennt und er einen Koffer mit sich trägt, sind das Verweise auf das unausweichlich kommende Unheil. Man kann, ja: muss den Chronoplan als böse Untergangssatire kurz vor der Machtergreifung Hitlers sehen. Fioroni gelingt es, dies deutlich zu zeigen und doch genug Raum für freie Assoziationen auch für unsere Gegenwart zu lassen.
Das Unter-Ich Lord Byrons trifft auf seine ehemalige Geliebte - oder wohl doch deren Nachfahrin - Nikoletta, die nicht mehr dem romantischen Ideal entspricht
Den Trip zurück ins Jahr 1805 zwischen dem ersten und zweiten Akt (und daher ohne Musik von Julia Kerr) unterlegt das Produktionsteam mit einer Komposition von Paul-Johannes Kirschner (ROTOЯ ℤ5) - liegende, mit Schwebungen angereicherte Orgelklänge, die sich nach und nach verdichten und im Tempo steigern. Die Musik hat immense Sogwirkung und hebt das Zeitgefühl auf, suggestiver als die effektvollen, aber inhaltlich wenig plausiblen Bilder der Videoprojektion einer Reise durch das All (man bleibt ja schließlich auf der Erde). Da wirken die karikaturhaften Bilder etwa von der untergehenden Titanic, die hinter dem als Projektionsfläche dienenden Gazevorhang vorbeigetragen werden, stärker nach. So bekommt der Gang in die Vergangenheit die große theatrale Wucht als Ergänzung zu Kerrs Komposition. Die durchweg gute Ensembleleistung, der Chor ist hier eingeschlossen, wird ergänzt vom farbenreich und mit schlankem Klang spielenden Philharmonischen Staatsorchester, das in der hier besprochenen Vorstellung von Roc Fargas i Castells geleitet wurde (die Premiere dirigierte GMD Gabriel Venzago). Vom Publikum im ausverkauften Haus gab es herzlichen Beifall für eine couragierte Aufführung.
Nicht alles geht dramaturgisch und musikalisch schlüssig auf im Chronoplan, der trotzdem weitere Aufführungen verdient hat und hier in der vielschichtigen, oft subtil mit Anspielungen arbeitenden Regie von Lorenzo Fioroni einen spannenden Opernabend bietet. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Video
Co-Bühnenbildnerin
Kostüme
Choreographie
Licht
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Einstein
Frau Einstein
Lord Byron
Nikoline
Richard Strauss
Bernhard Shaw
Gerhart Hauptmann
Max Liebermann
Ein Kritiker
Eine Journalistin
Erstes Stubenmädchen
Zweites Stubenmädchen
Ein Diener
Ein Reitknecht
1. Dame
2. Dame
3. Dame
1. Herr
2. Herr
Basil von Strouve
Lisa Passavant
Der Clubpräsident
Ein Clubdiener
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